{"id":2575,"date":"2025-10-04T17:14:09","date_gmt":"2025-10-04T17:14:09","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2575"},"modified":"2025-10-04T17:14:09","modified_gmt":"2025-10-04T17:14:09","slug":"kevin-j-vanhoozer-mere-christian-hermeneutics","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2575","title":{"rendered":"Kevin J. Vanhoozer: Mere Christian Hermeneutics"},"content":{"rendered":"\n<p>Kevin J. Vanhoozer: <em>Mere Christian Hermeneutics. Transfiguring What It Means to Read the Bible Theologically<\/em>, Grand Rapids: Zondervan, 2024, geb., xxiv + 424\u00a0S., $\u00a039,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.zondervan.com\/9780310234388\/mere-christian-hermeneutics\/\">978-0310114512<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Vanhoozer (Research Prof. an der Trinity Evangelical Divinity School in Deerfield, Chicago) legt mit dem Buch \u201eEinfache christliche Hermeneutik\u201c den dritten Band seiner \u201eMere\u201c-Trilogie (<em>Theology and the Mirror of Scripture. A Mere Evangelical Account<\/em> (mit Daniel J. Treier, 2015) und <em>Biblical Authority after Babel. Retrieving the Solas in the Spirit of Mere Protestant Christianity<\/em> (2016)) vor. Dabei geht es ihm um das, was minimal alle Christen verbindet in der Frage nach der Theologie, der Bibelautorit\u00e4t und nun der Hermeneutik. Entstanden ist ein sehr konstruktiver Entwurf f\u00fcr eine reformatorisch-christozentrische Hermeneutik mit hoher \u00f6kumenischer Sensibilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Thematisch schlie\u00dft sich mit diesem Werk ein Kreis, der mit V.\u2019s preisgekr\u00f6nter Auseinandersetzung mit postmoderner Hermeneutik in \u201eIs there a meaning in this text?\u201c (1998; Jubil\u00e4umsausgabe 2009) begann. Allerdings setzt V. die Hauptaussage \u2013Bibeltexte sind Teil des Kommunikationsprozesses des dreieinen Gottes \u2013 seines fr\u00fchen Buches wohl voraus und f\u00fchrt nun Erkenntnisse (und seine Beitr\u00e4ge) zur \u201eTheological Interpretation of Scripture\u201c (TIS) zusammen, einer Forschungsrichtung die im (US-)englischsprachigen Raum der letzten Jahrzehnte fruchtbar gef\u00fchrt wurde (xix). Sein Anliegen ist es, \u201edie Bibel theologisch zu lesen\u201c (Untertitel): Die Bibel ist das Medium g\u00f6ttlicher Anrede (9). Beim Lesen der Bibel begegnet der Mensch dem lebendigen, dreieinen Gott, seiner Stimme. Dabei bleibt der Wortsinn der urspr\u00fcnglichen historischen Situation (Literalsinn) wichtig und Grundlage auch f\u00fcr den geistlichen Sinn. Dass Gott in der Bibel auch \u201eheute\u201c spricht, f\u00fcgt der w\u00f6rtlichen Bedeutung nicht etwas hinzu oder verf\u00e4lscht es gar. Sondern der Heilige Geist l\u00e4sst den Diskurs neu erklingen, reaktiviert ihn und situiert ihn neu in und f\u00fcr einen neuen heils-geschichtlichen Kontext (9-10). Wichtig ist dabei der kanonische Kontext und ein eschatologischer Referenzrahmen. So wird der (daf\u00fcr offene) Leser\/H\u00f6rer selbst ver\u00e4ndert, ja umgestaltet (transfigured). Die Bibel zu lesen ist daher nicht nur informativ, sondern formativ (37). Echte reader-response auf die g\u00f6ttliche Anrede ist dialogisch und m\u00fcndet in das Gebet \u201eHier bin ich\u201c (Gen 22,1).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Sicht entfaltet V. nun ausf\u00fchrlich mit Argumenten und Begr\u00fcndungen mit Hilfe eines hermeneutischen Paradigmas, das bereits die Kirchenv\u00e4ter (Gregor v. Nyssa, Hieronymus) f\u00fcr das angemessene, geistliche Verstehen der Bibel verwendeten: Es geht wie bei dem Evangelienbericht der Verkl\u00e4rung (engl. transfiguration) von Jesus darum, \u201eden hermeneutischen Berg zu erklimmen \u2026 um nach dem Licht Christi zu suchen\u201c (226). Das Lichtmotiv als Ort der Selbstoffenbarung Gottes findet sich von der Sch\u00f6pfung bis zur Vollendung und f\u00fcr die Fragen der Hermeneutik besonders bedeutsam im Bericht der Gottesbegegnung des Mose (Ex&nbsp;34) und dem Bericht der Verkl\u00e4rung Jesu. Dabei steht