{"id":2425,"date":"2025-04-21T13:21:00","date_gmt":"2025-04-21T13:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2425"},"modified":"2025-04-21T13:21:02","modified_gmt":"2025-04-21T13:21:02","slug":"emmanuel-l-rehfeld-suendlos-solidarisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2425","title":{"rendered":"Emmanuel L. Rehfeld: S\u00fcndlos solidarisch"},"content":{"rendered":"\n<p>Emmanuel L. Rehfeld: <em>S\u00fcndlos solidarisch<\/em>. <em>Der Sohn Gottes als Repr\u00e4sentant der Menschheit nach der Darstellung des Markusevangeliums<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2024, geb., 559\u00a0S., \u20ac\u00a0103,55, ISBN\u200e <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/su-ndlos-solidarisch-2\">978-3374075614<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u201eDieses Buch ist ein Wagnis, m\u00f6glicherweise ein \u00c4rgernis\u201c \u2013 so beginnt das Vorwort dieser Habilitationsschrift, die im Sommersemester 2020 von der Fakult\u00e4t \u201eHumanwissenschaften und Theologie\u201c der TU Darmstadt angenommen wurde und die nun in gedruckter Form vorliegt. F\u00fcr die Druckfassung wurde nachtr\u00e4glich erschienene Literatur \u201enur noch vereinzelt ber\u00fccksichtigt\u201c. Dass die Arbeit nicht, wie f\u00fcr neutestamentliche Habilitationen \u00fcblich, in einer entsprechenden Monografie-Reihe erschienen ist, mag damit zusammenh\u00e4ngen, dass sie in der Tat von manchen als \u201e\u00c4rgernis\u201c empfunden wurde. Vielleicht ist sie aber einfach zu wichtig, um in einer Monografie-Reihe einfach als eine beliebige weitere Nummer eingeordnet zu werden. Es ist ein herausforderndes Buch in mehrfacher Hinsicht: Es mutet besonders den neutestamentlichen Kollegen im Bereich der Jesus- und Evangelienforschung \u00dcberlegungen zu, die von der Mehrheit wohl als eher randst\u00e4ndig oder als \u203azu dogmatisch\u2039 angesehen w\u00fcrden. Dazu kommt, dass es in einem Duktus geschrieben ist, der den Indikativ bevorzugt. Das Selbstbewusstsein des Autors, dass Markus nur so verstanden werden kann (z.&nbsp;B. 217) und alle anderen Lesarten, insbesondere solche, die einen st\u00e4rker historisch basierten Zugang suchen, s.&nbsp;E. weder koh\u00e4rent noch konsistent sind, ist mutig, streift im Ton aber manchmal an \u00dcberheblichkeit (z.&nbsp;B. 43) und erschwert es unn\u00f6tig, dem Vf. da zu folgen, wo er einen auf unbekanntes bzw. bisher unbedachtes Terrain f\u00fchren will, das es \u2013 da ist ihm uneingeschr\u00e4nkt zuzustimmen \u2013 unbedingt zu entdecken gilt. Der Stil ist eloquent, anspruchsvoll, aber eben auch nicht selten provozierend selbstgewiss. Konjunktive sind selten, der Indikativ bestimmt die Syntax, denn hier werden nicht Thesen zur Diskussion gestellt, sondern die Wahrheit des Evangeliums, das nur so und nicht anders verstanden werden kann, vordemonstriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein gelehrtes, akribisch recherchiertes Buch, das bis ins Detail methodisch reflektiert seine Ergebnisse vortr\u00e4gt. Auch optisch ist das Buch sehr ansprechend; lediglich im letzten Teil ab \u201eEpilog\u201c (465) h\u00e4ufen sich die \u203agro\u00dfen\u2039 \u00dcberschriften, denen dann nur zwischen einer halben und 3 Seiten Text folgt. Hervorgehoben zu werden verdient, dass die Satzvorlage vom Autor selbst erstellt wurde. Mir sind keine Druckfehler aufgefallen!