{"id":2407,"date":"2025-04-21T13:01:25","date_gmt":"2025-04-21T13:01:25","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2407"},"modified":"2025-04-21T13:01:25","modified_gmt":"2025-04-21T13:01:25","slug":"lies-jan-martin-hg-streitkultur-akteure-wirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2407","title":{"rendered":"Lies, Jan Martin (Hg.): Streitkultur, Akteure, Wirkungen"},"content":{"rendered":"\n<p>Lies, Jan Martin (Hg.): <em>Streitkultur, Akteure, Wirkungen. Der lutherische Bekenntnisbildungsprozess in der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts<\/em>, Controversia et Confessio 12, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2024, Hb., 253 S., \u20ac 99,\u2013, ISBN-13 <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/systematische-theologie-religionsphilosophie\/59407\/streitkultur-akteure-wirkungen?srsltid=AfmBOorJeNVX_z8sBUV8YqamN24pyHNM7PWrQt7zLZhZp8j-MK2I8d1z\">978-3-525-56205-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Exzessives Streiten \u00fcber theologische Inhalte hat den Ruf der altprotestantischen Orthodoxie nachhaltig ruiniert. Die dogmatisch notwendige Kontroverse um die theologische Wahrheit beginnt jedoch schon in der Epoche der Reformation und wird von den Sch\u00fclern der Reformatoren in der Nachreformationszeit bzw. Fr\u00fchorthodoxie fortgesetzt. Ihren vorl\u00e4ufigen Abschluss findet sie im Einigungswerk der Konkordienformel von 1577. Im Rahmen von \u201eControversia et Confessio\u201c, einem vom Bund und vom Land Rheinland-Pfalz gef\u00f6rderten Forschungs- und Editionsprojekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, wurden von 2007 bis 2023 Ursachen und Auswirkungen der nach Luthers Tod beginnenden theologischen Kontroversen erforscht und die wichtigsten Quellen in neun B\u00e4nden herausgegeben und kommentiert. Im Verlauf der theologischen Auseinandersetzungen innerhalb des evangelisch-lutherischen Lagers und nach au\u00dfen gegen r\u00f6misch-katholische und reformierte Lehranschauungen bildeten sich die gro\u00dfen Konfessionen heraus, die Europa \u2013 fr\u00fcher offensichtlicher, heute eher hintergr\u00fcndig \u2013 gepr\u00e4gt haben und noch beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Hervorragende Beteiligte des Projekts \u201eControversia et Confessio\u201c sind die Projektleiterin Irene Dingel und die Mitarbeiter K\u0119stutis Daugirdas, Hans-Otto Scheider und Jan-Martin Lies. Ihnen gilt an erster Stelle der Dank daf\u00fcr, die intensive theologische Arbeit der nachreformatorischen Zeit in der Weise erforscht und editorisch aufbereitet zu haben, dass heute niemand mehr \u2013 dem jahrzehntelang tradierten Diktum des liberalen Kirchengeschichtskompilators Karl Heussi folgend \u2013 abf\u00e4llig von \u201eStreitigkeiten der Epigonen Luthers\u201c sprechen sollte (Heussi, Kompendium \u00a792d).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Der vorliegende Aufsatzband dokumentiert die Beitr\u00e4ge der Abschlusstagung des Projekts \u201eControversia et Confessio\u201c vom 4. bis 6. Mai 2022 in den R\u00e4umen der Mainzer Akademie. Die in den neun Textb\u00e4nden dargestellte und in den vorangegangenen Untersuchungen erforschte Streit- und Kontroverskultur ist Ausgangspunkt einer abschlie\u00dfenden Bewertung, aber auch der Darstellung von Fragen, die nach Abschluss des Projekts offengeblieben sind (Vorwort, 7\u20139). Dreizehn Beitr\u00e4ge besch\u00e4ftigen sich mit Aspekten der \u201eKontroversen und ,Streitkultur\u2018\u201c (Teil I, 11\u201375) \u201eBekenntnissen und Bekenntnisbildung\u201c (Teil II, 77\u2013131) mit den \u201eAkteuren und ihren Netzwerken\u201c (Teil III, 133\u2013207) sowie mit \u201eWirkungsgeschichtlichen Perspektiven\u201c (Teil IV, 209\u2013243).