{"id":247,"date":"2017-05-01T19:40:59","date_gmt":"2017-05-01T19:40:59","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=247"},"modified":"2017-05-01T20:32:24","modified_gmt":"2017-05-01T20:32:24","slug":"karin-oehlmann-glaube-und-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=247","title":{"rendered":"Karin Oehlmann: Glaube und Gegenwart"},"content":{"rendered":"<p>Karin Oehlmann: <em>Glaube und Gegenwart. Die Entwicklung der kirchenpolitischen Netzwerke in W\u00fcrttemberg um 1968<\/em>, AKIZ 62, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2016, geb., 461\u00a0S., \u20ac\u00a090,\u2212, <a href=\"http:\/\/www.v-r.de\/de\/glaube_und_gegenwart\/t-0\/1038164\/\">ISBN 978-3-525-55777-8<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Oehlmann_Glaube.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Man k\u00f6nnte f\u00fcrchten, die 461 Seiten umfassende Arbeit von Karin Oehlmann \u00fcber die Entwicklung kirchenpolitischer Netzwerke in der evangelischen Landeskirche in W\u00fcrttemberg w\u00fcrde eine z\u00e4he historische Darstellung sein. Sie liest sich aber spannend wie ein Kriminalroman. Es geht um die kirchenpolitischen und theologischen Auseinandersetzungen im Vorfeld und Nachgang zur Zeit der Studentenunruhen 1968. Es gelingt der Verfasserin, die vielschichtigen und komplexen Vorg\u00e4nge in klaren historischen F\u00e4den nachzuzeichnen und ein profiliertes Bild der damaligen Zeitgeschichte herauszuarbeiten. Die Studie wurde im Wintersemester 2014\/15 von der philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t K\u00f6ln als Dissertation angenommen.<\/p>\n<p>Als Rezensent m\u00f6chte ich gleich zu Beginn einr\u00e4umen, dass ich die in dem Buch genannten Akteure gr\u00f6\u00dftenteils pers\u00f6nlich gut kannte und auch in vielen der geschilderten Ereignisse als Zeitzeuge aktiv involviert war. Das macht f\u00fcr mich einerseits die Lekt\u00fcre besonders spannend, andererseits bem\u00fche ich mich desto mehr, objektiv die Darstellung von Frau Oehlmann zu lesen und fair zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Insgesamt bewegt sich Karin Oehlmann \u00fcber ein Minenfeld, weil die Situation um 1968 h\u00f6chst emotionalisiert war und viele Vorg\u00e4nge bis heute umstritten sind. Desto mehr ist anzuerkennen, dass sie mit gro\u00dfer Akribie solide Quellenstudien betrieben hat, Interviews mit beteiligten Zeitzeugen f\u00fchrte und eine sachliche Aufarbeitung der geschichtlichen Abl\u00e4ufe pr\u00e4sentiert. Es ist ihr Verdienst, im Blick auf eine kirchengeschichtlich brisante \u00c4ra Widerspr\u00fcche und Debatten aufzuzeigen, die zum gro\u00dfen Teil bis heute relevant sind. Gelegentlich merkt man an einzelnen Bemerkungen, wie z.B. wertenden Adjektiven etc., welche Position die Autorin selbst einnimmt. Aber sie wahrt durchg\u00e4ngig die n\u00f6tige kritische Distanz zu den damals konstituierten Netzwerken. Diese sind bis heute gr\u00f6\u00dftenteils aktiv. Karin Oehlmanns Bem\u00fchen um Objektivit\u00e4t ist hoch anzuerkennen und macht die Arbeit zu einer verl\u00e4sslichen Quelle f\u00fcr weitere geschichtliche Forschungen im Blick auf die umstrittene Zeit der 68er. Gerade weil die Phase um 1968, sowohl politisch als auch kirchengeschichtlich zu vielf\u00e4ltigen Kontroversen Anlass gab, lieferten die Auseinandersetzungen viel Stoff zur Mythenbildung. Insofern handelt es sich bei der Studie auch um ein gelungenes Projekt der Entmythologisierung neuerer Kirchengeschichte.