{"id":2658,"date":"2026-04-11T15:27:22","date_gmt":"2026-04-11T15:27:22","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2658"},"modified":"2026-04-11T15:27:23","modified_gmt":"2026-04-11T15:27:23","slug":"ruth-albrecht-martin-rosenkranz-hg-die-eingesperrte-evangelistin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2658","title":{"rendered":"Ruth Albrecht\/Martin Rosenkranz (Hg.): Die eingesperrte Evangelistin"},"content":{"rendered":"\n<p>Ruth Albrecht\/Martin Rosenkranz (Hg.): <em>Die eingesperrte Evangelistin. Adeline Gr\u00e4fin Schimmelmann zwischen Erweckung und Psychiatrie<\/em>, Edition Pietismustexte 18, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2025, Pb., 278 S., \u20ac\u00a024,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/die-eingesperrte-evangelistin-2\">978-3-374-07781-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Das Buch ist zumindest in einer Hinsicht ungew\u00f6hnlich. Zwar ist es nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches, dass adlige Frauen in der deutschen Gemeinschaftsbewegung in den Jahren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielten. In abgeschw\u00e4chter Weise war diese Fr\u00f6mmigkeitsbewegung n\u00e4mlich wie der Barockpietismus eine \u201efrauenbewegte\u201c Erscheinung, worin sie sich nicht zuletzt von den evangelischen Landeskirchen des Kaiserreichs ma\u00dfgeblich unterschied. Au\u00dfergew\u00f6hnlich war auch nicht, dass in der Gemeinschaftsbewegung engagierte christliche Frauen Verbindung zum Kaiserhaus hatten, was f\u00fcr Adeline Gr\u00e4fin Schimmelmann in besonderer Weise galt, die bis zum Tod der ersten deutschen Kaiserin Augusta eine Reihe von Jahren als deren Hofdame fungierte. Schlie\u00dflich war auch nicht aufsehenerregend, dass Schimmelmann publizistisch t\u00e4tig war und dichtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfergew\u00f6hnlich war, dass sie gegen ihren Willen zwei Monate in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt in Kopenhagen zubrachte (vom 22.4. bis zum 15.4.1894) und dass sie nicht zuletzt dadurch zu einer weltweit bekannten Pers\u00f6nlichkeit avancierte. Einschr\u00e4nkend ist allerdings festzuhalten, dass es sich dabei nur um eine \u00e4u\u00dferst kurze Phase ihres Lebens gehandelt hat. Darum stellte sich mir beim Lesen des Buches auch die Frage, ob Titel und Untertitel nicht zu rei\u00dferisch sind und wirklich angemessen wiedergeben, was das Zentrum des Lebens von Schimmelmann ausmachte. Zugestanden sei, dass es der Herausgeberin und dem Herausgeber des vorliegenden Buches darum geht, gerade diesen Aspekt des Lebens der Gr\u00e4fin in den Fokus zu r\u00fccken und seine Auswirkungen auf ihr Leben und ihre kirchliche bzw. gesellschaftliche Wahrnehmung in den Blick zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich auf die Gliederung des Buches und die verschiedenen Texte, die in ihm zum Abdruck kommen, n\u00e4her eingehe, kurz einige biographische Hinweise zu Gr\u00e4fin Schimmelmann, da ich mir vorstellen kann, dass sie trotz ihres damaligen Bekanntheitsgrads heute \u2013 selbst unter Theologinnen und Theologen \u2013 weithin vergessen ist. Ich st\u00fctze mich dabei auf die im Nachwort des Buches zu findenden biographischen Angaben zu Adeline Schimmelmann (246\u2013254). Die Gr\u00e4fin wurde 1854 auf Schloss Ahrensburg in Holstein in eine