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Jan Martin Lies erkl\u00e4rt die Gr\u00fcnde, warum Beleidigungen (Invektiven) Merkmal des Schlagabtauschs verschiedener Theologengruppen waren (13\u201326). Im Gegensatz zur fr\u00fcheren oberfl\u00e4chlichen Verurteilung dieser \u201eStreitkultur\u201c wird heute der wesentliche Einfluss dieser Rhetorik auf die lutherische Konfessionsbildung herausgearbeitet (I. Dingel, 13f): \u201eGerade schimpfliche Bezeichnungen erwiesen sich als besonders effektiv, um Unterschiede zwischen widerstreitenden Wahrheitsanspr\u00fcchen offenzulegen und Wertungen vorzunehmen\u201c (23). Heute kann f\u00fcr diesen Vorgang der \u201eFraming\u201c-Begriff verwendet werden (Lies, ebd.). \u2013 Armin Kohnle behandelt in seinem Beitrag den Streit \u00fcber den Taufexorzismus in der Nachreformationszeit (27\u201342). Der Exorzismus innerhalb des Taufrituals war in dieser Zeit strittig, wurde aber dennoch nicht in die Reihe \u201eControversia et Confessio\u201c aufgenommen. Luther hat den Taufexorzismus im Taufb\u00fcchlein (1523) beibehalten, durch gegenseitige Verd\u00e4chtigungen des \u201eKryptocalvinismus\u201c und der \u201eRekatholisierung\u201c in Streitschriften sowie darauf folgenden Fakult\u00e4tsgutachten wurde aus dem ehemaligen Adiaphoron f\u00fcr die Lutheraner eine Pflicht (42). \u2013 Die Protestantische Kirchengeschichtsschreibung bedient sich der Verfalls- und Kontinuit\u00e4tskonzepte ihrer Zeit, um den Wahrheitsanspruch evangelischer Lehre zu rechtfertigen (Wolf-Dieter Sch\u00e4ufele, 43\u201361). Das Auffinden von \u201eWahrheitszeugen\u201c (<em>testes veritatis<\/em>) belegt, dass es evangelische Predigt auch in vergangenen Jahrhunderten gegeben hat (50 u. \u00f6.). \u2013 Im letzten Aufsatz des ersten Teils behandelt Robert Kolb die <em>Clavis Scripturae<\/em> des Matthias Flacius Illyricus (63\u201375). Kolb deutet die Ausarbeitung der <em>Clavis <\/em>im Kontext des evangelischen theologischen Unterrichts und der Verteidigung des Glaubens gegen die Papstkirche (74).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Im zweiten Teil \u00fcber Bekenntnisse und Bekenntnisbildung stellt Stefan Michel seine Forschung zum Bekenntnis als Teil der innerlutherischen Kontroverse vor (79\u201393). Timothy J. Wengert verfolgt die Konfessionsbildung und ihre jeweilige Funktion im zeitgen\u00f6ssischen Kontext, indem er Rechtfertigungs- und Abendmahlslehre der Confessio Saxonica, der Confessio Virtembergica und des Weimarer Konfutationsbuchs untersucht (95\u2013116). Die politische Beratung adeliger Herrschaftstr\u00e4ger durch Theologen und Juristen wird von Luise Schorn-Sch\u00fctte thematisiert (117\u2013131).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Der dritte Teil nimmt die Akteure der Kontroversen und ihre Netzwerke in den Blick. Henning P. J\u00fcrgens beobachtet an den \u201eGegenpolen\u201c im Wittenberger Netzwerk Andreas Osiander (1496\/98\u20131552) und Johann Agricola (1492\u20131566), dass der N\u00fcrnberger seine Gegner durch zahlreiche Schriften blo\u00dfstellt (135\u2013154), sogar ein Lied gegen das Interim dichtet (147), an beleidigender Polemik allem Anschein nach aber noch von Erasmus Alber und Caspar Aquila \u00fcbertroffen wird (150\u2013154). \u2013 Das Verh\u00e4ltnis von Matthias Flacius Illyricus (1520\u20131575) und Johannes Wigand (1523\u20131587) untersucht Luka Ili\u0107 (155\u2013168). Flacius und Wigand arbeiteten mehr als zwei Jahrzehnte zusammen, zuerst in Wittenberg und Magdeburg, dann auch in Jena. Zur Trennung