{"id":2498,"date":"2025-04-21T14:44:30","date_gmt":"2025-04-21T14:44:30","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2498"},"modified":"2025-04-21T14:57:11","modified_gmt":"2025-04-21T14:57:11","slug":"ottmar-fuchs-nichts-ist-unmoeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2498","title":{"rendered":"Ottmar Fuchs: Nichts ist unm\u00f6glich"},"content":{"rendered":"\n<p>Ottmar Fuchs: <em>Nichts ist unm\u00f6glich. Gott! Aspekte einer postkolonialen Bibelhermeneutik,<\/em> W\u00fcrzburg: Echter, 2023, kt., 248 S., \u20ac 19, \u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.echter.de\/Nichts-ist-unmoeglich-Gott\/books\/niisu436334\/\">978-3-429-05849-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der japanische Autohersteller Toyota hat in den 1990ern mit seinem Werbeclip \u201eNichts ist unm\u00f6glich\u201c einen gro\u00dfen Erfolg gelandet. \u00c4hnlich formuliert bereits viele Jahrhunderte fr\u00fcher ein weiser Rabbi aus Nazareth: \u201eF\u00fcr Menschen ist das unm\u00f6glich, aber nicht f\u00fcr Gott; denn f\u00fcr Gott ist alles m\u00f6glich\u201c (Mk 10,27). Autor Ottmar Fuchs findet in diesen Worten Gottes absolute Unermesslichkeit. Den Werbeslogan w\u00e4hlt er also bewusst als Titel, um Gott f\u00fcr seine Sache zur\u00fcckzugewinnen. Sein Anliegen: Eine notwendige und postkoloniale Transformation in Religionen. Der Untertitel definiert weiter: Die Monografie ist ein Weckruf, Aspekte postkolonialer Hermeneutik ernst zu nehmen und umzusetzen. Sie versteht sich als ein Grundlagenwerk, welches in die postkoloniale Hermeneutik einf\u00fchren will.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor Ottmar Fuchs (geb. 1945) war von 1998 bis zu seiner Emeritierung 2014 als Professor f\u00fcr Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t T\u00fcbingen t\u00e4tig. Fuchs wurde bekannt durch seine Kritik am Z\u00f6libat, am Verbot des Priesteramts f\u00fcr Frauen, am Ausschluss nicht-katholischer Christen von der Eucharistiefeier und an der Verweigerung einer kirchlichen Segnung homosexueller Paare.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist eine grunds\u00e4tzliche postkoloniale Kritik an der Rezeption der Bibel und gar an der Bibel selbst. Doch was ist postkolonial? Postkolonial bezeichnet allgemein einen theoretischen und kulturellen Ansatz, der sich mit den Auswirkungen und Nachwirkungen des Kolonialismus auf Gesellschaften, Kulturen, Identit\u00e4ten und Machtverh\u00e4ltnisse besch\u00e4ftigt. Es bezieht sich dabei nicht nur auf die historische Phase nach dem Ende der Kolonialherrschaft, sondern auch auf die Art und Weise, wie koloniale Strukturen und Denkweisen weiterhin in der Gegenwart pr\u00e4sent sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Speziell hier meint postkolonial auch Befreiung \u2013 Befreiung von N\u00f6tigung und Religion (9). Die Kirche ist f\u00fcr Fuchs, wie andere religi\u00f6se Institutionen auch, oft als Begrenzung wahrgenommen worden. Das Heil gibt es f\u00fcr alle, die sich innerhalb der Grenze, innerhalb der kirchlichen Schranken befinden. Doch laut Fuchs gibt es noch \u201eAnteile in den Religionen, wie etwa in den mystischen Traditionen, in denen Gott so [\u2026] unermesslich wahrgenommen wird, dass alle Menschen [\u2026] von Liebe und Freiheit profitieren\u201c (9). Und so hei\u00dft die Leitfrage seines Buchs: Kann die Gottesbeziehung selbst zum Raum permanenter Entgrenzung des s\u00e4kularen und religi\u00f6sen Heils werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch gliedert sich in vier Teile. Fuchs zeigt in der Einleitung, wie die Bibel imperialistische und ungerechte Texte enthalte, die kritisch betrachtet werden m\u00fcssten. Er pl\u00e4diert daf\u00fcr, diese Passagen in ihrer kolonialen und patriarchalen Wirkungsgeschichte offenzulegen. Im ersten Hauptteil verortet Fuchs postkoloniale Perspektiven in der aktuellen Antisemitismusdebatte. Fuchs fordert eine Sichtweise, welche die tief verankerten kolonialen Denkweisen in Theologie und Kirche hinterfragt. Im zweiten Hauptteil beschreibt er Gott im Alten und Neuen Testament