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit besteht aus insgesamt sieben Teilen (I\u2013VII). Der erste Teil widmet sich Thema und Fragestellung (dazu gleich mehr), die folgenden f\u00fcnf Teile sind dann ein mehrfacher Durchgang durch das MkEv mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Eigenart der markinischen Jesusdarstellung (Teil II), Christologische Grundlegung (u. a. \u00fcber Pr\u00e4existenz, Gottessohnschaft und Menschensohntitel, mit besonderer Ber\u00fccksichtigung der Eingangs- und Schlussteile, Mk 1,1\u201315 und 16,1\u20138), Begriffskl\u00e4rungen (Teil IV, hier geht es vor allem um Begriff und Darstellung von \u201eS\u00fcnde\u201c im MkEv mit \u03ba\u03b1\u03c1\u03b4\u03af\u03b1 als Schl\u00fcsselbegriff: nur wer ein \u201ereines Herz\u201c hat, ist ohne S\u00fcnde; Mk 7,1\u201323 ist hier der wichtigste Texte). Den H\u00f6hepunkt bzw. die Zusammenschau dieser hinf\u00fchrenden Teile sind dann Teil V (Die faktuale S\u00fcndlosigkeit Jesu in der Darstellung des Markusevangeliums bis zur Passion) u. Teil VI, wo die S\u00fcndlosigkeit Jesu im Passionsbericht demonstriert wird. Am Ende dann Teil VII \u201eErgebnis und Ausblick\u201c in sieben Punkten. Eine 7&#215;7-Struktur also, die bei einer so pr\u00e4zise vermessenden Arbeit wohl kein Zufall ist. Hier spiegelt sich die Perfektion, die der Vf. in Jesus (und im MkEv) findet, in der symbolischen Harmonie der Gliederung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zentrale Anliegen der Arbeit l\u00e4sst sich vielleicht so bestimmen: Wer hat im Hinblick auf das ontologische (und damit eben auch historische) Dasein des Jesus von Nazareth recht? Das Chalcedonense mit seinem \u201evollkommen in puncto Gottheit und derselbe vollkommen in puncto Menschsein \u2026 doch ohne S\u00fcnde\u201c (17) oder die durch Eilert Herms repr\u00e4sentierte neuzeitliche Position, wonach die historisch-kritische Suche nach dem historischen Jesus dazu gef\u00fchrt hat, dass \u201edie Christuslehre des altkirchlichen Dogmas nicht die in den Schriften der \u03b3\u03c1\u03b1\u03c6\u03ae selbst enthaltene\u201c ist (19). Martin Hengels Anmutung, dass \u201edie Dogmenbildung in der Alten Kirche\u201c in der ihr vorgegebenen griechischen Sprach- und Denktradition \u201eim Grunde nur konsequent weiterf\u00fchrte und vollendete, was sich im Urgeschehen der ersten beiden Jahrzehnte bereits entfaltet hatte\u201c (19) wird in dieser Arbeit aufgenommen und, wenn man so will, gl\u00e4nzend best\u00e4tigt. Der Evangelist Markus bezeugt nach Rehfelds Analyse nicht nur \u201eJesu S\u00fcndlosigkeit \u2026 in soteriologischer Perspektive\u201c (473; diesem Nachweis dient der insgesamt umfangreichste Teil V, 253\u2013382), sondern diese wird pr\u00e4zisiert als eine \u201eimpeccantia de facto\u201c (475), womit gemeint ist, dass auch die Inkarnation, die Rehfeld f\u00fcr das MkEv vor allem aufgrund von Mk 1,2f. als \u201eStatuswechsel des <em>einen<\/em>, bereits pr\u00e4existent agierenden Subjekts Jesus Christus\u201c voraussetzt (158, Hgh. im Original), sein Wesen in keiner Weise mit der S\u00fcnde assoziiert habe. Nicht nur wird keinerlei Gebots\u00fcbertretung von Jesus \u00fcberliefert (wo es der Fall