{"id":241,"date":"2017-05-01T19:32:43","date_gmt":"2017-05-01T19:32:43","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=241"},"modified":"2017-05-01T20:32:36","modified_gmt":"2017-05-01T20:32:36","slug":"maibritt-gustrau-orientalen-oder-christen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=241","title":{"rendered":"Maibritt Gustrau: Orientalen oder Christen?"},"content":{"rendered":"<p>Maibritt Gustrau: <em>Orientalen oder Christen? Orientalisches Christentum in Reiseberichten deutscher Theologen<\/em>, Kirche \u2013 Konfession \u2013 Religion 66, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht unipress, 2016, geb., 487\u00a0S., \u20ac\u00a070,\u2013, <a href=\"http:\/\/www.v-r.de\/de\/orientalen_oder_christen\/t-0\/1039006\/\">ISBN 978-3-8471-0540-4<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Gustrau_Orientale.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Jerusalem und die heiligen St\u00e4tten des Christentums sind f\u00fcr viele Christen noch heute Reiseziel oder zumindest ein Sehnsuchtsort. Das galt auch f\u00fcr Christen im Europa des 19.\u00a0Jahrhunderts. Diese konnten freilich nur in den wenigsten F\u00e4llen selbst ins Heilige Land reisen, sodass sie auf die Berichte von Orient-Reisenden angewiesen waren. Hier setzt die Arbeit der evangelischen Theologin und Mannheimer Pfarrerin Maibritt Gustrau an, mit der sie 2015 an der evangelisch-theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen promoviert wurde. Gustrau untersucht 19 Reiseberichte von Reisen nicht nur nach Jerusalem, sondern in und durch den syro-pal\u00e4stinischen Raum, aus der Feder deutscher protestantischer Theologen, die nach der Reise ihre Erfahrungen in den Jahren 1847 bis 1913 f\u00fcr ein breiteres Lesepublikum ver\u00f6ffentlichten. Dabei fragt sie spezifisch nach dem Orientbild und der Wahrnehmung der orientalischen Christen in diesen Reiseberichten und ordnet deren kollektive sowie individuelle Sichtweise in die theologischen, politischen und auch rassentheoretischen Diskurse des 19.\u00a0Jahrhunderts ein. Untersucht werden also \u201eWahrnehmungen und Einsch\u00e4tzungen des orientalischen Christentums, die deutsche evangelische Theologen nach ihren Orientreisen in Form eines Reiseberichts publiziert haben\u201c (15), womit die Verfasserin einem bisher vernachl\u00e4ssigten Aspekt in der Orientalismus-Debatte und den postkolonialen Studien ihre Aufmerksamkeit widmet.<\/p>\n<p>Dazu stellt Gustrau einleitend Fragestellung, Methodik, Forschungsstand und den Aufbau der Arbeit vor (I, 15\u201326) und f\u00fchrt breit in die Entwicklung und Geschichte der orientalischen Kirchen im Osmanischen Reich und in die Orientpolitik im Deutschen Kaiserreich ein (II, 27\u2013108). Dem (kirchen-)historischen Kenner mag diese Einleitung zu ausf\u00fchrlich sein, doch weist Gustrau zu Recht darauf hin, dass die Untersuchung des Orientbildes auch \u201eau\u00dferhalb von theologischen Fachkreisen auf Interesse sto\u00dfen d\u00fcrfte\u201c (26), was in der Tat eine breitere Hinf\u00fchrung sinnvoll erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das \u201eHerzst\u00fcck\u201c (26) der Arbeit bilden aber die beiden folgenden Kapitel, in denen zun\u00e4chst die kollektive Wahrnehmung des Orients und der orientalischen Christen erhoben wird als \u201eSpiegel religi\u00f6ser, theologischer, kultureller und politischer Imagination und ihre Brechung an der erlebten Realit\u00e4t\u201c (109). Gustrau analysiert in Zusammenschau alle 19 Reiseberichte (III, 109\u2013181). Unter den Aspekten \u201eErblicktes\u201c, \u201eGef\u00fchltes\u201c und \u201eErkl\u00e4rtes\u201c wird die Beschreibung des Gesehenen, z.\u00a0B. bei einem Besuch in der Jerusalemer Grabeskirche, getrennt von den Emotionen, die das Gesehene bei den berichtenden Theologen ausl\u00f6ste, z.\u00a0B. die Verachtung angesichts der konfessionellen Streitigkeiten in der Grabeskirche. Beides kulminiert in den Erkl\u00e4rungsversuchen der Autoren der Reiseberichte, die kollektiv die orientalischen Kirchen als defizit\u00e4r wahrnahmen im Vergleich zur eigenen protestantischen Konfession und deutschen Kultur. So kommt Gustrau \u00fcberzeugend zur Schlussfolgerung: \u201eInsgesamt zeigte die Textanalyse der Reiseberichte, dass eine Dichotomie zwischen Westen und Osten zu den Grundbestandteilen der kulturellen und theologischen Identit\u00e4t der Verfasser geh\u00f6rte. Dabei stand der Westen grunds\u00e4tzlich f\u00fcr \u00dcberlegenheit, Fortschritt und Ordnung, w\u00e4hrend der Osten Degeneration, R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Verwahrlosung