{"id":2581,"date":"2025-10-04T17:23:56","date_gmt":"2025-10-04T17:23:56","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2581"},"modified":"2025-10-04T17:26:06","modified_gmt":"2025-10-04T17:26:06","slug":"christopher-a-nunn-frederike-van-oorschot-hrsg-kompendium-computational-theology","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2581","title":{"rendered":"Christopher A. Nunn, Frederike van Oorschot (Hrsg.): Kompendium Computational Theology"},"content":{"rendered":"\n<p>Christopher A. Nunn, Frederike van Oorschot (Hrsg.): Kompendium Computational Theology, Bd. 1 Forschungspraktiken in den Digital Humanities, Heidelberg: heiBOOKS, 2025, Softcover, 524\u00a0S., \u20ac\u00a052,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/books.ub.uni-heidelberg.de\/\/heibooks\/catalog\/book\/1459\">978-3-911056-18-2<\/a>. Kostenlos als eBook: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.11588\/heibooks.1459\">https:\/\/doi.org\/10.11588\/heibooks.1459<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dr. Christopher A. Nunn (Qualit\u00e4tsmanagementbeauftragter und Programmkoordinator f\u00fcr den Masterstudiengang Theological Studies an der Universit\u00e4t Heidelberg) und Privatdozentin Dr. Frederika von Oorschot (Leiterin des Arbeitsbereichs \u201eReligion, Recht und Kultur\u201c an der Forschungsst\u00e4tte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V., FEST, Heidelberg) legen mit diesem Sammelband Ergebnisse und Beitr\u00e4ge vor, die im Umfeld des TheoLab an der Universit\u00e4t Heidelberg zu verorten sind. Diese Forschungsaktivit\u00e4ten liegen zwischen der Theologie und den Digital Humanities (DH) und werden von den Herausgebern als \u201eComputational Theology\u201c bezeichnet. Dieser Begriff ist nach eigenen Angaben von den Herausgebern ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt und entwickelt worden (9). Das Anliegen des ersten Bandes ist eine breite Einf\u00fchrung in verschiedene Forschungsrichtungen und soll nicht nur f\u00fcr Theologen von Interesse sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr weiteres Vorgehen und die Hintergr\u00fcnde legen die Herausgeber in ihrem ersten Beitrag \u201eKompendium Computational Theology \u2013 eine Hinf\u00fchrung\u201c dar. Sie f\u00fchren dazu breit in das Feld der Digital Humanities ein und stellen die dortigen wissenschaftlichen Spannungsfelder angemessen dar. Sie bemerken, dass die Theologie als Fach dort kaum vertreten ist. Hier w\u00fcrden \u201eentweder gro\u00dfe Vorbehalte dagegen bestehen, sich \u00fcberhaupt auf die DH einzulassen, oder zumindest Unsicherheiten bzgl. sinnvoller Forschungsfragen und M\u00f6glichkeiten der technischen Umsetzung existieren\u201c (17). Als Begr\u00fcndung f\u00fchren sie fehlende Infrastruktur und neben wissenschaftlichen Vorbehalten auch das Fehlen von Grundlagenwerken an. Letzteres kann sich allerdings nur auf die deutschsprachige Welt beziehen, man vergleiche die Arbeiten von Sutinen und Cooper, Philipps, oder Kurlberg um nur einige zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da andere Fachbereiche hier schon eine eigene wissenschaftliche Struktur (z.&nbsp;B. in Form von Digital History) ausgebildet haben, fordern die Herausgeber ein \u00e4hnliches Vorgehen f\u00fcr die Theologie. Allerdings sehen Sie hier keine direkte Anschlussf\u00e4higkeit an die Digital Humanities, da die Theologie auch noch weitere Bereiche wie Digitale Ethik oder die Digitalisierung der Theologie umfassen w\u00fcrden. Mit dieser Feststellung liegen sie richtig, auch wenn sie nicht alle relevanten Bereiche nennen. Damit stellen sich die Autoren gegen den international bereits etablierten Begriff \u201eDigital Theology\u201c und grenzen sich mit ihrer \u201eComputational Theology\u201c davon ab. Die vielf\u00e4ltigen weiteren \u00dcberschneidungen zu anderen Gebieten, wie der Philosophie des Digitalen und den Computational Social Sciences werden nicht beachtet. Insofern bleibt die neue Begriffseinf\u00fchrung letztlich unklar und erschwert den Zugang f\u00fcr Au\u00dfenstehenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herausgeber konnten in mehreren thematischen