{"id":2431,"date":"2025-04-21T13:24:20","date_gmt":"2025-04-21T13:24:20","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2431"},"modified":"2025-04-21T13:24:21","modified_gmt":"2025-04-21T13:24:21","slug":"jacob-thiessen-einleitung-in-das-neue-testament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2431","title":{"rendered":"Jacob Thiessen: Einleitung in das Neue Testament"},"content":{"rendered":"\n<p>Jacob Thiessen: <em>Einleitung in das Neue Testament<\/em>. Themen der Theologie 15, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2024, 456\u00a0S., \u20ac\u00a034,-, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/einleitung-in-das-neue-testament-2\">978-3-374-07508-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Jacob Thiessen, Rektor der STH Basel und Professor f\u00fcr Neues Testament, liefert mit dem vorliegenden Werk eine Einleitung in das Neue Testament aus biblisch-konservativer Perspektive. Den Entwurf habe er auf das \u201eNotwendige\u201c beschr\u00e4nkt, da es nicht nur als Einleitung, sondern auch als Lehrbuch dienen soll (5).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist in sechs Abschnitte unterteilt. Im ersten Teil wird die allgemeine Einleitung abgehandelt. Hier geht Thiessen nach einer kurzen Besprechung des Begriffs und der Aufgabe der Einleitungswissenschaft (16\u201318) vor allem auf die historische Entwicklung nach der Aufkl\u00e4rung ein. Durch einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber Wrede, Troeltsch und Baur gelangt er zum Instrumentarium der neutestamentlichen Wissenschaft und schlie\u00dflich zur heutigen historisch-kritischen Perspektive auf die Texte des Neuen Testaments. Am Beispiel von Theobalds Prozess Jesu (2022) werde deutlich, dass die heutige Herangehensweise an die Schriften des fr\u00fchen Christentums das \u201eWirken Gottes aus der Geschichte und somit auch aus der Bibel\u201c ausschlie\u00dfe (21). Dementsprechend m\u00f6chte das vorliegende Werk dieser nicht \u201esachlichen\u201c Theologie einen Gegenentwurf vorlegen. Damit sind die Voraussetzungen gleich zu Beginn offengelegt: Die Einleitung m\u00f6chte den Wahrheitsanspruch der neutestamentlichen Schriften ernst nehmen und das Wirken Gottes im Kontext dieser Schriften nicht von vornherein ausschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Kapiteln widmet sich Thiessen der speziellen Einleitung zu den 27 B\u00fcchern des Neuen Testaments. Seine Untersuchung der synoptischen Evangelien bietet eine Alternative zur weit verbreiteten Zwei-Quellen-Theorie. Er l\u00f6st sich von der Markuspriorit\u00e4t und argumentiert f\u00fcr eine fr\u00fche Entstehung des Matth\u00e4usevangeliums um 40 n.&nbsp;Chr. sowie eine enge Verbindung der synoptischen Evangelien zu apostolischen Augenzeugenberichten (75\u201396).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Analyse der Paulusbriefe liefert Thiessen eine Argumentation f\u00fcr deren Echtheit und fr\u00fche Entstehung. Er setzt sich kritisch mit der Annahme auseinander, dass einige Briefe als pseudepigraphisch betrachtet werden m\u00fcssen, und zeigt im Gegenzug, wie die \u00dcberlieferungsgeschichte und die inhaltliche Konsistenz f\u00fcr eine einheitliche Autorschaft durch den Apostel Paulus sprechen k\u00f6nnten (145\u2013287). Ebenso begr\u00fcndet er die Authentizit\u00e4t der katholischen Briefe und der Johannesoffenbarung, die er in enger Verbindung mit den Aposteln und ihren Sch\u00fclern sieht (366\u2013390).<\/p>\n\n\n\n<p>Bei allen Detailfragen, die hier nicht in hinreichendem Umfang diskutiert werden k\u00f6nnen, gibt es zwei Aspekte, die sich durch die gesamte Einleitung hindurchziehen. Zun\u00e4chst werden die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung weitestgehend abgelehnt, was sich vornehmlich in Verfasserschafts- und Datierungsfragen niederschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Aspekt, der das Gesamtwerk pr\u00e4gt, ist, dass der Autor altkirchliche Quellen ins Gespr\u00e4ch bringt, die oftmals weisungsgebende Funktion haben. Den Fragen nach Datierung und Verfasserschaft wird mit altkirchlichen und rabbinischen Quellen begegnet, die die Historizit\u00e4t der Bibel untermauern bzw. plausibel machen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich festhalten, dass Thiessen eine gelungene Einleitung aus konservativer Perspektive liefert. Ihm gelingt es, die neutestamentlichen Schriften als glaubw\u00fcrdige Zeugnisse apostolischer Autorit\u00e4t