{"id":2440,"date":"2025-04-21T13:29:21","date_gmt":"2025-04-21T13:29:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2440"},"modified":"2025-04-21T13:29:22","modified_gmt":"2025-04-21T13:29:22","slug":"rainer-riesner-jesus-als-lehrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2440","title":{"rendered":"Rainer Riesner: Jesus als Lehrer"},"content":{"rendered":"\n<p>Rainer Riesner: <em>Jesus als Lehrer. Fr\u00fchj\u00fcdische Volksbildung und Evangelien-\u00dcberlieferung<\/em>. 4., vollst. neubearb. Aufl., WUNT 504, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2023, Pb., 864\u00a0S., \u20ac\u00a0129,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/jesus-als-lehrer-9783161624971\/\">978-3-16-162497-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Rainer Riesners <em>Jesus als Lehrer<\/em> ist ein monumentales Werk, das in der vierten Auflage die bisherigen Auflagen 1981, 1983 und 1988 vertieft und erweitert. Der emeritierte Professor f\u00fcr Neues Testament an der Universit\u00e4t Dortmund legt eine umfassende Monographie vor, die die Rolle Jesu als Lehrer im Kontext der fr\u00fchj\u00fcdischen Volksbildung und der Evangelien\u00fcberlieferung untersucht: \u201eDie R\u00fcckfrage nach einem m\u00f6glichen Ursprung der Evangelien-\u00dcberlieferung bei Jesus selbst ist das Hauptthema der vorliegenden Untersuchung\u201c (158). Und es gehe um \u201edie Rolle, die Lehren und Lernen <em>der Sache nach<\/em> in der vor\u00f6sterlichen Verk\u00fcndigungssituation Jesu gespielt haben \u2026 [und] um die \u00e4u\u00dfere, sozusagen \u201atechnische\u2018 Seite der Verk\u00fcndigung Jesu\u201c (182).<\/p>\n\n\n\n<p>Riesner gliedert sein Werk in f\u00fcnf Hauptkapitel, die sich mit der Jesus-\u00dcberlieferung, der fr\u00fchj\u00fcdischen Volksbildung, der Lehrautorit\u00e4t Jesu, seiner \u00f6ffentlichen Lehre und der J\u00fcngerlehre befassen. Entgegen der 3.&nbsp;Aufl. (1988) wird das ca. 20 seitige Nachwort in den Haupttext eingearbeitet. Die Zusammenfassung am Schluss bleibt mit ca. vier Seiten \u00fcberschaubar.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Kapitel \u201eDie Jesus-\u00dcberlieferung\u201c pl\u00e4diert Riesner f\u00fcr ein komplexes Modell zur Erkl\u00e4rung der synoptischen Frage und stellt fest, dass einfache L\u00f6sungen wie die Zwei-Quellen-Theorie nicht \u00fcberzeugen (4\u20139). Vielmehr m\u00fcsse von einem breiten Traditionsstrom ausgegangen werden, bei dem sowohl m\u00fcndliche als auch schriftliche \u00dcberlieferungsvorg\u00e4nge ber\u00fccksichtigt werden (10\u201312). Riesner stellt die These auf, dass die m\u00fcndliche Tradition eine bedeutende Rolle gespielt hat und dass nur ein \u201ekomplexes Modell\u201c, das m\u00f6glichst viele Einzelph\u00e4nomene einbezieht, die synoptische Frage hinreichend (er)kl\u00e4ren kann (127f).<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist die in die Evangelien eingem\u00fcndete Jesus-\u00dcberlieferung \u201eim engen Kontakt mit den Augen- und Ohrenzeugen erfolgt\u201c (139). Riesner setzt sich kritisch mit der klassischen Formgeschichte auseinander und problematisiert deren Grundannahmen wie die Propheten-Hypothese, das kollektivistische Literaturverst\u00e4ndnis, die Vorstellung von zeitlosen \u00dcberlieferungsgesetzen und das Konzept \u201ereiner Formen\u201c (16\u201328). Diese Kritik m\u00fcndet in einer differenzierten Auseinandersetzung mit neueren Ans\u00e4tzen wie der <em>Third Quest for Jesus<\/em> und dem Konzept des <em>social memory<\/em> (30\u201334).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Zuverl\u00e4ssigkeit der vorsynoptischen Jesus-\u00dcberlieferung identifiziert Riesner sieben Gruppen von Akteuren, die sich an einer \u201egepflegten \u00dcberlieferung\u201c beteiligt haben: Petrus, die Zw\u00f6lf und die Jerusalemer Urgemeinde; die Gro\u00dffamilie Jesu, die \u201eHebr\u00e4er\u201c und galil\u00e4ische Frauen; der johanneische Kreis; Matth\u00e4us und das Judenchristentum; die \u201eHellenisten\u201c und Antiochien; die bekehrten Priester und der Levit Barnabas; sowie Paulus, seine Mitarbeiter und Gemeinden (98\u2013119). Damit entwirft er ein differenziertes Szenario des \u00dcberlieferungsprozesses, der nicht prim\u00e4r in den \u201eStudierstuben der Evangelisten\u201c, sondern im Verk\u00fcndigungsalltag und Leben der Gemeinden stattgefunden hat (119\u2013123). So postuliert er mit E.