{"id":2569,"date":"2025-10-04T17:07:48","date_gmt":"2025-10-04T17:07:48","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2569"},"modified":"2025-10-04T17:07:48","modified_gmt":"2025-10-04T17:07:48","slug":"oliver-lutz-dorothea-trudel-1813-1862","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2569","title":{"rendered":"Oliver Lutz: Dorothea Trudel (1813\u20131862)"},"content":{"rendered":"\n<p>Oliver Lutz: <em>Dorothea Trudel (1813\u20131862). Pionierin mit Charisma und Heilungsgabe<\/em>, Z\u00fcrich: TVZ, 2024, Pb., 365 S., \u20ac 52,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.tvz-verlag.ch\/buch\/dorothea-trudel-1813-1862-9783290186494\/\">978-3-290-18649-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Weithin bekannt sind Johann Christoph (1805\u20131880) und Christoph Friedrich Blumhardt (1842\u20131919), die w\u00e4hrend ihres Dienstes in M\u00f6ttlingen und Bad Boll zahlreiche Gebetsheilungen erlebten. Stephan Holthaus z\u00e4hlt in seinem Standardwerk \u00fcber die Heiligungsbewegung <em>Heil <\/em><em>\u2013 <\/em><em>Heilung <\/em><em>\u2013 <\/em><em>Heiligung<\/em> (2005) neben den beiden Blumhardts auch das Heilungsheim in M\u00e4nnedorf unter der Leitung von Dorothea Trudel (1813\u20131862) und ihrem Nachfolger Samuel Zeller (1834\u20131912) zu den haupts\u00e4chlichen \u201eVorl\u00e4ufern und Wegbereitern\u201c der Heilungsbewegung (Teil X, A, 334\u2013341). Er hebt die Wirksamkeit von \u201eJungfer Trudel\u201c hervor: \u201eDer Einfluss Dorothea Trudels kann nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden. Hunderte von Christen haben in M\u00e4nnedorf Heilung von Krankheiten erfahren &#8230;\u201c (Holthaus, a .a. O., 338).<\/p>\n\n\n\n<p>Die christliche \u201eGebetsheilanstalt\u201c (andere Bezeichnungen: 33) von Dorothea Trudel in M\u00e4nnedorf am Z\u00fcrichsee war zu ihrer Lebenszeit in pietistisch-freikirchlichen Kreisen \u00fcber die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt. Sie hat zudem den entscheidenden Ansto\u00df f\u00fcr die \u00dcbung des Krankengebets gegeben, bevor es als exklusives Merkmal von Pfingstgemeinden verstanden wurde. Dies wird unisono in der Sekund\u00e4rliteratur zur Heilungs- und Heiligungsbewegung festgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso erstaunlicher ist es, dass es bisher keine umfangreiche neuere Untersuchung zu Dorothea Trudel und M\u00e4nnedorf gab. Ebenso sind die vorhandenen handschriftlichen und gedruckten Quellen bis anhin noch nicht umfassend ausgewertet worden. Nur Thomas Schirrmacher (1988) und J\u00fcrgen Seidel (2004) haben in kleinerem Umfang in ihren wissenschaftlichen Aufs\u00e4tzen auch Quellen <a>ber\u00fc<\/a>cksichtigt<a href=\"#_msocom_1\">[1]<\/a>&nbsp;.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Teil (Einleitung, 19\u201337) seiner an der UNISA eingereichten Dissertation fasst Oliver Lutz den Ertrag bisheriger Ver\u00f6ffentlichungen zum Thema zusammen und formuliert seine Forschungsfrage: \u201eSpiritualit\u00e4t Dorothea Trudels und Aspekte ihrer Rezeption im Pietismus und in der transaltlantischen Heilungsbewegung\u201c (20). Entsprechend befassen sich die beiden Hauptteile mit der Spiritualit\u00e4t der Schweizer Seelsorgerin (2. Teil, 39\u2013189) und der Rezeption ihres Lebenswerks durch f\u00fcnf Pers\u00f6nlichkeiten bzw. Institutionen (3. Teil, 191\u2013296).<\/p>\n\n\n\n<p>Auf sechs Seiten wird als Ertrag \u201eDas Erbe von D. T. f\u00fcr heute\u201c zusammengefasst (4. Teil, 297\u2013302), eine ausf\u00fchrlichere Zusammenfassung der gesamten Arbeit schlie\u00dft sich an (5. Teil, 303\u2013319).