{"id":2449,"date":"2025-04-21T13:35:12","date_gmt":"2025-04-21T13:35:12","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2449"},"modified":"2025-04-21T13:35:14","modified_gmt":"2025-04-21T13:35:14","slug":"udo-schnelle-manfred-langhg-neuer-wettstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2449","title":{"rendered":"Udo Schnelle \/ Manfred Lang(Hg.), Neuer Wettstein"},"content":{"rendered":"\n<p>Udo Schnelle \/ Manfred Lang(Hg.),<em> Neuer Wettstein. Texte zum Neuen Testament aus Griechentum und Hellenismus. Bd.\u00a0I\/1.2. Texte zum Matth\u00e4usevangelium<\/em>. <em>Teilband 2<\/em>. <em>Matth\u00e4us 11\u201328<\/em>, Berlin\/Boston: de Gruyter, 2022, geb., VIII+1169\u00a0S., \u20ac\u00a0210,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110214192\/html\">978-3-11-024744-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der vorliegende Band ist der insgesamt 6. Band des sogenannten \u203aNeuen Wettstein\u2039 (abgek\u00fcrzt NW), die seit 1996 erschienen sind, und der zweite Teilband zum Matth\u00e4usevangelium. Der erste zu Mt 1\u201310 erschien 2013. Mit knapp 1200 Seiten bringt er die Mt-Kommentierung innerhalb des \u203aNeuen Wettstein\u2039 zum Abschluss. Nun fehlen nur noch die B\u00e4nde zum lukanischen Doppelwerk, um dieses 1986 von Georg Strecker (1929\u20131994) in G\u00f6ttingen initiierte Projekt zu vollenden. Im Rahmen meiner Rezension des ersten Teilbandes zu Matth\u00e4us habe ich die Geschichte und Intention dieses Unternehmens ausf\u00fchrlich vorgestellt (s. JETh 28 [2014], 232\u2013241, https:\/\/jeth.digitheo.de\/ojs\/index.php\/jeth\/article\/view\/108805\/107363), so dass ich mich hier auf das Wesentliche beschr\u00e4nken kann. Der Namengeber f\u00fcr den \u203aNeue(n) Wettstein\u2039, der aus Basel stammende aber von dort vertriebene Johann Jakob Wettstein (1693\u20131754), ver\u00f6ffentlichte 1751\/52 eine 2-b\u00e4ndige griechische NT-Ausgabe, die umfangreiche Paralleltexte aus der gesamten antiken (einschlie\u00dflich der patristischen) Literatur anf\u00fchrte, um die neutestamentlichen Texte philologisch und historisch besser zu verstehen. Eigentlich war es seine Absicht, mit diesem weitl\u00e4ufigen Material eine zuverl\u00e4ssigere Basis f\u00fcr textkritische Entscheidungen zu treffen. Aber die neutestamentliche Textkritik entwickelte sich methodisch in der Richtung weiter, die sein Zeitgenosse und Konkurrent in textkritischen Fragen, Johann Albrecht Bengel (1687\u20131752), begr\u00fcndet hatte. Diese literarische Kontextualisierung der neutestamentlichen Schriften zugunsten einer st\u00e4rker historischen und religionsgeschichtlichen Einordnung begann in der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jh.s. An ihrem Anfang steht der Humanist Joachim Camerarius (1500\u20131574) mit seinem Werk <em>Commentarius in Novum Foedus: In quo et figurae sermonis, et verborum significatio, et orationis sententia, ad illius Foederis intelligentiam certiorem, tractantur<\/em>, das erstmals 1572 erschien. Hugo Grotius (1583\u20131645) schlie\u00dflich hat mit seinen <em>Annotationes in libros Evangeliorum<\/em> (Amsterdam 1641) dieser Kommentarmethode, die das Neue Testament unter R\u00fcckgriff auf antike Quellen erkl\u00e4rte (sog. Observationes-Literatur), ma\u00dfgeblich zum Durchbruch verholfen. Die Textausgabe von Wettstein bildet in gewisser Weise den Abschluss dieser ersten Sammelphase, die dann im 20. Jahrhundert mit dem Werk von Paul Billerbeck (das durch die Unterst\u00fctzung von H.