{"id":2539,"date":"2025-10-04T15:36:24","date_gmt":"2025-10-04T15:36:24","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2539"},"modified":"2025-10-04T15:36:25","modified_gmt":"2025-10-04T15:36:25","slug":"berndt-hamm-religioese-dynamik-zwischen-1380-und-1520","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2539","title":{"rendered":"Berndt Hamm: Religi\u00f6se Dynamik zwischen 1380 und 1520"},"content":{"rendered":"\n<p>Berndt Hamm: <em>Religi\u00f6se Dynamik zwischen 1380 und 1520. Antriebskr\u00e4fte der Mentalit\u00e4t, Fr\u00f6mmigkeit, Theologie, Bildkultur und Kirchenreform<\/em>, Sp\u00e4tmittelalter, Humanismus, Reformation\u00a0\/\u00a0Studies in the Late Middle Ages, Humanism, and the Reformation 140, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2024, geb., Ln., XXII+594\u00a0S., \u20ac\u00a0119,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/religioese-dynamik-zwischen-1380-und-1520-9783161637346\/\">978-3-16-16377346<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Mit dem knapp 600 Seiten starken Band legt Berndt Hamm, emeritierter Professor f\u00fcr Kirchengeschichte an der Universit\u00e4t Erlangen, in gewisser Weise die Summe seiner bisherigen zahlreichen Forschungsbeitr\u00e4ge in den letzten vier Jahrzehnten zum Verh\u00e4ltnis von Sp\u00e4tmittelalter und Reformation vor, oder um es pr\u00e4ziser zu sagen: seine Beitr\u00e4ge zur \u00dcberwindung einer starren Epochenabgrenzung, indem er die \u201ereligi\u00f6se Dynamik\u201c zwischen 1380 und 1520 sichtbar macht. Dabei h\u00e4lt Hamm an der Besonderheit der (lutherischen) Reformation fest: \u201eDas besondere Profil der Reformation und ihrer verschiedenen konkreten Verlaufsformen liegt jeweils in der Kombination von Ingredienzien des Mittelalters und der durch Luther angesto\u00dfenen variationsreichen Neuorientierungen\u201c (25). Diese Grundthese entfaltet der Autor nach einem einf\u00fchrenden Kapitel (Kap. 1) in zw\u00f6lf exemplarischen Studien, die die religi\u00f6se Dynamik ph\u00e4nomenologisch (VII) auff\u00e4chern und auf bereits ver\u00f6ffentlichte, aber intensiv \u00fcberarbeitete Aufs\u00e4tze des Autors zur\u00fcckgehen. Mit den ausgew\u00e4hlten Aspekten von Theologie-, Fr\u00f6mmigkeits- und Mentalit\u00e4tsgeschichte erhebt Hamm keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit (\u201eSo ber\u00fccksichtige ich viel zu wenig die konziliare Reformdynamik [&#8230;] oder die apokalyptische Dynamik um 1500 [&#8230;] und die religi\u00f6se Dynamik des geistlichen Musikschaffens\u201c; IX). Doch haben die auf den knapp 600 Seiten mit 46 Abbildungen angesprochenen Themen kompendienhaften Charakter, wobei Hamm jedes Thema zun\u00e4chst grunds\u00e4tzlich darstellt und dann an der Reichsstadt Ulm, gelegentlich auch N\u00fcrnberg, als \u201eurbane Kulmination der religi\u00f6sen Dynamik\u201c (63) exemplifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Themenf\u00fclle zeigt bereits das achtseitige Inhaltsverzeichnis (XV\u2013XXIII). Im ersten Kapitel (1\u201375) erl\u00e4utert Hamm den Begriff der Dynamik als \u201eSchl\u00fcssel zu Verst\u00e4ndnis und Darstellung religi\u00f6ser Ph\u00e4nomene\u201c (1) und zur Beschreibung des \u201eWirksamwerden[s] von kulturellen, \u00f6konomischen, sozialen, politischen