ist, haben seine Ankl\u00e4ger Unrecht), sondern auch kein Murren und Schwanken in seiner Gottesbeziehung und seinem unbedingten Gehorsam gegen\u00fcber Gott dem Vater, so dass das Wohlgefallen des Vaters an seinem Sohn ein dauerhaftes und ununterbrochenes war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die in diesem Zusammenhang gemachten exegetischen Beschreibungen sind valide, aber sie werden nun eben doch zur Beantwortung einer Frage herangezogen, die das MkEv selbst nicht stellt. Rehfeld diskutiert diesen Einwand ausf\u00fchrlich, gibt aber zu bedenken, dass die Verwendung des <em>argumentum e silentio<\/em> nicht von vornherein unangebracht ist, sondern methodisch reflektiert angewandt auch zu g\u00fcltigen Schlussfolgerungen f\u00fchren kann (41 u. \u00f6.). Dennoch ist seine Argumentation m.&nbsp;E. manchmal \u00fcberzogen. So wird dem Verh\u00f6r Jesu ein ganzes Kapitel gewidmet (261\u2013277) und die Tatsache, dass man nichts gegen Jesus vorbringen konnte, wird als Argument f\u00fcr seine S\u00fcndlosigkeit verwendet. Aber wie Mk 14,55 deutlich macht, ging es in diesem Verfahren darum, eine Zeugenaussage gegen Jesus zu finden, \u201eum ihn zum Tode verurteilen zu k\u00f6nnen\u201c (\u03bc\u03b1\u03c1\u03c4\u03c5\u03c1\u03af\u03b1\u03bd \u03b5\u1f30\u03c2 \u03c4\u1f78 \u03b8\u03b1\u03bd\u03b1\u03c4\u1ff6\u03c3\u03b1\u03b9 \u03b1\u1f50\u03c4\u03cc\u03bd). Dass dies nicht gelang, besagt nichts \u00fcber die S\u00fcndlosigkeit von Jesus.<\/p>\n\n\n\n<p>Rehfeld ist mit diesem Befund \u00fcber die v\u00f6llige S\u00fcndlosigkeit jedoch noch nicht zufrieden, sondern er schreibt: \u201eNun verlangt aber nach C. Hennemann die \u2013 wie er sie nennt \u2013 \u00bbthats\u00e4chliche S\u00fcndelosigkeit\u00ab Jesu \u00bbals ihren Grund Jesu Uns\u00fcndlichkeit [\u2026], d.&nbsp;h. die grunds\u00e4tzliche oder pers\u00f6nliche Unm\u00f6glichkeit zu s\u00fcndigen\u00ab\u201c (477). Nach Rehfeld gilt es darum zu fragen: \u201eStellt der \u00e4lteste Evangelist die S\u00fcndlosigkeit Jesu lediglich als ein kontingentes historisches Faktum dar, oder ist er von ihrer prinzipiellen Notwendigkeit \u00fcberzeugt?\u201c (477). Muss also von Jesus ein <em>non potuit peccare<\/em> (477 Anm.&nbsp;12) bekannt werden? Es erstaunt nach der Lekt\u00fcre nicht, dass der n\u00e4chste Abschnitt dann die \u00dcberschrift tr\u00e4gt: \u201eJesu S\u00fcndlosigkeit als impeccabilitas de necessitate\u201c (479f.). Diese ist nach Rehfeld notwendig, weil sonst \u201edie Tatsache der ungebrochenen Gottessohnschaft und S\u00fcndlosigkeit Jesu ja auch auf seine Bew\u00e4hrung und seinen Gehorsam\u201c zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnte, was aber auf keinen Fall sein darf, denn dagegen spreche \u201edie gottgewollte Notwendigkeit und Zielgerichtetheit seiner Geschichte\u201c (480). Ich gestehe, dass ich das nicht verstehe. Die Vorstellung, dass Jesus h\u00e4tte scheitern k\u00f6nnen, ist f\u00fcr Rehfeld v\u00f6llig inakzeptabel \u2013 f\u00fcr mich ist sie der H\u00f6hepunkt dieses einzigartigen Lebens. In summa: hier wird ein nach einer bestimmten dogmatischen Tradition korrekter Gottessohn Jesus im Text gefunden, der f\u00fcr mich als \u201ewahrer Mensch\u201c nicht mehr erkennbar ist und von dem ich mir nicht vorstellen kann (was Rehfeld als