Abschnitten verschiedene Beitr\u00e4ge mit ganz unterschiedlicher Qualit\u00e4t zusammenstellen. Entgegen dem Untertitel werden allerdings nicht alle Forschungspraktiken der Digital Humanities vorgestellt, es liegt der Fokus auf der Arbeit mit textuellen Daten. Aufgrund der Engf\u00fchrung des Begriffs \u201eComputational Theology\u201c erkl\u00e4rt sich allerdings immerhin die Einschr\u00e4nkung auf die Digital Humanities, und so finden nicht aller Teilbereiche der Theologie ihr Gegenst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Abschnitt besch\u00e4ftigt sich mit dem \u201eVorhaben und [der] Begriffsbestimmung\u201c. Hier ist zum Beispiel der beachtenswerte Beitrag von Michael Piotrowski zum Spannungsfeld zwischen DH und der Theologie zu nennen. Der Beitrag \u00fcber Videospiele von Erin Raffety versucht sich an einer Perspektivbestimmung im Rahmen der Human Computer Interaction. Nunns ebenfalls lesenswerter Beitrag f\u00fchrt in seine Definition von Computational Theology ein, wobei die oben schon angesprochenen Aspekte eigentlich mitdiskutiert werden m\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Abschnitt fasst Beitr\u00e4ge zum Thema \u201eMultimediale Zug\u00e4nge der Digital Humanities\u201c zusammen, etwa zur Text- und Bilddigitalisieren, Audio- und Musikanalysen sowie Film- und Videoanalysen. Diese soliden Beitr\u00e4ge entstammen der Feder von Experten aus dem Feld Digital Humanities, was man an der Qualit\u00e4t auch deutlich merkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Abschnitt besch\u00e4ftigt sich mit den Formen digitaler Textanalyse. Der Einstiegsbeitrag von William Mattingly \u201ePython oder R? Einstieg zum Programmieren in den Geisteswissenschaften\u201c sticht zun\u00e4chst hervor. Mit seiner Sto\u00dfrichtung \u2013 der Analyse gro\u00dfer Textkorpora \u2013 passt er thematisch, allerdings weckt der Titel falsche Erwartungen. Der Beitrag ist kein Einstieg in die Programmierung, sondern bleibt seltsam vage: \u201eProgrammieren soll die traditionelle humanistische Forschung nicht ersetzen, sondern er\u00f6ffnet den Geisteswissenschaftler*innen neue Wege der Forschung. Es erm\u00f6glicht uns, Fragen zu stellen, die wir sonst nicht beantworten k\u00f6nnten.\u201c (209) Es werden im Buch durchweg lediglich Praktiken und Methoden der Forschung beschrieben. Das benennt der Untertitel des Bandes auch richtig. Als Spannungsfeld im gesamten Sammelband ergibt sich aber, dass kein wirklicher, konkret greifbarer Ausblick in die wissenschaftliche Praxis oder \u00fcberhaupt in die Praxis gemacht wird. Die weiteren Beitr\u00e4ge sind von gemischter Qualit\u00e4t. Herausstechend sind etwa die Beitr\u00e4ge von Fotis Jannidis oder Alexander Lasch. Anderen Beitr\u00e4gen, etwa von Caitlin Burge zur Netzwerkanalyse, h\u00e4tte bei der Zusammenstellung auch eine \u00dcberarbeitung gutgetan. Burge beispielsweise schafft es nicht nur, \u00fcber hundert Jahre Netzwerkforschung mit dem lapidaren Hinweis auf ein paar \u201eJahrzehnte\u201c, in denen sie an \u201ePopularit\u00e4t gewonnen\u201c h\u00e4tte, abzuarbeiten, sondern l\u00e4sst auch die Verbindung zur Theologie, abgesehen von der Nennung einiger Autoren, v\u00f6llig vermissen. Die von ihr angek\u00fcndigten \u201eBest-Practice-Beispiele\u201c sind eine einfache Auflistung von Forschungsarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte Abschnitt \u201eDissemination\u201c besch\u00e4ftigt sich schlussendlich mit Wissenschaftskommunikation, virtuellen Forschungsumgebungen, Forschungsdatenmanagement und auch der KI-gest\u00fctzten Textproduktion an Hochschulen. Die lesenswerten Beitr\u00e4ge bieten aber erneut vor allem eine Perspektive der Digital Humanities. Dies ist vielleicht die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke des Buches: Sie bietet eine Auswahl von Themen der Digital Humanities zur Arbeit mit Texten und f\u00fchrt diese \u2013 \u00fcberwiegend auf hohem Niveau \u2013 ein. Gleichzeitig ist die Auswahl entgegen der ja Eingangs schon diskutierten methodischen Bandbreite der Theologie, \u00fcber die DH hinausgehend, hier nicht abgebildet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch weitere Beitr\u00e4ge zu aktuellen Themen, beispielsweise zur K\u00fcnstlichen Intelligenz, fehlen. Hierzu w\u00e4ren aber vermutlich methodische Einf\u00fchrungen und nicht nur die Beschreibung von Forschungspraktiken n\u00f6tig gewesen. Davor scheut der Sammelband aber zur\u00fcck. