{"id":2410,"date":"2025-04-21T13:06:31","date_gmt":"2025-04-21T13:06:31","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2410"},"modified":"2025-04-21T13:06:32","modified_gmt":"2025-04-21T13:06:32","slug":"mark-j-boone-augustines-preaching-and-the-healing-of-desire-in-the-enarrationes-in-psalmos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2410","title":{"rendered":"Mark J. Boone: Augustine\u2019s Preaching and the Healing of Desire in the Enarrationes in Psalmos"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mark J. Boone: <em>Augustine\u2019s Preaching and the Healing of Desire in the Enarrationes in Psalmos<\/em>, Lanham: Lexington Books, 2023, geb., ix+307 S., $ 120,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/rowman.com\/ISBN\/9781793612021\/Augustine%E2%80%99s-Preaching-and-the-Healing-of-Desire-in-the-Enarrationes-in-Psalmos\">978-1-7936-1202-1<\/a>, $ 45,\u2013, E-book <a href=\"https:\/\/rowman.com\/ISBN\/9781793612021\/Augustine%E2%80%99s-Preaching-and-the-Healing-of-Desire-in-the-Enarrationes-in-Psalmos\">978-1-7936-1203-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Augustin war oft der erste. Auch die erste vollst\u00e4ndige christliche Psalmenauslegung stammt aus seiner Feder. Seine umfangreichen <em>Enarrationes in Psalmos <\/em>(<em>en. Ps.<\/em>) sind von immenser Bedeutung sowohl f\u00fcr die Auslegungsgeschichte des Psalters als auch f\u00fcr Augustins Denken. Einen Einblick in dieses Werk bietet Mark J. Boones Studie <em>Augustine<\/em>\u2019<em>s Preaching and the Healing of Desire in the Enarrationes in Psalmos<\/em>. Der Verfasser erkl\u00e4rt zu Beginn sein Vorhaben und ordnet es in die Augustinforschung ein. Er besch\u00e4ftigt sich mit den Psalmen, weil sie f\u00fcr Augustin so formativ waren; bereits ein Blick in die <em>Confessiones<\/em> zeigt, wie durchtr\u00e4nkt seine Sprache von den Psalmen ist. Die Predigten als Untersuchungsgegenstand bieten eine interessante Fallstudie f\u00fcr Augustins Hermeneutik. Zudem wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Augustin Bischof, also Prediger, war; diese Einsicht wird verst\u00e4rkt seit dem Fund neuer Predigten Augustins Ende des 20. Jahrhunderts in der Forschung aufgenommen. Statt einem Theologen im Elfenbeinturm begegnet man in <em>en. Ps<\/em>. einem Prediger, der in intensivem Austausch mit seiner Gemeinde steht. Sogar einen Einblick in Augustins homiletische Poesie bekommt der Leser in einer Passage \u00fcber Joh 8: \u201e[T]he wounded woman remained with the doctor; great misery [<em>magna miseria<\/em>] remained with great mercy [<em>magna misericordia<\/em>]\u201c (79 zu <em>en. <\/em><em>Ps<\/em>. 50,8).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Thema Verlangen (<em>desire<\/em>) hat Boone gew\u00e4hlt, weil er darin einen Kern augustinischer Theologie sieht. Bereits 2016 und 2020 hat er zu diesem Thema ver\u00f6ffentlicht und ordnet mit seinen Arbeiten Augustin in den Diskurs zu Funktion und Praxis antiker Philosophie ein. Von dem Grundbegriff Verlangen aus entwickelt Augustin eine ineinandergreifende Theorie \u00fcber Liebe, G\u00fcte und Gl\u00fcck: \u201eAll desire is love, and desire seeks to possess goodness. That goodness, when possessed, yields delight\u201c (98). Boone verfolgt diese Motive in <em>en. <\/em><em>Ps<\/em>. in vier thematischen Kapiteln, wobei diese h\u00e4ufig ineinander \u00fcbergehen. Der Autor versteht diesen Aufbau als ein inhaltliches Fortschreiten, beim Lesen erweckt dies jedoch zuweilen den Eindruck der Redundanz. Insgesamt bespricht er 28 Psalmenauslegungen und bietet zus\u00e4tzlich Kommentare \u00fcber die Sammlung zu den Wallfahrtsliedern. Interessiert man sich eher f\u00fcr seine Einsichten zum Thema Verlangen, findet man die Ergebnisse jeweils am Kapitelanfang sowie in der Einleitung (1\u201336). Wer sich lieber mit einzelnen <em>Enarrationes<\/em> besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, kann Boones Werk als Kommentar zu den ausgew\u00e4hlten Psalmenauslegungen lesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Kapitel <em>Christology and Desire<\/em> (37\u201393) wird Augustins Verst\u00e4ndnis von Verlangen in Bezug auf Christus untersucht. Christi Gerechtigkeit und S\u00fcndlosigkeit wird im Horizont von Verlangen verstanden: \u201eChrist has rightly ordered loves\u201c (37). Die S\u00fcnde des Menschen