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anhang pr\u00e4sentiert eine Tabelle von 118 Korrespondenten, die f\u00fcr den Medizinalprozess gegen D. T. handschriftlich ihre Heilung durch dieselbe bezeugten (6. Teil, 321\u2013342, vgl. 29f). Den Schluss der Monographie bildet das Verzeichnis von Archivalien, Prim\u00e4r- und Sekund\u00e4rliteratur (7. Teil, 343\u2013365).<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal hat Trudel vier kranken Arbeitern des Seidenband-Betriebs von Jakob D\u00e4ndliker \u2013 in dem sie selbst zeitweise arbeitete \u2013 unter Gebet die H\u00e4nde aufgelegt; dies f\u00fchrte \u201enach nur wenigen Minuten\u201c zur Heilung ihrer Schmerzen (59, Ereignis undatiert, nach 1851). Nach Kontakten mit Darbysten und Br\u00fcdergemeinen in der Schweiz \u00fcbernimmt sie die Lospraxis der Herrnhut. Die Losungen sind f\u00fcr ihre Spiritualit\u00e4t von gro\u00dfer Bedeutung, nicht nur bei der t\u00e4glichen Auslegung der ausgew\u00e4hlten Bibelverse, sondern auch vor wichtigen Entscheidungen wie der Erweiterung der Heilanstalt und zum Beispiel am Neujahrsmorgen (vgl. 76f, 81f, 98f, 111, 155f, 182, 208). Die Praxis des Losbefragens blieb allerdings nicht ohne Kritik; sie wurde durch Samuel Zeller korrigiert (vgl. 128, 201, 228).<\/p>\n\n\n\n<p>Dorothea Trudels Einrichtung wuchs schnell. 1857 wurde ein zweites Haus gekauft, 1859 ein drittes mit einem Andachtssaal f\u00fcr 80 Personen. Erst nach dem Tod der Gr\u00fcnderin am 6.9.1862 wird 1863 das Haus Elim mit einem noch gr\u00f6\u00dferen Betsaal eingeweiht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen \u201eEinmischung in das Heilgesch\u00e4ft\u201c (67f) wurde Trudel schon 1857 mit einer Strafe von 60 SFr belegt; die Kranken mussten nach Hause geschickt werden. Die Zahl der Besucher und Heilungsuchenden wuchs dennoch weiter, unter ihnen bekannte Erweckte des Schweizer R\u00e9veil und Pietisten, besonders aus W\u00fcrttemberg, wie Charlotte Reihlen, Pr\u00e4lat Sixt Kapff, F\u00e9lix und H\u00e9l\u00e8ne Bovet, Mathilde und F. A. G. Tholuck, Fr\u00e9d\u00e9ric Godet, ein Baron von Barsewisch aus Baden-Baden, der Schweizer Philosoph Charles Secr\u00e9tan, William Marriott, Elias Schrenk, Arnold Bovet, der bekannte Heiligungsprediger Robert Pearsall Smith und auch Otto Stockmayer (89\u201391, 115f, 129f, 217, 249\u2013252). Es war Trudel wichtig, durch ihren Dienst Menschen in der Nachfolge bewusst zu f\u00f6rdern (135f).<\/p>\n\n\n\n<p>Die zust\u00e4ndige Medizinaldirektion Meilen ruhte derweil nicht und hatte best\u00e4ndig ein kritisches Auge auf die Gebetsheilanstalt. So kam es 1861 zu einem Gerichtsprozess. Obwohl eine beeindruckende Liste von Heilungszeugnissen vorgelegt werden konnte, wurde Trudel zu einer Strafe von 154 SFr verurteilt (136\u2013171).<\/p>\n\n\n\n<p>Besondere Aufmerksamkeit verdient der dritte Teil von Lutz\u2019 Untersuchung \u00fcber die weitreichende Rezeption der Gebetsheilungspraxis. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Aufnahme der M\u00e4nnedorfer Impulse war Samuel Zellers ab 1862 in achtzehn Auflagen verbreitete Buch <em>Aus dem Leben und Heimgang der Jungfrau Dorothea Trudel<\/em> (201). Im Unterschied zu Robert Pearsall Smith vertrat Zeller die Meinung, dass Heiligung nicht nur durch den Glauben, sondern auch durch Zucht erreicht werden k\u00f6nne (217f).