{"id":2548,"date":"2025-10-04T15:46:09","date_gmt":"2025-10-04T15:46:09","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2548"},"modified":"2025-10-04T15:46:10","modified_gmt":"2025-10-04T15:46:10","slug":"petrus-lombardus-sententiae-in-quatuor-libris-distinctae","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2548","title":{"rendered":"Petrus Lombardus: Sententiae in quatuor libris distinctae"},"content":{"rendered":"\n<p>Petrus Lombardus: <em>Sententiae in quatuor libris distinctae \u2013 Vier B\u00fccher der Sentenzen<\/em>, lat. \u2013 dt., Fontes Christiani Sonderband, eingel., \u00fcbers. u. kommentiert von Stephan Ernst, Freiburg\/Basel\/Wien: Herder, 2024, geb., 1961 S., \u20ac 158,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/theologie-pastoral\/shop\/p2\/55647-sententiae-in-quatuor-libris-distinctae-vier-buecher-der-sentenzen-ausgabe-in-leinen\/\">978-3-451-32943-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Bevor Martin Luther zum Doktor der Theologie promoviert wurde, wurde ihm am 9. M\u00e4rz 1509 an der Wittenberger Universit\u00e4t der Grad des <em>baccalaureus biblicus<\/em> verliehen. Vom Herbst an musste er in Erfurt als <em>baccalaureus sententiarius<\/em> eine kommentierende Vorlesung \u00fcber das grundlegende dogmatische Werk der theologischen Ausbildung seiner Zeit halten, \u00fcber die Sentenzen des Petrus Lombardus. Erst diese T\u00e4tigkeit berechtigte ihn, sich um die <em>Licentia magistrandi<\/em> zu bewerben, die er einige Tage vor seiner Promovierung zum Doktor der Theologie im Oktober 1512 erhielt (vgl. Sentenzen Einl., 11; K. Aland, Hilfsbuch, Nr. 565 zum Text WA 9, 29\u201394 mit Einl. von Georg Buchwald 28f; M. Brecht, Luther 1, 98\u2013101; s. auch TRE 26, 301, 41\u201344).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sentenzen des Lombarden sind nicht das einzige theologische Werk, das Luther durchgearbeitet hat. Es war jedoch f\u00fcr seine sp\u00e4tere T\u00e4tigkeit als Theologieprofessor so wichtig, dass er es immer wieder zitiert hat. Im Register der Weimarer Lutherausgabe wird an ann\u00e4hernd 200 Stellen auf Petrus Lombardus verwiesen. Sechsundf\u00fcnfzig beziehen sich auf die Vorlesung, an weiteren 123 Stellen geht Luther in anderen Zusammenh\u00e4ngen auf die Sentenzen ein. Gelegentlich r\u00fchmt Luther die hohe Gelehrsamkeit und Belesenheit des Petrus, der mit seinen aus vielen Kirchenv\u00e4tern zusammengestellten Exzerpten die Ver\u00f6ffentlichung weiterer theologischer B\u00fccher zwar verhindern wollte, aber nicht konnte. Bekannt ist eine l\u00e4ngere Stellungnahme von Luther in den Tischreden, die folgenderma\u00dfen beginnt (WATR 3, 543, Z. 12\u201317, Nr. 3698 dt. Text): \u201eMagister sententiarum, der Meister von hohen Sinnen [= klug], Petrus Lombardus, ist ein sehr flei\u00dfiger Mann und eines hohen Verstandes gewesen, hat viel f\u00fcrtrefflichs Dings geschrieben. Er w\u00e4re furwahr ein gro\u00dfer f\u00fcrnehmer Doctor der Kirchen gewesen, wenn er sich ganz und gar mit Ernste h\u00e4tte auf die heilige Schrift gegeben. Aber er hat sein Buch mit vielen unn\u00fctzen Fragest\u00fccken verwirret &#8230;\u201c Daran schlie\u00dft sich eine allgemeine Kritik des Verh\u00e4ltnisses von Gesetz und Gnade bei den Scholastikern an, die weder den S\u00fcndenfall noch den <em>geistlichen <\/em>Charakter des Gesetzes, das <em>vollkommenen <\/em>Gehorsam fordert, verstanden h\u00e4tten (ebd. 543, Z. 18\u201325).