kam es ab 1565 wegen der Erbs\u00fcndenlehre des Flacius (165f). \u2013 Georg Major, Justus Menius, Johann Pfeffinger und Victorinus Strigel traten im innerlutherischen Konflikt nicht im gleichen Ma\u00dfe auf wie Prominente vom Range eines Matthias Flacius (169\u2013184). Amy Nelson Burnett pl\u00e4diert aufgrund der neuen Quellenforschung und -edition im Rahmen des Projekts <em>Controversia et Confessio<\/em> daf\u00fcr, diese weniger namhaften Theologen nicht von vornherein als Verlierer (\u201eLoser\u201c, Definition 169) abzuqualifizieren, sondern \u201eto follow the complex processes of clarification, polarization, and consensus in inner-Lutheran debate \u2013 and to form our own judgements about winners and losers\u201c (184). \u2013 Ein Beitrag von Hans-Otto Schneider \u00fcber den Streitschriftendruck in der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts versucht im Sinne eines \u201eWerkstattberichts\u201c (186), die Fragen der \u201emerkantil-finanziellen Seite\u201c und der pers\u00f6nlichen Haltung der Drucker und der Verleger zum Inhalt der in ihrem Betrieb publizierten Werke zu kl\u00e4ren (185\u2013207).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Volker Leppin charakterisiert im letzten Teil des Tagungsbandes am Beispiel der Leipziger Disputation 1519 und der Debatte \u00fcber die Willensfreiheit zwischen Luther und Erasmus 1525 die Funktion der theologischen Kontroversen als Metadiskurse \u00fcber legitime Grundlagen des Streits und theologischer Lehre. Ein weiteres Element der Auseinandersetzung ist die Abgrenzung heterogener reformatorischer Identit\u00e4ten und die Exklusion einzelner aus dem Wittenbergischen Konsens. Auf der Grundlage des Wittenberger Erbes bilden sich wiederum Gruppen, die den weiteren Streitverlauf im konfessionellen Zeitalter pr\u00e4figurieren. Schlie\u00dflich hatten vor allem die Reichsreligionsgespr\u00e4che das Ziel, Pazifizierung zwischen den Konfessionen und Stabilisierung innerhalb der eigenen Gruppe zu bewirken (211\u2013227). \u2013 Der Beitrag von Klaus Unterburger \u00fcber \u201eStreit als Charakteristikum f\u00fcr theologische Meinungsbildung in der Fr\u00fchen Neuzeit\u201c beschlie\u00dft die Sammlung (229\u2013243). Unterburger weist auf den geschichtlichen Hintergrund akademischer Disputationen in der Methodik mittelalterlich-scholastischer Universit\u00e4tstheologie hin. Auf der Grundlage des evangelischen Glaubens entwickelten sich im Medium theologischer Kontroversen sowohl die Theologie selbst als auch ihre Methode weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die hier in K\u00fcrze vorgestellten Abhandlungen zeigen, in welcher Weise auf der Grundlage des Editionsprojekts \u201eControversia et Confessio\u201c weiter geforscht werden kann. Als \u00e4u\u00dferst hilfreich wird sich in Zukunft das Internetportal \u201eControversia et Confessio\u201c [C&amp;C Digital https:\/\/www.controversia-et-confessio.de] erweisen, weil es schnelle Datenbankrecherchen der edierten Quellen und mehr als 240 Personenbiogramme erm\u00f6glicht. Zusammen mit der Neuausgabe des lutherischen Konkordienbuchs durch Irene Dingel (BSELK 2014) und besonders mit dem zweiten Band der Quellensammlung zu den BSELK (Quellen und Materialien, Bd. 2: Die Konkordienformel, QuM 2, 2014) ist nun die lutherische Bekenntnisbildung und Konfessionalisierung auf einzigartige Weise dokumentiert sowie leicht und \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lies, Jan Martin (Hg.): Streitkultur, Akteure, Wirkungen. Der lutherische Bekenntnisbildungsprozess in der zweiten H\u00e4lfte des 16. 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