{"id":2419,"date":"2025-04-21T13:15:19","date_gmt":"2025-04-21T13:15:19","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2419"},"modified":"2025-04-21T13:15:20","modified_gmt":"2025-04-21T13:15:20","slug":"armin-sierszyn-frommes-zuerich-pietismus-in-der-zuercher-kirche-vom-17-jahrhundert-bis-zur-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2419","title":{"rendered":"Armin Sierszyn: Frommes Z\u00fcrich. Pietismus in der Z\u00fcrcher Kirche vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart"},"content":{"rendered":"\n<p>Armin Sierszyn: <em>Frommes Z\u00fcrich. Pietismus in der Z\u00fcrcher Kirche vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Mit besonderer Ber\u00fccksichtigung der Evangelischen Gesellschaft und der Evangelisch-kirchlichen Vereinigung, <\/em>hg. v. der Evangelisch-Kirchlichen Vereinigung, Z\u00fcrich: TVZ, 2023, Pb., 344 S., \u20ac 39,\u2013, ISBN-13 <a href=\"https:\/\/www.tvz-verlag.ch\/buch\/frommes-zuerich-9783290185435\/?page_id=1\">978-3-290-18543-5<\/a>; E-Book PDF <a href=\"https:\/\/www.tvz-verlag.ch\/buch\/frommes-zuerich-9783290185435\/?page_id=1\">978-3-290-18544-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Aus deutscher Sicht wird der Schweizer Pietismus eher in Basel als in Z\u00fcrich verortet, befinden sich doch in der alten Handelsstadt am Rhein die gro\u00dfen pietistischen Institutionen der Basler Mission, der Pilgermission St. Chrischona, des Diakonissen-Mutterhauses Riehen und viele weitere, kleinere Einrichtungen. Diese standen auch in regem Austausch besonders mit entsprechenden Kreisen im S\u00fcden Deutschlands und hatten durch Absolventen der theologischen Seminare eine \u00fcberregionale Ausstrahlung. \u2013 Doch wie entwickelte sich der Pietismus in Bern, in Z\u00fcrich und dar\u00fcber hinaus in den frankophonen Gebieten der Schweiz? Im dritten Band der sehr verdienstvollen Geschichte des Pietismus (<em>19. und 20. Jahrhundert<\/em>, G\u00f6ttingen: V&amp;R, 2000) kommen Bern und Z\u00fcrich nur am Rande vor, als h\u00e4tten lebendige transnationale Beziehungen der deutschsprachigen erweckten Kreise diesseits und jenseits der Grenze nicht existiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Armin Sierszyn (Aussprache: <em>Sch<\/em><em>\u00e9<\/em><em>rschien<\/em>), ehemaliger Pfarrer und Dekan der Z\u00fcrcher Landeskirche und Professor f\u00fcr Kirchengeschichte und Praktische Theologie an der STH Basel in Riehen, hat mit dem vorliegenden Buch seine umfangreichen Studien zum Z\u00fcrcher Pietismus zusammengefasst und in hohem Alter herausgegeben. Viele deutsche Pfarrer kennen Sierszyn pers\u00f6nlich durch die Theologiestudenten-Freizeitarbeit des Betheler Freundeskreises.<\/p>\n\n\n\n<p>In einundzwanzig Abschnitten stellt Sierszyn den Pietismus der Z\u00fcrcher Kirche in Auseinandersetzung mit zeitgen\u00f6ssischen, lokal wirksam werdenden Str\u00f6mungen in Theologie, Kirche und Gesellschaft dar. Er konzentriert sich dabei besonders auf die f\u00fcr den Verlauf der Pietismusgeschichte wichtige Evangelische Gesellschaft (EG) und die Evangelisch-kirchliche Vereinigung (EKVZ). Die EG entwickelt sich in Phasen von den 1830er-Jahren an bis etwa 1890, trifft auf zunehmende liberal-kirchliche und weltlich-s\u00e4kulare Opposition in der Zeit der Belle \u00c9poque bis zum Zweiten Weltkrieg und befindet sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts von der 68er-Kulturrevolution an bis 1990 in einer geistlichen Sterbephase.<\/p>\n\n\n\n<p>Rund hundert Seiten widmet der Verfasser k\u00fcrzer (Orthodoxie, Aufkl\u00e4rung, Liberalismus) oder l\u00e4nger (Pietismus ab 1680, Lavater, Gessner) der kirchlichen und geistlichen Entwicklung in der Stadt und Landschaft Z\u00fcrich vor dem 19. Jahrhundert (17\u2013125, Abschn. 