{"id":2652,"date":"2026-04-11T15:20:55","date_gmt":"2026-04-11T15:20:55","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2652"},"modified":"2026-04-11T15:20:56","modified_gmt":"2026-04-11T15:20:56","slug":"nikolaus-ludwig-von-zinzendorf-positionsbestimmungen-teil-2-zeugnis-in-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2652","title":{"rendered":"Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: Positionsbestimmungen, Teil 2: Zeugnis in der Welt"},"content":{"rendered":"\n<p>Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: <em>Positionsbestimmungen, Teil 2: Zeugnis in der Welt,<\/em> hg. von Dietrich Meyer in Zusammenarbeit mit Rudolf Dellsperger, Peter Lauber, Paul Peucker und Peter Vogt, Texte zur Geschichte des Pietismus, Abt. IV: Nicolaus Ludwig von Zinzendorf, Bd. 4\/2, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2025, geb., 644\u00a0S., \u20ac\u00a0140,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/59463\/nikolaus-ludwig-von-zinzendorf-positionsbestimmungen?number=VUR0012287\">978-3-525-50212-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Hinter den sachlich-n\u00fcchtern gehaltenen Titeln des Werkes verbirgt sich die Dokumentation einer in Wahrheit revolution\u00e4ren Wende f\u00fcr den deutschen bzw. europ\u00e4ischen Protestantismus: die Sprengung seiner bisherigen Begrenzung auf den europ\u00e4ischen Binnenraum und sein transatlantisches Ausgreifen auf Mittel- und Nordamerika. Nicht zuletzt durch das Wirken Zinzendorfs und der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine in Amerika erlangte der Protestantismus Weltgeltung. Das hat die Hauptausstellung zum Reformationsjubil\u00e4um 2017 \u201eDer Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt\u201c des Deutschen Historischen Museums im Berliner Gropius-Bau eindrucksvoll dokumentiert. Insofern ist der Titel des vorliegenden Bandes \u201eZeugnis in der Welt\u201c etwas zu blass geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der volumin\u00f6se Band ist in formaler Hinsicht ausgesprochen ansprechend gestaltet: Das gilt schon f\u00fcr das Druckbild, die \u00fcbersichtliche Gliederung und die Vielzahl von instruktiven Biogrammen der erw\u00e4hnten Personen (die sonst meist unbekannt blieben). Dazu kommt ein Glossar, in dem die wichtigsten Begriffe aus dem spezifischen Herrnhuter Sprachgebrauch erkl\u00e4rt werden. Ein Bibelstellen-, Orts- und Personenregister runden den Band ab. Zwar enth\u00e4lt er kein Literaturverzeichnis, daf\u00fcr aber Verzeichnisse der abgek\u00fcrzt zitierten Literatur und der Abk\u00fcrzungen der Zinzendorf-Literatur und ausf\u00fchrliche Literaturangaben in den Anmerkungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Band ist auch inhaltlich \u00fcbersichtlich gegliedert. Am Anfang steht ein formaler Einf\u00fchrungsteil in die angewandten Grunds\u00e4tze der Edition der Werke Zinzendorfs. Danach folgen die drei Hauptkapitel. Sie enthalten \u2013 sehr unterschiedlich geartete \u2013 Texte \u00fcber die Begegnungen Zinzendorfs und der Herrnhuter Pilgergemeine mit der Genfer Kirche und ihren Theologen vor allem im Jahr 1741, \u00fcber seinen Besuch in Nordamerika bzw. Pennsylvanien von Dezember 1741 bis Januar 1743 und \u00fcber seine Visitationsreise zum ersten br\u00fcderischen Missionsgebiet, den Karibikinseln St. Croix und St. Thomas, Ende 1738 bis Anfang 1739. Ich habe mich allerdings gefragt, warum das Kapitel \u00fcber die Reise in die Karibik nicht am Anfang des Bandes steht, was chronologisch und von ihrer Bedeutung her durchaus nahegelegen h\u00e4tte. Die drei Kapitel sind jeweils analog aufgebaut. Auf ausf\u00fchrliche inhaltliche und editorische Einleitungen (denen man anmerkt, dass in ihnen viel Arbeit steckt), folgt jeweils die Edition der Haupttexte (gegebenenfalls sind diesen in Anh\u00e4ngen noch weitere Texte beigegeben).