{"id":2533,"date":"2025-10-04T14:44:21","date_gmt":"2025-10-04T14:44:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2533"},"modified":"2025-10-04T14:44:23","modified_gmt":"2025-10-04T14:44:23","slug":"daniel-weidner-rhetorik-der-saekularisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2533","title":{"rendered":"Daniel Weidner: Rhetorik der S\u00e4kularisierung"},"content":{"rendered":"\n<p>Daniel Weidner: <em>Rhetorik der S\u00e4kularisierung. \u00dcber eine Denkfigur der Moderne<\/em>, Religion und Moderne 30, Frankfurt: Campus, 2024, kt., 243\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a029,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/kulturwissenschaften\/rhetorik_der_saekularisierung-17950.html\">978-3-593-51831-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ist das Wort S\u00e4kularisierung nicht selbsterkl\u00e4rend? Obwohl heutzutage viele, sich stark \u00e4hnelnde Vorstellungen dar\u00fcber in Umlauf sind, ist der Begriff nicht so eindeutig, wie man meinen mag. Daniel Weidner arbeitet als Professor f\u00fcr Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Halle-Wittenberg und er beobachtet: Mit der R\u00fcckkehr der Rede von der Religion seit den 1990er Jahren sei im \u00f6ffentlichen Diskurs auch das Interesse an der Frage nach der S\u00e4kularisierung gestiegen, was wiederum mit dem Selbstverst\u00e4ndnis des modernen Westens zu tun habe.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 1 vergleicht Weidner zun\u00e4chst vier aktuelle Theorieentw\u00fcrfe (Charles Taylor, Giorgio Agamben, Talal Asad, J\u00fcrgen Habermas) und skizziert die daran anschlie\u00dfenden Diskussionen. Deutlich wird, dass die genannten Denker zu demselben Thema gewichtige Beitr\u00e4ge liefern, gleichzeitig aber sehr uneinheitlich und teils unpr\u00e4zise vorgehen. Kapitel 2 analysiert im Kontrast dazu drei substanzielle Kritiken: Hermann L\u00fcbbe bewertet den Ausdruck als politisches Schlagwort zur Bezeichnung der Moderne; Hans Blumenberg sieht darin eine begriffliche Fehlbezeichnung und versteht S\u00e4kularisierung eher als geschichtsphilosophisches Programm; Albrecht Koschorke hingegen meint dahinter ein abgenutztes, kulturelles Narrativ nach dem Schwund der Religion zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufbauend auf diese explorativ-thematische Problemabsteckung widmet sich Weidner in Kapitel 3 dem weiteren Vorgehen seiner Studie: Anstatt einen statischen Begriff zu analysieren, m\u00f6chte der Germanist und Komparatist die Rhetorik der S\u00e4kularisierung und ihre Genealogie untersuchen. Diese Doppelperspektive erm\u00f6gliche es noch st\u00e4rker, die komplexen und oftmals indirekten Nuancen in der Redeweise zu verstehen, wie auch die vieldeutigen Interpretationsketten und narrativen Dimensionen in den Fachdebatten \u00fcber S\u00e4kularisierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Grundlegung folgen dann 28 dicht geschriebene Kapitel, in denen der Professor auf einflussreiche Denker des 20. Jahrhunderts eingeht. Angefangen bei Max Weber, \u00fcber Georg Simmel, Rudolf Bultmann und andere, bis hin zu Thomas Luckmann und dem bereits erw\u00e4hnten Blumenberg nimmt er seine Leser in ein anspruchsvolles <em>Close Reading<\/em> relevanter Prim\u00e4rtexte hinein. Dabei kommentiert Weidner die intellektuellen Verbindungen zwischen den Autoren und ihren jeweiligen Standpunkten. Er zeichnet ideengeschichtliche Entwicklungen nach und arbeitet (teils minuti\u00f6s) die Axiome, Argumentationen oder ethisch-weltanschaulichen Sto\u00dfrichtungen der Autoren heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das abschlie\u00dfende Kapitel unterstreicht, wie unterschiedlich sich die Sozial- und Literaturwissenschaften, Philosophie, Theologie und andere Disziplinen seit dem Jahr 1900 dem Schlagwort S\u00e4kularisierung gen\u00e4hert haben \u2013 sei es in Ablehnung, Anlehnung, Zuwendung oder Spannung zur Religion, von der man im s\u00e4kularen Zeitalter oft nur noch indirekt spricht. Angesichts der Vielschichtigkeit in der Rede von S\u00e4kularisierung spricht sich Weidner daf\u00fcr aus, das Wort nicht als reinen Containerbegriff zu verstehen. Daf\u00fcr leiste der Ausdruck zu viel. Anstatt klare Zuschreibungen und Definitionen zu liefern, funktioniere S\u00e4kularisierung v. a. als bildliche Rede: Sie dr\u00fccke \u00c4hnlichkeiten aus, erm\u00f6gliche \u00dcbertragungen und problematisiere diese sogleich wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Umgang mit dem Ausdruck zeige sich anschaulich: \u201eRhetorische Figuren wie auch Erz\u00e4hlungen behaupten nicht nur \u00dcberg\u00e4nge, sondern vollziehen sie auch; sie k\u00f6nnen deshalb immer beides zugleich machen: Grenzen aufstellen und sie \u00fcberschreiten, eine Logik behaupten und sie untergraben.