{"id":2572,"date":"2025-10-04T17:09:43","date_gmt":"2025-10-04T17:09:43","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2572"},"modified":"2025-10-08T16:05:50","modified_gmt":"2025-10-08T16:05:50","slug":"bernd-brandl-heinrich-coerper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2572","title":{"rendered":"Bernd Brandl: Heinrich Coerper"},"content":{"rendered":"\n<p>Bernd Brandl: <em>Heinrich Coerper. Sein Leben und die Anf\u00e4nge der Liebenzeller Mission<\/em>, Interkulturalit\u00e4t &amp; Religion\/ Intercultural &amp; Religious Studies 9, Berlin: LIT-Verlag, 2024, geb., XVI+632 S., \u20ac 44,90, ISBN <a href=\"https:\/\/lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-25134-3\/\">978-3-643-25134-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Nachdem es bisher \u00fcber den Liebenzeller Werkgr\u00fcnder Heinrich Coerper (1863\u20131936) nur einige erbauliche Erinnerungsschriften gab, hat der emeritierte Liebenzeller Kirchengeschichtler Bernd Brandl nun mit diesem Band erstmals eine mit Archivquellen belegte wissenschaftliche Darstellung von \u00fcber 600 Seiten vorgelegt. Dabei wird deutlich, dass Heinrich Coerper eine schillernde Pers\u00f6nlichkeit mit vision\u00e4rer Leitungsbegabung und seelsorgerlicher Kompetenz gewesen ist, der gleichzeitig aber auch kritisch zu beurteilende theologische und politische Positionen vertreten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Brandl beginnt seine Untersuchung im ersten Kapitel (1\u201327) mit grundlegenden Bemerkungen zur biographischen Geschichtsschreibung und mit einer differenzierten Beleuchtung der bisher vorliegenden hagiographischen Biographien \u00fcber Heinrich Coerper. Damit wird die dringende Notwendigkeit einer erstmaligen wissenschaftlichen Untersuchung Coerpers deutlich gemacht, an die sich ein \u00dcberblick \u00fcber das vorhandene Quellenmaterial anschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Darstellung beleuchtet zun\u00e4chst in Kapitel 2 (29\u201350) die Herkunft Coerpers aus einer Pfarrersfamilie in Meisenheim in der Pfalz, die aufgrund der N\u00e4he zu Frankreich tief patriotisch gepr\u00e4gt war. Kapitel 3 (51\u201391) beschreibt Coerpers Schulzeit und seine Jahre als Theologiestudent ab 1883, wo er vor allem durch Prof. Theodor Christlieb in Bonn in ein lebendiges pers\u00f6nliches Glaubensleben hineinfand. Die Kapitel 4 und 5 (93\u2013165) erz\u00e4hlen daraufhin \u00fcber Coerpers erste Berufserfahrungen als Dozent an der neugegr\u00fcndeten Evangelistenschule Johanneum in Bonn und als Stadtmissionar der freien Kapellengemeinde in Heidelberg. In diesen Jahren zwischen 1888\u20131894 wurde er auch zum Mitbegr\u00fcnder der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV) und kn\u00fcpfte vielf\u00e4ltige Kontakte in der deutschen Heiligungs- und Gemeinschaftsbewegung. Kapitel 6 (167\u2013216) stellt dar, wie Coerper als Gro\u00dfstadtpfarrer in Essen (1894\u20131897) und als Diakonissenpfarrer in Stra\u00dfburg (1897\u20131899) letztlich aufgrund seiner dezidierten Pr\u00e4gung durch die Heiligungsbewegung jeweils schon nach kurzer Zeit scheiterte. Kapitel 7 (217\u2013286) berichtet daraufhin vom holprigen und angefochtenen Start des eigentlichen Lebenswerks Coerpers, dem Aufbau eines deutschen Zweigs der China-Inland-Mission, zun\u00e4chst von 1899\u20131902 in Hamburg, sowie dann, in Kapitel 8 (287\u2013352) dargestellt, in Liebenzell im Schwarzwald. Dabei waren nicht nur starke innerpietistische Gegnerschaften aus dem Raum des w\u00fcrttembergischen Altpietismus auszuhalten, sondern auch mancherlei finanzielle, juristische und strukturelle Probleme zu l\u00f6sen, was vor allem durch die Unterst\u00fctzung einer verm\u00f6genden M\u00e4zenin gelang (313\u2013318). Kapitel 9 (353\u2013416), in dem Coerper selbst weitgehend im Hintergrund bleibt, berichtet \u00fcber die Ausweitung der Liebenzeller Missionsarbeit nach Ozeanien, Papua-Neuguinea und Japan in den turbulenten \u00dcbergangszeiten der deutschen Kolonialzeit und der beiden Weltkriege. Hier bleiben manche Fragen offen, weshalb eine tiefergehende Untersuchung als Forschungsdesiderat formuliert wird (416). In Kapitel 10 (417\u2013480) wird beschrieben, wie Coerper der Liebenzeller Mission durch aktive Evangelisationsarbeit einen Unterst\u00fctzerkreis eigener Gemeinschaften schuf, der 1910 schlie\u00dflich als <em>S\u00fc<\/em><em>ddeutsche Vereinigung<\/em> organisiert wurde. Zu dieser Zeit bezog Coerper in den Auseinandersetzungen um die Pfingstbewegung trotz vieler Anfeindungen von beiden Seiten eine neutrale Mittelstellung. Kapitel 11 (481\u2013518) behandelt Coerpers politische \u00c4u\u00dferungen in der Zeit des 1. Weltkriegs von 1914\u20131918. Damals erwies er sich als \u00fcberzeugter kaisertreuer Patriot, dem es dennoch gelang die Verbundenheit zur englischen Zentrale der China-Inland-Mission zu bewahren. Kapitel 12 (519\u2013564) erz\u00e4hlt schlie\u00dflich \u00fcber Coerpers sp\u00e4te Jahre. Zun\u00e4chst wird aufgezeigt, wie er dem Verschw\u00f6rungsmythos der Dolchsto\u00dflegende anhing und Deutschlands Kriegs-Niederlage einer geheimen Allianz von Kommunismus, Judentum und Katholizismus anlastete. Schon bald aber arrangierte er sich mit der Weimarer Republik und w\u00fcrdigte in den 1920er Jahren die internationale Verflechtung der Missionsarbeit. Erst als sich die Machtergreifung Hitlers 1932\/33 abzeichnete, setzte er Hoffnungen in den Nationalsozialismus und blieb blind f\u00fcr dessen wahres Wesen, bis ihn \u2013 kurz nach der Gr\u00fcndung eines eigenst\u00e4ndigen <em>Liebenzeller Gemeinschaftsverbands<\/em> \u2013 ein Schlaganfall im Dezember 1933 traf. Daraufhin wurde er von seinen Aufgaben entbunden, bis er im Juli 1936 mit 73 Jahren starb.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Epilog formuliert der Verfasser auf den Seiten 565\u2013580 ein zusammenfassendes Fazit. Dabei macht er deutlich, dass Coerper als wichtiger und pr\u00e4gender Vertreter der deutschen Heiligungs-, Heilungs-, und Evangelisationsbewegung gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gelten kann. Insbesondere wird der feine Unterschied zwischen dem w\u00fcrttembergischen Altpietismus und dem Neupietismus Liebenzeller Pr\u00e4gung deutlich herausgearbeitet. Dies macht unter anderem verst\u00e4ndlich, warum Frauen bei Coerper eine nahezu gleichberechtigte Position haben konnten, und zwar sowohl in der formalen und informellen Leitung der Liebenzeller Mission als auch in der missionarischen Praxis im In- und Ausland.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verfasser macht einleitend deutlich, dass ihm die Schwierigkeit sehr wohl bewusst ist, als ein dem Liebenzeller Werk eng verbundener Mitarbeiter eine kritisch-neutrale Darstellung des Werkgr\u00fcnders vorzulegen (26). \u00dcber weite Strecken gelingt ihm das durch dezente kritische Wertungen (vor allem in Bezug auf Coerpers politische Haltungen) recht gut. Nur ganz zum Schluss des Buches (vor allem im Schlusswort auf Seite 580) rutscht der Verfasser dann doch selbst in den Stil einer eher hagiographischen Lebensbeschreibung ab, die deutlich eine subjektive Begeisterung \u00fcber das lebendige Glaubensvorbild Coerpers und dessen Heiligungstheologie durchscheinen l\u00e4sst. Dies schm\u00e4lert den objektiven Gesamtwert der Untersuchung allerdings nicht. Viele Informationen \u00fcber Heinrich Coerper erf\u00e4hrt man in diesem Buch zum ersten Mal (z. B. 99). Damit schlie\u00dfen sich knapp 90 Jahre nach seinem Tod manche L\u00fccken seines Biographie-Mosaiks. Zudem werden auch manche Widerspr\u00fcche und Spannungen zwischen den bisherigen Coerper-Biographien endlich differenziert und argumentativ gekl\u00e4rt (z. B. 84ff, 142), Fehlinformationen korrigiert (493, 504) oder Wertungen revidiert (497).<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr hilfreich ist, dass alle Kapitel mit kurzen Zusammenfassungen der wichtigsten Erkenntnisse abgeschlossen werden, so dass trotz des volumin\u00f6sen Umfangs des Buches auch ein schneller \u00dcberblick \u00fcber den roten Faden der Darstellung m\u00f6glich ist. Ein 14-seitiger Bildteil (ohne Seitenzahlen) vermittelt einige plastische Eindr\u00fccke. Insgesamt liegt hier eine beeindruckende und lesenswerte Biographie \u00fcber einen bisher wissenschaftlich kaum wahrgenommenen Protagonisten des Neupietismus vor, dessen Lebenslauf gerade dadurch beeindruckt, dass er keine geradlinige Erfolgsgeschichte ist, sondern auch Umwege, Scheitern und Fehler beinhaltet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Frank L\u00fcdke, Professor f\u00fcr Kirchengeschichte an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Brandl: Heinrich Coerper. 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