{"id":2516,"date":"2025-10-04T14:27:07","date_gmt":"2025-10-04T14:27:07","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2516"},"modified":"2025-10-04T14:27:07","modified_gmt":"2025-10-04T14:27:07","slug":"gavin-ortlund-wofuer-es-sich-zu-kaempfen-lohnt-und-wofuer-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2516","title":{"rendered":"Gavin Ortlund: Wof\u00fcr es sich zu k\u00e4mpfen lohnt und wof\u00fcr nicht"},"content":{"rendered":"\n<p>Gavin Ortlund: <em>Wof\u00fcr es sich zu k\u00e4mpfen lohnt und wof\u00fcr nicht. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr theologische Triage,<\/em> Bad Oeynhausen: Verbum Medien, 2025, geb., 212 S., \u20ac 18,90, ISBN <a href=\"https:\/\/verbum-medien.de\/products\/wofur-es-sich-zu-kampfen-lohnt-und-wofur-nicht\">978-3-98665-265-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Sind alle Aussagen, die sich in der Bibel finden, gleich wichtig oder gibt es Abstufungen? Soll man beispielsweise die Bitte des Paulus, dass Timotheus ihm seinen Mantel aus Troas mitbringen soll (2Tim 4,13) als gleichgewichtig ansehen wie die Aussage, dass Christus auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift (1Kor 15,4)? Jeder Bibelleser setzt sich \u2013 vielleicht oft unbewusst \u2013 mit Fragen \u00fcber Gewichtungen biblischer Texte und Themen auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man Unterschiede in der Wichtigkeit macht, was sind dann die Kriterien f\u00fcr die Abstufungen? Das ist das Hauptthema vorliegender \u00dcbersetzung von <em>Finding the Right Hills to Die On: The Case for Theological Triage,<\/em> Wheaton, IL: Crossway, 2020. Der Begriff \u201eTriage\u201c (im Untertitel) ist aus der Medizin bekannt und bezeichnet die Entscheidung, welche Verletzten oder Erkrankten am vordringlichsten behandelt werden m\u00fcssen, wenn nicht alle gleichzeitig versorgt werden k\u00f6nnen. In diesem Sinne pl\u00e4diert Gavin Ortlund f\u00fcr eine theologische Triage: F\u00fcr Lehren und Aussagen der Heiligen Schrift gibt es eine unterschiedliche Wichtigkeit und Dringlichkeit. Das gelte laut Ortlund, weil Menschen auf ewig verloren gehen und wegen verschiedener N\u00f6te und Anfechtungen, denen die Gemeinde Gottes ausgesetzt ist (14f) \u2013 man m\u00fcsse daher Priorit\u00e4ten setzen. Au\u00dferdem wirke die Triage der theologischen Zersplitterung entgegen und verhelfe zur Einheit der Christen (Kapitel 1).<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es unterschiedliche Wichtigkeiten gibt, wird in der Heiligen Schrift selbst gelegentlich zum Ausdruck gebracht, wenn Paulus z. B. in 1Kor 15,3 vom \u201eWichtigsten\u201c spricht oder in Hebr 5,12\u201314 zwischen \u201eMilch\u201c und \u201efester Nahrung\u201c unterschieden wird (28f). Au\u00dferdem warnt Paulus mehrfach vor unn\u00f6tigem Streit und t\u00f6richten Fragen (41ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Ortlund unterscheidet vier Kategorien: <em>Erstrangige Lehren<\/em> sind f\u00fcr das Evangelium wesentlich. <em>Zweitrangige Lehren<\/em> sind f\u00fcr die Gesundheit und Praxis der Gemeinde n\u00f6tig und oft der Anlass f\u00fcr die Bildung verschiedener Denominationen und christlicher Werke. <em>Drittrangige Lehren<\/em> sind f\u00fcr die Theologie zwar wichtig, aber nicht wesentlich f\u00fcr das Evangelium und die Gemeinde; sie rechtfertigen daher keine Trennungen unter Christen. <em>Viertrangige Lehren<\/em> sind f\u00fcr Evangelisation und Zusammenarbeit unter Christen generell nicht wichtig (16, 52f). Nat\u00fcrlich ist die Zuordnung in einzelnen F\u00e4llen nicht immer eindeutig, was besonders bei der zweiten Kategorie zutrifft (118).