&nbsp;A. Judge, K. Haacker, C.&nbsp;K. Barrett eine Kontinuit\u00e4t \u201ezwischen der sp\u00e4teren Gestaltwerdung der urchristlichen Gemeinden und dem Auftreten Jesu\u201c (139). Riesner m\u00f6chte dann im Folgenden begr\u00fcnden, dass Jesus selbst als messianischer Lehrer dieses \u201eTraditionskontinuum zwischen der vor- und nach\u00f6sterlichen Zeit\u201c initiiert hat (140).<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Kapitel \u201eDie Fr\u00fchj\u00fcdische Volksbildung\u201c untersucht Riesner die drei j\u00fcdischen \u201eVolksbildungstraditionen\u201c: das Elternhaus, die Synagoge und die Elementarschule (189\u2013314). Diese Analyse ist wichtig, um die Bildung Jesu zu verstehen, die keine h\u00f6here schriftgelehrte Ausbildung, aber dennoch ein gro\u00dfes Ma\u00df an biblischem Wissen und Traditionstechnik umfasste (185). Riesner zeigt, dass Jesus in seiner Lehre sowohl fr\u00fchj\u00fcdische als auch hellenistische Bez\u00fcge aufgenommen hat, wobei die alttestamentlichen Traditionen pr\u00e4gend blieben (373). Als Ergebnis h\u00e4lt der Verfasser fest: Jesus habe gem\u00e4\u00df den \u00e4ltesten Quellen keine \u201ah\u00f6here\u2018 schriftgelehrte Ausbildung besessen. Dennoch sicherten ihm das Aufwachsen und die Verwurzelung im j\u00fcdischen Milieu Galil\u00e4as ein umfangreiches biblisches Wissen sowie solide Exegese- und Traditionstechniken, so dass er sich mit kundigen Schriftgelehrten messen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dritte Kapitel \u201eDie Lehrautorit\u00e4t Jesu\u201c widmet sich dem Autorit\u00e4tsanspruch Jesu, der mit seinem Wirken als Lehrer verbunden ist (375). Riesner argumentiert, dass die h\u00e4ufige Anrede Jesu als \u201eLehrer\u201c in den Evangelien historischen Wert hat. Dass Jesus auch sich selbst als Lehrer bezeichnet habe, zeigt Riesner in der Interpretation verschiedener Stellen (Mt 26,18\/Mk 14,14\/Lk 22,13, Mt 10,24\u201325\/Lk 6,40 sowie Mt 23,8\u201310; 383\u2013391). Neben seiner Rolle als Lehrer werde Jesus auch als Prophet gesehen, der in der Tradition der alttestamentlichen Propheten stehe. So hat Jesus \u201edie Zentralgedanken seiner Verk\u00fcndigung in kurze, poetisch geformte Worte gefasst, die leicht memoriert werden konnten\u201c (419\u2013420). Besondere Aufmerksamkeit widmet Riesner den fr\u00fchj\u00fcdischen Messiaserwartungen (420\u2013465). Er kommt zu dem Schluss, dass Jesus sich als messianischen Weisheitslehrer gesehen und seinen Worten h\u00f6chste Autorit\u00e4t zugeschrieben habe. Darin lag f\u00fcr die J\u00fcngergruppe, besonders f\u00fcr den Zw\u00f6lferkreis, ein \u201eau\u00dferordentliches \u00dcberlieferungsmotiv\u201c (466).<\/p>\n\n\n\n<p>Im vierten Kapitel \u201eDie \u00d6ffentliche Lehre\u201c wird die Verk\u00fcndigung Jesu vor den Volksmengen beleuchtet. Er stellt fest, dass Jesu Wanderpredigt ein Unterscheidungsmerkmal gegen\u00fcber zeitgen\u00f6ssischen Protorabbinen darstellte (469). Jesus habe im Wesentlichen in einpr\u00e4gsamen, bildhaften und kurzen Lehrsummarien wiederholend gelehrt, wie es in Schulen des Altertums \u00fcblich war (475\u2013476). Bemerkenswert ist, dass Jesus mindestens 75% seiner Lehre auf Anh\u00e4nger konzentriert habe, w\u00e4hrend verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig Lehre sich an die ablehnende Menge oder Gegner richtete (477\u2013478). Hinsichtlich der verwendeten Sprache Jesu nimmt Riesner die j\u00fcngste Forschungsdiskussion auf, die von einer \u201etrilingualen Situation zur Zeit Jesu\u201c (Hebr\u00e4isch, Aram\u00e4isch, Griechisch) ausgeht (497\u2013498). Er postuliert, dass Jesus in Galil\u00e4a Aram\u00e4isch verwendete, in Jud\u00e4a und religi\u00f6sen Kontexten wohl Hebr\u00e4isch und im Kreis griechisch sprechender Juden in Jerusalem auch Griechisch (513). Die F\u00fclle mnemotechnischer Mittel lasse nur einen Schluss zu: \u201edass es sich um bewusst zum Behalten geformte, didaktische Stoffe handelt\u201c (529).