{"id":2639,"date":"2026-04-11T15:04:02","date_gmt":"2026-04-11T15:04:02","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2639"},"modified":"2026-04-11T15:05:00","modified_gmt":"2026-04-11T15:05:00","slug":"andreas-tasche-henriette-katharina-von-gersdorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2639","title":{"rendered":"Andreas Tasche: Henriette Katharina von Gersdorf"},"content":{"rendered":"\n<p>Andreas Tasche: <em>Henriette Katharina von Gersdorf. Wegweiserin f\u00fcr Nikolaus Ludwig von Zinzendorf<\/em>, Neuendettelsau: Erlanger Verlag f\u00fcr Mission und \u00d6kumene, (2025) 2. erw. Aufl. 2026, Pb., 206&nbsp;S., \u20ac&nbsp;22,90, ISBN <a href=\"https:\/\/erlanger-verlag.de\/product\/henriette-katharina-von-gersdorf\/\">978-3-87214-591-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der fr\u00fchere Herrnhuter Pfarrer hat mit dem vorliegenden Buch \u00fcber Henriette Katharina von Gersdorf eine weitere Ver\u00f6ffentlichung \u00fcber eine Person aus der Familie bzw. dem Umfeld des Gr\u00fcnders der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf vorgelegt. Tats\u00e4chlich hat die Gro\u00dfmutter diesen ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zinzendorfs Familie stammte aus altem \u00f6sterreichischem Adel; zur Zeit der Reformation war sie zum Protestantismus \u00fcbergetreten. W\u00e4hrend der Gegenreformation verlie\u00df der Gro\u00dfvater des Grafen die alten nieder\u00f6sterreichischen Erblande und siedelte sich in Franken in der Umgebung N\u00fcrnbergs an. Sein zweiter Sohn Georg Ludwig zog weiter nach Sachsen, wo er kurf\u00fcrstlich-k\u00f6niglicher Konferenzminister wurde. Er heiratete schlie\u00dflich Charlotte Justine von Gersdorf, eine Tochter des Geheimen Ratsdirektors und Landvogts der Oberlausitz und seiner Frau Henriette Katharina.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Sohn Nikolaus Ludwig, genannt Lutz, wurde am 26. Mai 1700 in Dresden geboren. Zinzendorfs Mutter schrieb unter das Geburtsdatum ihres Sohnes in die Hausbibel: \u201e26.5.1700, Mittwoch abends gegen sechs Uhr hat der allerh\u00f6chste Gott mich in Dresden mit meinem Sohne Nikolaus Ludwig in Gnaden beschenkt, welcher aber nach sechs Wochen zur vaterlosen Waise geworden, da mein herzliebster Gemahl, dessen Herr Vater, der selige Graf von Zinzendorf, mir von der Seite gerissen worden. Der Vater der Barmherzigkeit regiere dieses Kindes Herz, da\u00df es in den Wegen der Tugend aufrichtig einhergehe. Er lasse kein Unrecht \u00fcber ihm herrschen und seinen Gang gewi\u00df sein in seinem Wort: so wird es ihm an keinem Guten hier zeitlich und dort ewiglich fehlen, sondern er wird in der Tat erfahren, da\u00df der K\u00f6nig aller K\u00f6nige und der Herr aller Herren von sich sagt: Ich bin der Waisen Vater.\u201c Viel sp\u00e4ter notierte darunter der junge Zinzendorf: \u201efactum est!\u201c = \u201eDas ist geschehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Mutter bald wieder heiratete und ihrem zweiten Mann, dem sp\u00e4teren Generalfeldmarschall von Natzmer, nach Berlin folgte, wuchs Nikolaus Ludwig unter der Obhut seiner Gro\u00dfmutter auf. Henriette Katharina von Gersdorf, geb. von Friesen, wohnte in der Wasserburg Hennersdorf in der s\u00e4chsischen Oberlausitz. Sie war eine der gebildetsten Frauen an der Wende zwischen dem 17. und 18. Jh., und ihre \u201eMilde, christliche Liebe und Guttat\u201c wurden ger\u00fchmt. Katharina von Gersdorf verstand mehrere Sprachen, las die Bibel im Urtext, dichtete lateinische und deutsche Verse und stand in umfangreichem Briefwechsel mit Gelehrten ihrer Zeit. Dazu geh\u00f6rten Spener und Francke, vielleicht auch der damals ber\u00fchmteste deutsche Philosoph, Leibniz. Besonders lag ihr die F\u00f6rderung des kirchlichen Lebens am Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Lutz verlebte seine Knabenjahre auf dem Landsitz seiner Gro\u00dfmutter. Ihr Vorbild weckte in dem Jungen sehr fr\u00fch die Liebe zu Jesus. \u201eMeine nahe Bekanntschaft mit dem Heilande kommt daher, da\u00df ich zehn Jahre in meiner Gro\u00dfmutter, der Landv\u00f6gtin von Gersdorf, eigenem Kabinett in Hennersdorf bin erzogen worden. Da habe ich sie