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beispiel aus Luthers Lebenslauf zeigt, wie die Auslegung der Sentenzen vom Beginn des 13. Jahrhunderts bis in seine Zeit selbstverst\u00e4ndlicher Teil der Ausbildung auf dem Weg zur Professur war. Im Urteil heutiger Historiker sind die Sentenzen \u201edie erfolgreichste Sammlung theologischer Fragestellungen des 12. Jahrhunderts\u201c und \u201eder wichtigste theologische Text des Mittelalters\u201c (Stephen F. Brown, LThK\u00b3 8, Sp. 128f). Stephan Ernst, Herausgeber des Fontes-Christiani-Sonderbandes, urteilt, die vier B\u00fccher seien: \u201eeine der ersten umfassenden systematischen Gesamtdarstellungen (Summen) der Theologie, in der alle zentralen Glaubensinhalte in diskursiver und konsistenter Weise dargestellt und ausgelegt werden\u201c (7, vgl. Einl., 10). Die <em>Summa theologiae<\/em> des Thomas von Aquin hat, beeinflusst von den Jesuiten, erst im 16 Jh. die Sentenzen des Lombarden abgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Petrus Lombardus\u2019 (um 1100\u20131160) vier Sentenzenb\u00fccher entstanden aus seiner Pariser Lehrt\u00e4tigkeit und f\u00fcr den Unterricht des theologischen Lehrers zwischen den Jahren 1155 und 1158 (LThK\u00b3 8, Sp. 128). Der Verfasser greift besonders h\u00e4ufig auf Texte des Kirchenvaters Augustinus zur\u00fcck, wertet aber auch Hilarius von Poitiers, Ambrosius und Johannes von Damaskus sowie vieler anderer Quellentexte aus (Einl., 20f). In seinem Vorgehen wendet Petrus Lombardus die dialektische Methode Abaelards konsequent an (12, vgl. https:\/\/www.abaelard.de\/050503sicnond.htm Stand: 20.9.2025). Petrus ist eher zur\u00fcckhaltend gegen\u00fcber weltlich-philosophischen Erkenntnissen; er sieht einen Widerspruch zwischen der Wahrheit des Glaubens, die nicht aus der Erfahrung des Menschen mit der Welt und sich selbst kommt, sondern aus dem H\u00f6ren auf die Offenbarung in Gottes Wort (23f, s. <em>\u201e<\/em><em>Aufer argumenta, ubi fides quaeritur &#8230; Piscatoribus creditur, non dialecticis<\/em>\u201c 1274, dt. 1275).<\/p>\n\n\n\n<p>Methodisch geht Petrus Lombardus so vor, dass er ein \u2013 eventuell vorstrukturiertes Thema \u2013 voranstellt. Diese These wird weiter entweder lehrm\u00e4\u00dfig erl\u00e4utert oder durch Bibelzitate, Kirchenv\u00e4terexzerpte oder Vernunftgr\u00fcnde problematisiert. Der dritte methodische Schritt besteht in der Aufl\u00f6sung der scheinbaren Widerspr\u00fcche, wobei Petrus einige Konkordanzregeln anwendet, die Peter Abaelard im Prolog zu <em>Sic et non<\/em> formuliert hat. Dies f\u00fchrt viertens zu einer Aufl\u00f6sung (<em>solutio<\/em>) oder zur Entscheidung (<em>determinatio<\/em>) \u00fcber das theologische Problem. In den nachstehenden <em>Distinciones<\/em> werden weitere Einzelfragen, die sachlich zum Thema geh\u00f6ren, behandelt (26).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sentenzen sind in vier Teile geteilt (vier \u201eB\u00fccher\u201c 29f). Ausgehend von der Bibel, die er immer wieder gelesen hat, beginnt das Werk im ersten Buch mit der Lehre von der Dreieinigkeit und den Eigenschaften Gottes (152\u2013660). Das zweite Buch widmet sich der Sch\u00f6pfungslehre und dem S\u00fcndenfall (661\u20131097). Im dritten Buch wird die Christologie behandelt (1098\u20131425). Das Gesamtwerk schlie\u00dft mit dem vierten Buch \u00fcber die sieben Sakramente und die Letzten Dinge (1426\u20131935). Die vier B\u00fccher sind insgesamt in 182 Distinktionen oder \u2013 ebenfalls insgesamt \u2013 in 933 Einzelfragen (\u201eKapitel\u201c) unterteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen des vorgegebenen Rezensionen-Umfangs von rund 1.000 W\u00f6rtern kann ein so umfangreiches Werk auch nicht ann\u00e4hernd ad\u00e4quat vorgestellt werden. Einige Hinweise auf den Inhalt m\u00f6gen im Folgenden gen\u00fcgen, um das Leseinteresse zu wecken. Nach dem Prolog (64\u201367) enth\u00e4lt das Lehrbuch ein detailliertes zweisprachiges