<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Hauptteil steht die Edition des 109 Seiten langen Briefes Zinzendorfs an die Genfer Kirche in franz\u00f6sischer Sprache im Zentrum. Obwohl der Brief auch urspr\u00fcnglich in Franz\u00f6sisch abgefasst ist, habe ich mich gefragt, ob es nicht sinnvoll gewesen w\u00e4re, eine deutsche \u00dcbersetzung mindestens beizugeben, zumal die Zahl der deutschsprachigen Theologinnen und Theologen, die Franz\u00f6sisch beherrschen, nach meiner Beobachtung in den vergangenen Jahren eher ab- als zugenommen hat. Die Einf\u00fchrung des emeritierten Berner Kirchenhistorikers Rudolf Dellsperger und von Peter Lauber (ich h\u00e4tte mir im Band kurze Biogramme der Bearbeiter gew\u00fcnscht) beschreibt und kommentiert die Umst\u00e4nde, die zum sog. \u201eGenfer Brief\u201c Zinzendorfs f\u00fchrten; au\u00dferdem Aufbau, Inhalt, Intention und Wirkungsgeschichte des Briefes. Letztere wird im vor allem hier ebenso dokumentierten Briefwechsel Zinzendorfs mit den unterschiedlichen beteiligten Theologen deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Missionsunternehmung der Herrnhuter hatte auf dem Gebiet der holl\u00e4ndischen Kolonien in der Karibik begonnen. Es lag daher nahe, dass Zinzendorf, der sich selbst zwar als Lutheraner verstand, auch von reformierter Seite in Genf, dem Wirkungsort Calvins, die Anerkennung seines theologischen Denkens zu erreichen suchte. Dies umso mehr, als 1738 vom Amsterdamer Kirchenrat eine Warnung vor den Herrnhutern ausgegangen war. Die Theologenschaft Genfs war jedoch l\u00e4ngst von aufkl\u00e4rerischen Gedanken erfasst worden, so dass sie keinerlei Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die spezifische Christologie und Soteriologie der Br\u00fcdergemeine aufbrachte. Die Lehre von der Gottessohnschaft Jesu (erst recht von der Gleichsetzung von Jahwe und Christus) und der Vers\u00f6hnung des Menschen durch dessen Blut galt als \u00fcberholt. Auf diesem Hintergrund wird verst\u00e4ndlich, warum das theologische Denken Zinzendorfs und das Wirken der Pilgermeine mit ca. 50 Personen in Genf im Fr\u00fchjahr 1741 zwar durchaus f\u00fcr viele Gemeindemitglieder attraktiv war, von Seiten der offiziellen Kirche und Theologie aber schlie\u00dflich offen abgelehnt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits Ende desselben Jahres, im Dezember 1741, brach Zinzendorf, wiederum von zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begleitet, nach Pennsylvanien auf. Um sein dortiges Wirken geht es im zweiten Hauptteil des vorliegenden Bandes. Zinzendorf betrat damit schon zum zweiten Mal den Boden des amerikanischen Doppelkontinents. Wie ungew\u00f6hnlich ein solcher Schritt f\u00fcr einen Hocharistokraten in damaliger Zeit war, k\u00f6nnen wir uns leicht deutlich machen, wenn wir uns vor Augen stellen, dass englische Monarchen erst im 20. Jahrhundert begannen, die Gebiete des Empire in \u00dcbersee zu besuchen. Das Herrnhuter Engagement in der Neuen Welt war wesentlich durch Zinzendorfs Mitarbeiter und Nachfolger August Gottlieb Spangenberg bei dessen Amerika-Aufenthalt von 1736\u20131739 gefestigt worden. Das Engagement des Grafen betraf vor allem drei Gebiete: 1. Das Engagement in \u201e\u00f6kumenischen\u201c Konferenzen, um die deutschen Siedler in Pennsylvanien, die unterschiedlichen religi\u00f6sen Gruppen und Konfessionen angeh\u00f6rten, zusammenzubringen und eine \u00fcberkonfessionelle Geschwisterschaft zu etablieren. 2. Die Arbeit der Br\u00fcdergemeine selbst neu zu strukturieren. Dabei wurde Bethlehem\/Pennsylvanien zum neuen Zentrum ihrer Arbeit. 