{"id":2416,"date":"2025-04-21T13:13:17","date_gmt":"2025-04-21T13:13:17","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2416"},"modified":"2025-04-21T13:13:17","modified_gmt":"2025-04-21T13:13:17","slug":"andreas-nievergelt-hg-zeitenwende-notker-der-deutsche-1022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2416","title":{"rendered":"Andreas Nievergelt (Hg.): Zeitenwende. Notker der Deutsche (+1022)"},"content":{"rendered":"\n<p>Andreas Nievergelt (Hg.): <em>Zeitenwende. Notker der Deutsche (+1022). Sommerausstellung Stiftsbibliothek St.\u00a0Gallen 8.\u00a0M\u00e4rz bis 6.\u00a0November 2022<\/em>, Basel: Schwabe Verlag, 2022, Pb., 112\u00a0S., \u20ac\u00a025,\u2013 , ISBN <a href=\"https:\/\/schwabe.ch\/andreas-nievergelt-zeitenwende-notker-der-deutsche-1022-978-3-7965-4575-7\">978-3-7965-4575-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Wer heute eine Fremdsprache lernt, sei es Spanisch oder Franz\u00f6sisch, wei\u00df das gro\u00dfe Angebot an zweisprachigen Lekt\u00fcre-Ausgaben zu sch\u00e4tzen. Doch was heute als Hilfe f\u00fcr Sprachenlernende selbstverst\u00e4ndlich ist, war vor rund 1000 Jahren eine Innovation \u2013 und eine Neuheit, \u00fcber die der Lehrer Rechenschaft ablegen musste. So schreibt Notker der Deutsche, Lehrer und Leiter der Klosterschule St. Gallen, um 1020 in einem Brief an Bischof Hugo von Sitten (Sion, CH-Wallis): \u201eDa ich nun wollte, dass unsere Sch\u00fcler zu diesen [kirchlichen B\u00fcchern] Zugang h\u00e4tten, wagte ich etwas bis dahin ganz Unerh\u00f6rtes zu unternehmen. Ich versuchte n\u00e4mlich, die lateinischen Schriften in unsere Sprache zu \u00fcbersetzen\u201c (20). Unterrichtslekt\u00fcre vom Lateinischen ins Deutsche zu \u00fcbertragen, das ist eine der herausragenden Leistungen des M\u00f6nchs Notker III. (*um 950\u20131022), der wegen seiner Affinit\u00e4t zur (althoch-)deutschen Sprache auch den Beinamen \u201eder Deutsche\u201c (Notker Teutonicus) erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Anl\u00e4sslich des 1000. Todesjahrs Notkers gab es im Sommer 2022 im Kloster St.&nbsp;Gallen eine Ausstellung zu seinem Werk. Das hier zu besprechende Buch ist der schmale (112&nbsp;Seiten), aber feine Begleitband zur Ausstellung, mit Beitr\u00e4gen eines Autorenteams unter Herausgeberschaft von Andreas Nievergelt, Professor f\u00fcr Germanistik an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und Kurator der Ausstellung. Auch unabh\u00e4ngig von der Ausstellung hat der reich mit Textbeispielen aus den Sankt Galler Handschriften illustrierte Begleitband seinen (Lese-)Wert. Denn hier wird das Werk Notkers des Deutschen, der rund achtzehn Schriften vor allem f\u00fcr die Klosterschule verfasste und unter dessen Leitung die Schule europaweite Bedeutung erlangte, in eindr\u00fccklicher Weise vorgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Verfasser des ersten abendl\u00e4ndischen Boethius-Kommentars und der ersten Aristoteles-Kommentierung des Mittelalters ist Notker in der Wissenschaft bekannt. Auch dieser Aspekt wird im Buch ber\u00fccksichtigt. Ins Zentrum gestellt wird hier aber Notker als Lehrer mit seiner zeitgen\u00f6ssisch neuen Lehrmethodik und den daf\u00fcr von ihm entwickelten und \u00fcbersetzten Unterrichtsmaterialien. Sein Beitrag zur Bildungsgeschichte im Mittelalter wird neu in dem Blick genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend steht \u2013 nach dem Vorwort des Stiftsbibliothekars Cornel Dora (6\u20137) \u2013 Notker als \u201ezweisprachiger Gelehrter und P\u00e4dagoge mit Herzblut\u201c (8) im Fokus des einf\u00fchrenden Beitrags von Christine Hehle (8\u201317). Denn f\u00fcr Notker, Sohn einer Adelsfamilie aus dem Thurgau, der bereits als Kind dem St.