<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 2 befasst sich Ortlund mit einem Extrem im Umgang mit unterschiedlichen Wichtigkeiten. Er spricht von der Gefahr des theologischen Minimalismus, wonach es z. B. ausreiche, einfach nur Jesus nachzufolgen. Bei solchen einfachen Formulierungen m\u00fcsste konkretisiert werden, was genau gemeint ist, sodass die Auseinandersetzung bez\u00fcglich Gewichtungen faktisch gar nicht vermeidbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor erz\u00e4hlt seine pers\u00f6nliche Geschichte mit zweit- und drittrangigen Lehren in Kapitel 3. Darin zeichnet er seine biografische Gemeindegeschichte nach und erl\u00e4utert, wie sich sein Verst\u00e4ndnis von der Taufe, von der Endzeit und von den Sch\u00f6pfungstagen ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kernst\u00fcck seines Buches ist die Anwendung der theologischen Triage auf einige Beispiele (Teil 2 des Buches, Kapitel 4\u20136). Als Beispiele f\u00fcr erstrangige Lehren behandelt er die Jungfrauengeburt und die Rechtfertigungslehre. Erstrangige Lehren seien zwar als solche nicht das ganze Evangelium, <em>ber\u00fc<\/em><em>hren<\/em> aber das ganze Evangelium (vgl. 108). Ortlund betont, dass man f\u00fcr erstrangige Lehren <em>k\u00e4<\/em><em>mpfen<\/em> m\u00fcsse, weil sie eine \u201eGrenze zwischen dem Evangelium und einer rivalisierenden Ideologie, Religion oder Weltanschauung markieren\u201c und weil sie \u201eeinen wesentlichen Punkt des Evangeliums darstellen\u201c (88). Mit ihnen werde das Evangelium <em>verk\u00fc<\/em><em>ndet<\/em> oder gegen Angriffe <em>verteidigt<\/em> \u2013 und das haben auch die Apostel getan. Ortlund benennt eine Reihe von tauglichen und untauglichen Kriterien f\u00fcr Erstrangigkeit (89ff). Taugliche Kriterien sind z. B.: Relevanz f\u00fcr den Charakter Gottes und das Wesen des Evangeliums, biblische Klarheit, H\u00e4ufigkeit und Gewicht in der Bibel oder Auswirkungen auf andere biblische Lehren.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 5 \u00fcber zweitrangige Lehren schl\u00e4gt Ortlund eine Haltung der <em>Weisheit und Ausgewogenheit<\/em> vor. Diese Lehren kommen nicht im Apostolischen Glaubensbekenntnis vor und ihre Ablehnung w\u00fcrde das Evangelium nicht fundamental entstellen (115f). Als Beispiele behandelt der Autor das Verst\u00e4ndnis von Taufe und Geistesgaben sowie die Rolle von Frauen in der Gemeinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittrangige Lehren thematisiert der Autor in Kapitel 6. Es sind solche Lehren, um derentwillen sich Gemeinden nicht spalten sollten. Als Beispiele diskutiert Ortlund das Tausendj\u00e4hrige Reich und die Sch\u00f6pfungstage einschlie\u00dflich der Frage des Alters der Sch\u00f6pfung (gemeint sind im Kontext des Buches konventionelle Vorstellungen wie Milliarden Jahre versus sehr viel k\u00fcrzere Zeitr\u00e4ume). Er erw\u00e4hnt zu Beginn des Buches, dass er sich mit der Sch\u00f6pfung intensiv auseinandergesetzt habe (20). Ortlund erkl\u00e4rt, dass dieses Thema f\u00fcr die Ortsgemeinde, f\u00fcr die Evangelisation und das Zeugnis der Christen in der Welt \u201eviel weniger relevant als viele andere Lehren\u201c (168).