die \u201eVerkl\u00e4rung\u201c (<em>metamorphoo<\/em>) der Person Jesus (Gesicht\/Kleider werden wei\u00df wie Licht\/wie die Sonne) einerseits im Zentrum, was bedeutet: Jesus Christus ist der Skopus der Schrift (180ff). Transfigurale Auslegung ist darum eine Interpretation biblischer Texte, \u201ebei der biblische Figuren in einer Weise \u2018\u00fcber\u2019 (lat. <em>trans<\/em>) Zeiten und die Testamente [JB: AT\/NT] hinweg verbunden sind, dass eine koh\u00e4rente, einheitliche Erz\u00e4hlung mit Zentrum Jesus Christus entsteht\u201c (168). Gleichzeitig kann die von den J\u00fcngern beobachtete Ver\u00e4nderung vom figuralen zum trans-figuralen an Jesus auf das Verh\u00e4ltnis von Literalsinn zur geistlich-theologischen Bedeutung eines Textes \u00fcbertragen werden (<em>analogia corporis<\/em>, 228f): Transfiguraler Auslegung geht es \u201esowohl um den w\u00f6rtlichen Sinn der Bibel als auch um das Licht im Buchstaben\u201c (xxii). Dieses \u201eLicht im Buchstaben\u201c wird aber nicht unkontrollierbar mystisch oder phantasievoll allegorisch entdeckt, sondern wird ausgehend vom w\u00f6rtlichen Sinne \u201ewie die biblischen Worte entlang und \u00fcber die Figuren hinaus zu den Realit\u00e4ten hin laufen, welche diese Figuren andeuten und antizipieren\u201c (169) sichtbar. Und dies ist mit Hilfe aller zur Verf\u00fcgung stehender methodischer Hilfsmittel, aber im Verstehensrahmen einer christlichen Weltsicht, des Kanons der Bibel und einer eschatologischen Ausrichtung erkennbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Vanhoozer formuliert im ersten Hauptteil (27-104) eine Auslegeordnung unter der Perspektive, ein \u201egutes\u201c Verstehen der Bibel brauche eine ihr angemessene Lese-Kultur. Dazu geh\u00f6rt eine entsprechende Interpretationsgemeinschaft (Kap.&nbsp;1) mit passenden Werkzeugen (Kap.&nbsp;2 sichtet kurz die Theologiegeschichte) und setzt die \u00dcberwindung der momentanen Polarisierung zwischen Biblischen Studien und Theologie voraus (Kap.&nbsp;3). \u2013 Den zweiten Hauptteil (105-192) widmet er dem \u201eFormalprizip der Hermeneutik\u201c, dem \u201eBuchstaben des Textes\u201c, der <em>historia<\/em>, dem \u201ewas passiert ist\u201c. Dieses Verstehen des Sensus Literalis geschieht in zwei Schritten: \u201eVom grammatischen Sinn hin zum eschatologischen Referenzrahmen\u201c in Kap.&nbsp;4, in welchem die Philologie, Literalit\u00e4t und der Referenzrahmen f\u00fcr diesen w\u00f6rtlichen Sinn thematisiert sind. Kap.&nbsp;5 erarbeitet unter der \u00dcberschrift \u201eVom Figuralen zum Trans-figuralen\u201c und im Vergleich mit Typologie und Allegorie, was unter Figuration zu verstehen ist. Dabei wird vorgeschlagen, dass eine grammatikalisch-eschatologische Exegese mit dem trans-figuralen Literalsinn verbunden sein muss und eine christoscopische (s. oben) Sicht der Interpretation bereits zur Reformationszeit ein einseitiges rein historisches Verst\u00e4ndnis verhindert hat. Die Bibel w\u00f6rtlich lesen hei\u00dft f\u00fcr V. daher: \u201eDie w\u00f6rtliche Bedeutung der Schrift ist die buchst\u00e4bliche Bedeutung, verstanden als menschlich-g\u00f6ttlicher autoritativer Diskurs, wenn er in kanonischem Kontext mit einem eschatologischen Referenzrahmen gelesen wird.\u201c (179). Der geistliche Sinn ist so die eschatologische F\u00fclle des w\u00f6rtlichen Sinns, ja der theologische Sinn l\u00e4sst den w\u00f6rtlichen Sinn erst recht aufleuchten, \u201everherrlicht\u201c ihn. \u2013 Im dritten Hauptteil (193-356) geht es um das \u201egeistliche Verstehen, welches mit der Geschichte korrespondiert\u201c, die <em>theoria<\/em>, das Materialprinzip \u201eeinfacher christlicher Hermeneutik\u201c. Dabei reiht sich das Lichtmotiv in den vier Kapiteln aufbauend aneinander. Kap.&nbsp;6 (\u201eLicht auf Literalit\u00e4t werfen: Licht gebracht\u201c) zeigt, dass bereits in der Sch\u00f6pfung Gott sich durch Licht zu erkennen gibt und Gen 1,3 von mehr als dem physischen Licht spricht. \u201eDie Verkl\u00e4rung Christi: Licht geoffenbart\u201c (Kap.