Argument vehement zur\u00fcckweisen w\u00fcrde, weil die historische Vorstellung der Exegeten die Wurzel allen \u00dcbels in der Jesusforschung sind), dass der Evangelist Markus, ein Jerusalemer Jesusj\u00fcnger, der mit Paulus und Petrus unterwegs war, all das wusste und bedachte, was sein Ausleger in ihm findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wer Markus war oder was er dachte, ist ohnehin nur von historischem Interesse und darum theologisch irrelevant. Einleitungsfragen spielen in dieser Studie keine Rolle, sie kommen schlicht nicht vor, denn \u201eGegenstand der Exegese sind die von ihr zu analysierenden Texte in der ihr vorliegenden Gestalt\u201c (53). Wie es zu diesen Texten kommt, hat dabei keine tragende Funktion. Das \u00e4lteste Evangelium ist Markus, sein Verfasser wird als Evangelist bezeichnet, aber Ort, Zeit, Herkunft, der Weg der \u00dcberlieferung zu Markus etc. \u2013 all das wird nicht tangiert. Gleichzeitig ist aber das Evangelium ein Muster an Klarheit, Stringenz und rhetorischer Brillanz, in dem alles wohlbedacht ist. Das ist eine Form von Bibliolatrie, die sich jede historische Nachfrage verbittet, weil das Endprodukt als solches unantastbar ist. Ohne dass das Wort \u201eInspiration\u201c in diesem Zusammenhang vorkommt, liegt dieser bewusst und vors\u00e4tzlich ahistorischen Perspektive auf den Text eine Dignifizierung zugrunde, die diesen im Sinne der klassischen Inspirationsvorstellung unantastbar macht (was k\u00e4me wohl heraus, wenn mit derselben Energie ein apokryphes Evangelium analysiert w\u00fcrde?). Zwar sieht Rehfeld die Gefahr eines \u201etextontologischen Reduktionismus\u201c (69) und insistiert, dass seine Arbeit auch einen Beitrag zum \u201eVerh\u00e4ltnis von Glaube und \u201aGeschichte\u2018\u201c darstellt (49), allein da fehlt mir der Glaube, weil die Geschichte bei ihm offenbar nur in Anf\u00fchrungszeichen begegnet. Aus diesem Grund wird auch der Schluss Mk 16,8 mit viel Aufwand als \u201eLeseanweisung\u201c verstanden, \u201edie zum rechten Umgang mit dem schriftgewordenen Evangelium anleiten will, n\u00e4mlich zu einer Relekt\u00fcre unter ver\u00e4nderten Vorzeichen\u201c (125). Die schlichte Tatsache, dass die Mehrheit der Abschreiber mit diesem Schluss offenbar nicht zufrieden war, sondern ihn zu erg\u00e4nzen suchten, m\u00fcsste dann doch zumindest das Zugest\u00e4ndnis erwecken, dass diese literarische Vollkommenheit erst den literaturwissenschaftlich geschulten Exegeten des 20. und 21. Jahrhunderts zu entdecken verg\u00f6nnt war. Auch wird an keiner Stelle dar\u00fcber nachgedacht, warum das MkEv, wenn es doch in so einzigartiger Weise (und nach Meinung des Vf.s auch in so klarer Weise, dass jeder, der Augen hat zu sehen, es sehen kann) die Menschwerdung des Gottessohnes bezeuge und seine damit verbundene S\u00fcndlosigkeit, dann so \u00fcberhaupt keine Rolle in der Entwicklung des Dogmas und in der Lehre und Predigt der Kirche gespielt hat. Die wirkungsgeschichtlich bedeutenden Evangelien sind Matth\u00e4us und Johannes, und eben nicht Markus, der seine Prominenz seiner erst im 19.