als ambivalent und gewaltt\u00e4tig. Er greift zudem die Frage nach der Existenz der H\u00f6lle auf und diskutiert sie im Licht der postkolonialen Hermeneutik. Im letzten Teil hebt der Autor die Bedeutung von Freiheit und die transformative Kraft hervor, sich von Gott bedingungslos lieben zu lassen. Dies versteht er als zentralen Impuls f\u00fcr ein entgrenztes und befreiendes Gottesbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Fuchs\u2019 Werk stellt evangelikale Leserinnen und Leser vor mehrere Herausforderungen, bietet jedoch auch interessante Denkanst\u00f6\u00dfe. Sein Ansatz, Gott vor allem in der Schwachheit und im Leiden zu verorten, erinnert an die paulinische Theologie des Kreuzes. Gleichzeitig wirft Fuchs\u2019 Theologie grundlegende Fragen auf zu seinem Gottesbild, seinem selektiven Umgang mit der Bibel und soteriologischen Aspekten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Gottesbild:<\/em> Die Absage an einen \u201eallm\u00e4chtigen\u201c Gott im klassischen Sinne mag f\u00fcr evangelikale Christen irritierend wirken, da sie im Allgemeinen die Allmacht Gottes als zentrale Glaubenswahrheit betrachten. Die Herausforderung besteht darin, zu reflektieren, wie sich Gottes Allmacht und sein Mitleiden miteinander verbinden lassen, ohne in einseitige Verk\u00fcrzungen zu verfallen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Hermeneutik:<\/em> W\u00e4hrend Fuchs einerseits auf zahlreiche Bibelstellen verweist, liegt sein Fokus andererseits oft auf einer selektiven Lesart, welche die Perspektive der Schwachen betont. Evangelikalen Lesern k\u00f6nnte auffallen, dass Aspekte wie die Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes oder Gottes gerechtes Gericht wenig Beachtung finden. Die Herausforderung besteht jedoch darin, die biblische Botschaft in ihrer Ganzheit zu w\u00fcrdigen. Die lokalgeschichtliche, postkoloniale Auslegung erscheint hier zu selektiv und subjektiv, um sie als allgemein- und global-g\u00fcltige Methode mit Gewinn nutzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Soteriologie<\/em>: Ein weiterer kritischer Punkt ist die Vorstellung eines \u201as\u00e4kularen Heils\u2018, die Fuchs implizit zu vertreten scheint. Aus evangelikaler Perspektive wirft dies grundlegende Fragen auf: Kann Heil unabh\u00e4ngig von einer expliziten Beziehung zu Jesus Christus gedacht werden? Die Betonung eines s\u00e4kularen Heils f\u00fchrt m\u00f6glicherweise zu einer Relativierung des biblischen Heilsgeschehens und k\u00f6nnte die zentrale Rolle von Christus f\u00fcr die Erl\u00f6sung infrage stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was den Schreibstil und Aufbau des Buches betrifft, ist zu bemerken, dass Fuchs stark im bibelwissenschaftlichen, katholischen Fachjargon verhaftet bleibt. Dies erschwert es, sein Anliegen klar und konkret herauszuh\u00f6ren, da vieles nur implizit kommuniziert wird oder nur mit entsprechendem Hintergrundwissen verstehbar ist. Zudem konzentriert sich das Werk weniger auf klassische Themen wie die Inspiration der Bibel und die Autorit\u00e4t der Schrift. Dies macht das Buch weniger zu einer klassischen Grundlagenhermeneutik, sondern eher zu einer theologischen Standortbestimmung mit starkem postkolonialem Impuls.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nichts ist unm\u00f6glich, Gott!<\/em> ist ein herausforderndes Werk, das bekannte Glaubenswahrheiten grundlegend hinterfragt. Evangelikale Leser m\u00fcssen sich dabei auf eine kritische Auseinandersetzung einlassen, finden jedoch auch einige Ankn\u00fcpfungspunkte. Ottmar Fuchs fordert dazu auf, sich von einem statischen Gottesbild zu l\u00f6sen und stattdessen ein dynamisches, oft \u00fcberraschendes Handeln Gottes zu entdecken. Diese Einladung verdient es, Beachtung zu finden \u2013 auch \u00fcber konfessionelle Grenzen hinweg.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Joshua Ganz, Pastor und Armeeseelsorger, Winterthur, Schweiz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ottmar Fuchs: Nichts ist unm\u00f6glich. Gott! 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