{"id":2620,"date":"2025-10-04T18:24:56","date_gmt":"2025-10-04T18:24:56","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2620"},"modified":"2025-10-04T18:24:56","modified_gmt":"2025-10-04T18:24:56","slug":"markus-widenmeyer-moral-ohne-gott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2620","title":{"rendered":"Markus Widenmeyer: Moral ohne Gott?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Markus Widenmeyer: <em>Moral ohne Gott? Eine Verteidigung der theistischen Grundlegung objektiver Moral<\/em>, Studium Integrale Philosophie, Holzgerlingen: SCM H\u00e4nssler, 2022, geb., 167\u00a0S., \u20ac\u00a015,40, ISBN <a href=\"https:\/\/www.scm-shop.de\/moral-ohne-gott.html\">978-3-7751-6169-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Markus Widenmeyer promovierte in Chemie und schloss sp\u00e4ter ein Philosophiestudium ab. Er ist einer der Leiter der Fachgruppe Philosophie in der <em>Studiengemeinschaft Wort und Wissen<\/em>. Er ist auch Autor von <em>Welt ohne Gott?<\/em> (2014) und <em>Das geplante Universum?<\/em> (2019) sowie gemeinsam mit Reinhard Junker Herausgeber von <a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2050\">Sch\u00f6pfung ohne Sch\u00f6pfer?<\/a><em> <\/em>(2021).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Moral ohne Gott?<\/em> argumentiert daf\u00fcr, \u201edass es objektive Moral nur geben kann, wenn es Gott gibt\u201c (8). Gemeint ist der christliche Gott. Der Naturalismus wird im ganzen Buch die am st\u00e4rksten beleuchtete Gegenposition dazu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel <em>1.<\/em> <em>Einleitung<\/em> (7\u201314) f\u00fchrt gut lesbar und anschaulich in ethische Fragen und ihre Relevanz ein. Kapitel <em>2. Gibt es objektive Moral?<\/em> (15\u201324) bejaht diese Frage und f\u00fchrt als Belege an: unsere moralische Empfindung, die Sinnstiftung durch objektiv gute Lebensziele, die R\u00e4tselhaftigkeit der als objektiv empfundenen Moral und ihres geistigen Wesens. Der Autor ist sich bewusst: \u201eDiese drei Punkte liefern keine strenge Widerlegung des moralischen Nihilismus\u201c (20). Dennoch sieht er die Objektivit\u00e4t der Moral als begr\u00fcndeter als ihre Alternative. Erst nach diesem Abschnitt erkl\u00e4rt er, wie er die Begriffe Moral und Ethik versteht. Seine Einf\u00fchrung in die Ethik setzt er in Kapitel <em>3. Normen, Werte, Handlungen und die Rolle von Persone<\/em>n (25\u201329) fort. Kapitel <em>4.&nbsp;Metaethische Kandidaten f\u00fcr objektive Moral <\/em>(31\u201362) stellt verschiedene Theorien dar\u00fcber vor, was moralischen \u00dcberzeugungen ihren Geltungsanspruch verleiht. In diesem Kapitel werden die bekannten Einw\u00e4nde besprochen: Gott k\u00f6nne nicht die Grundlage der Moral sein, denn die biblische Moral sei abzulehnen. Moral habe sich evolution\u00e4r entwickelt. Sie dr\u00fccke lediglich Gef\u00fchle aus oder sei \u00fcberhaupt eine Illusion. Die Gesellschaft oder die Sprachgemeinschaft lege fest, was richtig oder falsch ist. Hier und im Folgenden diskutiert der Autor verschiedene Positionen, die er verwirft, bis die Grundlegung der Moral durch Gott als einzige Alternative \u00fcbrigbleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel <em>5. Vom apersonalen zum personalen moralischen Realismus<\/em> (63\u2013135) ist l\u00e4nger als alle bisherigen Kapitel zusammengenommen. Widenmeyer setzt sich darin vor allem mit dem metaethischen Ansatz von Erik Wielenberg auseinander. Wielenberg sieht Moral als zus\u00e4tzliches fundamentales Merkmal der Realit\u00e4t. Moralische Entit\u00e4ten seien abstrakte Entit\u00e4ten, die in einem \u201eplatonischen Reich\u201c existierten. Widenmeyer diskutiert konzeptionelle, epistemologische und ontologische Probleme dieser Sicht. Der letzte Teil des Kapitels besteht aus Erwiderungen auf Einw\u00e4nde Wielenbergs gegen den personalen moralischen Realismus. Hier bespricht Widenmeyer zum ersten Mal verschiedene Aspekte des Euthyphron-Dilemmas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel <em>6. Der theistische moralische Realismus <\/em>(137\u2013155) stellt die aus Widenmeyers Sicht letzte verbleibende Alternative vor: Gott ist der Grund der Moral. Nur Gott hat absolute moralische Autorit\u00e4t. Er ist intrinsisch und maximal gut sowie der Sch\u00f6pfer von allem. Daher stellt Gott die denkm\u00f6glich gr\u00f6\u00dfte Autorit\u00e4t dar. So erkl\u00e4rt sich der absolute Geltungsanspruch moralischer Pflichten. Hier sieht sich Widenmeyer in der Tradition Anselms. Dinge k\u00f6nnen moralische Eigenschaften haben, weil sie ihnen von Gott zugemessen wurden. Wir Menschen k\u00f6nnen diese moralischen Eigenschaften erkennen, weil Gott uns mit einem \u201eBewertungsschema\u201c (143) daf\u00fcr ausger\u00fcstet hat. Widenmeyer zitiert R\u00f6mer 2,14f und bemerkt: \u201eMir scheint das die beste, wenn nicht die einzige