Kapitelverzeichnis (68\u2013151), das sowohl ein (selbstverst\u00e4ndlich vorhandenes, 5\u20136) Inhaltsverzeichnis als auch ein Sachregister als unn\u00f6tig erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr \u201etypisch scholastisch\u201c h\u00e4lt der evangelische Theologe mit begrenzten Mittelalterkenntnissen den Umstand, dass neben den wichtigen dogmatischen Standardthemen aus seiner Perspektive \u00fcberspitzte, unn\u00f6tige oder nicht beantwortbare Fragen gleichfalls behandelt werden. Zu dieser Kategorie z\u00e4hlt wahrscheinlich die Frage \u201eWo Gott war, bevor es die Sch\u00f6pfung gab\u201c (Buch 1, XXXVII, Kap. 166), w\u00e4hrend die \u00dcberlegung \u201eOb wir die Leiden der Heiligen wollen sollen (Buch 1, XLVIII, Kap. 210) wahrscheinlich unter \u201etypisch katholisch\u201c abgelegt wird. Das oft als \u201etypisch scholastisch\u201c zitierte Problem, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen, wird bei Petrus Lombardus nicht verhandelt. F\u00fcr alle Konfessionen interessant d\u00fcrfte dagegen sein, wie Petrus Lombardus die Erschaffung der Frau aus der Seite Adams deutet (sie steht an seiner Seite, nicht \u00fcber oder unter ihm, Buch 2, XVIII, Kap 103\u2013109). Der Inhalt von Distinktion XXVIII (Kap. 181\u2013184) \u201e\u00dcber die pelagianische Irrlehre\u201c weist schon auf die zu Unrecht so genannte \u201eevangelische\u201c Gnadenlehre hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 4. Buch werden in den Distinktionen II bis VI, Kap. 12 bis 42 \u00fcber den Themenkreis Taufe unter anderem die Fragen behandelt, wievielmal der T\u00e4ufling untergetaucht werden soll (ein- oder dreimal, III, Kap. 23); was eine Scherz-Taufe zur g\u00fcltigen Taufe macht (die rechte Intention, VI, Kap. 40); wie das Reinigungsfeuer (<em>ignis purgatorium<\/em>, XXI, Kap. 118) zu verstehen ist und wie Katechese und Exorzismus der Taufe zugeordnet sind (K. u. E. <em>vor <\/em>der Taufe, VI, Kap. 42). \u2013 Unter den zahlreichen Anweisungen zur Ehe findet sich im 4. Buch ein Abschnitt \u00fcber das Alter, in dem die Ehe geschlossen werden kann; es liegt f\u00fcr Jungen bei 14, f\u00fcr M\u00e4dchen bei 12 Jahren (XXXVI, Kap. 211). Auch die seelsorgerlich wichtigen Fragen der Kindst\u00f6tung im Mutterleib und das Schicksal von Fehlgeburten und der Geburt lebensunf\u00e4higer Behinderter werden behandelt (XXXI, Kap. 184, 185; XLIV, Kap. 258).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vielfalt von keineswegs veralteten, sondern oft sehr aktuell wirkenden dogmatischen und ethisch-seelsorgerlichen Fragen machen die Sentenzen zu einer gewinnbringenden Lekt\u00fcre auch f\u00fcr evangelische Hauptamtliche in Gemeinde und Hochschule. F\u00fcr die au\u00dferordentliche Leistung beim \u00dcbersetzen, Kommentieren und Edieren der Sentenzen geb\u00fchrt dem Herausgeber Stefan Ernst von der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg au\u00dferordentlicher Dank! <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petrus Lombardus: Sententiae in quatuor libris distinctae \u2013 Vier B\u00fccher der Sentenzen, lat. \u2013 dt., Fontes Christiani Sonderband, eingel., \u00fcbers.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2549,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2548","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2548","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2548"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2548\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2550,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2548\/revisions\/2550"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2549"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}