3. Zinzendorf reiste dreimal zu indigenen St\u00e4mmen, um Einblick in die Missionsarbeit der Herrnhuter unter ihnen zu gewinnen. Im vorliegenden Band werden die Protokolle der \u00f6kumenischen Konferenzen (die bereits zur Zeit Zinzendorfs publiziert wurden) historisch-kritisch ediert und eingeleitet. Einen Einblick in die Reisen zu den indigenen V\u00f6lkern bieten handschriftliche Briefe und Berichte Zinzendorfs, die im Band zum ersten Mal dokumentiert werden. Hilfreich zur Einordnung sind die in diesem Kapitel zum Abdruck kommende Karte und die Chronologie der Reisen des Grafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich an anderer Stelle bereits kritisch gegen\u00fcber einer einseitigen Interpretation der Ekklesiologie Zinzendorfs vom Philadelphiertum her ge\u00e4u\u00dfert (Lutheraner oder Philadelphier? Zinzendorfs Ekklesiologie im Spannungsfeld von Martin Luther und Jane Leade, in: Wolfgang Breul (Hg.), <em>Die Herrnhuter Br\u00fcdergemeine im 18. und 19. Jahrhundert. Theologie \u2013 Geschichte \u2013 Wirkung<\/em>, in Zusammenarbeit mit Peter Vogt und Christer Ahlberger, AGP 69, 45\u201368). Auch in den Kommentierungen in diesem Kapitel steht diese Deutung im Vordergrund. Immerhin h\u00e4lt Peter Vogt fest, dass im Hinblick auf die Interpretation des Verh\u00e4ltnisses zwischen dem Herrnhutertum und den anderen kirchlichen Gruppen in der Forschung noch kein Konsens besteht. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber einseitigen Vereinnahmungen des Grafen. Er war m.&nbsp;E. weder reiner Lutheraner noch reiner Philadelphier, sondern ging auch in ekklesiologischer Hinsicht einen ganz eigenst\u00e4ndigen Weg. Wie sonst ist zu erkl\u00e4ren, dass er sich bei den Pennsylvanischen Synoden klar als lutherischer Prediger pr\u00e4sentierte (wozu er durch seine vorangegangene Anerkennung als Pfarrer von Seiten der W\u00fcrttembergischen Kirche zweifellos berechtigt war) und gleichzeitig f\u00fcr die Bildung einer \u00f6kumenischen Geschwisterschaft aller eintrat. Gew\u00fcnscht h\u00e4tte ich mir au\u00dferdem, dass in der Einf\u00fchrung auf die Zusammensetzung und Bedeutung der zahlreichen Begleiterinnen und Begleiter Zinzendorfs eingegangen worden w\u00e4re. So wirkt die Reise nach Pennsylvanien wie eine Art \u201eone-man-show\u201c, was sie zweifellos nicht war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Hauptteil des vorliegenden Bandes gilt der Visitationsreise Zinzendorfs in die Karibik. Es war die erste Reise des Grafen auf den amerikanischen Kontinent. Sie hatte insofern besondere Bedeutung f\u00fcr die Festigung und den Fortgang der Herrnhuter Missionsunternehmungen, als alle Missionare bei Zinzendorfs Ankunft im Gef\u00e4ngnis sa\u00dfen. Es gelang dem Grafen durch geschicktes Vorgehen und Verhandeln nicht nur, diese freizubekommen, sondern der Herrnhuter Missionsarbeit fortan bleibende Rechtssicherheit zu verschaffen. Zum Abdruck kommen Zinzendorfs sehr anschaulich geschriebenes Tagebuch der Reise, die Briefe an seine Frau und einige damit verbundene Dokumente, zu denen vor allem der Bericht der Reise auf dem Gemeintag der Br\u00fcdergemeine in Marienborn im Juni 1739 geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vorliegende Band verdient es \u2013 gerade im Hinblick auf die Bedeutung der dokumentierten und kommentierten Aktivit\u00e4ten Zinzendorfs und der Br\u00fcdergemeine im Hinblick auf die Globalisierung des Protestantismus \u2013 von der kirchengeschichtlichen Forschung intensiv wahrgenommen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: Positionsbestimmungen, Teil 2: Zeugnis in der Welt, hg. von Dietrich Meyer in Zusammenarbeit mit Rudolf Dellsperger,<\/p>\n","protected":false},"author":39,"featured_media":2653,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2652","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/39"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2652"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2652\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2654,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2652\/revisions\/2654"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}