{"id":2551,"date":"2025-10-04T15:58:25","date_gmt":"2025-10-04T15:58:25","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2551"},"modified":"2025-10-04T15:58:26","modified_gmt":"2025-10-04T15:58:26","slug":"guido-naschert-friedrich-brecklings-wahrheitszeugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2551","title":{"rendered":"Guido Naschert: Friedrich Brecklings ,Wahrheitszeugen\u2018"},"content":{"rendered":"\n<p>Guido Naschert: <em>Friedrich Brecklings ,Wahrheitszeugen\u2018. Ein Handbuch zum religi\u00f6sen Nonkonformismus um 1700<\/em>, Gothaer Forschungen zur Fr\u00fchen Neuzeit 23, Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2024, 320 S., \u20ac 64,\u2013 ISBN\u00a0<a href=\"https:\/\/www.steiner-verlag.de\/Friedrich-Brecklings-Wahrheitszeugen\/9783515132152\">978-3-515-13215-2<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Man kann den hier zu besprechenden Band in eine Reihe zu dem von J. A. Steiger herausgegebenen Tagebuch Friedrich Brecklings \u201eAutobiographie. Ein fr\u00fchneuzeitliches Ego-dokument\u201c (s. meine Rezension in JETh 22, 2008, 338\u2013340) setzen, f\u00f6rdert sie doch in noch anderer Weise das Netzwerk des holsteinischen Nonkonformisten, der den allergr\u00f6\u00dften Teil seines Lebens in den Niederlanden verbrachte, zutage. Der Untertitel der Arbeit ist v\u00f6llig einsichtig. Es geht l\u00e4ngst nicht nur um eine schillernde Person aus der Zeit \u201eum 1700\u201c, sondern der Band ist eine Fundgrube bei der Suche nach Namen und Personen, die in keinem Lexikon auftauchen. Die Liste in Teil I umfasst sage und schreibe 1078 Personen, teilweise mit Kurzcharakterisierungen. Sie erg\u00e4nzt die Liste der \u201eWahrheitszeugen\u201c, die Breckling Gottfried Arnold f\u00fcr seine \u201eUnpartheiische Kirchen- und Ketzerhistorie\u201c zur Verf\u00fcgung gestellt hatte, um ein Mehrfaches. Dieser Teil I (9\u2013169) gliedert sich in zwei gro\u00dfe Abschnitte. Im ersten wird das \u201ealphabetisch nach deutschen, niederl\u00e4ndischen und skandinavischen St\u00e4dten und Gebieten geordnete Verzeichnis von Personen\u201c linksseitig als Faksimile des in der Forschungsbibliothek Gotha aufbewahrten Originals wiedergegeben, w\u00e4hrend auf der rechten Seite die jeweilige Transkription in der Weise erfolgt, dass Einr\u00fcckungen, Abs\u00e4tze, Streichungen und dergleichen genau an die Vorlage angepasst werden. Wie schon der Titel dieses Verzeichnisses zeigt, folgt die Ordnung einer geographischen Gliederung. Im zweiten Abschnitt werden dann alle vorkommenden Namen alphabetisch aufgelistet und mit einem unterschiedlich langen Biogramm versehen, das zus\u00e4tzlich auch Kontakte zu anderen im Verzeichnis vorkommenden Personen notiert. Es wird also ein weites Netz gespannt, das f\u00fcr jeden, der in diesem Zeitraum forscht, eine Fundgrube darstellt. Diese Vernetzung verweist selbstverst\u00e4ndlich auf unterschiedliche vorliegende und in Bearbeitung begriffenen Forschungsarbeiten. So wird etwa immer wieder auf die (biographischen) Forschungsergebnisse der Spenerbriefausgabe hingewiesen (<a href=\"http:\/\/www.edition-spenerbriefe.de\">www.edition-spenerbriefe.de<\/a> ), wie umgekehrt Erkenntnisse aus dem hier vorgelegten Verzeichnis helfen (und geholfen haben), in der Briefausgabe genannte Personen zu identifizieren. Die Belege in den Kurzbiogrammen im vorliegenden Band sind freilich nicht immer konsistent und lassen Fragen zu. So wird h\u00e4ufig auf die alten Lexika von Zedler und J\u00f6cher verwiesen, wo schon neuere Literatur oder neuere Lexikonartikel vorliegen. Manchmal wird auf die neuesten theologischen Lexika (TRE, RGG<sup>4<\/sup>) hingewiesen, manchmal werden sie \u00fcbergangen. Gleiches gilt f\u00fcr Pfarrerb\u00fccher, die nicht konsequent befragt werden (Beispiel: Bei \u201eMarcus Antonius Schmidt\u201c wird lediglich die von Breckling vorgenommene Beurteilung \u201eoptimus\u201c und der Ortsname \u201eTochov\u201c angegeben, w\u00e4hrend