angesehene und wohlhabende Adelsfamilie hineingeboren und verstarb 1913 in Hamburg unter armseligen Bedingungen. Ihre Familie, die zur lutherischen Kirche geh\u00f6rte, unterhielt enge Verbindungen zu den Herrnhutern und besa\u00df Kontakte zu Vertretern und Vertreterinnen der \u00e4lteren Erweckungsbewegung in Hamburg. Die Gr\u00e4fin selbst hat wahrscheinlich in Berlin, wo sie seit 1872 als Hofdame (bis zum Tod der Kaiserin 1890) fast zwanzig Jahre lang jeweils einige Monate lebte, die j\u00fcngere Gemeinschafts- und Heiligungsbewegung kennengelernt und sich deren Anliegen zu eigen gemacht: sich den von der Kirche nicht mehr erreichten Menschen am unteren Rand der Gesellschaft evangelistisch und diakonisch zu widmen. Vor allem an der pommerschen Ostseek\u00fcste (auf R\u00fcgen und in der N\u00e4he von Greifswald) unterhielt Schimmelmann aus ihrem eigenen Verm\u00f6gen Unterk\u00fcnfte f\u00fcr Ostseefischer, wo sie Obdach und g\u00fcnstige Verpflegung erhielten und evangelistische Ansprachen h\u00f6ren konnten. Parallel dazu hielt die Gr\u00e4fin nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, in England und Skandinavien evangelistische Vortr\u00e4ge und publizierte (sp\u00e4ter sogar in einem eigenen Verlag). Zum Markenzeichen wurde bei ihrer Vortragst\u00e4tigkeit die eigene Segelyacht, die ihr als Transportmittel vor allem in den USA diente. Sie blieb lebenslang unverheiratet, hatte aber zwei Adoptivs\u00f6hne, die sie bei ihren Evangelisationsreisen begleiteten. Seit 1909 an Krebs erkrankt, starb sie vier Jahre sp\u00e4ter in einem Hamburger Pflegeheim. Sie war offensichtlich eine eigenst\u00e4ndige, wenn nicht sogar eigenwillige Pers\u00f6nlichkeit, die darauf achtete, selbstst\u00e4ndig zu denken. Warum sie sich mit ihren Pfleges\u00f6hnen genau wie mit ihren Geschwistern in den letzten Lebensjahren zerstritten hat, wird nicht gesagt. Schimmelmann hat bereits zu Lebzeiten eine Autobiographie unter dem Titel \u201eStreiflichter\u201c vorgelegt, die in mehreren Sprachen erschienen und mehrfach aufgelegt wurde. Sowohl die deutsche als auch die englische Ausgabe (\u201eGlimpses\u201c) sind heute digital zug\u00e4nglich: Schimmelmann, Glimpses, s. <a href=\"http:\/\/www.digitale-samnmlungen.de\">www.digitale-samnmlungen.de<\/a> (1.4.2024), M\u00fcnchener DigitalisierungsZentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das vorliegende Buch ist in vier Hauptkapitel gegliedert. Im Anschluss finden sich eine editorische Notiz, ein Nachwort, ein Literaturverzeichnis und ein Register (Orte und Personen). Im ersten Teil kommt der Bericht eines zeitgen\u00f6ssischen anderen evangelistisch und publizistisch t\u00e4tigen Vertreters der Gemeinschaftsbewegung \u00fcber Schimmelmanns Seemannsheim auf R\u00fcgen zum Abdruck: Otto Funcke, <em>Ein Daheim in der Fremde<\/em>. Darin wird ihr Hilfsangebot f\u00fcr Seem\u00e4nner beschrieben. Das geschieht nicht unkritisch, aber insgesamt wohlwollend unterst\u00fctzend. Funcke ist nicht \u00fcberzeugt, ob Schimmelmann die organisatorische Begabung besitzt, ein solches Heim auf Dauer zu unterhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Kapitel kommt Schimmelmann selbst zu Wort: Es enth\u00e4lt ihr Tagebuch und Gedichte von 1896, also zwei Jahre nach ihrem Psychiatrie-Aufenthalt. Die Texte sind nicht zuletzt von dem Bem\u00fchen gepr\u00e4gt, dieses