mit dem Heiland reden h\u00f6ren \u00fcber Sachen, die ich freilich nicht alle verstand, habe aber doch daraus geschlossen, da\u00df der gemeinschaftliche Gottesdienst drau\u00dfen und im Hause nicht alles sei f\u00fcr die Person, bei der ich wohnte, sondern da\u00df sie unendlich mehr allein mit ihrem Herrn zu tun hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit zehn Jahren kam Nikolaus Ludwig in das von August Hermann Francke gegr\u00fcndete Internat nach Halle a. d. Saale. Der Beschluss des Familienrats war gegen den Willen der Gro\u00dfmutter zustande gekommen. Trotzdem spielte sie auch in der Folgezeit im Leben Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs eine wichtige Rolle. Zinzendorfs Berufswunsch war klar: Er wollte Pfarrer werden. Da er aber Aristokrat war, hat die Gro\u00dfmutter das zu verhindern gewusst. Es schickte sich nicht f\u00fcr einen evangelischen Hocharistokraten, den Pfarrberuf zu ergreifen. Zusammen mit dem Familienrat zwang sie ihn nach der Schulzeit, das Studium der Jurisprudenz aufzunehmen. Dazu wechselte er mit 16 Jahren von Halle nach Wittenberg an die dortige orthodox-lutherische Fakult\u00e4t. In der alten Stadt Martin Luthers lernte er die K\u00e4mpfe kennen, die sich damals zwischen den orthodoxen Lutheranern und den pietistischen Kreisen der Kirche abspielten. Zinzendorf wagte es als Student, zwei Professoren zu einer Unterredung zu veranlassen, die sich bek\u00e4mpften und dennoch vorgaben, einem Herrn zu dienen. Der junge Graf ging in seinen Vermittlungsbem\u00fchungen zwischen Lutheranern und Pietisten so weit, dass man das Eingreifen des Dresdner Ministeriums bef\u00fcrchten musste. Der Onkel und Vormund Nikolaus Ludwigs, der Generalfeldzeugmeister der s\u00e4chsischen Armee, verf\u00fcgte daraufhin, dass sein Neffe sofort die Stadt an der Elbe zu verlassen hatte, um sich auf Reisen zu begeben. So verlie\u00df der 19-j\u00e4hrige Zinzendorf nach 3-j\u00e4hrigem Studium die Lutherstadt, um eine mehrj\u00e4hrige Kavaliersreise durch das westliche Europa anzutreten. Zur\u00fcck in Deutschland erwarb Zinzendorf mit seinem v\u00e4terlichen Erbe von der Gro\u00dfmutter das Gut und Dorf Berthelsdorf. Dadurch war es ihm m\u00f6glich, einen selbstst\u00e4ndigen Haushalt zu begr\u00fcnden und 1721 zu heiraten. Schon ein Jahr sp\u00e4ter siedelten sich Fl\u00fcchtlinge aus B\u00f6hmen auf dem Gebiet des Gutes an, wodurch Herrnhut und in den Folgejahren die Br\u00fcdergemeine entstand. Die Gro\u00dfmutter hat bis zu ihrem Tod 1727 das Schicksal der jungen Br\u00fcdergemeine mit wohlwollendem Interesse begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch zeichnet die Biographie Henriette Katharina von Gersdorfs nach und zeigt auf diese Weise auf, wie sie zu einer der gebildetsten Frauen des 17. und 18. Jh. werden konnte und welchen Weg sie in Glaubensangelegenheiten ging. Dadurch wird nachvollziehbar, wieso sie derart pr\u00e4gend f\u00fcr ihren Enkel werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem ersten Kapitel beschreibt der Autor die Kindheit und Jugend der geb. Freiherrin von Friesen auf Schloss R\u00f6tha vor den Toren Leipzigs. Heute ist nur noch der Schlosspark erhalten, w\u00e4hrend das Schloss von der DDR-Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg beseitigt wurde. Henriette wurde in eine besonders gebildete Familie, die gleichzeitig gro\u00dfen politischen Einfluss im Kurf\u00fcrstentum Sachsen besa\u00df, hineingeboren und nahm wohl deswegen auch am Hausunterricht teil, den sie gemeinsam mit ihren Br\u00fcdern im Schloss von R\u00f6tha erhielt. Dadurch lernte sie nicht nur die modernen Sprachen Franz\u00f6sisch und Italienisch, sondern auch Griechisch und Latein sowie sp\u00e4ter noch Hebr\u00e4isch, Syrisch und Chald\u00e4isch. Nachdem sie in der Oberlausitz heimisch geworden war, lernte sie zus\u00e4tzlich Sorbisch. Noch von R\u00f6tha aus begann sie mit den Gebildeten ihrer Zeit zu korrespondieren. Im n\u00e4chsten Kapitel \u201eDie gefeierte Poetin\u201c geht es um ihre Dichtkunst. Schon fr\u00fch haben ihre Eltern ihre besondere dichterische Begabung erkannt. Sehr bald widmeten s\u00e4chsische Professoren aus Leipzig und Wittenberg