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Canstatter \u201eVilla Seckendorff\u201c der Henriette L. M. Freiin von Seckendorff-Gutend (1819\u20131878) fand Dorothea Trudels M\u00e4nnedorfer Werk eine ebenb\u00fcrtige Nachahmerin (231\u2013247). Viele adelige Kranke aus Estland suchten in ihrer Villa Heilung. Auch von Seckendorf lebte und predigte mit dem Losungsbuch. \u2013 Der f\u00fchrende Vertreter der Heiligungsbewegung im deutschsprachigen Raum, Otto Stockmayer in Hauptwil (247\u2013260), erlebte zwar bei Trudel Heilung, sah ihre Arbeit aber auch distanziert. \u2013 Das \u201eAsyl\u201c R\u00e4mism\u00fchle (261\u2013269), ein seelsorgerliches Pflege- und Gebetsheilungshaus im T\u00f6sstal bei Winterthur entstand aus einer pietistischen Gemeinschaft, die Kontakte zu den \u201eZellerschen Anstalten\u201c in M\u00e4nnedorf hatte. Leitende Personen der Anfangszeit waren die Diakonisse Marie Leumann, die Arbeiterin Babette Isler (1839\u20131899), die Pflegerin Elise Gossweiler (1851\u20131921), und Georg Steinberger (1865\u20131903), der sp\u00e4ter als Chrischona-Prediger bekannt wurde. Als die Versammlungen des Evangelisationswerkes M\u00e4nnedorf der Evangelischen Gesellschaft (EG) Z\u00fcrich angegliedert wurden, beschloss die Versammlung in R\u00e4mism\u00fchle 1887, zuk\u00fcnftig zum Verband der Pilgermission St. Chrischona zu geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders wichtig wurden die Lekt\u00fcre der Trudel-Biographie von Zeller und ein Besuch in M\u00e4nnedorf im Jahr 1873 f\u00fcr Charles Cullis (1833\u20131892), der 1882 ein <em>Faith Cure Home<\/em> er\u00f6ffnete (269\u2013289). Seine Inspiration durch das Schweizerische Gebetsheilungswerk f\u00fchrte in der US-amerikanischen <em>Divine Healing Movement<\/em> dazu, dass Dorothea Trudel \u201einnerhalb der amerikanischen Heilungsbewegung zu einer bekannten Gr\u00f6sse\u201c wurde. Im Gegensatz zu diesem in der amerikanischen Forschung gut aufgearbeiteten letzten Teil der exemplarischen Rezeptionsgeschichte warten die ersten vier deutsch-schweizerischen Abschnitte (S. Zeller, H. v. Seckendorff, O. Stockmayer und \u201eAsyl\u201c R\u00e4mism\u00fchle) noch auf intensivere Erforschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend sieht der Verfasser Dorothea Trudels Erbe in der Gegenwart im wachst\u00fcmlichen geistlichen \u201eLeben in der Schule Gottes\u201c, im Vertrauen auf Gottes Wort und im Gebet f\u00fcr die Kranken nach Jakobus 5 (300\u2013302).<\/p>\n\n\n\n<p>Oliver Lutz erschlie\u00dft mit seiner Dissertation eine F\u00fclle von Originaldokumenten und Sekund\u00e4rliteratur, deren Existenz man bei einer vermeintlich \u201ekleinen\u201c christlichen Institution nicht vermutet h\u00e4tte. Es mag an den vorausgesetzten <em>Guidelines<\/em> der UNISA liegen, dass die Erfassung der Personennamen und -viten sowie der verwendeten Archivmaterialien und Literatur nicht dem Standard der Vereinheitlichung entspricht, die der Rezensent bei einer Hochschulschrift erwartet h\u00e4tte. Trotz dieser formalen Desiderate \u00fcberzeugt der Band durch die Vielfalt erstmals ver\u00f6ffentlichter Dokumente und entdeckter Beziehungsgeflechte, die bisher unbekannte Aspekte des Netzwerks der Frommen im 19. Jahrhundert besonders in der Schweiz und in Deutschland ans Licht gebracht haben. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><a id=\"_msocom_1\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oliver Lutz: Dorothea Trudel (1813\u20131862). 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