{"id":2585,"date":"2025-10-04T17:32:17","date_gmt":"2025-10-04T17:32:17","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2585"},"modified":"2025-10-04T17:32:17","modified_gmt":"2025-10-04T17:32:17","slug":"simon-gisin-der-einfluss-kontextueller-faktoren-auf-gemeindegruendungsarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2585","title":{"rendered":"Simon Gisin: Der Einfluss kontextueller Faktoren auf Gemeindegr\u00fcndungsarbeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Simon Gisin: <em>Der Einfluss kontextueller Faktoren auf Gemeindegr\u00fcndungsarbeit. Eine empirisch-theologische Studie<\/em>, Missiologica Evangelica 19, Bonn: Verlag f\u00fcr Kultur und Wissenschaft, 2024, Pb., 419 S., \u20ac 34,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/vkwonline.com\/Der-Einfluss-kontextueller-Faktoren-auf-Gemeindegruendungsarbeit\">978-3-86269-299-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die h\u00e4ufig gebrauchten Metaphern von \u201eOffenen T\u00fcren\u201c oder \u201ehartem Boden\u201c einer Region st\u00fctzen sich in der Praxis von Gemeindegr\u00fcndern, Pastoren, Pfarrern und Gemeindemitarbeitern auf Erfahrungswissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schweizer Theologe Simon Gisin stellt in seiner Studie, die an der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel 2022 als Dissertation angenommen wurde, die Frage, ob diese popul\u00e4ren Deutungen empirisch und theologisch haltbar sind. Seine prim\u00e4re Forschungsfrage untersucht, welche \u00e4u\u00dferen kontextuellen Faktoren die Entwicklung von Gemeindegr\u00fcndungen beeinflussen \u2013 mit dem Ziel, realistischere Einsch\u00e4tzungen f\u00fcr neue Projekte zu erm\u00f6glichen und so Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im einleitenden Kapitel (15\u201319) begr\u00fcndet Gisin die empirisch-theologische Methodik seiner Studie, die sich im Forschungsfeld auf freikirchliche Gemeindegr\u00fcndungen in der deutschsprachigen Schweiz fokussiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Hintergrund der Forschungsfrage werden die in Kapitel 2 (21\u201348) zu kl\u00e4renden Grundbegriffe abgeleitet. Dabei werden die Kennzeichen der Kirche aus reformatorischer Perspektive definiert. Ein zentraler Gesichtspunkt ist dabei der Prozess der Gemeindegr\u00fcndung, der anhand einer Auswahl von Gr\u00fcndungsliteratur erarbeitet und in vier Phasen mit ihren \u00dcberg\u00e4ngen unterteilt wurde: Vorbereitung, Sichtbarwerdung, Wachstum und Multiplikation. Zwischen diesen vier Messpunkten werden mittels Konversionserfahrungen von Menschen aus dem Gr\u00fcndungskontext weitere Phasen skaliert. Der Grad der Erreichung wird durch deskriptive Statistik ausgewertet und visualisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei spielt die Phase der Selbstst\u00e4ndigkeit der neuen Gemeinden eine wichtige Rolle. Der relevante Zeitpunkt wird gemessen, wenn es zu Begegnungen mit Menschen aus dem Gr\u00fcndungskontext kommt, um ihnen das Evangelium mitzuteilen. Deshalb ist die Konversion in der Studie von zentraler theologischer Bedeutung \u2013 als \u201einitialer Akt\u201c und als best\u00e4ndige Hingabe zu Gott. Gisin warnt vor dem Trugschluss, dass erfolgreiche Gemeindegr\u00fcndung rein quantitativ an schneller Selbstst\u00e4ndigkeit und vielen Konversionen messbar sei, w\u00e4hrend Gemeinden, die diese Erfahrungen nicht erleben, als gescheitert gelten. Gisin argumentiert theologisch f\u00fcr die \u201eGrenze der Messbarkeit\u201c, da das, was empirisch als gescheitert oder gelungen gemessen wird, mit dem R\u00fcckverweis auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus zu bewerten ist. Die Kreuzestheologie zeigt, dass das vermeintliche Scheitern (am Kreuz) aus der g\u00f6ttlichen Perspektive der Auferstehung heraus ein Sieg ist. In diesem Rahmen entfaltet Gisin auch den \u201eontologischen Bezug des Bleibens in Jesus\u201c (47). Wird die Studie damit obsolet? Keineswegs \u2013 Gisin macht vielmehr deutlich, dass sich ein abschlie\u00dfendes menschlich-empirisches Bewerten im kirchlich-geistlichen Kontext dem Menschen entzieht. Die Studie will also nicht \u00fcber Erfolg und Misserfolg urteilen, sondern