1\u20138). Wie in anderen Regionen wird diese Zeit durch die Gegnerschaft gegen die Fr\u00f6mmigkeitsbewegungen charakterisiert, zuerst vonseiten der Orthodoxie, dann durch Aufkl\u00e4rung und Liberalismus in Staat und Kirche. Die belegte Verfolgung von 216 Pietisten bis 1721 f\u00fchrt zu Haftstrafen, Radikalisierungen und Flucht aus der Heimat, schlie\u00dflich zum R\u00fcckzug in die Innerlichkeit (38). Herrnhuter und Pietisten unterst\u00fctzen mit einem ersten Missions-Hilfsverein die von Halle und Herrnhut ausgesandten Missionare (32, 42). Es gibt wenige pietistische Pfarrer, wie Kaspar F\u00fcssli (1683\u20131752) und den Pfarrer am Fraum\u00fcnster Johann Kaspar Ulrich (1705\u20131768). Johann Caspar Lavater (1741\u20131801) und Johann Jakob Hess (1741\u20131828) bringen das Evangelium in der Zeit der franz\u00f6sischen Revolution zur Geltung (70), sie sind Vorl\u00e4ufer des Z\u00fcrcher Pietismus im 19. Jahrhundert. Hess wird 1812 Gr\u00fcndungspr\u00e4sident der \u00f6rtlichen Bibelgesellschaft und 1819 Mitbegr\u00fcnder der Missionsgesellschaft (71). Pr\u00e4gende Figur der Z\u00fcrcher Fr\u00f6mmigkeitsbewegung wird bis ins 19. Jahrhundert hinein der Pfarrer am Fraum\u00fcnster und Gro\u00dfm\u00fcnster Georg Gessner (1765\u20131843). Gessner f\u00f6rdert die wachsende Arbeit von Bibel- und Missionsgesellschaft (Abschn. 6). Die Erweckung hat allerdings eine begrenzte Wirkung, sie erfasst \u2013 anders als in England und den USA \u2013 nicht weite Teile der Bev\u00f6lkerung und pr\u00e4gt nicht die Kultur von Grund auf neu (108).<\/p>\n\n\n\n<p>Lokale Erweckungen mit teils hunderten von Teilnehmern pr\u00e4gen im 19. Jahrhundert Ortschaften der Z\u00fcrcher Landschaft (Abschn. 9, 127\u2013151). Liberale Opposition f\u00fchrt zur Bildung von Herrnhuter Gemeinschaften, Minorit\u00e4tenkirchen innerhalb der Landeskirche, zu Stadtmissionen und zu vielen freien Einrichtungen wie Schulen, Herbergen zur Heimat, zur Gr\u00fcndung der Gebets-Heilanstalt in M\u00e4nnedorf, aber auch zu neut\u00e4uferischen Versammlungen und enthusiastischen Exzessen. Um der starken Verweltlichung in Staat und Kirche zu begegnen, wird in den 1830er Jahren die Evangelische Gesellschaft mit \u00e4hnlichen Zielsetzungen wie f\u00fcnfzig Jahre zuvor in Basel die Christentumsgesellschaft gegr\u00fcndet (Abschn. 10, 153\u2013175). Sie entfaltet eine umfangreiche Arbeit in allen denkbaren diakonischen Arbeitszweigen, von Schriftenmission \u00fcber Missionsf\u00f6rderung, \u201eRettungsh\u00e4user\u201c, Krankenhilfe bis hin zu Bildungsinitiativen (Sonntagsschulen) sowie evangelistischer und p\u00e4dagogischer Arbeit. Besonders stark w\u00e4chst die Arbeit in den 1870er- bis 1880er-Jahren. In der Kirche wird darum gestritten, ob der Inhalt des Apostolikums wortw\u00f6rtlich zu glauben sei (157f, 180f, 230f). Der zeitweilig in Z\u00fcrich lehrende Erlanger Reformierte August Ebrard bewirkt, dass das Apostolikum in die Statuten der Evangelischen Gesellschaft aufgenommen wird (173f). Die gro\u00dfen ersatzreligi\u00f6sen M\u00e4chte Idealismus, Materialismus, Nationalismus und Romantik entstehen im 18. und 19. und entfalten ihre volle Wirkung im 20. Jahrhundert (170). Der Kampf zwischen Bibel und Glaube einerseits sowie S\u00e4kularisierung andererseits f\u00fchrt in der Belle \u00c9poque (parallel zur dt. Kaiserzeit) im pietistischen Milieu zur Gr\u00fcndung des Schweizerischen evangelisch-kirchlichen Vereins (SEKV), in Kirche und Gesellschaft aber auch zu religi\u00f6ser und geistlicher Gleichg\u00fcltigkeit (Abschnitte 11 und 12, 177\u2013235). Die Zahl der pietistischen Angebote ist so gro\u00df wie nie zuvor, aber der anf\u00e4ngliche Schwung erlahmt (225f, 228, 238f \u201eBekenntnism\u00fcdigkeit\u201c). Die Geschichte der \u201epositiven\u201c Vereinigungen in Stadt und Kanton Z\u00fcrich ist im 20. Jahrhundert von Fusionen gepr\u00e4gt (Abschn. 13). In den 1920er Jahren gibt es gro\u00dfe volksmissionarische Aktionen in der Z\u00fcrcher Landschaft und finanzielle Schwierigkeiten im Diakoniewerk Neum\u00fcnster; der Aufstieg teils s\u00e4kularer, teils neuheidnischer marxistischer und nationalsozialistischer Ideologien pr\u00e4gt die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg (Abschnitte 14\u201316).