&nbsp;Jh. behaupteten chronologischen Vorrangstellung verdankt. Da aber das historische Argument f\u00fcr Rehfeld ansonsten keine erkennbare Bedeutung hat, ist hier doch eine gewisse Markus-Idealisierung erkennbar. Dass Rehfeld den Evangelien von Matth\u00e4us und Lukas mit ihren Kindheitsgeschichten offenbar nichts abgewinnen kann, sondern darin sogar eine Art historisierenden R\u00fcckfall andeutet, verwundert darum nicht, vgl. 213: \u201eStammbaum, Geburtsgeschichte und andere biographische Elemente sind entbehrlich, denn \u201aseine menschliche Abstammung reicht nicht aus, zu erkl\u00e4ren, wer er ist\u2018\u201c (das Zitat im Zitat stammt von Ludger Schenke, der neben Martin Dibelius auff\u00e4llig oft vorkommt). Nur weil etwas nicht ausreicht, hei\u00dft es nicht, dass es entbehrlich ist, sondern nur, dass noch Weiteres dazukommen muss, um ein vollst\u00e4ndiges Bild zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Folge von Rehfelds Enthistorisierung zugunsten der reinen Lehre ist auch seine distanzierte Beschreibung der j\u00fcdischen Mitwelt Jesu bzw. von Jesu Judesein. So ist f\u00fcr Rehfeld au\u00dfer Frage, dass \u201edas Markusevangelium Jesus gar nicht als Messias\u201c darstellt, weil Jesus mit der \u201eKategorie \u00bbMessias\u00ab keineswegs ad\u00e4quat erfasst wird\u201c (93). Dass Jesus die Messiaserwartungen seiner Zeit nicht einfach erf\u00fcllte, sondern eigenst\u00e4ndig interpretierte, ist zweifellos richtig. Ihn aber nicht als Messias zu verstehen (man fragt sich, ob der Affront gegen den eigenen Lehrer Rainer Riesner, dessen Jesusbuch den Titel \u201eMessias Jesus\u201c tr\u00e4gt und dessen FS Rehfeld mitherausgegeben hat, intendiert ist), bedeutet eine gewaltsame Interpretation des \u03a7\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03cc\u03c2-Titels in Mk 1,1 (wo Rehfeld alle Aufmerksamkeit auf das \u03c5\u1f31\u1f78\u03c2 \u03b8\u03b5\u03bf\u1fe6 legt) und eine weitere Distanzierung von einem j\u00fcdischen Verstehenshorizont. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem \u201emarkinische[n] Christuszeugnis und [der] Abwegigkeit historischer R\u00fcckfragen\u201c (105\u2013107), das nur zeigen will, dass \u201edie pr\u00e4destinatianische Intentionalit\u00e4t und teleologische Zuspitzung das vom Evangelium Erz\u00e4hlte als historisch derart unwahrscheinlich erscheinen\u201c lassen, \u201edass sich die historisch ausgerichtete Exegese immer wieder zu textfremden Umdeutungen verleiten l\u00e4sst\u201c (105). Das wird dann an R. Bauckham, J.&nbsp;D.&nbsp;G. Dunn, D.&nbsp;L. Bock u.&nbsp;a. illustriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Versuch, die positiven Christus-Belege abzuschw\u00e4chen s. 167\u2013171. Die Belege, die sich offenbar nicht in dieser Weise abschw\u00e4chen lassen (Mk 9,41; 13,21) werden dann so verstanden, dass sie \u201euneingeschr\u00e4nkt bejaht\u201c erst im \u201efr\u00fchchristlich-nach\u00f6sterlichen Sinne\u201c seien. Hier zeigt sich das Problem, dass Rehfeld nahezu nie diskutiert, ob die Jesus zugeschriebenen Aussagen nun in der Tat Worte sind, die der irdische Jesus so gesagt hat. Denn 9,41; 12,35 u. 13,21 k\u00f6nnen auf der Textebene nur so verstanden werden, dass Jesus in seinen Aussagen oder Fragen voraussetzt, dass er der Messias ist (bzw. von seinen Gespr\u00e4chspartnern als solcher gesehen wird). Dass sein Selbstverst\u00e4ndnis als Messias anders ist als das seiner Gespr\u00e4chspartner, ist zwar richtig, aber es ist dennoch ein verbindendes Element, indem die Messiaserwartungen durch das Reden und Tun des Messias Jesus ver\u00e4ndert werden. Aber gerade der Hinweis auf den \u201eSohn Davids\u201c (Mk 12,35, vgl. auch Mk 10,47f.; 11,10), der positiv mit Jesus verbunden ist, zeigt \u2013 neben anderem, z.