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung liefert der Beitrag von Clifford Anderson, der eine Vermittlung informatischer oder gar mathematischer Inhalte ablehnt und stattdessen f\u00fcr den Aufbau von Teams oder Laboren pl\u00e4diert. Die Existenz der gar nicht so wenigen interdisziplin\u00e4ren Studieng\u00e4ngen, Bindestrich-Informatiken, Digital Humanities oder sogar die Verwendung statistischer Verfahren, z.&nbsp;B. in den Sozialwissenschaften, scheint eine davon v\u00f6llig entkoppelte Entwicklung zu sein. Neben der thematischen Engf\u00fchrung und der Entkopplung von Praxisbez\u00fcgen ist letztlich die fehlende Besch\u00e4ftigung mit informatischen und mathematischen Grundlagen ein weiteres Problemfeld des Sammelbandes. Nimmt man diese Aspekte zusammen, verwundert das derzeit angek\u00fcndigte Inhaltsverzeichnis des zweiten Bandes aber dann doch: Neben Themen der klassischen Digital Humanities, insbesondere der Arbeit mit dem Text (Kirchengeschichte, Exegese, Homiletik) erscheinen nun auch soziologische und p\u00e4dagogische Themen. Hier h\u00e4tte man sich von den Herausgebern entweder eine verst\u00e4ndlichere Begr\u00fcndung oder eine gelungenere Auswahl der Themen gew\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit bleibt die Frage nach der Zielgruppe dieses Buches. F\u00fcr Studierende und Forschende im Bereich der Digital Humanities und anderen Geisteswissenschaften gibt es bereits einige gute Einf\u00fchrungen. Hier mag sich dieser Band gut einreihen, auch wenn die Passgenauigkeit der einzelnen Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Arbeit mit Studierenden vorher individuell gepr\u00fcft werden muss. F\u00fcr Studierende und Forschende der Theologie fehlt die n\u00f6tige thematische Bandbreite \u00fcber den Schwerpunkt Textanalyse hinaus ebenso wie grundlegende methodische Inhalte. Es ist zu hoffen, dass der zweite Band auch die praktischen sowie praktisch-methodische Perspektiven n\u00e4her beleuchtet. Zur Begriffsbestimmung der Theologie und der digitalen Methoden gibt es bereits vielf\u00e4ltige internationale Beitr\u00e4ge, die durchweg weniger einseitig ausfallen. Insofern dokumentiert dieser \u2013 trotz aller Kritik lesenswerte \u2013 Band vor allem eine deutschsprachige Perspektive.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Werk ist in deutscher Sprache verfasst, sprachlich zug\u00e4nglich, auch wenn es sich definitiv an Fachkundige und nur am Rande an interessierte Laien richtet. Eine englischsprachige Version ist auch vorhanden, wobei sich diese Rezension auf die deutsche Ausgabe bezieht. Eine Bibliographie findet sich in jedem Beitrag und ein Glossar rundet das Werk ab. Der Textsatz des Buches ist gut lesbar, wobei viele Beitr\u00e4ge von weiteren Abbildungen und Illustrationen profitieren k\u00f6nnten. Das Werk ist als Open Access Publikation kostenfrei und ohne Zugangsbeschr\u00e4nkungen lesbar.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>PD Dr. Jens D\u00f6rpinghaus, Research Associate, University of Pretoria, Faculty of Theology and Religion, Hatfield, Pretoria, South Africa. Privatdozent an der Universit\u00e4t Koblenz, Fachbereich 4, Informatik.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christopher A. Nunn, Frederike van Oorschot (Hrsg.): Kompendium Computational Theology, Bd. 1 Forschungspraktiken in den Digital Humanities, Heidelberg: heiBOOKS, 2025,<\/p>\n","protected":false},"author":103,"featured_media":2584,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-2581","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/103"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2581"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2583,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2581\/revisions\/2583"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2584"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}