<\/p>\n\n\n\n<p>Wie begr\u00fcndet der Autor die Drittrangigkeit des Verst\u00e4ndnisses der Sch\u00f6pfungstage und des Alters der Erde und des Menschen? Es f\u00e4llt auf, dass kaum exegetisch oder systematisch-theologisch, sondern vor allem kirchengeschichtlich argumentiert wird. Ortlund weist z. B. darauf hin, dass viele konservative Protestanten und Kritiker des theologischen Liberalismus keine Schwierigkeiten damit hatten, Genesis 1 mit einer \u201e\u00e4lteren Erde\u201c und mit dem Tod der Tiere vor dem Auftreten des Menschen in Einklang zu bringen. Er referiert aber keines ihrer Argumente. Der bekannte Prediger Spurgeon wird mit der Aussage zitiert, dass die Erde verschiedene Stadien der Existenz mit verschiedenen Arten von Lebewesen durchlaufen habe, die alle von Gott geschaffen wurden. Es wird jedoch nicht erl\u00e4utert, wie er das genau gemeint hat. Die Tatsache, dass Augustinus mit Genesis 1 gerungen hat, ist zudem kein gutes Argument daf\u00fcr, dass die Textauslegung problematisch sei. Wenn schlie\u00dflich die Darstellung von Gottes Sch\u00f6pfungswerk in sieben Tagen als eine Anpassung an das menschliche Verst\u00e4ndnis verstanden wird (so Augustinus) oder wenn gesagt wird, dass Genesis 1\u201311 bildhaft zu verstehen sei (so Thomas von Aquin), stellt sich automatisch die Frage, was denn wirklich geschehen ist, als Gott die Sch\u00f6pfungswerke hervorgebracht hat und wie die weitere Geschichte der Sch\u00f6pfung tats\u00e4chlich verlaufen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verst\u00e4ndnis der Abl\u00e4ufe w\u00e4hrend der Sch\u00f6pfung und damit der Sch\u00f6pfungstage sowie Fragen des Sch\u00f6pfungsalters stehen jedoch nicht unverbunden mit anderen Aspekten der biblischen Lehre gleichsam im luftleeren Raum, sondern sind mit heilsgeschichtlichen Tatsachen verkn\u00fcpft. Ortlund selbst schreibt in einem allgemeinen Zusammenhang: \u201eWenn kleinere und gr\u00f6\u00dfere Wahrheiten in einem Verh\u00e4ltnis zueinander stehen, dann ist es gef\u00e4hrlich, anzunehmen, dass eine Lehre, die nicht zum Evangelium geh\u00f6rt, f\u00fcr das Evangelium ohne Bedeutung ist\u201c (65). Und: \u201eManche Lehren <em>betreffen<\/em> das Evangelium. Es gibt kaum Lehren, die hermetisch vom Rest des christlichen Glaubens abgeriegelt werden k\u00f6nnen\u201c (66; Hervorhebung im Original). Es k\u00f6nne notwendig sein, Lehren zu verteidigen, weil sie \u201eso eng mit dem Evangelium im Beziehung stehen, dass das Evangelium selbst Schaden nimmt, wenn sie geleugnet werden\u201c (104) \u2013 solche Lehren stuft Ortlund in die erste Kategorie ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt bietet das Buch viele Anregungen, \u00fcber die Wichtigkeit von biblischen Lehren nachzudenken und sich ein eigenes Bild zu machen. Man merkt, dass die Frage nach Gewichtungen nicht abgetan werden kann und oft auch nicht einfach zu beantworten ist. Der Autor m\u00f6chte seine Leser nicht f\u00fcr seine pers\u00f6nliche Sicht in Einzelfragen gewinnen, sondern zu eigenem Nachdenken anregen. Das ist ihm gelungen und in dieser Hinsicht ist die Lekt\u00fcre gewinnbringend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ortlund ist abschlie\u00dfend ein Appell an christliche Demut sehr wichtig. \u201eDie Uneinigkeit, die es in Bezug auf eine Lehre gibt, hat nicht nur mit ihrem Inhalt zu tun, sondern auch mit der Haltung, mit der sie vertreten wird\u201c (179f). Aufmerksames Zuh\u00f6ren, die Bereitschaft zu lernen und die Offenheit, neue Informationen zu erhalten und ggf. unsere Sichtweise anzupassen, sollte das Austragen von theologischen Meinungsverschiedenheiten pr\u00e4gen (181).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Reinhard Junker ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der SG Wort und Wissen e. V., Baiersbronn<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gavin Ortlund: Wof\u00fcr es sich zu k\u00e4mpfen lohnt und wof\u00fcr nicht. 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