{"id":2495,"date":"2025-04-21T14:43:03","date_gmt":"2025-04-21T14:43:03","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2495"},"modified":"2025-10-06T09:23:51","modified_gmt":"2025-10-06T09:23:51","slug":"jordan-b-peterson-gott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2495","title":{"rendered":"Jordan B. Peterson: Gott"},"content":{"rendered":"\n<p>Jordan B. Peterson: <em>Gott. Das Ringen mit einem, der \u00fcber allem steht,<\/em> Basel: Fontis, 2024, geb., 651 S., \u20ac 19,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.fontis-shop.ch\/products\/gott-das-ringen-mit-einem-der-uber-allem-steht?queryID=ad4bb49d70e29347dee528c33963faa3\">978-3-03848-294-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Noch im selben Jahr wie das englische Original des Bestsellers von Jordan B. Peterson:<em> We Who Wrestle With God. Perceptions of the Divine<\/em>, London: Penguin, 2024, erschien beim Schweizer Verlag <em>Fontis<\/em> die deutsche \u00dcbersetzung. Wer denkt, in einer postchristlichen Welt interessiert man sich nicht mehr f\u00fcr Gott oder die Bibel, liegt definitiv falsch. In seinem neuesten Werk pr\u00e4sentiert Jordan B. Peterson eine psychologische Auslegung ausgew\u00e4hlter biblischer Erz\u00e4hlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor Jordan B. Peterson ist klinischer Psychologe und emeritierter Professor f\u00fcr Psychologie an der Universit\u00e4t von Toronto. Weltweit bekannt wurde er jedoch f\u00fcr seine kulturkritischen Aussagen gegen\u00fcber Transgenderrechten. Auch bekannt ist er als Bestseller-Autor des Buchs <em>12 Rules for Life. An Antidote to Chaos<\/em>, Toronto: Random House, 2018, welches vorwiegend praktische Tipps zur Selbstoptimierung bietet. Er hat Millionen von Followern und wird vielfach gelobt und kritisiert f\u00fcr seine konservativ-liberale Positionen zu Politik und Redefreiheit. Doch Peterson ist noch mehr. Er ist begeistert von antiken Texten und besonders von der Bibel, welche weit mehr aussage als viele meinen. Mit diesem neuesten Buch stellt er die Bibel zum ersten Mal auf seine gro\u00dfe B\u00fchne. Was vielen durch seine biblischen Auslegungsvorlesungen \u201eBiblical Series\u201c auf YouTube und DailyWire+ bereits bekannt ist, dem wird hier in Druckform gro\u00dfen Raum gegeben. Doch was hat ein Psychologe, der sich eher als Agnostiker einordnen l\u00e4sst, auf \u00fcber 600 Seiten \u00fcber Gott und die Bibel zu sagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Werk ist eine Art Kommentar zu Teilen der Bibel. Nach einer l\u00e4ngeren Einleitung, die beispielsweise auch begr\u00fcndet, warum Peterson der Bibel \u00fcberhaupt ein so gro\u00dfes Gewicht beimessen kann und will, geht er auf diverse Erz\u00e4hltexte der Bibel ein. Er analysiert aus seinem Blickwinkel den biblischen Bericht \u00fcber den Anfang dieser Welt (Kapitel 1), die Geschichte von dem S\u00fcndenfall (Kapitel 2), dem m\u00f6rderischen Konflikt zwischen Kain und Abel (Kapitel 3), die Sintflut (Kapitel 4), den Turm von Babel (Kapitel 5), die Lebensgeschichte von Abraham (Kapitel 6) und schlie\u00dflich die Geschichten von Mose (Kapitel 7 und 8) und Jona (Kapitel 9). Doch dies tut Peterson nicht mit einer klassischen, historisch-kritischen Brille, wie man es aus dem akademischen Raum erwarten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als klinischer Psychologe legt Peterson die Bibel psychologisch aus. Das hei\u00dft in seinem Fall, dass er die Jung\u2019sche Archetypenlehre und das kollektive Unterbewusstsein direkt mit den biblischen Schriften verbindet und sie aus diesem Blickwinkel versteht. Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung befasste sich stark mit der Traumwelt seiner Patienten und entdeckte einige Gemeinsamkeiten. Er postulierte eine im Mensch innewohnende Gemeinsamkeit von Idealen und Handlungsfeldern. Somit erkl\u00e4ren sich nach Peterson \u00c4hnlichkeiten zwischen verschiedenen Religionen, Mythen und Geschichten weniger dadurch, dass Geschichten abgeschrieben wurden, sondern vielmehr dadurch, dass die Moral der Geschichte als Archetyp im Menschen intrinsisch vorhanden sei. Weiter vertritt Peterson die Ansicht, dass der Mensch genau diese Geschichten braucht, um moralische Entscheidungen zu treffen, die f\u00fcr ihn so wichtig sind. Wie wichtig Mythen und Geschichten auch f\u00fcr den heutigen Westen sind, zeigt Peterson nicht zuletzt mit seinen Auslegungsvorlesungen zu den Kinderfilmen <em>Pinocchio<\/em> und <em>K\u00f6nig der L\u00f6wen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch sei also nicht nur biologische Masse, er besitze auch einen psychologischen oder seelischen Teil. Mythen, und insbesondere Geschichten aus der Bibel, helfen laut Peterson den Menschen, sich selbst