{"id":2492,"date":"2025-04-21T14:41:19","date_gmt":"2025-04-21T14:41:19","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2492"},"modified":"2025-04-21T14:41:19","modified_gmt":"2025-04-21T14:41:19","slug":"juergen-boomgaarden-aus-gottes-hand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2492","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Boomgaarden: Aus Gottes Hand"},"content":{"rendered":"\n<p>J\u00fcrgen Boomgaarden: <em>Aus Gottes Hand. Der Status des menschlichen Embryos aus evangelischer Sicht, <\/em>G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2019, geb., 235 S., \u20ac 79,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/systematische-theologie-religionsphilosophie\/27637\/aus-gottes-hand?srsltid=AfmBOoqm1X0RgBdFeHqMoSfl0yhc_fYEmsV-9atr_cKULZCG4sFYXNFk\">978-3-525-57072-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Um den Jahreswechsel 2024\/25 wurde ein Gesetzesentwurf zur Neuregelung des Schwangerschaftsabbruch-Paragrafen breit diskutiert. Auch der Rat der EKD hat sich positioniert und den Gesetzesentwurf im Grundsatz bejaht. Vor diesem Hintergrund habe ich Boomgaardens Studie gelesen, um eine theologische Einsch\u00e4tzung der Embryonenstatusfrage zu bekommen. Denn das ist ja die Gretchenfrage der Abtreibungsdebatten: Ab wann ist das ungeborene menschliche Leben eine sch\u00fctzenswerte Person?<\/p>\n\n\n\n<p>Boomgaarden ist Professor f\u00fcr Systematische Theologie in Koblenz. Bei der Lekt\u00fcre seines Buches darf nicht \u00fcbersehen werden, dass er nur \u00fcber Embryonen redet, nicht \u00fcber F\u00f6ten. Seine Schl\u00fcsse betreffen nur das fr\u00fche ungeborene Leben bis etwa zur achten Schwangerschaftswoche.<\/p>\n\n\n\n<p>Boomgaarden entfaltet \u201ekonservative\u201c und \u201eliberale\u201c Argumente, indem er deren Berechtigungen und Probleme aufzeigt. \u201eKonservativ\u201c hei\u00dft hier, den Embryo m\u00f6glichst fr\u00fch oder gar von Anfang an als sch\u00fctzenswerte Person zu begreifen und \u201eliberal\u201c, dieses m\u00f6glichst sp\u00e4t oder gar nicht zu tun. Boomgaarden will hier nicht einseitig Partei ergreifen, sondern eine evangelische Position im Sinne einer zeitgem\u00e4\u00dfen Theologie und Ethik darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Embryonenstatusfrage kommt er zu dem Schluss, dass der Beginn des menschlichen Daseins keinen exakten Anfang hat, sondern in eine Lebensbewegung, eine flie\u00dfende Entwicklung, eine Gestaltwerdung ausgedehnt ist. Nicht jeder menschliche Embryo sei folglich eine sch\u00fctzenswerte Person. Der fr\u00fche Embryo sei noch kein eigentlicher Mensch, sondern nur Mensch \u201ein seinem M\u00f6glichkeitshorizont\u201c (59).<\/p>\n\n\n\n<p>Im 2. Kapitel und dar\u00fcber hinaus diskutiert Boomgaarden die vielfach genannten Zeitpunkte, ab wann ein Embryo eine Person sei, allen voran die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Er r\u00e4umt ein, dass der mit der Verschmelzung entstandene Embryo ein weder der Mutter noch dem Vater zugeordnetes Zellgebilde und damit etwas Neues ist. Dieses aber zum Beginn der Personw\u00fcrde zu nehmen, w\u00e4re f\u00fcr ihn willk\u00fcrlich, gar biologistisch: \u201eDer Verschmelzungsakt er\u00f6ffnet eher den Horizont personalen Werdens\u201c (162).<\/p>\n\n\n\n<p>Im 4. Kapitel entwirft Boomgaarden \u201eeine systematische Theologie des ungeborenen menschlichen Lebens\u201c (151). Evangelische Theologie kann f\u00fcr ihn nicht auf eine g\u00f6ttliche Offenbarung zum vorgeburtlichen Leben zur\u00fcckgreifen, sondern interpretiert vom Offenbarungsgeschehen her die biologischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Deshalb gibt es f\u00fcr ihn in der Embryonenstatusfrage keine absolut g\u00fcltige Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Theologisch steht f\u00fcr Boomgaarden fest, dass Gott seine Gnade nicht an eine bestimmte Qualit\u00e4t menschlichen Daseins bindet, sondern jede Person von Anfang an liebt. Aber wann und unter welchen Umst\u00e4nden ist der Embryo eine unbedingt von Gott geliebte und sch\u00fctzenswerte Person? Boomgaarden kommt zu dem Ergebnis, dass dar\u00fcber letztlich die Mutter entscheidet. Das entspreche dem evangelischen Freiheitsverst\u00e4ndnis, zu dem auch geh\u00f6re, dass Liebe zum Ungeborenen nicht eingefordert werden k\u00f6nne, sondern Teil einer freien Entscheidung bleiben m\u00fcsse. Christen h\u00e4tten aber zur Liebe und zum Schutz des Lebens von Anfang an zu ermutigen. Ob eine Abtreibung moralisch vertretbar sei, k\u00f6nne nicht generell gekl\u00e4rt werden, sondern nur im Einzelfall: \u201eDass Gott das Leben einer im Mutterleib heranwachsenden Kindesperson will und von daher eine Abtreibung nicht dem Willen Gottes entspricht, ist als grunds\u00e4tzliche Orientierung festzuhalten, aber doch nicht in jedem konkreten Fall wahr\u201c (173).