<\/p>\n<p>Die Studie ist \u00fcbersichtlich gegliedert und folgt im Wesentlichen den historischen Abl\u00e4ufen, die allerdings in gr\u00f6\u00dferen Themenkomplexen zusammengefasst werden. Schwerpunkte sind vor allem die Entstehung landeskirchlicher Netzwerke seitens des Pietismus sowie der liberalen und politisch orientierten Gruppierungen in W\u00fcrttemberg. Besondere Beachtung findet die spezifische Situation vor den relevanten Synodalwahlen 1965 und 1971, die aufgrund des Urwahlprinzips in W\u00fcrttemberg immer eine besonders herausragende Bedeutung f\u00fcr die Wahrnehmung der kirchlichen Situation hatten. So er\u00f6rtert Oehlmann die Vorgeschichte der Ludwig-Hofacker-Vereinigung im Zusammenhang der Evangelischen Lehrergemeinschaft in W\u00fcrttemberg und die Gr\u00fcndung der \u201eEvangelisch-kirchlichen Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr biblisches Christentum\u201c. Weitere Themen sind die Geschichte der Evangelischen Bekenntnisgemeinschaft in W\u00fcrttemberg von 1945 bis 1965 sowie die sogenannte \u201eau\u00dfersynodale Opposition\u201c in Gestalt der Offenen Kirche. Hinsichtlich der 7. Legislaturperiode der W\u00fcrttembergischen Landeskirche wird die strukturelle Ausdifferenzierung der Gruppen dargestellt, sowie die Anliegen der \u201ekritischen Kirche\u201c, die sich als Repr\u00e4sentant des progressiven Protestes verstand.<\/p>\n<p>In diese institutionellen Entwicklungen hineinverwoben sind die gro\u00dfen theologischen Auseinandersetzungen im Streit um das Konzept der Entmythologisierung bei Rudolf Bultmann sowie Fragen der Kirchenreform und Gesellschaftsdiakonie. Weitere Schwerpunkte bildet die Auseinandersetzung um die Theologinnenordnung im Blick auf die Einf\u00fchrung der Frauenordination. Sodann werden die umfangreichen Konflikte in der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung des Kirchentages 1969 in Stuttgart geschildert. Dabei treten auch die Unterschiede zwischen der w\u00fcrttembergischen Ludwig-Hofacker-Vereinigung sowie dem sogenannten \u201eFellbacher Kreis\u201c im Gegen\u00fcber zur Bekenntnisbewegung \u201eKein anderes Evangelium\u201c deutlich zutage. Kritische Themen sind weiterhin der R\u00fccktritt des Synodalpr\u00e4sidenten Oskar Klumpp, der Fall der Vikarin Regula Rothschuh, die Esslinger Vikarskonferenz und schlie\u00dflich die inhaltlichen Schwerpunkte des Synodalwahlkampfes 1970\/71.<\/p>\n<p>Aus der umfangreichen F\u00fclle des Stoffes seien hier exemplarisch noch einige Schwerpunkte in der Entwicklung benannt:<\/p>\n<p>1. Die Bultmann-Krise und die Entstehung der Ludwig-Hofacker-Vereinigung: Angesichts des physischen und des moralischen Desasters, das das Dritte Reich auch in der Kirche angerichtet hatte, brachen alte theologische Konflikte im Landeskirchentag (der damaligen Landessynode) erneut auf. Seitens der schw\u00e4bischen Pietisten erwies sich die Evangelische Lehrergemeinschaft als eine wichtige Institution, die bereits seit 1835 aktiv war und die um 1890 ca. 600 Mitglieder umfasste. Sie diente zum einen \u201eder evangelischen Zur\u00fcstung und Erbauung\u201c in der Lehrerschaft. Die Mitglieder \u00fcbernahmen zum anderen die Aufgabe, den \u201echristlichen Standpunkt mannhaft und charakterfest\u201c zu verteidigen.<\/p>\n<p>1947 erschien der Vortrag des Marburger Neutestamentlers Rudolf Bultmann \u00fcber die Entmythologisierung und die damit verbundene existentiale Interpretation des Neuen Testaments im Druck. Der Beitrag Bultmanns entfaltete erst in der Nachkriegszeit seine eigentliche Wirkung. Julius Beck, der 1946 die Evangelische Lehrergemeinschaft wieder neu gegr\u00fcndet hatte, griff in die Diskussion ein und kritisierte Bultmanns Programm als Aufl\u00f6sung der biblischen Heilsgeschichte. Der Essener Pfarrer Wilhelm Busch unterstrich in seiner Zeitschrift \u201eLicht und Leben\u201c vehement diese Kritik. Da die Auseinandersetzung um Bultmann schon damals weite Gemeindekreise erfasste und