bestehe darin, dass seine Liebe falsch geordnet sei, dass er stets niedere Dinge verlange. Die Verbundenheit mit Christus aber ordne das Verlangen neu und f\u00fchre zur Liebe Gott und dem N\u00e4chsten gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hierbei spielt Augustins Grundmotiv des <em>totus Christus<\/em> eine wichtige Rolle, das im zweiten Kapitel <em>Ecclesiology and Desire<\/em> (95\u2013155) weiter entfaltet wird. Es ist eine St\u00e4rke des Buches, dass es immer wieder die hermeneutische, christologische und ekklesiologische Bedeutung dieses Motivs an den Texten herausarbeitet. Ausgehend von Apg 9,4 beschreibt Augustin eine innige Gemeinschaft zwischen Christus und seiner Gemeinde. Die Implikationen sind vielf\u00e4ltig, besonders bedeutsam f\u00fcr die Psalmenexegese ist der Gedanke, dass der <em>totus Christus<\/em> der Sprecher der Psalmen sei: manchmal spreche Christus als Haupt, manchmal als Leib. \u00c4hnliche Gedanken finden sich in der Moderne bei Bonhoeffer und es scheint ein gesunder Gegenpol zu einem allzu individualistischen Verst\u00e4ndnis der biblischen Texte, insbesondere der Psalmen, zu sein. Auch in seinen polemischen Auseinandersetzungen mit den Donatisten half Augustin der Gedanke des <em>totus Christus<\/em>. Die Gemeinde solle die Einheit lieben, jedem Schisma wehren und als Gemeinschaft in Abh\u00e4ngigkeit von ihrem Haupt richtig geordnete Liebe ein\u00fcben und falsche Verlangen ablegen. Auf diesem Weg k\u00f6nne der individuelle Christ, insbesondere aber die Gemeinde zu Gott aufsteigen und darin wahres Gl\u00fcck finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das dritte Kapitel <em>Happiness, Well-Being, and Desire<\/em> (157\u2013216) beleuchtet Augustins christliche Interpretation der <em>eudaimonia<\/em>. \u201eThe world and all that is in it are unstable, but the love of God will lead us to a stable happiness in the enjoyment of God\u2019s goodness\u201c (157). Das Genie\u00dfen Gottes, so zentral in Augustins Denken, hat einen breiten Eingang in die christliche Tradition gefunden. <em>En. Ps<\/em>. bietet zahlreiche Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Erkundungen in diesem Thema, wobei besonders auff\u00e4llig die wiederkehrenden Betonungen der G\u00fcte der Sch\u00f6pfung sind. In Augustins Weltbild findet alles Geschaffene seinen Platz, alles darf genossen werden, doch stets in dankbarer Haltung gegen\u00fcber Gott als dem Geber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich zeigt Boone im vierten Kapitel <em>Eschatology and Desire<\/em> (217\u2013276), dass Augustins Theologie des Verlangens stets im Lichte der Eschatologie verstanden werden muss. Die Gemeinde sei noch ein <em>corpus permixtum<\/em>, falsche Liebe zeige sich noch auf individueller wie auf kollektiver Ebene. Endg\u00fcltige Erf\u00fcllung des Verlangens, das durch Gebet mehr und mehr auf Gott hin ausgerichtet wird, sei erst im ewigen, jenseitigen Reich Gottes zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Boones Studie bietet einen wertvollen Einstieg in eines der bedeutendsten Werke Augustins und behandelt viele wesentliche Aspekte seiner Theologie. Ein Vorzug des Buches ist, dass es Augustin selbst zu Wort kommen l\u00e4sst, ohne seine Auslegung zu werten. Die Exegese wirkt zuweilen abenteuerlich (so werden die Gebeine aus Ps 22,15 als die J\u00fcnger Jesu gedeutet, die sich bei seiner Kreuzigung zerstreuten), doch bietet Boone eine sinnvolle Apologie seiner Methode. Augustin erkenne durchaus den Wert der w\u00f6rtlichen Bedeutung des Bibeltextes an, sei jedoch stets bem\u00fcht, den vollen Sinn der Schrift auszusch\u00f6pfen, und verwende daf\u00fcr figurative Exegese. Innerhalb des Rahmens der Maxime, die Bibel mit der Bibel auszulegen, probiert der Bischof von Hippo gerne m\u00f6gliche Interpretationen aus, um die F\u00fclle des Wortes Gottes zu erfassen und \u00fcberrascht dabei nicht selten mit originellen Gedanken. Wer sich darauf einl\u00e4sst, findet in <em>en. Ps<\/em>., vermittelt \u00fcber Boones Buch, zahlreiche Anregungen f\u00fcr das Lesen, Beten, Singen und Predigen der Psalmen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Heindrikje Kuhs, M\u00fchlacker, Doktorandin an der Universit\u00e4t Heidelberg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mark J. 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