und insbesondere bemerkenswerten religi\u00f6sen Antriebskr\u00e4ften zwischen dem ausgehenden 14. Jahrhundert und dem Beginn der Reformation\u201c (1). Hamm geht zun\u00e4chst auf die forschungsgeschichtlich negative Wertung des Sp\u00e4tmittelalters ein und kn\u00fcpft an die Neuausrichtung des Epochenverst\u00e4ndnisses durch Heiko A. Oberman an, die ihn zur Absage an \u201eEpochenbewertungen und an ein teleologisches Entwicklungsdenken\u201c (25) f\u00fchrt. Stattdessen will Hamm ohne Werturteil die Dynamik(en) des sp\u00e4ten 14. bis fr\u00fchen 16. Jahrhunderts betrachten, wobei er zum Ausgangspunkt das Jahr 1380 als Beginn konziliarer Theologie w\u00e4hlt und den Schlusspunkt im Jahr 1520 setzt wegen der durch das Popul\u00e4rwerden Luthers \u201egrundlegenden Legitimationskrise des bisherigen Kirchenwesens\u201c (30). Innerhalb dieses Zeitrahmens entfaltet Hamm in den folgenden Kapitel Facetten einer religi\u00f6sen Dynamik.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kapitel 2 bis 4 setzen zun\u00e4chst die Charakterisierung der Zeit fort: Hamm stellt gegen ein Epochendenken das \u201edynamische Verh\u00e4ltnis von Sp\u00e4tmittelalter und Reformation\u201c (Kap. 2) vor, um anschlie\u00dfend das 15. Jahrhundert als \u201e\u00c4ra einer Expansion, Entgrenzung und Laisierung der Theologie\u201c (110) zu charakterisieren (Kap. 3). Die Dynamik einer Synthese von Humanismus, Theologie und Fr\u00f6mmigkeit erl\u00e4utert Hamm in Kap.&nbsp;4, wobei er die begrifflich von ihm geschaffene und in der Forschung rezipierte \u201eFr\u00f6mmigkeitstheologie\u201c des 15. Jahrhunderts im Verh\u00e4ltnis zum Humanismus betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dieser theologischen Grundlage ausgehend, vertieft Hamm in den Kapiteln 5 bis 13 st\u00e4rker material theologische, fr\u00f6mmigkeits- und mentalit\u00e4tsgeschichtliche Ph\u00e4nomene der Dynamik, die in der Reformation weiterwirkten: die Dynamik von \u201eBarmherzigkeit, Gnade und Schutz\u201c (Kap. 5), die eschatologische Dynamik mit dem Hervortreten des Individualgerichts (Kap. 7), die \u201eDynamik visueller Vergegenw\u00e4rtigung\u201c (Kap. 8) in Fr\u00f6mmigkeitsbildern, die \u201eInnovationsdynamik der ,Kunst des heilsamen Sterbens\u2018 (Ars moriendi)\u201c (Kap. 9), die \u201eEntgrenzungsdynamik des Ablasses\u201c (Kap. 10), die \u201ePublikationsdynamik\u201c (Kap 11), die \u201eDynamik der Nahwallfahrten im Kraftfeld von Mobilit\u00e4t und ,naher Gnade\u2018\u201c (Kap. 12) und die \u201eDynamik religi\u00f6ser Aufmerksamkeitslenkung\u201c in der Seelsorge (Kap. 13). Dabei bezieht Hamm neben lateinischen und volkssprachlichen Textquellen auch kunstgeschichtliche Darstellungen ein, so z.&nbsp;B. wenn er die Ikonographie des Herlin-Altars der Reichsstadt Bopfingen als Zeugnis religi\u00f6ser Dynamik (Kap. 6) vorstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Exemplarisch soll hier seine Darstellung der Dynamik des Ablasses (Kap. 10) n\u00e4her betrachtet werden, ist es doch gerade der Ablass, an dem die Reformation in klarem Gegensatz zur sp\u00e4tmittelalterlichen Lehre und Praxis zu stehen scheint: \u201eAusgerechnet an diesem Punkt tiefgehende Gemeinsamkeiten zwischen dem ausgehenden Mittelalter und