repr\u00e4sentierte. Analog wurde eine theologische Dichotomie entworfen: W\u00e4hrend in Deutschland durch die Reformation das Evangelium in seiner reinsten Form bewahrt wurde, war es im Orient durch Streit und theologische Spitzfindigkeiten korrumpiert und deshalb vom Islam besiegt worden\u201c (431). Diese Dichotomie findet sich in allen untersuchten Reiseberichten und ist damit ein Teil der kollektiven Identit\u00e4t im (vor-)wilhelminischen Deutschland. Innerhalb der kollektiven Wahrnehmung bieten die einzelnen Reiseberichte jedoch unterschiedliche Perspektiven auf den Orient und seine Christen. Im vierten Kapitel (IV, 183\u2013430), dem umfangreichsten und f\u00fcr den an der Erweckungsgeschichte Interessierten vielleicht spannendsten Teil der Studie, stellt Gustrau die Autoren biographisch vor und analysiert vor dem biographischen Hintergrund die Schwerpunkte und Besonderheiten in ihrer Wahrnehmung des Orients und der orientalischen Kirchen. Dabei bilden die Reiseberichte der acht Theologen, die aus der Erweckungsbewegung kommen oder ihr nahestehen, eine eigene Gruppe (186\u2013278) neben Reiseberichten von protestantischen Theologen, die die Orientreise Kaiser Wilhelms\u00a0II. im Jahr 1898 begleiteten (278\u2013316), oder deren Reiseb\u00fccher zugleich ein politisches Programm verfolgten, wie z.\u00a0B. bei Friedrich Naumann oder Paul Rohrbach (317\u2013430). F\u00fcr die Autoren aus der Erweckungsbewegung stellt Gustrau fest, dass diese durchweg auf politische Stellungnahmen und theologische Polemiken verzichteten. Ein Beispiel ist der Reisebericht <em>Durch\u2019s heilige Land<\/em> (1878\u20131890 in vier Auflagen erschienen) des Theologen Conrad von Orelli, Sch\u00fcler von Frank Delitzsch und seit 1873 Professor f\u00fcr Altes Testament in Basel. Sein Reisebericht zeigt einerseits eine \u2013 erweckungstypische \u2013 Verehrung der biblischen Orte, andererseits aber Voreingenommenheit und \u201eStandesd\u00fcnkel\u201c (232) gegen\u00fcber den orientalischen Christen, wenn er res\u00fcmiert: \u201eMan mu\u00df Tage oder Wochen lang unter den Heiden oder Muhammedanern gewandert sein, um es recht zu empfinden, was uns Christen trotz aller Verschiedenheit der Kirchen denn doch verbindet\u201c (233). Klingen diese Worte auch kritisch, so zeigt sich f\u00fcr Gustrau im Vergleich der Reiseberichte: \u201eVerunglimpfungen, extreme Herabw\u00fcrdigungen und Polemiken liegen ausschlie\u00dflich bei liberalen Theologen vor (v. Soden, Naumann, Rohrbach). \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Rezeption der Rassentheorien\u201c (432).<\/p>\n<p>Gustraus Studie zeigt aber auch, dass bei aller Verschiedenheit die orientalische Christenheit nicht im Zentrum des Interesses der schreibenden Theologen stand. Die Intention der Autoren der untersuchten Berichte war es, so die knappe Zusammenfassung der Ergebnisse (V, 431\u2013437), \u201enicht nur die Heiligen St\u00e4tten zu veranschaulichen, sondern auch die Leser ihrer evangelischen Identit\u00e4t zu vergewissern\u201c (433). Das insgesamt eher geringe Interesse an den orientalischen Christen f\u00fchrte daher zu einer inhaltlich oft wenig aussagekr\u00e4ftigen und kaum \u00fcber Topoi hinausgehenden Darstellung der orientalischen Kirchen.<\/p>\n<p>Ein Abk\u00fcrzungsverzeichnis, ein ausf\u00fchrliches Literaturverzeichnis und sorgf\u00e4ltig gestaltete Personen-, Orts- und Sachregister (439\u2013487) beschlie\u00dfen die Arbeit, die einen wichtigen und bisher vernachl\u00e4ssigten Aspekt des Ost-West-Verh\u00e4ltnisses von Kirche und Politik in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts erhellt und dies in gr\u00fcndlicher Analyse der Quellen tut. Mag man gelegentlich bei der Lekt\u00fcre bedauern, dass einzelne Autoren und ihr Werk l\u00e4nger und tiefer dargestellt werden als andere (was ausdr\u00fccklich auch der unterschiedlichen Quellenlage geschuldet ist), so bietet die Arbeit grundlegende Erkenntnisse zur Wahrnehmung des orientalischen Christentums durch protestantische Theologen. Speziell f\u00fcr die Erweckungsforschung bietet die Arbeit teils vertiefte, teils erstmals erarbeitete Informationen \u00fcber diese Publikationen von Erweckungstheologen, wie z.\u00a0B. Friedrich Adolph Strau\u00df, Conrad von Orelli, Carl Ninck oder Ludwig Tiesmeyer, und erg\u00e4nzt damit bisherige Studien zum Welt- und Geschichtsbild der Erweckten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maibritt Gustrau: Orientalen oder Christen? 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