&nbsp;B. Mk 11,2 mit der bewussten Bezugnahme Jesu auf Sach 9,9 und verwandte Texte \u2013, dass die j\u00fcdische Messiaserwartung von Jesus aufgenommen wird und er als \u201eK\u00f6nig der Juden\u201c (Mk 15,2.26 f\u00fcr den Kreuzestitulus) stirbt (vgl. dagegen Rehfeld 170, f\u00fcr den das alles Fehldeutungen sind). Aber solche Argumente sind f\u00fcr Rehfeld nicht valide, da \u201egrunds\u00e4tzlich\u201c die Synoptiker die Jesus-Geschichte aus einer \u201eder Auferstehungswirklichkeit verpflichtete[n] Perspektive\u201c beschreiben und damit Vor\u00f6sterliches und Nach\u00f6sterliches unaufl\u00f6sbar narrativ miteinander verbinden (96). Das ist richtig und wird auch von denen, die st\u00e4rker nach dem historischen Vorgang fragen, der zu dieser Verschr\u00e4nkung f\u00fchrte, gesehen. \u00c4rgerlich ist jedoch, dass dieses Bem\u00fchen um ein sachgem\u00e4\u00dfes historisches Verst\u00e4ndnis dessen, was zu den Aussagen der Texte gef\u00fchrt hat, mehr oder weniger karikierend beiseitegeschoben wird. Dass Rehfeld auf diesen Seiten (96f.) ausf\u00fchrlich nur sich selbst zitiert, ist zumindest ein wenig befremdlich (weitere Betonungen des Nichthistorischen 120.124.174f.209.212.239 u.&nbsp;\u00f6.).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein umfangreiches Literaturverzeichnis mit knapp 50 Seiten zeigt die Gr\u00fcndlichkeit der Untersuchung an, wobei Literatur aus einem sehr breiten Spektrum herangezogen wird: so fallen die vielen franz\u00f6sischen Titel auf (vielleicht nicht ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Schweizer Verfasser), aus denen in manchen Teilen sehr umfangreich zitiert wird, was es f\u00fcr des Franz\u00f6sischen Unkundige sehr erschwert, diesen Argumentationen zu folgen. Auch Latein wird relativ gro\u00dfz\u00fcgig und un\u00fcbersetzt verwendet. Weiter \u2013 aber angesichts des Themas vielleicht nicht erstaunlich \u2013 sind zahlreiche katholische und orthodoxe Beitr\u00e4ge insbesondere zum Thema S\u00fcndlosigkeit verarbeitet, die z.&nbsp;T. recht alt sind. \u00dcberhaupt f\u00e4llt die relative breite Ber\u00fccksichtigung von Literatur aus dem 19.&nbsp;Jh. und \u00e4lter auf. Das ist insgesamt sehr positiv, weil man mit vielen unbekannten Namen bzw. sehr lange nicht mehr gelesenen Namen auf diese Weise erstmalig oder wieder in Kontakt kommt. Es h\u00e4tte aber zumindest mir geholfen, wenn die Unbekannteren mit einem Satz eingef\u00fchrt und in der theologischen Landschaft verortet worden w\u00e4ren. So fragt man sich st\u00e4ndig (weil in den Fu\u00dfnoten nur Vf. und Kurztitel genannt werden, aber nie das Datum), ob man da einen wichtigen Beitrag in der gegenw\u00e4rtigen Diskussion \u00fcbersehen hat, nur um dann \u2013 irgendwie beruhigt \u2013 im Literaturverzeichnis festzustellen, dass es u.