&nbsp;L. Strack ver\u00f6ffentlicht werden konnte, darum der Name Strack-Billerbeck) einen neuen Aufschwung nahm. Das im April 2024 gestartete Projekt <em>Corpus Judaeo-Hellenisticum Novi Testamenti digital<\/em> (https:\/\/cjhnt-info.saw-leipzig.de\/de) f\u00fchrt diese Idee mit der Methodik und den M\u00f6glichkeiten des 21. Jahrhunderts weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt bietet der vorliegende Band ca. 2000 Textbelege aus der griechisch- und lateinischsprachigen Umwelt des Neuen Testaments, dazu ca. 440 Verweise auf Belege, die in den bereits vorliegenden B\u00e4nden bearbeitet wurden. In Seiten gemessen sind es genau 1033 Seiten, dazu kommen umfangreiche Anh\u00e4nge und Indices: ein Verzeichnis der Stellen der antiken Autoren, ein Stichwortregister, das \u201enoch einmal deutlich erweitert und mit weiterf\u00fchrenden Unterteilungen differenziert\u201c wurde (Vorwort S. V), sowie als Index III eine Liste, die \u00fcberblicksartig alle zu den jeweiligen Mt-Stellen genannten antiken Belege auff\u00fchrt. Das ist zun\u00e4chst einmal sehr eindrucksvoll und soll im Folgenden auch gew\u00fcrdigt werden, aber die formalen Schw\u00e4chen der \u00fcbrigen B\u00e4nde sind auch im vorliegenden beibehalten worden, was die Ben\u00fctzbarkeit unn\u00f6tig erschwert. So fehlen nicht nur Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Auswahl der gebotenen Texte, sondern auch Kontextualisierungen und Hinweise auf Verfasser, Entstehungszeit und Genre des zitierten Textes. Die sehr kurzen Einleitungen (zumeist 1\u20132 Zeilen) sind oftmals ebenso kryptisch wie die Abk\u00fcrzungen f\u00fcr Autoren und Werke. Manche Texte und Autoren werden h\u00e4ufiger zitiert, da h\u00e4tte es sich empfohlen, die Einleitungen aufeinander abzustimmen, aber das ist nicht der Fall. Das zeigt u.a. eine Cicero-Stelle, die versehentlich zweimal zitiert wird (907 und 918), aber mit unterschiedlicher Einleitung (im Register sind beide Stellen vermerkt, sp\u00e4testens da h\u00e4tte die Doppelung eigentlich auffallen k\u00f6nnen). Da f\u00fcr die Stellenangaben jeweils eine eigene Zeile reserviert wird, w\u00e4re es ein Leichtes gewesen, statt \u201eSen Herc&nbsp;F 1063\u20131081\u201c (782) zu schreiben: \u201eSeneca d. J\u00fcngere (oder: Lucius Annaeus Seneca), Hercules furens\u201c und dann als weitere Information etwa in Klammer: (lat. Trag\u00f6die, Mitte 1. Jh. n.&nbsp;Chr.). Da die Abk\u00fcrzungen nicht aufgel\u00f6st werden, wenn sie schon einmal in einem der vorigen B\u00e4nde vorgekommen sind (nur neu aufgenommene Quellenschriften werden verzeichnet, s. 1037\u20131040), braucht man Zugriff auf die fr\u00fcheren B\u00e4nde, um an die n\u00f6tigen Informationen zu kommen (etwa auch bez\u00fcglich der verwendeten Textausgaben und \u00dcbersetzungen). Auch da k\u00f6nnte den Nutzern leicht geholfen werden, indem die n\u00f6tigen Dateien auf der Projekthomepage zum Download zur Verf\u00fcgung gestellt werden: Aber wie es aussieht wird diese