&nbsp;Galler Kloster \u00fcbergeben wurde, war die Klosterschule zeitlebens sein Wirkungsort. Dort bildete er die angehenden M\u00f6nche aus und f\u00fcr sie erstellte er lateinisches, aber auch bilinguales und deutsches Material f\u00fcr den Unterricht. Latein war die Bildungs- und Wissenschaftssprache; doch von Sch\u00fclern aus dem germanischen Sprachraum musste Latein erst als Fremdsprache erlernt werden, nicht nur, um Texte lesen, sondern auch um Latein sprechen zu k\u00f6nnen. Hehle zeigt, dass Notker eine neue Unterrichtsmethode entwickelte, indem er die deutsche Muttersprache seiner Sch\u00fcler im Unterricht verwendete. Daf\u00fcr verfasste Notker die ersten lateinisch-volkssprachlichen Lehrwerke im Abendland. \u201eDas f\u00fcr die Zeitgenossen Ungewohnte, Befremdliche besteht darin, dass Deutsch, die \u201aVolkssprache\u2018, die Sprache des Alltags und der m\u00fcndlichen Kommunikation, [&#8230;] in ein bisher g\u00e4nzlich auf das Lateinische beschr\u00e4nktes epistemologisches System eingef\u00fcgt wird\u201c (13). Mit dieser Methode wertete Notker das Deutsche zur Wissenschafts- und Bildungssprache auf und schuf, wo n\u00f6tig, neue (althoch-)deutsche Begriffe, wie z.&nbsp;B. \u201eGeburtstag\u201c. Nach seinem Tod freilich fand seine Methode langfristig keine Nachahmer und Notker blieb ein \u201eSolit\u00e4r\u201c (17).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Einf\u00fchrungsbeitrag ist die Perspektive auf Notker als P\u00e4dagogen vorgegeben. Der zweite Beitrag von Andreas Nievergelt skizziert knapp Leben und Werk Notkers (18\u201322) aus den verf\u00fcgbaren Quellentexten und bietet hier den eingangs zitierten Brief (in \u00dcbersetzung und mit Abbildung der Handschrift), in dem Notker seine Unterrichtsmethode reflektiert. In diesem Brief nennt Notker auch die von ihm verfassten Schriften und seine eigene Liste dient als Schl\u00fcssel zur Anordnung der folgenden acht Beitr\u00e4ge, die jeweils einzelne Aspekte von Notkers Schaffen betrachten: die Klosterschule (Philipp Lenz, 24\u201331), Notkers lateinische und althochdeutsche Schriften zu den Sieben Freien K\u00fcnsten (Nievergelt\/Lenz, 32\u201347), seine \u00dcbersetzung von Boethius\u2018 <em>Trost der Philosophie <\/em>(Dora, 48\u201365) und die \u00dcbersetzung und Bearbeitung von Aristoteles-Schriften (Nievergelt, 66\u201373). Die beiden letzten Kapitel sind Notkers verlorenen Werken (Nievergelt, 74\u201381) und seiner althochdeutschen \u00dcbersetzung und Kommentierung des Psalters (Franziska Schnoor, 82\u201389) gewidmet. Letztere galt in Notkers eigener Perspektive als sein Hauptwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beitr\u00e4ge k\u00f6nnen an dieser Stelle nicht im Einzelnen vorgestellt werden. Alle zeichnen sich aber durch gro\u00dfe Quellenn\u00e4he aus: Sie f\u00fchren in Text und mit Abbildungen aus den Codices der Notker-\u00dcberlieferung in den jeweiligen Aspekt des Schaffens Notkers ein und ordnen den Einzelaspekt zugleich in den gr\u00f6\u00dferen Horizont der St.&nbsp;Galler \u00dcberlieferung und der Bildungswelt um das Jahr 1000 ein. So bieten die Beitr\u00e4ge nicht nur eine Einf\u00fchrung in Notkers Schriften, sondern auch in die mittelalterliche Bildungswelt um die Jahrtausendwende, also noch rund zwei Jahrhunderte vor der Gr\u00fcndung der ersten Universit\u00e4ten in Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>Schul- und Universit\u00e4tssprache blieb die n\u00e4chsten Jahrhunderte das Lateinische, aber Notker habe, so sein Sch\u00fcler Ekkehard IV. r\u00fchmend, das Verdienst, neben den drei Sprachen Hebr\u00e4isch, Griechisch und Latein, in denen das Kreuz Jesus beschriftet war, das Deutsche als \u201evierte Sprache\u201c (91) etabliert zu haben. Der Abschlussbeitrag des Herausgebers (90\u201393) pr\u00e4zisiert diesen Ruhm seines Sch\u00fclers: \u201eDas Neuartige besteht nicht einfach darin, die deutsche Sprache im Unterricht einzusetzen, sondern sie zu den anspruchsvollsten Zwecken zu nutzen\u201c (91), im Ringen um eine pr\u00e4zise deutsche Bildungs- und Wissenschaftssprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Beitr\u00e4ge sind wissenschaftlich fundiert, aber f\u00fcr den Lesenden ohne spezifische Vorkenntnisse aufbereitet. Der Anhang (94\u2013108) bietet Anmerkungen mit Literaturhinweisen sowie ein Register der Handschriften.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sommerausstellung 2022 liegt zwar zur\u00fcck, aber der vorliegende Begleitband ist auch nach Ausstellungsende noch sehr lesenswert und r\u00fcckt einen um die Jahrtausendwende herausragenden P\u00e4dagogen und Autor ins Licht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Nievergelt (Hg.): Zeitenwende. Notker der Deutsche (+1022). 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