<\/p>\n\n\n\n<p>Theologisch gehe es darum, dass die Eltern mit der Wahrnehmung der Schwangerschaft das in der Mutter heranwachsende Leben als eine von Gott geschaffene und geliebte Person anerkennen und annehmen. Andere Eltern m\u00f6gen in ihrem Embryo keine Person sehen und sich deshalb f\u00fcr eine Abtreibung aussprechen. Ein Schwangerschaftsabbruch k\u00f6nne auch Ausdruck einer lebendigen Gottesbeziehung sein, denn entscheidend sei, wie sich Gottes Wille f\u00fcr die jeweilige Situation erschlie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer aber den eigenen Embryo als Kind annimmt, versteht es als eine Person, die schon vorher da war und im R\u00fcckblick der Eltern mit dem Liebesakt und der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entstanden ist. Die g\u00f6ttliche Annahme des ungeborenen Lebens erfolgt f\u00fcr Boomgaarden durch die menschliche Annahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er den Blick der Mutter auf das Ungeborene f\u00fcr zentral h\u00e4lt, \u00e4u\u00dfert sich im Buch immer wieder in spezifischen Satzkonstruktionen wie: \u201eDie Natur erzeugt keine menschlichen Personen, die uns dann Gott reicht, sondern von ihm her zeigt sich uns das werdende menschliche Wesen als Person\u201c (153). Oder: \u201eDass der Mensch in seinen fr\u00fchesten Lebensstadien durch Gott angenommen ist, h\u00e4ngt nicht davon ab, ob die Natur oder andere Menschen ihm eine weitere Entwicklung erm\u00f6glichen, aber l\u00e4sst sich auch nicht zu der theoretischen Erkenntnis abstrahieren, dass jede fr\u00fcheste menschliche Lebensstufe ein von Gott angenommener Mensch sei\u201c (163). Und: \u201eMit dem Embryo allein, mit seiner biologischen Tatsache, hat Gott weder schon eine Person geschaffen noch manifestiert sich mit ihm der eindeutige Wille Gottes, personales Leben zu schaffen, auch wenn mit dem embryonalen Leben schon fr\u00fch eine personale Beziehung entstehen kann, es schon Person sein kann\u201c (179). Boomgaarden gibt zu, dass seine Ausf\u00fchrungen zur Personentstehung paradox sind. Diese Paradoxie h\u00e4lt er aber f\u00fcr stimmig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das 2019 ver\u00f6ffentlichte Buch ber\u00fccksichtigt nicht die gegenw\u00e4rtige Diskussion, kann aber als Unterst\u00fctzung der Stellungnahme der EKD zur Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs gelesen werden. Boomgaarden will kein strafbewehrtes Abtreibungsverbot, h\u00e4lt aber wie die EKD eine Schwangerschaftskonfliktberatung f\u00fcr unabdingbar. Denn die viel kritisierte Beratungsl\u00f6sung tr\u00e4gt beidem Rechnung: Das werdende Kind lebt von seiner freien Annahme durch die Mutter und ist zugleich als menschliches Leben selbst unbedingt sch\u00fctzenswert. Und um auf den Unterschied von Embryo und F\u00f6tus zur\u00fcckzukommen: Wenn ich Boomgaardens Ausf\u00fchrungen weiterdenke, kann die Abtreibung eines F\u00f6tus auch f\u00fcr ihn nicht mehr vertretbar sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin f\u00fcr Boomgaardens Studie dankbar, weil sie viele Aspekte zusammentr\u00e4gt und Hintergrundwissen liefert, was sonst in den Debatten oft unterbleibt. \u00dcbrigens geht er auch auf In-Vitro-Fertilisation ein. Aber das, was Boomgaarden selbst Paradoxie nennt, l\u00e4sst mir keine Ruhe: Einerseits die Aussage, dass Gott den ungeborenen Menschen von Anfang an annimmt. Und andererseits das Zugest\u00e4ndnis, dass Menschen dar\u00fcber befinden, ob ein Embryo eine Person ist oder nicht. Diese Widerspr\u00fcchlichkeit kann ich f\u00fcr mich nicht aufl\u00f6sen. Offensichtlich steht mir in der Embryonenstatusfrage die katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) n\u00e4her. In Form einer Kritik am besagten Gesetzesentwurf hat sich die DBK gegen die \u201eAnnahme eines abgestuften Lebensrechts\u201c und f\u00fcr \u201edas vollg\u00fcltige Lebensrecht des Kindes von Anfang an\u201c ausgesprochen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Gerhard Gronauer, Theologischer Referent der Regionalbisch\u00f6fin im Kirchenkreis Ansbach-W\u00fcrzburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Boomgaarden: Aus Gottes Hand. 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