nachvollziehbar in ihren historischen Kontext einzubetten. Wer die Ansichten von Thiessen teilt, bekommt hier als Studierender oder interessierter Laie Argumente und Quellen an die Hand, die eine Einordnung der neutestamentlichen Schriften aus konservativer Perspektive st\u00e4rken. Thiessens Werk bietet, ganz in der Linie Erich Mauerhofers, einen soliden Gegenentwurf zur etablierten neutestamentlichen Einleitungswissenschaft und wird vor allem bei bibeltreuen Leserinnen und Lesern auf gro\u00dfe Zustimmung sto\u00dfen. Studierende, die aus dem universit\u00e4ren Kontext kommen, werden mit den Ergebnissen dieser Einleitung sicherlich fremdeln. Dennoch macht der Umstand, dass ein solches Werk von der Evangelischen Verlagsanstalt ver\u00f6ffentlicht wurde, Mut und Hoffnung, die den Austausch zwischen historisch-kritischer Forschung und evangelikalen Positionen zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch hat die Einleitung m.&nbsp;E. einige inhaltliche und formale M\u00e4ngel. Zun\u00e4chst ist festzuhalten, dass Leserinnen und Leser ohne Ursprachenkenntnisse aus den griechischen Textvergleichen wenig Erkenntnis gewinnen k\u00f6nnen. Bei einer Einleitung, die sich dezidiert an eine breite Leserschaft richtet, w\u00e4re an einigen Stellen (z.&nbsp;B. S. 91-95) eine deutsche \u00dcbersetzung des Bibeltextes sinnvoll. Da sich das Werk als Lehrbuch versteht, w\u00e4re nicht nur ein gro\u00dfes Literaturverzeichnis am Ende, sondern auch ein Hinweis am Ende der einzelnen Kapitel auf vertiefende Literatur oder neuere Forschungsschwerpunkte hilfreich, um Studierenden den Einstieg in die Einleitungswissenschaft zu erleichtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf inhaltlicher Ebene wirkt der Umgang mit den altkirchlichen und rabbinischen Quellen stellenweise doch sehr optimistisch. So werden Quellen aus rabbinischer Literatur scheinbar nach dem Vorbild Strack\/Billerbecks mosaikartig an die Texte und Vorstellungen des Neuen Testaments herangetragen. Die zeitliche und religionsgeschichtliche Kluft, die es zwischen den Texten zweifellos gibt, wird leider selten angesprochen oder reflektiert. Und auch welche Methodik zur Bewertung dieser Quellen hier verfolgt wird, bleibt der Leserschaft vorenthalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem f\u00fchrt der starke Drang zur historischen Verankerung an einigen Stellen zu unn\u00f6tigen Engf\u00fchrungen \u2013 ob Jesus \u201ewahrscheinlich am 7. April 30 n.&nbsp;Chr. gestorben\u201c ist (157), ist m.&nbsp;E. angesichts der Quellenlage wenig \u201ewahrscheinlich\u201c, sondern lediglich m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend muss noch angemerkt werden, dass leider einige Druck- bzw. Schreibfehler den Lesefluss st\u00f6ren. So finden sich beispielsweise auf der beliebig gew\u00e4hlten Doppelseite 294\/295 einige Fehler. Auch einige Jahresangaben sind nicht korrekt. Eine \u00dcberarbeitung w\u00e4re bei einer Neuauflage w\u00fcnschenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend bietet Thiessens Einleitung in das Neue Testament eine fundierte, konservative Alternative zur historisch-kritischen Forschung. Seine Argumentation f\u00fcr die fr\u00fche Entstehung und apostolische Autorschaft der neutestamentlichen Schriften ist klar strukturiert und umfassend belegt, auch wenn sie nicht ohne methodische und inhaltliche Herausforderungen bleibt. Die konsequente R\u00fcckbindung an altkirchliche und rabbinische Quellen st\u00e4rkt seine Position, geht aber mit einer selektiven Quellenauswahl und fehlender methodischer Reflexion einher. W\u00e4hrend das Werk vor allem bibeltreue Leserinnen und Leser ansprechen wird, d\u00fcrfte es f\u00fcr Studierende aus dem deutschen Universit\u00e4tsbetrieb, die vornehmlich mit der historisch-kritischen Forschung vertraut sind, eine Herausforderung darstellen. Trotz einiger formaler Schw\u00e4chen stellt Thiessens Buch jedoch eine wertvolle Erg\u00e4nzung zur neutestamentlichen Einleitungswissenschaft dar und er\u00f6ffnet einen erfrischenden, Diskurs \u00fcber die Historizit\u00e4t und Glaubw\u00fcrdigkeit der biblischen Texte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Simeon Redinger (M.A.), Pastor und Doktorand bei Jun.-Prof. Dr. Jan R\u00fcggemeier an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bonn.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jacob Thiessen: Einleitung in das Neue Testament. 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