besser zu verstehen und in den Kontext anderer Menschen und einer Transzendenz zu stellen. Dieser Transzendenz, die Peterson oft den Gott der Bibel nennt, seien wir Menschen untertan. Der Autor vertritt dabei eine objektive Moral. Auch wenn sich Ethik seiner Ansicht nach evolution\u00e4r entwickelt, sei sie in der Psyche des Menschen angelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Beispiel daf\u00fcr nennt Peterson die S\u00fcnde durch Mord bei Kain und Abel (223; 591). Die Tat sei damals genauso falsch gewesen wie heute, das eigene Gewissen klage den S\u00fcnder an. Jedoch h\u00e4tten wir heute zu Recht h\u00e4rtere Konsequenzen f\u00fcr diese Tat erarbeitet. F\u00fcr Peterson hat nun diese Geschichte eher einen symbolischen und moralischen Wert. Die biblischen Geschichten legt Peterson gr\u00f6\u00dftenteils symbolisch aus und sieht in ihnen nur eine geringe historische Komponente.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Beispiel f\u00fcr seine psychologische Auslegung, wie man sie im deutschsprachigen Raum bisher u.&nbsp;a. von Eugen Drewermann (*1940) kennt, ist die Untersuchung der Sintflut. Peterson schreibt: \u201eWir alle tun im Laufe unseres Lebens das, wozu Noah aufgefordert wird\u201c (236). Die Sintflut ist f\u00fcr Peterson aus naturwissenschaftlicher Perspektive vermutlich nicht historisch, auch wenn er dies nicht explizit formuliert. Die Arche beispielsweise sieht er nicht als ein aus Holz gebautes Boot, sie stehe symbolisch f\u00fcr eine durch Integrit\u00e4t gest\u00e4rkte Psyche (593). Noah und seine Aufgabe seien f\u00fcr jeden Menschen wichtig, denn jeder sollte in seiner chaotischen Welt seinen Beitrag dazu leisten, dass das Chaos durch gute Taten abgewendet wird (s.&nbsp;a. 220, 223).<\/p>\n\n\n\n<p>Peterson hat viele spannende Anekdoten, naturwissenschaftliche und tiefenpsychologische Erkenntnisse in die Auslegung der biblischen Geschichten hineingeflochten. Er misst der christlichen, objektiven Moral einen hohen Wert zu und k\u00e4mpft gegen einen reinen Naturalismus, was aus biblisch-theologischer Sicht durchaus zu begr\u00fc\u00dfen ist. Erkenntnisreich sind auch seine psychologischen Anmerkungen zu den biblischen Texten, die er oft direkt auf den Leser anwenden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber allem jedoch scheinen mir Petersons Denkrahmen und Pr\u00e4missen vorbelastet zu sein. Wenn er seine philosophischen und theologischen Ausf\u00fchrungen vortr\u00e4gt, scheint mir dies nicht im Sinne und Geiste der Bibel zu geschehen. Seine Auslegungen sind packend und nachvollziehbar, doch legt er die Texte so aus, wie sie urspr\u00fcnglich verstanden werden wollten? Sein Denkrahmen, Weltbild und Menschenbild haben viele \u00c4hnlichkeiten mit dem Christentum, jedoch scheint mir seine Hermeneutik weit entfernt von einer biblisch erneuerten Theologie: Welchen Mehrwert hat eine biblische Geschichte wie beispielsweise die Sintflut, wenn sie <em>nur<\/em> eine psychologische Komponente hat? Warum ist dann ausgerechnet die Bibel wichtig? Mythen und Geschichten von einer Flut findet man in fast allen Kulturen. Zudem wird bei Petersons Hermeneutik nicht klar, ob er die Bibel nur hintergr\u00fcndig psychologisch auslegt, oder ihr vordergr\u00fcndig auch einen grunds\u00e4tzlichen Literalsinn zugesteht. Weitere Bedenken habe ich bei seinem Gottesbild. Steht Gott f\u00fcr ihn wirklich \u00fcber allem und insofern auch au\u00dferhalb des Menschen? Peterson leitet den Menschen nicht dazu an, Kraft und Hilfe zur \u00dcberwindung von S\u00fcnde, oder in seinen Worten zur Verbesserung seines Selbst, von Gott zu bekommen. Die M\u00f6glichkeit dazu besitzt der Mensch offenbar in sich selbst. Damit \u00e4hnelt sein Gottesbild eher dem der Gnosis oder des Pantheismus. Laut Peterson kann man sich von seinem anklagendes Gewissen selbst befreien, indem man mit sich selbst und mit seinem Umfeld in Einklang kommt. Dabei wird jedoch die Verantwortung dem gegen\u00fcber vernachl\u00e4ssigt, der wirklich \u00fcber allem steht, der Sch\u00f6pfer von Himmel und Universum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch bietet eine spannende Re-Lekt\u00fcre zur Bibel und gibt interessante Einsichten, die den christlichen Leser sicherlich herausfordern werden. Diese Herausforderung darf und sollte man gerade bei Peterson annehmen, weil er einerseits ein so breites und gro\u00dfes Publikum anspricht und andererseits nebst Abweichungen durchaus \u00c4hnlichkeiten zum christlich-biblischen Weltbild zeigt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Joshua Ganz, Pastor und Armeeseelsorger, Winterthur, Schweiz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jordan B. Peterson: Gott. 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