Seite nicht mehr aktualisiert (<a href=\"https:\/\/www.theologie.uni-halle.de\/nt\/corpus-hellenisticum\/226905_226953\/nw\/\">https:\/\/www.theologie.uni-halle.de\/nt\/corpus-hellenisticum\/226905_226953\/nw\/<\/a> [angesehen am 30.3.2025; der letzte Eintrag ist vom Februar 2018]). Es ist einfach schade, dass der Gebrauch dieses so n\u00fctzlichen Werkzeugs so unn\u00f6tig erschwert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich ist zu sagen, dass der mit Abstand am h\u00e4ufigsten genannte Autor Philo von Alexandrien ist (mit \u00fcber 5 Seiten im Register), gefolgt von Plutarch (etwas \u00fcber 2 Seiten) und Josephus (knapp 2 Seiten). Insgesamt nennt das Register 159 verschiedene Autoren oder Schriften, wobei viele nur mit einem oder zwei Eintr\u00e4gen vorkommen. Der Zeitraum, den die genannten Autoren abdecken, l\u00e4sst sich leider ohne aufw\u00e4ndige Recherchen nicht \u00fcberblicken, weil chronologische Angaben fehlen. Die Belege folgen dem Ablauf des MtEv, wobei das gebotene Material sehr unterschiedlich verteilt ist. Das zeigt die Seitenzahl, die jeweils pro Kapitel aufgewandt wird: Sie schwankt zwischen 19 Seiten (Mt 20) und 150 Seiten (Mt 27): Mt 11 (1\u201348); 12 (49\u201385); 13 (86\u2013145); 14 (146\u2013180); 15 (181\u2013213); 16 (214\u2013253); 17 (254\u2013273); 18 (274\u2013303); 19 (304\u2013340); 20 (341\u2013359); 21 (360\u2013375); 22 (376\u2013446); 23 (447\u2013543); 24 (544\u2013645); 25 (646\u2013704); 26 (705\u2013843); 27 (844\u2013993); 28 (994\u20131033). Das liegt nat\u00fcrlich daran, dass die Kapitel unterschiedlich lang sind und bei Mk-Stoff vielfach auf den Mk-Band verwiesen wird, aber es \u00fcberrascht an manchen Stellen schon, dass hier nicht mehr Material geboten wird. Grunds\u00e4tzlich gilt, dass es dem Nutzer \u00fcberlassen bleibt, den Zusammenhang zwischen der Mt-Stelle und dem Zitat herzustellen. Das ist in manchen F\u00e4llen offensichtlich, in anderen hat er sich mir nicht erschlossen. Die Mehrheit der Belege geh\u00f6rt m.&nbsp;E. in die Kategorie \u201enice to know\u201c, ohne dass dadurch der Sinn des biblischen Textes entscheidend erhellt oder ver\u00e4ndert w\u00fcrde. Sie zeigen eher, dass bestimmte sprachliche Wendungen oder kulturelle und religi\u00f6se Vorstellungen nichts Besonderes, sondern in der Mit- und Umwelt der neutestamentlichen Autoren vertraut und verbreitet waren. Die Ordnung innerhalb der Belegreihen wird ebenfalls nicht erkl\u00e4rt, dazu muss man auf Band II\/1, S. XVI\u2013XVII, zur\u00fcckgreifen. Demnach kommen zuerst die Belege aus dem hellenistischen Judentum, danach \u201edie aus der paganen Gr\u00e4zit\u00e4t\u201c und am Ende lateinische Texte. Innerhalb dieser Gruppen soll dann nach M\u00f6glichkeit chronologisch geordnet werden. Der deutsche Text ist fast \u00fcberall vorhandenen \u00dcbersetzungen entnommen und nur wo dies nicht m\u00f6glich war (z.&nbsp;B. f\u00fcr manche Texte von Aelius Aristeides, Plutarch, aber auch f\u00fcr Josephus, Antiquitates [offenbar wurde \u2013 und mit Recht \u2013 die \u00dcbersetzung von H. Clementz von 1899 nicht mehr als hinreichend angesehen]), wurden die Stellen von den Bearbeitern neu \u00fcbersetzt (insgesamt allerdings eine recht geringe Zahl). Dennoch wird weiterhin eine Reihe von \u00dcbersetzungen aus dem 19. Jahrhundert verwendet, die in ihrem Duktus nur schwer zu ertragen sind. Dazu geh\u00f6rt die \u00dcbersetzung Lukians von 1827\u20131832 durch C.