kirchensoziologische und theologische Impulse zur Wahrnehmung m\u00f6glicher Einflussfaktoren geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel 3 (49\u201394) bildet das deduktive Forschungsdesign ab. Die Hypothesenbildung basiert auf der Analyse der Gemeindegr\u00fcndungsliteratur, die aus elf B\u00fcchern und drei Studien besteht, mehrheitlich aus dem freikirchlichen US-amerikanischen Raum, rezipiert im europ\u00e4ischen Kontext sowie in der deutschsprachigen Gr\u00fcndungsliteratur. Auch landeskirchliche Literatur wird ber\u00fccksichtigt, um ein umfassenderes Bild zu zeichnen. Die zentrale Frage lautet: Wie reflektiert die Gr\u00fcndungsliteratur den Kontext und welche Faktoren gelten als f\u00f6rderlich oder hinderlich? Die Bildung von 23 Hypothesen erfolgt nicht nur literaturgest\u00fctzt, sondern auch durch eine differenzierte Analyse vorhandener Sekund\u00e4rdaten (politisch, religi\u00f6s, sozial, wirtschaftlich u. a.) mittels der Methode der Exploration. Diese Vorgehensweise l\u00e4sst konkrete Erwartungen an die empirischen Ergebnisse entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel 4 (95\u2013276) beinhaltet den empirischen Hauptteil der Studie. Gisin reflektiert zun\u00e4chst hermeneutisch sein Verst\u00e4ndnis des Verh\u00e4ltnisses von Theologie und Empirie und bezieht sich auf den klassischen praktisch-theologischen Dreischritt \u201esehen \u2013 urteilen \u2013 handeln\u201d. Obwohl Gisin das Aufeinanderbezogensein von Empirie und Theologie betont, beh\u00e4lt f\u00fcr ihn die Theologie das Primat und dient als ma\u00dfgebliches \u201eBeurteilungskriterium\u201d f\u00fcr die Deutung der empirischen Daten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die anspruchsvolle empirische Untersuchung basiert auf einer Vollerhebung freikirchlicher Gemeindegr\u00fcndungen in der deutschsprachigen Schweiz zwischen 1990 und 2018. Insgesamt werden 117 Gemeindegr\u00fcndungsprojekte (119) analysiert. Angesichts der Komplexit\u00e4t der Datenlage w\u00e4hlt Gisin ein Triangulationsdesign, das quantitative und qualitative Methoden kombiniert. Die Entscheidung, zudem das Vertiefungsmodell zu w\u00e4hlen, ist plausibel, da sich die postulierten Hypothesen besonders ad\u00e4quat durch quantitative Methoden \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Analyse von Effektst\u00e4rken in den Zusammenh\u00e4ngen zwischen \u00e4u\u00dferen Kontextfaktoren und den Gemeindegr\u00fcndungsprojekten, bei denen statistische Signifikanzen ermittelt werden k\u00f6nnen. Solche starken Effekte statistischer Wahrscheinlichkeit konnten im Rahmen der Untersuchung tats\u00e4chlich nachgewiesen werden. Dabei ergab sich folgendes Bild (261\u2013265):<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">A) Einflussfaktoren auf eine Gemeindegr\u00fcndung (Hypothesen best\u00e4tigt)<a>:<\/a><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Neubaugebiete \u2013 sie f\u00f6rdern Gemeindegr\u00fcndung, was auf neuzugezogene und aufgeschlossene Menschen hinweist.<\/li>\n\n\n\n<li>Politische Einstellungen (Parteist\u00e4rken) eines Ortes.<\/li>\n\n\n\n<li>Hoher Anteil junger Familien an Vierpersonenhaushalten.<\/li>\n\n\n\n<li>Wirtschaftlich schw\u00e4chere Regionen mit erh\u00f6hter Arbeitslosigkeit.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">B) Faktoren ohne Einfluss auf Gemeindegr\u00fcndungen (Hypothesen widerlegt):<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Orte mit hoher Mobilit\u00e4t.<\/li>\n\n\n\n<li>Touristisch stark frequentierte Orte.<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eEs ist einfacher, unter jungen Menschen eine Gemeinde zu gr\u00fcnden.\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>Orte mit hohem Anteil von Menschen \u00fcber 65 Jahren.