{"id":2649,"date":"2026-04-11T15:13:06","date_gmt":"2026-04-11T15:13:06","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2649"},"modified":"2026-04-11T15:13:08","modified_gmt":"2026-04-11T15:13:08","slug":"steffie-schmidt-geschichtsschreibung-und-taeufertum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2649","title":{"rendered":"Steffie Schmidt: Geschichtsschreibung und T\u00e4ufertum"},"content":{"rendered":"\n<p>Steffie Schmidt: <em>Geschichtsschreibung und T\u00e4ufertum. Reformatorische Vielfalt als narrative Herausforderung 1672\u20131848,<\/em> Beitr\u00e4ge zur historischen Theologie (BHTh) 210, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2025, geb., Ln., XI+373\u00a0S., \u20ac\u00a0149,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/geschichtsschreibung-und-taeufertum-9783161647222\/\">978-3-16-164722-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u201eDiese Studie untersucht die lutherische und reformierte Auseinandersetzung mit dem T\u00e4ufertum im Modus der Geschichtsschreibung in der von Pietismus und Aufkl\u00e4rung gepr\u00e4gten Epoche\u201c (3). So fasst Steffie Schmidt, seit 2021 Juniorprofessorin f\u00fcr Geschichte des Christentums an der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck, in einem Satz ihre Forschungsarbeit zusammen, die im Wintersemester 2024\/25 von der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Rostock als Habilitationsschrift angenommen wurde und nun in f\u00fcr den Druck leicht \u00fcberarbeiteter Fassung erschienen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autorin nimmt damit das in den letzten Jahrzehnten gewachsene Interesse an der Geschichtsschreibung auf und versteht diese als Ausdruck \u201ekollektiver Identit\u00e4t\u201c (10\u201312) sowie als Indikator und Faktor konfessioneller Identit\u00e4t. Ihr Interesse gilt damit der Selbstdarstellung, Abgrenzung und Identit\u00e4tsbildung der lutherischen bzw. reformierten Protestanten, wie sie sich in ihren Darstellungen der T\u00e4ufer zeigen. Dabei problematisiert Schmidt zu Recht die Definition von T\u00e4ufertum, zeigt sich diese ja erst in der jeweiligen Schrift. Dennoch w\u00e4re eine Arbeitsdefinition in der Einleitung m\u00f6glicherweise sinnvoll gewesen, da die Autorin zwar in der Regel die Begriffe \u201eT\u00e4ufertum\u201c und \u201eT\u00e4ufer\u201c (3 Anm. 7) verwendet, aber auch in unmittelbarem Nebeneinander von \u201et\u00e4uferischen\u201c und \u201emennonitischen Gemeinden\u201c (32) spricht und die Begriffe erst sp\u00e4ter in der Arbeit (299, 312) erl\u00e4utert.<\/p>\n\n\n\n<p>Einleitend (1\u201334) stellt die Autorin ihr Thema und ihre Fragestellung im Kontext der Forschung vor, skizziert \u201eTendenzen der (Kirchen-)Geschichtsschreibung\u201c (4\u201310) zwischen der Mitte des 17. und des 19. Jahrhunderts und begr\u00fcndet in den Umbr\u00fcchen der Historiographie die zeitliche Eingrenzung der Untersuchung: \u201eDie vorliegende Studie endet, bevor die Kirchengeschichte im deutschen Kontext dieser Zeit \u201aden Rang der theologischen Leitdisziplin\u2018 einnehmen konnte und bevor sich eine T\u00e4uferforschung etablierte\u201c (9). Methodisch fragt sie in historischer Diskursanalyse (25\u201330) nach den \u201eRegeln und Vorstellungswelten, denen das Nachdenken \u00fcber die T\u00e4ufer unterworfen war\u201c (28). Die zeitliche Eingrenzung \u00fcberzeugt und die Fragestellung ist f\u00fcr die historisch-theologische Forschung von Interesse. Die Auswahl der 24 Quellenschriften wird knapp (31\u201333) erl\u00e4utert: 23 deutschsprachige Texte und eine lateinische Schrift von lutherischen bzw. reformierten Autoren aus dem deutschen Sprachraum werden analysiert, wobei nicht alle Schriften Historiographien sind. Die Texte geh\u00f6ren unterschiedlichen literarischen Gattungen an und thematisieren in unterschiedlicher Intensit\u00e4t das T\u00e4ufertum. Dass die Auswahl unterschiedlicher Textsorten ertragreich und sinnvoll ist, erschlie\u00dft sich dem Leser r\u00fcckblickend nach der Lekt\u00fcre der Kapitel 3 und 4, den beiden Hauptteilen der Studie.