Erkl\u00e4rung daf\u00fcr zu sein, dass wir objektiv bestehende moralische Wahrheiten wirklich erkennen k\u00f6nnen\u201c (145). Im Folgenden (148\u2013153) geht Widenmeyer auf das Euthyphron-Dilemma in einer modernen Version ein: Sind Gottes Eigenschaften gut, weil Gott sie als gut festlegt, oder weil er sie an einem ihm externen Kriterium misst und als gut erkennt? Der Autor greift hier auf seine fr\u00fchere Formulierung zur\u00fcck: \u201eGut\u201c ist etwas, wenn es \u201evon Gott als gut gedacht\u201c wird (148). Das gilt auch f\u00fcr Gott selbst: \u201eGott existiert also vern\u00fcnftigerweise, wenn er sich als existieren <em>sollend<\/em> und damit als <em>gut<\/em> denkt und dadurch sich selbst bejaht\u201c (151f). Widenmeyer zitiert hier (152) Wittgenstein: \u201eDer Spaten des Philosophen biegt sich hier zur\u00fcck\u201c (PU \u00a7217). Auch in materialistischen Ans\u00e4tzen werden Grenzen erreicht, aber Gott als Grundlegung der Moral ist diesen Ans\u00e4tzen \u00fcberlegen: \u201eIm Rahmen eines theistischen Ansatzes kann Wittgensteins Spaten also in wesentlichen Hinsichten tiefer graben, bevor er sich zur\u00fcckbiegt, und er findet einen einheitlichen, koh\u00e4renteren und schlankeren Satz an Prinzipien sowie den weitesten Erkl\u00e4rungsumfang\u201c (153). Dass Gott als notwendige, vollkommen gute Person die Moral begr\u00fcndet, erkl\u00e4rt die beziehungsf\u00f6rdernden und personalen Aspekte des Moralischen. In diesem Zusammenhang verweist er auch kurz auf die christliche Vorstellung der Trinit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel <em>7. Zusammenfassung<\/em> (157\u2013163) bietet zun\u00e4chst den Gedankengang des Buches in verdichteter Form. Daran schlie\u00dfen kurze Beobachtungen zum moralischen Argument f\u00fcr die Existenz Gottes und der damit zusammenh\u00e4ngenden Geltung des doppelten Liebesgebotes (Mt 22,37\u201339). Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis (164f) und einem kurzen Glossar (166f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Moral ohne Gott?<\/em> behandelt ein sehr wichtiges Thema auf hohem Niveau. Gleichzeitig bietet es eine Einf\u00fchrung in philosophische Ethik. Stellenweise ist es sehr anspruchsvoll geschrieben. Ich habe viel daraus gelernt, nicht nur an den Stellen, die mich \u00fcberzeugt haben, sondern auch an denen, wo es mir zu schnell gegangen ist oder ich noch Fragen h\u00e4tte. F\u00fcr eine Neuauflage w\u00fcrde ich mir vier \u00c4nderungen w\u00fcnschen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Personenregister w\u00fcrde sehr dabei helfen, das Buch immer wieder zur Hand zu nehmen um nachzulesen, wie der Autor auf bestimmte Philosophen eingeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An manchen Stellen war mir nicht klar, ob sich der Autor wiederholt oder weshalb er diesen Aufbau des Buches w\u00e4hlt: Werden naturalistische Metaethiken bereits auf Seite 33 oder erst auf den Seiten 51\u201358 diskutiert? Weshalb werden die verschiedenen metaethischen Positionen erst dargestellt, nachdem der Non-Kognitivismus und metaethischer Naturalismus besprochen wurden? Das Schaubild und die \u201eEinteilung metaethischer Positionen\u201c (38) kommen auf Seite 39 zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Praxis werden uns weniger Platonisten begegnen, daher sollte Kapitel 5 k\u00fcrzer sein. Stattdessen k\u00f6nnten verbreitete Theorien wie der \u201eSchleier des Nichtwissens\u201c (Rawls), Bewusstsein (und damit Moral) als grundlegende Eigenschaft der Materie oder evolutionistische Vorstellungen (mehr) Raum erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der christliche Gott ist eine liebevolle Gemeinschaft von drei Personen in einem Wesen und damit etwas anderes als ein deistischer, islamischer oder unitarischer Gott, der sich selbst vern\u00fcnftigerweise als gut und existierend denkt. Diesen Unterschied herauszuarbeiten w\u00e4re noch das Sahneh\u00e4ubchen f\u00fcr dieses anspruchsvolle und wertvolle Buch gewesen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. phil. Christian Bensel ist Referent bei \u201eBegr\u00fcndet Glauben\u201c in Ober\u00f6sterreich<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Widenmeyer: Moral ohne Gott? Eine Verteidigung der theistischen Grundlegung objektiver Moral, Studium Integrale Philosophie, Holzgerlingen: SCM H\u00e4nssler, 2022, geb.,<\/p>\n","protected":false},"author":71,"featured_media":2621,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2620","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/71"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2620"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2622,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2620\/revisions\/2622"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2621"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}