&nbsp;7) befasst sich ausf\u00fchrlich \u2013 auch exegetisch \u2013 mit den Evangelienberichten und schlie\u00dft mit f\u00fcnf Thesen zur \u201eVerkl\u00e4rung als interpretativer Rahmen\u201c. Kap.&nbsp;8 besch\u00e4ftigt sich unter dem Titel \u201eDas Literale Transfigurieren: Licht gebrochen\u201c mit dem Verh\u00e4ltnis der beiden Testamente. Zentral ist die Frage, ob der Vorgang der transfiguralen Auslegung einseitig die biblischen Texte \u201evorw\u00e4rts\u201c (vom AT zum NT) oder im Gegenteil \u201er\u00fcckw\u00e4rts\u201c (Christus zur\u00fcck ins AT) liest. Mit \u201eDen Leser umgestalten (transfigurieren): Licht reflektiert\u201c schlie\u00dft Kap.&nbsp;9 mit Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Auswirkungen des Bibellesens und -verstehens auf den mit dem Text (und damit Gott) ringenden Leser (mit ausf\u00fchrlicher Auseinandersetzung mit 2Kor 3 (und Ex 34)). \u2013 Ein zusammenfassendes Schlusskapitel, eine ausf\u00fchrliche Bibliografie, ein Glossar sowie ein Schrift-, Personen- und Sachindex runden das Buch ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Grundanliegen des Buches (biblische Exegese und lebensver\u00e4ndernde Theologie zusammenzuhalten) und der dazu vorgeschlagene Weg zu einer allgemeinen christlichen Hermeneutik \u00fcberzeugen. Spannend und anregend sind die unterschiedlichen Bausteine und \u201eQuellen\u201c, die V.\u2019s Entwurf n\u00e4hren und bilden. Insgesamt rekurriert V. stark auf Kirchenv\u00e4ter (bis ins Mittelalter) und setzt sich z.B. kritisch-positiv mit den Fragen rund um deren allegorische Auslegung auseinander. Von den sp\u00e4teren \u201eV\u00e4tern\u201c werden neben den Reformatoren vor allem Jonathan Edwards und Kierkegaard zu Gespr\u00e4chspartnern, da beide sich ausf\u00fchrlicher mit der \u201e\u00d6konomie des Lichts\u201c auseinandergesetzt haben. Gleichzeitig rezipiert (z.\u00a0B. ausdr\u00fccklich Webster, The Culture of Theology) und diskutiert er eine grosse Anzahl moderner (englischsprachiger) Theologen und ihre jeweiligen Ansichten und Forschungsbeitr\u00e4ge, sowohl im Bereich der Bibelwissenschaften (AT und NT), als auch der Systematischen Theologie. Zudem findet sich in den Fussnoten eine F\u00fclle englischsprachiger Literatur zur Hermeneutik, die im deutschsprachigen Raum kaum Beachtung findet (siehe 37 S. Bibliografie im Kleinstdruck). Zu Recht hat ein anderer Rezensent von Einschr\u00e4nkungen des Buches gesprochen: Wer hermeneutische Ausf\u00fchrungen und konkrete methodische Schritte zu den haupts\u00e4chlichen Verstehensh\u00fcrden \u201eSprache\u201c, \u201egeschichtlicher Abstand\u201c und \u201eG\u00fcltigkeit\/Normativit\u00e4t heute\u201c sucht, wird sie hier nicht finden. Man ist sich unsicher, wie dieser Ansatz f\u00fcr manche inner-kirchliche (evangelikale) Auseinandersetzungen \u00fcber Bibeltexte hilfreich sein k\u00f6nnte. Wer aber eine Wegleitung f\u00fcr ein ganzheitliches Lesen und Verstehen der Bibel sucht, der findet hier ein \u00fcberaus konstruktives, gelehrtes und ausgereiftes Werk.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. J\u00fcrg Buchegger-M\u00fcller, Pfarrer der Freien Evangelischen Gemeinde Wetzikon (Schweiz)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kevin J. Vanhoozer: Mere Christian Hermeneutics. Transfiguring What It Means to Read the Bible Theologically, Grand Rapids: Zondervan, 2024, geb.,<\/p>\n","protected":false},"author":62,"featured_media":2576,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-2575","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2575","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/62"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2575"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2575\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2577,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2575\/revisions\/2577"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2576"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2575"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}