{"id":2646,"date":"2026-04-11T15:09:32","date_gmt":"2026-04-11T15:09:32","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2646"},"modified":"2026-04-11T15:09:33","modified_gmt":"2026-04-11T15:09:33","slug":"kerstin-roth-lebensbeschreibungen-im-diskursuniversum-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2646","title":{"rendered":"Kerstin Roth: Lebensbeschreibungen im Diskursuniversum Religion"},"content":{"rendered":"\n<p>Kerstin Roth: <em>Lebensbeschreibungen im Diskursuniversum Religion. Herrnhutischer Sprachgebrauch im 18. Jahrhundert<\/em>, Sprache und Wissen 64, Berlin\/Boston: Walter de Gruyter, 2025, geb., 635\u00a0S., \u20ac\u00a0129,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/document\/doi\/10.1515\/9783111592091\/html\">978-3-11-159202-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Das Buch widmet sich einem faszinierenden Kapitel Herrnhuter Glaubens und Lebens: den Lebensbeschreibungen. Jedes Mitglied der Br\u00fcdergemeine sollte noch zu seinen Lebzeiten einen Lebenslauf verfassen, der nach dem Tod im Rahmen der \u00f6ffentlichen Trauerfeier verlesen wurde \u2013 ein Brauch, der noch heute in den Br\u00fcdergemeinen ge\u00fcbt wird. Ziel und Zweck eines solchen Lebenslaufes war ein eminent spiritueller: Es ging darum, von den F\u00fchrungen Gottes, genauer: Jesu Christi, im eigenen Leben Zeugnis abzulegen und auf diese Weise die Treue Gottes zu preisen und die versammelte Gemeinde zu tr\u00f6sten und zu ermutigen. Der Zinzendorf-Biograph Erich Beyreuther sprach von einem in der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine zu beobachtenden \u00dcberspielen der Standesschranken \u2013 viele Jahrzehnte vor der Franz\u00f6sischen Revolution in der hierarchisch strukturierten Welt des Barock an sich schon eine Ungeheuerlichkeit. Ich selbst bezeichne den Vorgang lieber als eine Demokratisierung adliger Lebensverh\u00e4ltnisse und -auffassungen, die sich in einer F\u00fclle von Lebensbereichen beobachten l\u00e4sst. Dazu geh\u00f6ren nicht zuletzt die Lebensbeschreibungen. Nicht nur das Leben von Adligen und Gro\u00dfb\u00fcrgern, sondern auch das ganz einfacher Menschen ist es wert, von der Nachwelt erinnert zu werden. Ausl\u00f6ser f\u00fcr die \u201eEgalisierung der Seelen\u201c, wie Zinzendorf sagte, ist die Betrachtung des menschlichen Lebens coram deo. Die gro\u00dfen Taten Gottes im Leben des Menschen sollen nicht in Vergessenheit geraten. Darum sind die Archive der Herrnhuter Ortsgemeinen (und auch das Unit\u00e4ts-Archiv in Herrnhut) voll von Tausenden von Lebensbeschreibungen einfacher Menschen aus den vergangenen drei Jahrhunderten. Wo sonst lie\u00dfen sich so viele Lebensbeschreibungen von einfachen Menschen aus dieser Zeit finden?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erforschung der Lebensbeschreibungen hat jedoch erstaunlicherweise relativ sp\u00e4t, erst in den vergangenen Jahrzehnten, eingesetzt. Das Buch von Kerstin Roth geh\u00f6rt in diesen Zusammenhang. Sie untersucht und dokumentiert darin Lebensbeschreibungen von M\u00e4nnern und Frauen aus dem Archiv der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine Neuwied am Rhein aus dem 18.&nbsp;Jahrhundert aus germanistischer Perspektive. Das besondere Verdienst von Roth besteht darin, dass sie die Lebensbeschreibungen nicht nur sprachwissenschaftlich analysiert, sondern auch 47 Lebensbeschreibungen im vorliegenden Buch historisch-kritisch ediert hat (diese Edition macht weit \u00fcber die H\u00e4lfte des Buches aus), so dass jede Leserin und jeder Leser sich selber ein Bild vom Charakter und Inhalt solcher Lebensbeschreibungen machen kann. Eine Reihe von Beigaben l\u00e4dt zu vertiefter Besch\u00e4ftigung mit dem Thema der Untersuchung ein: u.&nbsp;a. ein ausf\u00fchrliches Literatur-, ein Ortsnamen- und Personenverzeichnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Der analytische Teil des Buches ist in sieben Hauptteile gegliedert. Die ersten drei, etwas k\u00fcrzeren Kapitel stellen eine Art Einf\u00fchrung in die eigentliche sprachanalytische Untersuchung dar. Zun\u00e4chst wird die seitherige Erforschung der Lebensbeschreibungen rekapituliert. Dabei kommt bemerkenswerterweise die Theologie als eigenst\u00e4ndige Disziplin nicht vor. Stattdessen werden Untersuchungen im Rahmen der Bildungswissenschaft, der Genderforschung, der Ethnologie, der Geschichtswissenschaft und der Sprachwissenschaft genannt. Es schlie\u00dft sich ein wesentlich konfessionskundlich gehaltenes Kapitel \u00fcber die Geschichte der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine allgemein und speziell \u00fcber die Br\u00fcdergemeine in Neuwied an. Im darauffolgenden Kapitel wird die deutsche Sprache im 18. Jahrhundert