&nbsp;M. Wieland (ein besonders absto\u00dfendes Beispiel auf 262). Die Quellentexte sind zumeist k\u00fcrzer als eine Seite, es gibt aber auch ein paar deutlich l\u00e4ngere. Der l\u00e4ngste Text umfasst 7 Seiten (Philo, 190\u2013196, zu Mt 15,4). Die wichtigsten Passagen oder Begriffe sind auf Griechisch oder Lateinisch in den deutschen Text integriert, was sehr hilfreich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sucht man Texte zu einem bestimmten Stichwort, dann bietet sich das Stichwortregister als Einstieg an. Es lohnt sich, es erst einmal ganz zu \u00fcberfliegen, weil Zusammenh\u00e4ngendes unter mehreren Eintr\u00e4gen zu stehen kommen kann. So gibt es beispielsweise Eintr\u00e4ge zu den Stichworten \u201eBeerdigung\u201c, \u201eBegr\u00e4bnis\u201c und \u201eBestattung\u201c \u2013 wer also etwas \u00fcber Bestattungssitten erfahren will, muss alle drei Eintr\u00e4ge durchsehen, dazu noch \u201eGrab\u201c und \u201eGrabmal\u201c. Auch \u201eAuferstehung\u201c und \u201eAuferweckung\u201c werden unterschieden, in beiden F\u00e4llen ist die Zahl der Belege sehr begrenzt. Neben \u201eGebet\u201c gibt es zus\u00e4tzlich \u201ebeten\u201c, neben \u201eDirne\u201c auch noch \u201eProstituierte\u201c, neben \u201eGei\u00dfelung\u201c auch noch \u201eAuspeitschung.\u201c Die Liste lie\u00dfe sich verl\u00e4ngern. Pharis\u00e4er gibt es keine (zumindest nicht im Stichwortregister), ebenso fehlen die Sadduz\u00e4er; daf\u00fcr gibt es viele Priester und Hohepriester, aber keine Schriftgelehrten, ebenso entt\u00e4uschend ist der Eintrag zu \u201e\u00c4lteste\u201c und Hoher Rat, Ratsversammlung, Sanhedrin \u2013 das fehlt alles. \u201eSikarier\u201c und \u201eZeloten\u201c kommen je einmal vor, dazu viele \u201eR\u00e4uber.\u201c Verlassen kann man sich auf das Register allerdings nicht, denn zu den D\u00e4monen, zu denen es wirklich spannende Texte gibt (z. B. 58\u201360) taucht gerade die genannte Stelle im Register gar nicht auf (ebenso fehlt der hilfreiche Beleg 261f.).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Aufbau folgt der Text dem Matth\u00e4ustext. Der jeweilige Vers, Versteil oder einzelne W\u00f6rter werden auf griechisch zitiert, dann folgen die Quellenbelege. Zwischen\u00fcberschriften fehlen bis auf wenige Ausnahmen ganz. Im ersten Band gab es unter solchen \u00dcberschriften eine Reihe von exkursartigen Zusammenstellungen, die auch intern noch einmal gegliedert sein konnten. Im vorliegenden Band gibt es das ebenfalls, es sind aber deutlich weniger als im ersten Teil und inhaltlich eher entt\u00e4uschend (das Folgende sind die \u00dcberschriften, wie sie im Band stehen):<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die folgenden Texte ber\u00fchren sich mit obigem Text [gemeint ist Mt 13,18\u201319] darin, dass die Mitteilung von Worten bzw. Lehre mit dem Ausstreuen von Samen verglichen werden (115f.; es handelt sich um 3 kurze Texte und einen Verweis; wozu es diese \u00dcberschrift brauchte, ist mir nicht klar)<\/li>\n\n\n\n<li>Rein\/Unrein (181, zu Mt 15,1\u201320, es folgen dann aber nur zwei Verweise)<\/li>\n\n\n\n<li>Tempelsteuer und \u201eFiscus Judaicus\u201c (266\u2013271 zu Mt 17,24)<\/li>\n\n\n\n<li>Zur Bewertung von \u201eKindsein\u201c und \u201eKindlichkeit\u201c (275\u2013280 zu Mt 18,4)<\/li>\n\n\n\n<li>Der vornehme Gastgeber erscheint versp\u00e4tet bei Tisch (397f.