<\/p>\n\n\n\n<p>Im f\u00fcnften Kapitel \u201eDie J\u00fcngerlehre\u201c argumentiert Riesner, der J\u00fcngerkreis Jesu stelle im Vergleich zu zeitgen\u00f6ssischen Beispielen und der nach\u00f6sterlichen Gemeinde eine \u201ein dieser Art unwiederholbare Gemeinschaft\u201c dar (548). Die Traditionsbildung sieht Riesner insbesondere in Worten an die J\u00fcnger, in der Lebensweise mit Jesus (552\u2013558) und in ausf\u00fchrlichen Meister-J\u00fcnger-Gespr\u00e4chen (559\u2013573) begr\u00fcndet. Er argumentiert, dass dieser J\u00fcngerkreis \u2013 eine weite und funktionale Definition vorausgesetzt \u2013 durchaus als \u201eSchule Jesu\u201c bezeichnet werden kann (574). Riesner h\u00e4lt mit der Mehrheit der Exegeten an der Historizit\u00e4t der Aussendung der J\u00fcnger durch Jesus fest (577). Die Aussendung sei ein entscheidendes Datum der vor\u00f6sterlichen Traditionsbildung gewesen (578), wobei das Ziel das Bewahren der Worte Jesu war. Man kann daher in der Aussendung eine Katalysatorfunktion f\u00fcr \u201eeine erste bewusstere Weitergabe von Erz\u00e4hlungen \u00fcber Jesus\u201c sehen (593).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was ist neu in der vierten Auflage?<\/em> Der Haupttext wurde um etwa 18% erweitert (von 520 auf 636 Seiten), w\u00e4hrend die Bibliographie von 79 auf 176 Seiten angewachsen ist. Riesner tr\u00e4gt eine beeindruckende F\u00fclle der deutschsprachigen, franz\u00f6sischen und angels\u00e4chsischen Literatur zusammen und referiert an entscheidenden Stellen auch die j\u00fcngsten Forschungsergebnisse. Der Gesamteindruck des Werkes ist, dass die Tradenten der \u201eWorte und Taten des Herrn\u201c durchweg ein besonderes konservierendes Interesse aufweisen und die \u00dcberlieferung insgesamt als verl\u00e4sslich einzustufen ist (vgl. Lk 1,1\u20134). Viele \u201aalten\u2018 Thesen der Formgeschichte oder eines einseitig konstruktivistischen <em>social memory approach<\/em> werden mit ausgewogenen Argumenten zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Riesners Werk zeichnet sich durch eine \u201ekritische Sympathie\u201c (Werner Georg K\u00fcmmel) gegen\u00fcber der synoptischen Tradition aus und begr\u00fcndet sachlich und \u00fcberzeugend, warum man den synoptischen Evangelien vertrauen kann. Es geh\u00f6rt zu den Verdiensten dieser Monographie, dass sie forschungsgeschichtliche Irrwege offengelegt und grunds\u00e4tzlich f\u00fcr ein Zutrauen in die synoptische Evangelien\u00fcberlieferung geworben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>Jesus als Lehrer<\/em> legt Riesner ein beeindruckendes <em>opus magnum<\/em> vor, das nicht nur die neutestamentliche Forschung zur Traditionsbildung zusammenfasst und kritisch w\u00fcrdigt, sondern auch eigenst\u00e4ndige und gut begr\u00fcndete Thesen zur Lehrautorit\u00e4t Jesu, zur fr\u00fchj\u00fcdischen Volksbildung und zur Evangelien\u00fcberlieferung darstellt. Das Werk ist ein unverzichtbarer Beitrag zur neutestamentlichen Wissenschaft und wird f\u00fcr die Frage nach dem Leben Jesu auf lange Sicht ma\u00dfgeblich bleiben. Riesners detaillierte Untersuchung der fr\u00fchj\u00fcdischen Bildungspraktiken und seiner Methoden der Traditionsbildung macht dieses Werk zu einer unverzichtbaren Ressource f\u00fcr interessierte Theologen und Historiker.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Alexander Drews, Dozent f\u00fcr Neues Testament und Praktische Theologie sowie Studienleiter, Biblisch-Theologische Akademie (BTA) Wiedenest<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rainer Riesner: Jesus als Lehrer. Fr\u00fchj\u00fcdische Volksbildung und Evangelien-\u00dcberlieferung. 4., vollst. neubearb. 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