prim\u00e4r aus sprachgeschichtlicher Perspektive untersucht. Roth ordnet dabei die Lebensbeschreibungen aus der Br\u00fcdergemeine in Neuwied dem \u00e4lteren Neuhochdeutschen zu. Im vierten Hauptteil werden die Lebensbeschreibungen als Teil einer Textsortengeschichte interpretiert. Roth kommt zu dem Schluss, dass diese keine Predigten, Leichenpredigten oder Andachtstexte darstellen, sondern serielle Texte mit Erbauungscharakter sind. Wobei sie dar\u00fcber hinaus als polyfunktionelle Texte verstanden werden k\u00f6nnen. So ist ein Merkmal auch ihre gemeinschaftsstiftende Funktion. Zudem haben sie im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen Erinnerungscharakter und sind au\u00dferdem schlicht informierend. Das folgende Hauptkapitel untersucht den Wortgebrauch der Lebensbeschreibungen in linguistischer Perspektive. Dabei kommt Roth zu dem Schluss, dass in ihnen \u2013 neben den damals allgemein gebr\u00e4uchlichen W\u00f6rtern \u2013 eine speziell \u201eherrnhutische Welt der W\u00f6rter\u201c erkennbar wird. Charakteristisch f\u00fcr die herrnhutische Welt der W\u00f6rter sind Theologeme (in der Theologie sprechen wir an dieser Stelle von Theologumena), gemeinschafts-, sinn- und erkenntnisstiftende W\u00f6rter. Der spezifisch Herrnhutische Wortgebrauch wird von Roth am Beispiel von \u201eHerz\u201c, \u201eBlut\u201c und der Forderung nach Willenlosigkeit herausgearbeitet. Im folgenden Hauptteil wird die besondere Sprache der Herrnhuter am Beispiel wesentlicher Lebensthemen rekonstruiert: am Gef\u00fchl, der Stellung gegen\u00fcber dem Heiligen, an Krankheit und Sterben. Das letzte Hauptkapitel geht schlie\u00dflich der Frage nach, wie im Rahmen der Lebensbeschreibungen M\u00fcndliches im Schriftlichen erkennbar wird. Diese Fragestellung mag einen sprachwissenschaftlichen Laien auf den ersten Blick verwundern. Das Gemeinte wird aber schnell plausibel, wenn wir uns klarmachen, dass schriftlich verfasste Texte den einzigen Zugang zur M\u00fcndlichkeit des 18. Jahrhunderts bieten. Immer wieder wird in den Lebensbeschreibungen bspw. direkte Rede verwendet. Auff\u00e4llig ist auch der Gebrauch der Interjektion \u201eAch!\u201c. Offensichtlich sollen die H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer damit in das erz\u00e4hlte Geschehen einbezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein knapper \u201eSchluss und Ausblick\u201c enth\u00e4lt ein Res\u00fcmee des analytischen Teils. Die Verfasserin h\u00e4lt darin u. a. fest, dass die religi\u00f6se Sprache der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine in einer Traditionslinie mit der deutschen Mystik und der Reformation betrachtet werden muss. Wie diese waren die Herrnhuterinnen und Herrnhuter sprachsch\u00f6pferisch t\u00e4tig und haben in der deutschen Sprache neue Ausdr\u00fccke gepr\u00e4gt. Vor allem haben sie viele deutsche Worte mit Bedeutungserweiterungen versehen. Die Autorin leitet daraus die Forderung der Erarbeitung eines entsprechenden Herrnhutischen W\u00f6rterbuchs f\u00fcr das 18. Jahrhundert ab (das \u00fcber das von Paul Peucker 2000 herausgegebene Herrnhuter W\u00f6rterbuch hinausgehen m\u00fcsste). Sie hebt im Hinblick auf die Herrnhuter Lebensbeschreibungen weiter hervor, dass diese einen Zugang zur Schriftlichkeit aller Schichten und sowohl von Frauen und M\u00e4nnern erlauben, was im 18. Jahrhundert sonst kaum m\u00f6glich ist. Erstaunlich ist bei den Beschreibungen der hohe bildungssprachliche Gebrauch des Deutschen im 18. Jahrhundert, verbunden mit einem sehr guten Stil, wobei immer wieder Dichtung anklingt. M. E. spiegelt sich darin noch einmal die Demokratisierung aristokratischer Lebensformen in der Br\u00fcdergemeine: Durch die Mitgliedschaft in der Gemeine, wozu der Besuch der zahlreichen Gottesdienste und \u00fcbrigen Versammlungen, die kontinuierliche Besch\u00e4ftigung mit biblischen Texten, die Aufforderung sich an Dichtungswettbewerben zu beteiligen und die regelm\u00e4\u00dfigen Informationen aus der weltweiten Missionsarbeit geh\u00f6rten, erhielten einfache Menschen Anteil an einer umfassenden Bildung, die sonst den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten war.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ein ausgesprochen empfehlenswertes Buch, das gerade aufgrund seiner germanistischen Perspektive auch der theologischen Besch\u00e4ftigung mit dem Herrnhutertum des 18. Jahrhunderts und speziell den bisher weithin vernachl\u00e4ssigten Lebensbeschreibungen neue Einsichten zu vermitteln vermag.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kerstin Roth: Lebensbeschreibungen im Diskursuniversum Religion. Herrnhutischer Sprachgebrauch im 18. 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