\u2013 zu Mt 22,11: wozu es daf\u00fcr eine eigene \u00dcberschrift braucht, wenn nur zwei kurze Belege zur Sache kommen, ist unklar; die meisten Texte ab S. 376 zu Mt 22,1\u201313 beziehen sich auf Gastm\u00e4hler und da h\u00e4tten sich andere Sortierungen angeboten; insgesamt ist es aber eine sch\u00f6ne Auswahl f\u00fcr r\u00f6mischen Tafelluxus (auch wenn darauf nicht das Interesse des Gleichnisses liegt; f\u00fcr das fehlende Festgewand des Gastes in Mt 22,11 gibt es dagegen keinen passenden Beleg)<\/li>\n\n\n\n<li>Wehklage als rhetorisches Mittel (515f., erneut nur 2 Belege zu Mt 23,33\u201339)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Interessant ist es auch zu sehen, zu welchen Aussagen nur solche aus dem fr\u00fchj\u00fcdischen Bereich angegeben werden \u2013 hier zeigt sich die Besonderheit j\u00fcdischen Glaubens und Lebens am besten. Allerdings kann man durch die Anlage des NW leider nie genau wissen, ob es keine analogen Aussagen in der griechisch-r\u00f6mischen Literatur gibt, oder ob nur keine ausgew\u00e4hlt wurden, weil eben die Auswahl und Begr\u00fcndung der Textauswahl das Geheimnis der Bearbeiter bleibt. Diese Unsicherheit bleibt auch in die andere Richtung: zu Mt 21,41 werden vier Stellen geboten, in denen die Wendung \u03ba\u03b1\u03ba\u03bf\u1f7a\u03c2 \u03ba\u03b1\u03ba\u1ff6\u03c2 vorkommt: zweimal Sophokles, eine aus Aristophanes, d.h. aus dem klassischen griechischen Theater des 5. Jh. v.&nbsp;Chr., dazu noch ein Beleg von Lukian von Samosata aus dem 2. Jh. n.&nbsp;Chr. Die Parallelen werden offenbar diesem griechischen Syntagma wegen angef\u00fchrt, da es sonst keine inhaltlichen Parallelen gibt. Die dargebotenen Stellen k\u00f6nnten zu der Annahme verf\u00fchren, dass Matth\u00e4us mit der Sprache der griechischen Theaterschriftsteller vertraut war; immerhin fehlt diese Wendung in der LXX und bei Philo (was aber nicht im NW steht: immerhin regt er an, selbst nachzusehen); sie ist aber mindestens 3-mal bei Josephus (Ant 2.300; 7.291 u. 12.256) bezeugt. Warum keine der drei hier vorkommt? Das wissen allein die Bearbeiter. Was also kann am Ende aus diesen Parallelen gewonnen werden? Die betreffende Wendung kommt bei den genannten griechischen Autoren vor \u2013 aber ob regelm\u00e4\u00dfig, ob wirklich vorwiegend in B\u00fchnentexten, ob auch bei anderen Autoren: nichts! Es gibt zudem regelrechte Entt\u00e4uschungen, etwa zu Mt 27,24 (Herodes w\u00e4scht seine H\u00e4nde in Unschuld). Da wird ein Text von Euripides angef\u00fchrt, wo zwei Menschen, die \u201enach Notwendigkeit gem\u00e4\u00df dem Gesetz\u201c get\u00f6tet werden sollen, mit Wasser gereinigt werden! \u2013 kein Wort, dass der, der das Urteil spricht, sich einem Reinigungsritus unterzieht (877). Gibt es zu diesem Text wirklich keine echte Parallele in der durchsuchten Literatur? Zu dem notorisch schwierigen Vers 27,25 werden immerhin drei Texte geboten, die