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die quantitativen Methoden folgen \u2013 auf Grundlage des Vertiefungsmodells \u2013 die m\u00fcndlichen Befragungen von sieben Personen sowie die Analyse der Rolle des Gemeindegr\u00fcnders, wie sie aus der Gr\u00fcndungsliteratur (Kap. 2, 194\u2013260) abgeleitet wurde. Die eingangs erw\u00e4hnte Redewendung der \u201eOffenen T\u00fcren\u201c ist ebenfalls Teil der qualitativen Auswertung, wird jedoch im anschlie\u00dfenden Kapitel (5.3) behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kapitel 5 (277\u2013389) werden die interdisziplin\u00e4ren Ergebnisse in einer Synopse ausf\u00fchrlich theologisch diskutiert. Im ersten Teil (5.1) betrachtet Gisin die Ergebnisse im Licht ekklesiologischer und missiologischer Perspektiven. Die vier Grundvollz\u00fcge kirchlichen Handelns \u2013 Martyria, Leiturgia, Koinonia, Diakonia \u2013 dienen als Raster zur Auswertung der Gr\u00fcndungsinitiativen. Der in der neueren Literatur diskutierte f\u00fcnfte Grundvollzug der Kirche \u2013 \u201ePaideia\u201c im Sinne von \u201eBildung, reflexivem Handeln\u201c und \u201ePers\u00f6nlichkeitsentwicklung\u201c \u2013 bleibt in der Auswertung unber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Teil (5.2) enth\u00e4lt anregende R\u00fcckfragen zur \u201eNotwendigkeit neuer Gemeinden\u201c, auch im Verh\u00e4ltnis zu bestehenden Landeskirchen, und formuliert daraus Zielsetzungen. Teil 5.3 beleuchtet die Wendung von den \u201eOffenen T\u00fcren\u201d a) anhand der Interviews, b) der Gr\u00fcndungsliteratur und c) einer biblisch-deskriptiven Begriffserkl\u00e4rung. Darauf aufbauend folgen konkrete praktisch-theologische Applikationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vierte Teil (5.4) widerlegt mit realen praktisch-theologischen Beispielen sowie dem Gleichnis Jesu vom vierfachen Ackerfeld die prognostizierte Zuweisung vom \u201eharten Boden\u201c als popul\u00e4re Mythenbildung. Als gesichert gelten hingegen die st\u00e4rksten Einflussfaktoren. Dazu z\u00e4hlen Familie und Arbeitslosigkeit, die theologisch beachtenswerte Reflexionen enthalten (357\u2013389). Gisin folgert: Das unbegr\u00fcndete Etikett vom \u201eharten Boden\u201c darf nicht im Vorfeld dazu f\u00fchren, dass Gemeindegr\u00fcndungen in bestimmten Gebieten vermieden werden, denn \u201eerst im Gr\u00fcndungsvollzug wird die Resonanz erfahren\u201c (389). Dem angstfreien Agieren ist zuzustimmen, der Widerlegung des \u201eharten Bodens\u201c fehlt jedoch eine kritische Auseinandersetzung zwischen einem sozialwissenschaftlich s\u00e4kularen sowie einem biblischen Weltbild \u2013 ein Desiderat, auf das der differenzierte Beitrag von Hannes Wiher in Evangelische Missiologie 2019\/4, 165\u2013186 nachdr\u00fccklich hinweist. Kapitel 6 fasst die Gesamtergebnisse komprimiert zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch endet mit Verzeichnissen: Abbildungen, Tabellen und ein Bibelstellenregister. Abk\u00fcrzungsverzeichnis sowie Transkriptionsregeln stehen sinnvoll am Anfang (11\u201312). Interessierte Leser erhalten eine Lesehilfe (18\u201319).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fazit: Gisins Studie ist ein bedeutender Beitrag zur Gemeindegr\u00fcndungsforschung und Empirischen Theologie im deutschsprachigen Raum. Das Buch bietet fundierte Einsichten f\u00fcr Gemeindegr\u00fcnder, Projektleiter und Mitarbeiter sowie empirisch forschende Studierende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4dikat: Empfehlenswert \u2013 die Studie wurde mit <em>magna cum laude<\/em> ausgezeichnet. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Manfred Baumert, Supervisor im Bereich der Praktischen Theologie an der University of South Africa, Pretoria<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Gisin: Der Einfluss kontextueller Faktoren auf Gemeindegr\u00fcndungsarbeit. Eine empirisch-theologische Studie, Missiologica Evangelica 19, Bonn: Verlag f\u00fcr Kultur und Wissenschaft,<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":2587,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-2585","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2585","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2585"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2585\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2588,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2585\/revisions\/2588"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2585"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2585"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2585"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}