er als Pfarrer von Tychow sehr leicht nach dem pommerschen Pfarrerbuch h\u00e4tte identifiziert werden k\u00f6nnen). Die Ausgabe der Briefe Speners aus der Dresdner Zeit (die Angabe fehlt in der Bibliographie) wird nicht konsequent f\u00fcr die Identifizierung von Personen herangezogen (Beispiel: die aus Frankfurt nach Pommern gekommene \u201eLisbeth\u201c [132] war mit dem Pfarrer Philipp Christoph Zeise [167] verheiratet, wie man aus Spener, Dresdner Briefe, Bd. 3, 169, leicht h\u00e4tte ersehen k\u00f6nnen; weitere Beispiele k\u00f6nnten folgen). Diese Beobachtungen m\u00f6gen aber den Wert der Edition des Gothaer Faszikels nicht zu verdunkeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erstaunlich gro\u00dfe Netzwerk an Bekannten und\/oder Korrespondenten Brecklings wird nicht zuletzt durch das in Teil IV vorgelegte Kartenmaterial erkennbar, mit dem die Personen- und Ortsnamen visuell dargestellt werden. Dabei wird ersichtlich, dass die von ihm gelegentlich als \u201eoptimi\u201c bezeichneten \u201eWahrheitszeugen\u201c ebenso wie seine Korrespondenzpartner vermehrt in jenen Gegenden des Alten Reiches zu finden sind, in denen \u201ePietisten\u201c wirkten (Herzogtum Magdeburg mit Harzgegend, Hamburg und Hinterpommern), freilich ohne Breckling selbst damit unter diese subsumieren zu k\u00f6nnen. Bemerkenswert ist aber, dass in der Zeit, in der die in Teil&nbsp;I ver\u00f6ffentlichte Liste entstand (ca. 1690 bis 1700; s. 249), kaum Kontakte in das f\u00fcr den Pietismus sp\u00e4ter so wichtig werdende W\u00fcrttemberg bestanden (270) (Elias Veiel in Ulm ausgenommen, dazu im Zusammenhang anderer \u201eNonkonformisten\u201c wie etwa J. G. Gichtel, 267). Dieser Befund entspricht durchaus auch dem der Spenerbriefe. Die lokalen Schwerpunkte der pietistischen bis nonkonformistischen Fr\u00f6mmigkeit lagen in dieser Zeit deutlich im norddeutschen und nordostdeutschen Gebiet.<\/p>\n\n\n\n<p>Teil II des vorliegenden Bandes publiziert eine lange B\u00fccherliste Brecklings (171\u2013230), die dieser mit \u201eBibliotheca Bibliothekarum\u201c (sic!) \u00fcberschrieben hat. Anders als in Teil I wird lediglich exemplarisch eine Seite der Handschrift als Faksimile abgedruckt. Die anderen werden nur in transkribierter Form aufgelistet, wobei exakt die von Breckling verwendete Form der Titelangabe wiedergegeben wird \u2013 abgek\u00fcrzt und h\u00e4ufig, aber l\u00e4ngst nicht durchg\u00e4ngig, mit Angabe von Ort und Jahr. Die Liste scheint eine Vorarbeit f\u00fcr ein nie realisiertes Publikationsprojekt zu sein, das vergleichbaren Zusammenstellungen mit dem Titel \u201eBibliotheca\u201c entsprach. Der Katalog umfasst ca. 2.000 Titel (252). Nach Naschert gibt sie \u201eeinen spezifischen Einblick in das literarhistorische Wissen des dissidenten Milieus um 1700\u201c (252). Ob man eine solche Verallgemeinerung von einer \u2013 gelehrten \u2013 Einzelperson auf ein ganzes Milieu machen kann, muss die weitere Forschung erst noch erweisen. Jedenfalls steht aber fest, dass Breckling mit seiner \u201eenzyklop\u00e4dischen B\u00fccherkenntnis\u201c sich keineswegs von der \u201eakademischen Buchgelehrsamkeit\u201c abgekehrt hat (251), wie dies bei einigen radikalen Pietisten wahrzunehmen ist. In welchem Verh\u00e4ltnis diese Liste zu seinem eigenen B\u00fccherbesitz steht, ist nicht v\u00f6llig klar. Allerdings wird Brecklings Bibliothek von Gottlieb Stolle, der ihn auf der Durchreise in Amsterdam besuchte, als \u201edie be\u00dfte connoissance von allen Secten und paradoxen Leuthen in Holland, Engelland und Deutschland\u201c gelobt (252). Schon eine schnelle Durchsicht macht deutlich, dass Breckling umfangreich auf patristische und mittelalterliche Literatur, bei letzterer keineswegs nur auf Mystiker, die man erwarten k\u00f6nnte, verweist. Exemplarisch sei hier auf Ubertin von Casales \u201eArbor vitae\u201c verwiesen (193), das eine bedeutende Wirkm\u00e4chtigkeit in der Apokalypseauslegung entfaltete, ebenso auf Joachim von Fiore (193). Keineswegs ist diese Bibliothek auf theologische oder \u201efromme\u201c Literatur beschr\u00e4nkt, sondern enth\u00e4lt naturwissenschaftliche (J.