eine solche kollektive Verantwortungs\u00fcbernahme in der griechischen Welt bezeugen (wobei die erste Quellenangabe \u201eAndoc Myst 98\u201c, wahrscheinlich nicht nur mich zum Suchen bringt: es geht um den athen. Rhetor Andokides, der um 440 geboren wurde, und seine Rede <em>De mysteriis<\/em>; hat man das herausgefunden und nachgeschlagen, um was es in der Rede geht, bekommt man Lust sie zu lesen\u2026 \u2013 das ist das Sch\u00f6ne an diesen B\u00e4nden: sie verf\u00fchren einen zur eigenen Lekt\u00fcre!). Man k\u00f6nnte so fast Seite f\u00fcr Seite kommentieren und w\u00fcrde best\u00e4ndig zwischen Ironie, Verwunderung, Begeisterung, Neugier und Stirnrunzeln schwanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin Hengel schrieb 2003 \u00fcber diese Methodik: \u201eDie Zusammenstellung von Zitaten zu neutestamentlichen Stellen im Stile des alten Wettstein und des \u201aCorpus Hellenisticum\u2018 reicht \u2013 trotz aller N\u00fctzlichkeit dieser Werke \u2013 nicht mehr aus.\u201c (M. Hengel, Kleine Schriften VII, T\u00fcbingen 2010, 288). Denn Hengel sah deutlich, dass angesichts der Anf\u00e4nge elektronischer Suchm\u00f6glichkeiten in antiken Quellen (konkret: die ersten Versionen des TLG), eine \u201e\u00dcberf\u00fclle\u201c von \u201esprachliche[n] Parallelen\u201c erreicht werden kann, \u201eohne die Kontexte wirklich gelesen und verstanden zu haben.\u201c Darin sah er, neben der \u201e\u00dcberf\u00fclle der Sekund\u00e4rliteratur\u201c, die zweite gro\u00dfe Gef\u00e4hrdung der theologischen Existenz (KS VII 287). Angesichts von KI-gest\u00fctzter <em>big data<\/em>-Forschung ist diese Herausforderung noch viel gr\u00f6\u00dfer geworden. Umfangreiche und eigenst\u00e4ndige Quellenlekt\u00fcre l\u00e4sst sich aber, wenn es um das eigene Verstehen geht, nicht delegieren. Es geht darum, mit solchen Ausz\u00fcgen, wie sie der NW bietet, nicht zufrieden zu sein, sondern sich durch sie verf\u00fchren zu lassen, nun eben doch den Auszug in seinem Kontext zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende bleibt als Fazit, was in \u00e4hnlicher Weise \u00fcber alle B\u00e4nde des NW gesagt werden kann: Es ist eine faszinierende Wundert\u00fcte, die Spannendes, Kurioses, Interessantes, Wichtiges und Unwichtiges in bunter Mischung bringt. Er macht Lust auf diese Texte, und das ist kein kleines Verdienst. Dass die Herausgeber einem die Arbeit mit diesen Texten nicht abnehmen, ist m\u00f6glicherweise ein p\u00e4dagogisches Konzept (immerhin wei\u00df ich jetzt, wer Andokides ist), das erst enth\u00fcllt wird, wenn einmal auch noch die B\u00e4nde zum lukanischen Doppelwerk vorliegen werden. Und vielleicht wird dann ja der Wunsch des Rezensenten nach einer vollst\u00e4ndigen Autoren-, Quellen- und Abk\u00fcrzungs\u00fcbersicht erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Roland Deines, Prorektor und Professor f\u00fcr Biblische Theologie und Antikes Judentum an der Internationalen Hochschule Liebenzell<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Udo Schnelle \/ Manfred Lang(Hg.), Neuer Wettstein. Texte zum Neuen Testament aus Griechentum und Hellenismus. Bd.\u00a0I\/1.2. Texte zum Matth\u00e4usevangelium. 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