den Antriebskr\u00e4ften der Reformation aufzeigen zu wollen, d\u00fcrfte sehr befremdlich wirken\u201c (341). Hamm zeigt, inwiefern der Ablass als Vergebung der zeitlichen S\u00fcndenstrafen, die der Mensch nach mittelalterlicher Lehre entweder noch zu Lebzeiten oder im Fegfeuer zu b\u00fc\u00dfen hatte, ein der Reformation vergleichbares Anliegen hatte, n\u00e4mlich die Sicherung der Gnadenzuwendung Gottes. Er versteht die inflation\u00e4re Ablasspraxis des 15. Jahrhunderts als H\u00f6hepunkt der mittelalterlichen Gnadenfr\u00f6mmigkeit und als \u201eTeil einer gro\u00dfen Ent\u00e4ngstigungs- und Entlastungsstrategie der Kirche\u201c (345). In dieser Perspektive erkennt Hamm religi\u00f6se Antriebskr\u00e4fte, \u201edie das Ablasswesen mit den Ursprungsimpulsen Luthers und der Reformation verbinden\u201c (355): \u201eEs ist genau diese sp\u00e4tmittelalterliche Dynamik der tr\u00f6stenden Gewissensentlastung, der Minimisierung des menschlichen Eigenbeitrags [&#8230;] und der Betonung des Glaubens [&#8230;], die von Luther und der Fr\u00fchreformation fortgef\u00fchrt und radikalisiert wird. [&#8230;] V\u00f6llig umsonst werden wir selig. Luther vollzieht also den Quantensprung vom Minimum zum Nichts\u201c (359). Hamm sieht in den von ihm vorgestellten Antriebskr\u00e4ften Koh\u00e4renzen zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert und zugleich eine \u201ereligi\u00f6se Revolution\u201c (365) in der \u201eSprengkraft der Reformationsdynamik\u201c (365).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese inhaltliche Dynamik macht seine gut verst\u00e4ndliche Darstellung geradezu spannend zu lesen. Gelegentliche Redundanzen hat der Autor bewusst beibehalten, so dass jedes Kapitel eigenst\u00e4ndig ist und die Kapitel in beliebiger Reihenfolge gelesen werden k\u00f6nnen. In Kap. 14 (461\u2013497) sowie im deutschen und englischen Schlusswort (498\u2013513) b\u00fcndelt Hamm seine Ausf\u00fchrungen unter seiner Ausgangsthese: \u201eHerkunft aus dem Sp\u00e4tmittelalter und innovative Eigendynamik\u201c (473). Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis (515\u2013556) sowie ein Personen-, Orts- und Sachregister (557\u2013591) beschlie\u00dfen das Werk.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier liegt die Frucht langj\u00e4hrigen Forschens des Autors vor. Entsprechend l\u00e4sst die Arbeit auch die eigene Bibliographie durchscheinen, von Hamms fr\u00fchen Arbeiten zu Johannes von Paltz bis zur Konzentration auf die lutherische Reformation oder die Reichsstadt Ulm. Diesen Fokus auf die lutherische und reichsst\u00e4dtische Reformation k\u00f6nnte man kritisieren, vielleicht auch, dass neuere englischsprachige Forschungen zur Reformation zu kurz kommen. Doch damit w\u00e4re der Darstellung unrecht getan: Sie ist ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit (IX) eine umfassende und facettenreiche, profunde und zugleich thesenstarke Darstellung der religi\u00f6sen Antriebskr\u00e4fte zwischen 1380 und 1520, und auch wer nicht alle Thesen des Autors zu teilen vermag, wird Gewinn aus der Lekt\u00fcre ziehen!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berndt Hamm: Religi\u00f6se Dynamik zwischen 1380 und 1520. 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