\u201c (226) Gerade weil das Wort so viel umfasst, sollte man laut Weidner die S\u00e4kularisierung vielmehr als gro\u00dfe Erz\u00e4hlung lesen und entsprechend zu Ende denken, d.h. \u201eals absolute Metapher, die man nicht einfach ausl\u00f6sen kann, sondern entfalten muss, als letzten Mythos der Moderne, der nicht \u00fcberwunden, sondern durchgearbeitet werden will.\u201c (29)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie <em>Rhetorik der S<\/em><em>\u00e4<\/em><em>kularisierung<\/em> bietet eine anspruchsvolle Besch\u00e4ftigung mit einem bedeutungsschweren und mehrschichtigen Konzept, das offensichtlich mehr ist als nur dies. Anfangs wirkt Weidners Ansatz etwas ungew\u00f6hnlich, dann aber verhilft seine Klassiker-Auswahl, sein genealogisches Vorgehen und der Blick auf rhetorische Tiefenstrukturen zu vielen interessanten Einsichten. Einerseits m\u00f6chte der Autor weder eine eigene S\u00e4kularisierungstheorie entwickeln noch eine Sachkritik, eine Begriffs- oder gar Diskursgeschichte vorlegen. Andererseits analysiert er die verschiedenen Perspektiven kritisch und pointiert; mitunter l\u00e4sst er auch eigene Ansichten durchscheinen, die \u00fcber das Deskriptive von vermeintlichen intertextuellen Sprachspielen hinausgehen. Das macht die Lekt\u00fcre anspruchsvoll, aber auch anregend.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch dr\u00e4ngt sich dem Leser irgendwann eine gewisse Spannung auf. Denn trotz aller Tiefe wirkt die Besch\u00e4ftigung mit den einzelnen Denkern stellenweise unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kompakt, der Religionsbegriff fungiert eher als stiller Komparse, und Weidners Nachdenken \u00fcber die S\u00e4kularisierung \u2013 quasi auf der Metaebene in Stichproben \u2013 entzieht sich am Ende einem klaren Fazit.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht macht dies wiederum die St\u00e4rke des Buches aus: Trotz seines Kontextbewusstseins auf der historischen und religionssoziologischen Ebene transzendiert die Studie etablierte Perspektiven zur S\u00e4kularisierung. Der Titel pr\u00e4sentiert fr\u00fchere Denkweisen gewisserma\u00dfen durchleuchtet und in neuer Form, und dient auf diese Weise als Erg\u00e4nzung zu anderen empfehlenswerten, doch vergleichsweise konventionellen Werken (z.B. Thomas Schmidt \/ Annette Pitschmann (Hg.): <em>Religion und S\u00e4<\/em><em>kularisierung. Ein interdisziplin\u00e4<\/em><em>res Handbuch<\/em>, Stuttgart: Metzler, 2014).<\/p>\n\n\n\n<p>Lehrkr\u00e4fte aus der Praktischen Theologie und Studierende mit Vorwissen k\u00f6nnen sich hier f\u00fcr eine eigenst\u00e4ndige Auseinandersetzung mit dem Thema S\u00e4kularisierung sensibilisieren lassen. Weidners Studie ist letztlich eine lesenswerte und hilfreiche Ressource, die helfen kann, heutige gesellschaftliche Diskurse konstruktiv zu hinterfragen sowie das eigene kirchliche Engagement in einem nach-christent\u00fcmlichen Kontext noch differenzierter zu reflektieren und zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Daniel Vullriede, M.A., M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Weidner: Rhetorik der S\u00e4kularisierung. \u00dcber eine Denkfigur der Moderne, Religion und Moderne 30, Frankfurt: Campus, 2024, kt., 243\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a029,\u2013, ISBN<\/p>\n","protected":false},"author":84,"featured_media":2534,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[],"class_list":["post-2533","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-populaeres-und-zeitgeschehen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2533","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/84"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2533"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2533\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2535,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2533\/revisions\/2535"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}