&nbsp;Kepler; R.&nbsp;Bacon u.a.m.), historische, geographische (J. Acosta, Historia Americana) juristische und \u2013 auffallend h\u00e4ufig \u2013 medizinische B\u00fccher. Eine genauere Untersuchung \u00fcber die prozentuale H\u00e4ufigkeit, wie dies von B. Klosterberg f\u00fcr die Sammlung vorgenommen wurde, die Breckling der Bibliothek des Halleschen Waisenhauses schenkte (B. Klosterberg, Libri Brecklingici, in: <em>Interdisziplin<\/em><em>\u00e4<\/em><em>re Pietismusforschungen<\/em>, hg. von U. Str\u00e4ter, Halle a. S. 2005, 871\u2013881), w\u00e4re f\u00fcr die vorliegende Liste eine hilfreiche Erg\u00e4nzung gewesen. Eine exakte Bibliographierung der einzelnen Titel w\u00e4re zwar w\u00fcnschenswert, aber arbeits\u00f6konomisch wohl unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gewesen. Selbstverst\u00e4ndlich sind, wie die Beschreibung Stolles zusammenfassend zeigt, die \u201eSecten\u201c wie etwa die Labadisten, Vertreter des \u201elinken Fl\u00fcgels der Reformation\u201c (Sebastian Franck u.a.), fromme Einzelpersonen des 17. Jds. (Abraham von Franckenberg u. a.) und dergleichen vertreten. Zu den Vorl\u00e4ufern der pietistischen Bewegung, die von Breckling genannt werden, z\u00e4hlt selbstverst\u00e4ndlich auch Johann Arndt. Dar\u00fcber hinaus f\u00e4llt auf, dass reichlich Vertreter der lutherischen Orthodoxie genannt sind (Brecklings Lehrer Johann Conrad Dannhauer und Sebastian Schmidt, Johann Gerhard, Salomon Glassius, der d\u00e4nische Theologe Jesper Brochmand, aber auch die sp\u00e4teren Pietismusgegner Philipp Ludwig Hanneken und Samuel Schelwig). Dem gegen\u00fcber sind zu erwartende Namen wie Philipp Jakob Spener, mit dem Breckling jahrzehntelang korrespondierte und der den in \u00f6konomisch prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen lebenden Briefpartner finanziell unterst\u00fctzte, und Joachim Justus Breithaupt nur ganz sp\u00e4rlich vertreten. Eine genauere Auswertung der vorgelegten Liste unter der Fragestellung nach der Einordnung Brecklings in die theologischen und fr\u00f6mmigkeitsgeschichtlichen Auseinandersetzungen der Zeit um 1700 steht noch aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der III. Teil ist Brecklings Netzwerk gewidmet (230\u2013273), das unter verschiedenen Aspekten (z. B. \u201eBuchh\u00e4ndler und Drucker\u201c, 270\u2013272) behandelt wird. Der Vergleich mit anderen, der Forschungs\u00f6ffentlichkeit schon vorgelegten Netzwerkbeschreibungen best\u00e4tigt den o. g. Befund einer eher sp\u00e4rlich vorhandenen Vernetzung mit den Gegenden, in denen die pietistische Bewegung in den 1690er Jahren vornehmlich beheimatet war (Th\u00fcringer und Magdeburger Raum; Nordostdeutschland; 269f). Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei noch auf die Teile IV bis VII verwiesen, die das schon erw\u00e4hnte Kartenmaterial, eine Zeittafel, editorische Bemerkungen und ein ausf\u00fchrliches Nachlass-, Quellen- und Literaturverzeichnis bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>All dies l\u00e4sst die Funktion des Buches erkennen, das \u201eals Hilfsmittel zum Verst\u00e4ndnis von Friedrich Brecklings Menschen- und B\u00fccherkenntnis gedacht (ist)\u201c und es \u201eerm\u00f6glicht (\u2026) k\u00fcnftig, sein \u201aNetzwerk\u2018 mit anderen Netzwerken besser abzugleichen\u201c (272). Es handelt sich um einen wichtigen \u2013 noch nicht vollst\u00e4ndig behauenen \u2013 Baustein der Erforschung der Fr\u00f6mmigkeit auf der Schwelle vom 17. zum 18. Jahrhundert, der aller Beachtung wert ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Klaus vom Orde, Halle (Saale)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guido Naschert: Friedrich Brecklings ,Wahrheitszeugen\u2018. 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