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst werden im zweiten Kapitel (35\u201362) die Grundlinien der konfessionellen Geschichtsschreibung zu den T\u00e4ufern zwischen 1550 und 1650 skizziert, deren Narrative, so die Vorstellung von Thomas M\u00fcntzer als T\u00e4uferf\u00fchrer, die t\u00e4uferische Vielfalt als Kennzeichen der H\u00e4resie und die Bezeichnung als \u201eEnthusiasten\u201c und \u201eWiedert\u00e4ufer\u201c, auch nach 1650 noch weiterwirkten. Neudrucke und \u00dcbersetzungen sowie Kompilationen des sp\u00e4ten 17. und 18. Jahrhunderts zeugen \u201evon einem anhaltenden Interesse an \u00e4lterer Literatur zum T\u00e4ufertum\u201c (61). Zum Diskurs der fr\u00fchen konfessionellen Historiographie treten im untersuchten Zeitraum zwischen 1672 und 1848 weitere Diskurse, die im vierten Kapitel pr\u00e4sentiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Diskursanalyse vorausgehend, stellt Schmidt im dritten Kapitel (63\u2013182) zun\u00e4chst die Autoren und ihre Schriften vor. Manche der untersuchten Quellenschriften sind gut bekannt und untersucht, so Gottfried Arnolds \u201eKirchen- und Ketzerhistorie\u201c (1699), andere bisher kaum rezipiert, wie z.&nbsp;B. Heinrich Ludolf Benthems (1661\u20131723) Schrift \u201eHoll\u00e4ndischer Kirch- und Schulenstaat\u201c (1698). In sieben Abschnitten, weitgehend in chronologischer Reihenfolge, f\u00fchrt die Autorin in die Schriften ein, wobei sie versucht, \u201edie Vielstimmigkeit [&#8230;] widerzuspiegeln, indem zum einen exzeptionelle Ans\u00e4tze, zum anderen traditionsgebundene Darstellungen Ber\u00fccksichtigung finden\u201c (63). Detailliert und gr\u00fcndlich f\u00fchrt Schmidt \u00fcber die Biographie der Autoren in den Entstehungskontext der jeweiligen Schrift, ihre Quellen und historiographische Vorannahmen ein. Ihr Fazit (176\u2013181) zeigt die vielf\u00e4ltigen Perspektiven, aus denen das T\u00e4ufertum wahrgenommen wurde, ebenso die unterschiedlichen Herangehensweisen und Motivationen der gelehrten Verfasser, die meist Theologen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser Vielfalt arbeitet die Autorin im vierten Kapitel (183\u2013313) drei Narrative heraus, anhand derer sie zeigt, inwiefern sich die konfessionelle Geschichtsschreibung aus der Zeit vor 1650 fortsetzt oder \u00c4nderungen erf\u00e4hrt. Im Blick auf das erste Narrativ, die \u201eBegr\u00fcndung und Rechtfertigung t\u00e4uferischer Existenz\u201c, zeigt sie die allm\u00e4hliche Abkehr von Deutungsmustern der konfessionellen Geschichtsschreibung. So treten heilsgeschichtliche Erkl\u00e4rungsmuster zur\u00fcck, die z.&nbsp;B. das Aufkommen der T\u00e4ufer als eine Intervention des Teufels deuteten. Heinrich Bullingers Hypothese von der Polygenese des T\u00e4ufertums wirkt weiterhin nach, aber die Schriften spiegeln zugleich ein Ringen um die \u2013 m\u00f6glicherweise mittelalterlichen \u2013 Wurzeln der T\u00e4uferbewegung (214\u2013228). Auch f\u00fcr die beiden Narrative \u201eVerfolgung der T\u00e4ufer\u201c (241\u2013265) und \u201eVielfalt und Grenzen des T\u00e4ufertums\u201c (266\u2013313) zeigt Schmidt in differenzierter Quelleninterpretation Kontinuit\u00e4t und Transformation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlussbetrachtung (Kap. 5; 315\u2013326) fasst das Erarbeitete in 13 Thesen zusammen und verweist abschlie\u00dfend auf die Wirkmacht der Historiographie: \u201eGerade der historiographische Diskurs hat sich als wesentliches Hindernis f\u00fcr eine Ann\u00e4herung zwischen reformierten und lutherischen Kirchent\u00fcmern auf der einen Seite, t\u00e4uferischen Gemeinschaften auf der anderen Seite herausgestellt\u201c (326). F\u00fcr den Leser w\u00e4re hier ein Ausblick auf offene Fragen, Forschungsdesiderate oder auf die mehrmals erw\u00e4hnte katholische Geschichtsschreibung zu den T\u00e4ufern noch reizvoll gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine chronologische \u00dcbersicht \u00fcber das Quellenkorpus (327\u2013330), Quellen- und Literaturverzeichnis (331\u2013354) sowie Person- und Sachregister (355\u2013362) beschlie\u00dfen die Arbeit, die als Beitrag zur protestantischen (Kirchen-)Geschichtsschreibung im 17. und 18.\u00a0Jahrhundert f\u00fcr Historiographie-Forscher Pflichtlekt\u00fcre ist. Dass zeitgleich mit der Printausgabe das E-Book \u2013 f\u00fcr eine Habilitationsschrift immer noch au\u00dfergew\u00f6hnlich \u2013 im Open Access kostenfrei zug\u00e4nglich gemacht wurde, ist erfreulich und l\u00e4dt auch Interessierte und Neugierige ohne einschl\u00e4giges Vorwissen zur Lekt\u00fcre ein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steffie Schmidt: Geschichtsschreibung und T\u00e4ufertum. 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