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nachkriegszeit sieht Sierszyn die historisch-kritische Theologie als T\u00fcr\u00f6ffnerin s\u00e4kularer Ideologien, w\u00e4hrend die 1968er-Kulturrevolution auf einer Remythologisierung historischer Gesellschaftsverh\u00e4ltnisse beruht (Abschn. 17). Ausf\u00fchrlich bespricht der Verfasser die geistliche Sterbephase der Evangelischen Gesellschaft (1944: \u201eseit Jahren auf dem R\u00fcckzug\u201c, 273) und der Evangelisch-Kirchlichen Vereinigung (EKV) 1945\u20131990, die von zeitgeistig-kirchlicher Beeinflussung herr\u00fchrt (Abschn. 18, 273\u2013298). In der neusten Zeit (1982\u20131990, ab 1990) werden verschiedene Trends sichtbar; einerseits wird das missionarisch-evangelistische Erbe wieder aktiviert, andererseits bleibt die Anpassung an die Zeit ein Grundproblem im Ringen um Theologie, Gesellschaft und den landeskirchlichen Kurs (Abschn. 19 und 20). Ein zusammenfassender und mit optimistischen Reformvorschl\u00e4gen auf die Z\u00fcrcher Situation zielender Epilog beschlie\u00dft das Buch (Abschn. 21, 337\u2013340), das zwar qualitativ gute Abbildungen und ordentliche Bildnachweise (341\u2013344), aber leider keine Register besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Autor ist zu danken, dass er in hohem Alter diese wichtige Untersuchung noch fertiggestellt hat. Sein pers\u00f6nliches Engagement zeigt sich an vielen Stellen in der Darstellung der Entwicklung im 20. Jahrhundert. In der vorliegenden Studie stellt Sierszyn nicht nur wissenschaftlich-deskriptiv und distanziert Entwicklungen dar, sondern analysiert auch geistlich die philosophisch gepr\u00e4gten Str\u00f6mungen der Zeit und urteilt auf klarer biblisch-theologischer Grundlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re allerdings interessant gewesen, nicht nur den kirchlichen Liberalismus als Antagonisten pietistischer Aktivit\u00e4ten, sondern auch die entstehenden Freikirchen als Co-Agonisten zumindest <em>etwas <\/em>st\u00e4rker in die Ausf\u00fchrungen zu integrieren. Namentlich das 21. Jahrhundert ist von gro\u00dfer Fluktuation zwischen den Gemeinden unterschiedlicher Konfession gepr\u00e4gt. So muss vermutet werden, dass die aus gleicher geistlicher Wurzel stammenden semi- bis schon im Ursprung separatistischen Freikirchen wie Chrischona (Viva-Kirchen Schweiz), FEG, EFG, Neut\u00e4ufer (ETG, Nazarener), Mennoniten- und Br\u00fcdergemeinden durch Transferwachstum von der Evangelischen Gesellschaft profitiert haben. Im Kanton Z\u00fcrich existiert zudem eine lebendige Szene bundfreier Gemeinden, die \u00fcberwiegend auf der Grundlage der Evangelischen Allianz zusammenarbeiten und zum Teil \u00fcberregional von Bedeutung sind (vgl. https:\/\/allianz-zuerich.ch\/ Stand 1.04.2025): ICF \u2013 Kirche neu erleben, Equippers Friedenskirche Z\u00fcrich, Hillsong Church, Vineyard und Stiftung Schleife Winterthur, um nur die bekanntesten Institutionen zu nennen. Mit Blick auf Wachstum und Zahl der freien Gemeinden l\u00e4sst sich ein Trend feststellen, der die kirchliche Szene in den USA schon l\u00e4nger pr\u00e4gt: Dort werden die schwindenden bisherigen Mainline denominations von einer wachsenden Zahl gro\u00dfer selbst\u00e4ndiger Gemeinden \u00fcberrundet. Warum sollte so nicht auch die Zukunft des evangelischen Christentums in der Schweiz (und in Deutschland) aussehen? <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armin Sierszyn: Frommes Z\u00fcrich. Pietismus in der Z\u00fcrcher Kirche vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Mit besonderer Ber\u00fccksichtigung der Evangelischen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2420,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2419","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2419"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2419\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2421,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2419\/revisions\/2421"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2420"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}