ihr die eigenen Werke, so dass Henriette eine ber\u00fchmte Frau wurde. Sie begann auch selber erbauliche Schriften zu publizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Relativ sp\u00e4t, erst mit 24 Jahren, ging Henriette die Ehe mit Nicol von Gersdorf (1629\u20131702) ein. Die f\u00fcr damalige Zeit \u00e4u\u00dferst lange und gl\u00fcckliche Ehe wird von Tasche im n\u00e4chsten Kapitel des Buches beschrieben: \u201eDer Entschluss zur Ehe mit Nicol und dessen Karriere\u201c. Von Gersdorf stammte wie Henriette aus einer der politisch einflussreichsten und beg\u00fctertsten Familien Sachsens. Die politische Karriere f\u00fchrte Nicol von Gersdorf weit nach oben, u.&nbsp;a. wurde er vom s\u00e4chsischen Kurf\u00fcrsten 1686 in der Nachfolge des Vaters von Henriette zum Direktor des Geheimen Rates ernannt. Immer wieder war er auch in diplomatischen Missionen unterwegs, auf denen ihn seine Frau z.&nbsp;T. begleitete. 1692 schlie\u00dflich wurde Nicol Landvogt der Oberlausitz mit Sitz in Bautzen, ein Amt, das er auch in der Regierungszeit August des Starken bis zu seinem eigenen Tod 1702 behielt. Im folgenden Kapitel werden die mit den G\u00fctern verbundenen Aufgaben Henriettes und ihre zahlreichen Schwangerschaften untersucht: \u201eHerrschaftliche und famili\u00e4re Herausforderungen\u201c. Darin wird deutlich, dass ihr Wirken nicht nur auf die Belange der Familie beschr\u00e4nkt blieb, sondern sie auch in der Verwaltung der verschiedenen G\u00fcter involviert war. Sie war zudem 13-mal schwanger, wobei nur sechs Kinder das S\u00e4uglings- bzw. Kleinkindalter \u00fcberlebten. Dazu kam die F\u00fcrsorge f\u00fcr vier Kinder aus den beiden ersten Ehen ihres Mannes.<\/p>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4chste Kapitel \u201eAllgemeines Eintreten f\u00fcr den Pietismus\u201c widmet sich dem kirchlichen Engagement Henriettes. Darin zeigt sich, dass ihr Herz f\u00fcr die Anliegen des Pietismus schlug, der nach einhelliger Meinung der heutigen Wissenschaft die bedeutendste Erneuerungsbewegung im Protestantismus seit der Reformation darstellte. Henriette von Gersdorf unterst\u00fctzte nicht nur Spener und Francke, die sie beide auch pers\u00f6nliche kannte, in ideeller und finanzieller Hinsicht. Sie wurde auch selbst aktiv, indem sie z.&nbsp;B. Bibel und Katechismus in sorbischer Sprache drucken lie\u00df. Auff\u00e4llig ist dabei, dass sie keine blo\u00dfe pietistische Parteig\u00e4ngerin war, sondern sich selbst mit den aufkl\u00e4rerischen und radikal-pietistischen Infragestellungen des traditionellen christlichen Glaubens denkerisch auseinandersetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses geistig-geistliche Engagement wird von Tasche in einem eigenen Kapitel \u201eF\u00fcnffaches Sonder-Engagement\u201c untersucht. Dabei f\u00e4llt auf, dass sich Henriette auch f\u00fcr die M\u00e4dchenbildung durch die Unterst\u00fctzung und Gr\u00fcndung von M\u00e4dchenschulen tatkr\u00e4ftig eingesetzt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die folgenden vier Kapitel haben die zu Anfang der Rezension bereits skizzierte Unterst\u00fctzung Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs zum Inhalt: seine Erziehung, seine Begleitung als Jugendlicher und junger Erwachsener und ihre Stellung zum jungen Herrnhut.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Abschlusskapitel wird die besondere Bedeutung Henriettes f\u00fcr den Grafen Zinzendorf zusammengefasst. Es ist Tasche zuzustimmen, dass die Gro\u00dfmutter ihren Enkel wie keine andere Person gepr\u00e4gt hat. Bekannte doch Zinzendorf von ihr: \u201eIch habe alle meine Ideen von ihr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist gut lesbar geschrieben und enth\u00e4lt zur Veranschaulichung eine Reihe ansprechender Bilder und Fotografien. Im Zusammenhang jedes Kapitels kommt zudem eines ihrer Kirchenlieder zum Abdruck. Zur Vertiefung bzw. Weiterarbeit laden ein ausf\u00fchrliches Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Orts- und Personenregister ein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Tasche: Henriette Katharina von Gersdorf. 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