einschneidende Erleben zu verarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dritte Kapitel enth\u00e4lt Stimmen von drei \u2013 heute weithin vergessenen, damals aber bekannten \u2013 zeitgen\u00f6ssischen Schriftstellerinnen aus den Jahren von 1894 bis 1909. Darin wird nicht nur der gro\u00dfe Bekanntheitsgrad Schimmelmanns deutlich. Sie und ihr Schicksal dient sogar als Grundlage einer Romanfigur. Dar\u00fcber hinaus besitzt ihr Schicksal paradigmatischen Charakter: Die Einweisung in psychiatrische Anstalten wurde in der damaligen Zeit als M\u00f6glichkeit missbraucht, um aus der gesellschaftlichen Norm fallendes Verhalten von Frauen zu reglementieren bzw. zu sanktionieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die im vierten Kapitel versammelten Zeitungsartikel (von 1872 bis 1914) aus den unterschiedlichsten bedeutenden Zeitungen aus dem In- und Ausland beweisen, dass Gr\u00e4fin Schimmelmann jahrzehntelang eine Frau des \u00f6ffentlichen Interesses war: schon als Hofdame der deutschen Kaiserin, dann als in der Inneren Mission engagierte Frau, als in die Psychiatrie Eingewiesene und sogar noch \u00fcber ihren Tod hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Nachwort gew\u00e4hrt, wie bereits erw\u00e4hnt, einen guten Einblick in Leben und Werk Schimmelmanns. Dar\u00fcber hinaus wird die Rezeption der Gr\u00e4fin rekonstruiert. Schlie\u00dflich enth\u00e4lt es auch eine ausgezeichnete Einf\u00fchrung in die abgedruckten Texte. Das Literaturverzeichnis verlockt zur vertieften Weiterarbeit: Es enth\u00e4lt eine Bibliographie der Werke Schimmelmanns, der Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber sie und schlie\u00dflich theologische und andere Werke, die das Leben und Denken der Gr\u00e4fin besser verstehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich gefragt, was das Ziel des vorliegenden Buches ist. Es geht darin jedenfalls nicht prim\u00e4r um ihre evangelistische und diakonische T\u00e4tigkeit. Beides w\u00e4re sicher das, was Schimmelmann selbst auf Nachfrage als Zentrum ihres Lebens und als ihre Berufung genannt h\u00e4tte. Herausgeberin und Herausgeber schauen aus einer ganz anderen \u2013 s\u00e4kulareren \u2013 Perspektive auf ihr Leben und Werk und nehmen damit einen Trend auf, den die Pietismusforschung der letzten Jahrzehnte mehr und mehr pr\u00e4gt. Theologische Untersuchungen treten gegen\u00fcber kulturwissenschaftlichen und feministischen Perspektiven zur\u00fcck. Albrecht und Rosenkranz fragen, inwiefern das erzwungene Schicksal eines Aufenthalts in der Psychiatrie in der damaligen Zeit paradigmatisch f\u00fcr zunehmend emanzipierte Frauen war und welche Folgerungen sich daraus f\u00fcr die Aufarbeitung der Geschichte der Frau ergeben. Solange es eine zus\u00e4tzliche Perspektive bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Problematisch wird es f\u00fcr mich, wenn dar\u00fcber theologisch-spirituelle Zug\u00e4nge in Vergessenheit geraten. Dies umso mehr, wenn die Titelheldin selbst von sich und ihrer Lebensberufung eine ganz andere Auffassung vertrat. Immerhin hat sich Schimmelmann Zeit ihres Lebens dagegen gewehrt, zur Frauenrechtsbewegung gez\u00e4hlt zu werden. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruth Albrecht\/Martin Rosenkranz (Hg.): Die eingesperrte Evangelistin. 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