{"id":2610,"date":"2025-10-04T18:09:58","date_gmt":"2025-10-04T18:09:58","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2610"},"modified":"2025-10-04T18:09:59","modified_gmt":"2025-10-04T18:09:59","slug":"axel-hutter-sprachanalyse-und-metaphysik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2610","title":{"rendered":"Axel Hutter: Sprachanalyse und Metaphysik"},"content":{"rendered":"\n<p>Axel Hutter: <em>Sprachanalyse und Metaphysik. Eine Einf\u00fchrung in die moderne Philosophie,<\/em> M\u00fcnchen: C. H. Beck, 2025, Pb., 267 S., \u20ac 26,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.chbeck.de\/hutter-sprachanalyse-metaphysik\/product\/37004681\">978-3-406-82346-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Axel Hutter, Professor f\u00fcr Theoretische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen, bietet eine gut lesbare Einf\u00fchrung in Gedankeng\u00e4nge einer an Wittgenstein orientierten Philosophie. Dabei widmet sich der erste Teil des Buches in f\u00fcnf Kapiteln der Sprachanalyse, der zweite Teil in ebenfalls f\u00fcnf Kapiteln der Metaphysik. Die Einf\u00fchrung beginnt in Kapitel 1 und 2 (11-64) mit einer Darstellung der Sprachanalyse Gottlob Freges und deren Weiterf\u00fchrung durch Bertrand Russell. Diese Kapitel dienen der Vorbereitung f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit dem Denken Ludwig Wittgensteins, der f\u00fcr Hutter offenbar die zentrale Gestalt der modernen Philosophie ist. In Kapitel 3 (65-89) werden dessen \u201eLogische Untersuchungen\u201c (LU) aus dem Jahr 1921 erl\u00e4utert. Wittgenstein vertritt hier eine Sichtweise, nach der S\u00e4tze Sachverhalte ausdr\u00fccken, und das hei\u00dft f\u00fcr ihn, dass nur S\u00e4tze der Naturwissenschaft wahre S\u00e4tze sein k\u00f6nnen. \u201eDie Gesamtheit der wahren S\u00e4tze ist die Gesamtheit der Naturwissenschaft\u201c (LU 4.11). \u201eDarum kann es auch keine S\u00e4tze der Ethik geben\u201c (LU 6.42). Diese, vorsichtig gesagt, sehr einseitige Sichtweise wird sp\u00e4ter von Wittgenstein revidiert, Hutter sieht aber im Gegensatz zu manchen anderen Interpreten eine starke Kontinuit\u00e4t in seinem Denken. So sei Philosophie f\u00fcr ihn immer am Unbestreitbaren ausgerichtet. In Kapitel 4 (91-120) wird unter der \u00dcberschrift \u201eSprachspiele\u201c das Sprachverst\u00e4ndnis des sp\u00e4ten Wittgenstein beschrieben. Sprache wird jetzt vor allem als eine T\u00e4tigkeit verstanden, sie ist eine Praxis, die bestimmten Regeln folgt. Diese Regeln seien \u00f6ffentlich, wie im folgenden Kapitel (121-144) dargelegt wird. Das richtige Verst\u00e4ndnis dieser Sprachgebrauchsregeln mache deutlich, dass unser Sprachhandeln innerhalb eines Weltbildes erfolgt, das der Hintergrund ist, auf welchem wir zwischen wahr und falsch unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten, metaphysischen Teil des Buches kn\u00fcpft Hutter zun\u00e4chst in Kapitel 6 unter dem Titel \u201eWelt und Zeit\u201c (147-170) wieder an die Logischen Untersuchungen an, nach denen die richtige Methode der Philosophie sei, nur S\u00e4tze der Naturwissenschaft zu sagen und \u201edann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen S\u00e4tzen keine Bedeutung gegeben hat\u201c (LU&nbsp;6.53). Da die metaphysische Welt als Gesamtheit der Tatsachen selbst keine Tatsache sei, k\u00f6nne man von ihr auch nicht reden. \u00c4hnliches gilt vom metaphysischen Ich (Kapitel 7 Das Ich: Selbsterkenntnis, 171-192), dem Gebrauch des Ich als Subjekt: Das metaphysische Ich ist f\u00fcr Wittgenstein \u201edie Grenze \u2013 nicht ein Teil \u2013 der Welt\u201c (LU&nbsp;5.641). Diese Gedanken wurden von Elizabeth Anscombe aufgegriffen, nach der \u201eIch\u201c sich auf gar keinen Gegenstand bezieht (189). Kapitel 8 \u201ePersonen\u201c (193-216) f\u00fchrt diese \u00dcberlegungen weiter mit Hilfe des Buches <em>Individuals. An Essay in Descriptive Metaphysics<\/em> von Peter Strawson (London: Methuen, 1959). Eine Person sei kein Etwas, sondern ein Jemand, sei also nicht ausschlie\u00dflich ein Vorkommnis in der Welt (also ein Sachverhalt), sie sei aber auch nicht ausschlie\u00dflich die Grenze des Innerweltlichen wie das \u201eIch\u201c. Beim Thema \u201eFreiheit\u201c (217-236) unterscheidet Hutter zun\u00e4chst Handlungsfreiheit (ich kann tun, was ich will) von Willensfreiheit (ich kann wollen, was ich will). Es sei die Willensfreiheit, nicht die Handlungsfreiheit, die der Person W\u00fcrde verleihe (221). Diese \u00dcberlegung wird anhand eines Aufsatzes von Harry Frankfurt entfaltet. Frankfurt spricht von W\u00fcnschen zweiter Stufe: Ich kann w\u00fcnschen, einen bestimmten Wunsch nicht zu haben. Im letzten Kapitel wendet sich Hutter der Frage zu \u201eWas ist Philosophie?\u201c (237-254). Unter Bezugnahme auf Harry Frankfurt (<em>On Bullshit,<\/em> Princeton: UP, 2005) und Thomas Nagel kommt er zu dem Ergebnis, dass die Frage nach dem Sinn des Ganzen die Frage der Philosophie als Metaphysik sei (252). Die Philosophie thematisiere daher dasjenige, was nicht langweilig werden kann (254).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist ausgesprochen gut geschrieben, Hutter bem\u00fcht sich erfolgreich um Klarheit und Verst\u00e4ndlichkeit \u2013 eine Tugend, die bei philosophischen Autoren bekanntlich nicht immer anzutreffen ist. Die \u00dcberlegungen bauen aufeinander auf, der rote Faden der Gedankenentwicklung ist erkennbar. Man erh\u00e4lt dadurch einen guten Einblick in die Entwicklung eines einflussreichen Stranges innerhalb der sogenannten Analytischen Philosophie. F\u00fcr Irritationen sorgt allerdings der Untertitel des Buches: \u201eEine Einf\u00fchrung in die moderne Philosophie\u201c. Er suggeriert, dass es so etwas wie <em>die<\/em> moderne Philosophie gebe und dass Hutter eine Einf\u00fchrung dazu biete. Manche Formulierungen des Buches verleiten zu einem derartigen Missverst\u00e4ndnis, aber ich vermute, der Autor w\u00fcrde wohl nicht bestreiten, dass es ganz anders geartete philosophische Ans\u00e4tze gibt (wie z. B. die Ph\u00e4nomenologie), die durchaus der modernen Philosophie zuzurechnen sind. Er w\u00fcrde vermutlich auch einr\u00e4umen, dass es selbst innerhalb der Analytischen Philosophie viele Denker gibt, die manchen \u00dcberlegungen Wittgensteins sehr skeptisch gegen\u00fcberstehen und die in Bezug auf Sprachphilosophie und Metaphysik zu deutlich anderen Ergebnissen kommen. Es scheint daher besser, den Titel in dem Sinne zu verstehen, dass hier eine<em> <\/em>Einf\u00fchrung in die moderne Philosophie vorgelegt wird, die <em>eine<\/em> bestimmte Denkrichtung gut verst\u00e4ndlich n\u00e4herbringt und dadurch einen ersten Eindruck von Themen und \u00dcberlegungen gibt, die in der modernen Philosophie verhandelt werden. Diesem ersten Schritt sollten dann weitere folgen, um mehr von der Breite der modernen Philosophie kennenzulernen. Dabei wird man dann auch auf gute Argumente sto\u00dfen, warum man Wittgenstein in manchem keineswegs folgen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer mit dieser etwas bescheideneren Erwartung an das Buch herangeht, dass hier <em>eine<\/em> m\u00f6gliche Einf\u00fchrung in die moderne Philosophie geboten wird, indem gut verst\u00e4ndlich ein vor allem an Wittgenstein orientiertes Denken entfaltet wird, dem kann das Werk ausdr\u00fccklich empfohlen werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ralf-Thomas Klein, Lehrbeauftragter f\u00fcr Philosophiegeschichte, Wissenschaftstheorie und Lateinische Quellentexte an der FTH Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Axel Hutter: Sprachanalyse und Metaphysik. Eine Einf\u00fchrung in die moderne Philosophie, M\u00fcnchen: C. H. 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