von den Repr\u00e4sentanten der w\u00fcrttembergischen Gemeinschaftsverb\u00e4nde aufgegriffen wurde, sah sich der Oberkirchenrat in Stuttgart unter Leitung von Bischof Martin Haug gen\u00f6tigt, gegen die Position Bultmanns \u00f6ffentlich Stellung zu beziehen. Damit entwickelte sich die hermeneutische Frage zum zentralen Thema des theologischen Streits. In diesem Zusammenhang war die von Beck und seinen Freunden gegr\u00fcndete \u201eEvangelisch-kirchliche Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr biblisches Christentum\u201c ein wichtiges Netzwerk, das seit den fr\u00fchen 50er Jahren bis zur Gr\u00fcndung des Albrecht-Bengel-Hauses 1970 die Ausbildung von Theologiestudenten zu einem Kernanliegen des w\u00fcrttembergischen Pietismus machte. Die evangelisch-theologische Fakult\u00e4t in T\u00fcbingen \u00fcberreichte am 11. M\u00e4rz 1952 dem Landeskirchentag eine Denkschrift mit dem Titel \u201eF\u00fcr und wider die Theologie Bultmanns\u201c.<\/p>\n<p>2. Die Bedeutung der Landessynode und der Streit um den Stuttgarter Kirchentag 1969: Die theologische Debatte spiegelte sich 1965 in diversen Gespr\u00e4chskreisen innerhalb der Landessynode wider. Zun\u00e4chst ging es um die Vorbereitung eines kontroversen Kirchentages, der 1969 in Stuttgart unter dem Stichwort \u201eStreit um Jesus\u201c stattgefunden hat. Die theologischen Kontroverspunkte verschr\u00e4nkten sich mit den Zielsetzungen der konkurrierenden Synodalgruppen, die im Laufe des Wahlkampfes 1970\/71 an Profil gewannen.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich der Verhandlungen um die Gestaltung des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Stuttgart positionierte sich einerseits der w\u00fcrttembergische Pietismus \u2013 vertreten durch die Ludwig-Hofacker-Vereinigung in Verbindung mit dem Gnadauer Verband und der 1966 gegr\u00fcndeten Bekenntnisbewegung \u201eKein anderes Evangelium\u201c \u2013 im Gegen\u00fcber zu der gastgebenden Landeskirche und dem Kirchentagspr\u00e4sidium. Dabei zeigte sich, dass zwischen den w\u00fcrttembergischen Pietisten und der westf\u00e4lischen Bekenntnisbewegung deutliche kirchenpolitische Unterschiede erkennbar wurden.<\/p>\n<p>3. Fazit: Die historisch-wissenschaftliche Studie von Karin Oehlmann erweist, wie leidenschaftlich in den 50er und 60er Jahren um die Wahrheit des Evangeliums gerungen wurde. Der Kampf fand seinen Niederschlag in der Gr\u00fcndung von kirchenpolitischen Netzwerken, die bis heute die gesamtkirchliche Lage bestimmen. Allerdings \u2013 und dieser Unterschied ist un\u00fcbersehbar \u2013 wird die Debatte angesichts der gegenw\u00e4rtigen Sehnsucht nach Harmonie und der \u201epostfaktischen Relativierungen\u201c der Wahrheitsfrage l\u00e4ngst nicht mehr mit der Sch\u00e4rfe jener Jahre gef\u00fchrt. Diesen Hintergrund auszuleuchten und verst\u00e4ndlich zu machen, ist ein wesentliches Verdienst der von Karin Oehlmann vorgelegten Studie.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Rolf Hille, Honorarprofessor an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karin Oehlmann: Glaube und Gegenwart. Die Entwicklung der kirchenpolitischen Netzwerke in W\u00fcrttemberg um 1968, AKIZ 62, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht,<\/p>\n","protected":false},"author":25,"featured_media":249,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-247","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/25"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=247"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":250,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions\/250"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/249"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}