&nbsp;U. verzeihlich ist, wenn man die 1898 erschienene Dissertation des katholischen Priesters Carl Hennemann (1841\u20131905) nicht kennt (erst auf 477 wird er als r\u00f6misch-katholischer Apologet aus dem 19. Jahrhundert eingef\u00fchrt). Einige weitere Auff\u00e4lligkeiten im Literaturverzeichnis seien noch angemerkt: Stil und Methode der Arbeit wird verst\u00e4ndlich, wenn man sieht, dass etwa Otfried Hofius in der Bibliografie eine ganze Seite f\u00fcllt, Martin Hengel dagegen nur sechs Eintr\u00e4ge hat und Rainer Riesner, immerhin der Doktorvater von Rehfeld, sogar nur zwei. Angesichts der Bedeutung, die die Sohnschaft Jesu von Anfang an in dieser Arbeit einnimmt, verwundert es, dass etwa von Larry W. Hurtado nur die zwei kleineren B\u00fccher zum Thema, aber sein Hauptwerk, Lord Jesus Christ, gar nicht vorkommt. Auch bei Richard Bauckham fehlen seine Beitr\u00e4ge zur Christologie-Debatte; desgleichen fehlen Andrew Chester und William Horbury, die zur Messias- und Christusfrage im Sinne einer \u201eHigh Christology\u201c ebenfalls Wichtiges beigetragen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade weil sich Rehfeld sehr intensiv auch mit Positionen und Autoren besch\u00e4ftigt, die nicht eben gel\u00e4ufig sind, w\u00e4re ein Autorenregister sehr hilfreich gewesen. Auch ein Sachregister fehlt, einzig das Stellenregister hilft \u2013 neben einem ausf\u00fchrlichen Inhaltsverzeichnis \u2013 dem schnellen Nachschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Fazit bleibt am Ende ein etwas zwiesp\u00e4ltiger Eindruck: In den verschiedenen Durchg\u00e4ngen durch das Markusevangelium finden sich eine Vielzahl von gl\u00e4nzenden Formulierungen, treffenden Beobachtungen und theologischen Tiefenbohrungen, die Freude machen (vor allem in Teil III: Christologische Grundlegung), aber \u2013 zumindest f\u00fcr den Rezensenten \u2013 dadurch entwertet werden, dass Rehfeld best\u00e4ndig die historische R\u00fcckfrage im Gestus theologischer \u00dcberlegenheit als unn\u00f6tig und irref\u00fchrend abweist. Die Folge ist, dass ich mir den Jesus, den er seinen Lesern vor die Augen malt, als historische Person aus Fleisch und Blut weder vorstellen noch (be)greifen kann. Aber gerade damit stellt diese Arbeit eine Provokation dar, der man sich nicht entziehen sollte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Roland Deines, Prorektor und Professor f\u00fcr Biblische Theologie und Antikes Judentum an der Internationalen Hochschule Liebenzell<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emmanuel L. Rehfeld: S\u00fcndlos solidarisch. Der Sohn Gottes als Repr\u00e4sentant der Menschheit nach der Darstellung des Markusevangeliums, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt,<\/p>\n","protected":false},"author":114,"featured_media":2426,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-2425","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2425","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/114"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2425"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2425\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2427,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2425\/revisions\/2427"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2426"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2425"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2425"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2425"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}