{"id":2661,"date":"2026-04-11T15:29:47","date_gmt":"2026-04-11T15:29:47","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2661"},"modified":"2026-04-11T15:29:48","modified_gmt":"2026-04-11T15:29:48","slug":"johann-arndt-saemtliche-leichenpredigten-und-trostschriften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2661","title":{"rendered":"Johann Arndt: S\u00e4mtliche Leichenpredigten und Trostschriften"},"content":{"rendered":"\n<p>Johann Arndt: <em>S\u00e4mtliche Leichenpredigten und Trostschriften<\/em>. Philipp Jakob Spener: Schriften, Sonderreihe VIII = Johann Arndt-Archiv Bd. V, hg. Johann Anselm Steiger; Mitarb. Marita Gruner, Ralf Schuster, Anika Zimmer, Baden-Baden: Georg Olms Verlag, 2024, geb., 404 S., \u20ac 178,\u2013 , ISBN <a href=\"https:\/\/www.nomos-shop.de\/de\/p\/johann-arndt-saemtliche-leichenpredigten-und-trostschriften-gr-978-3-487-16715-2\">978-3-487-16715-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Nach Martin Luther steht der Name von Johann Arndt (1555\u20131621) wie kein zweiter f\u00fcr die Erneuerung der Fr\u00f6mmigkeit in den evangelischen Kirchen Deutschlands. Aus diesem Grund ist es sehr zu begr\u00fc\u00dfen und \u00fcberaus sinnvoll, dass seit 2005 in die Sonderreihe der <em>Schriften <\/em>Philipp Jakob Speners ein \u201eJohann Arndt-Archiv\u201c integriert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eArndt \u2013 sch\u00f6n und gut\u201c, mag der geneigte Leser sagen. \u201eAber warum sollte sich irgendwer f\u00fcr seine vor vierhundert Jahren gehaltenen Leichenpredigten interessieren?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Antwort auf diese Frage w\u00e4re die Gegenfrage: Warum soll sich jemand heute f\u00fcr Traueransprachen, die wir Pastoren auf dem Friedhof halten, interessieren? Darauf wird vermutlich geantwortet: \u201eWeil wir den Verstorbenen gekannt haben und seinen Tod beklagen\u201c; \u201eweil wir ihm die letzte Ehre erzeigen und der Witwe in dieser Situation, aber auch sp\u00e4ter, beistehen wollen\u201c; \u201eweil wir gemeinsam mit den Angeh\u00f6rigen angesichts der letzten Not unseres Lebens, angesichts des Todes, durch Gottes Wort getr\u00f6stet werden und dadurch auch f\u00fcr das christliche Leben etwas lernen wollen\u201c. \u2013 Bis auf den Trost der inzwischen verstorbenen Angeh\u00f6rigen k\u00f6nnten wir dieselben Gr\u00fcnde nennen, weshalb die Lekt\u00fcre alter Trauerpredigten aufschlussreich sein k\u00f6nnte. Nun bedarf es allerdings auch neuer Ausgaben, durch die auf die Existenz dieser Schriften \u00fcberhaupt erst hingewiesen wird, so dass sie dann auch zug\u00e4nglich sind und gelesen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf das Desiderat notwendiger neuer Leseausgaben folgt die zweite Antwort: Besonders f\u00fcr die Erforschung der Literatur in der Barockzeit sind Neudrucke und kritische Editionen der Originaltexte wichtig. In dieser Hinsicht sieht es in der Barocktheologie nicht gut aus, auch wenn sich die Situation gegen\u00fcber 2005 verbessert hat. Damals hat der Herausgeber Johann Anselm Steiger im Anhang zum 1. Band des Johann Arndt-Archivs festgestellt, dass die \u201enicht gerade erfreuliche Editionslage\u201c auf dem Gebiet der lutherischen Orthodoxie bekannt sei (Johann Arndt-Archiv 1, 381): \u201eBis auf wenige Ausnahmen sind die Werke selbst der bedeutendsten Vertreter der lutherischen Theologie des 17. Jahrhunderts bislang unediert geblieben\u201c (a.a.O., 381\u2013382). \u201eAuch von den Schriften Arndts gibt es bislang keine kritische Edition auch nur eines Werkes und nicht einmal eine die Erstdrucke darbietende Reprintedition\u201c, weshalb eine kritische Edition dringend n\u00f6tig sei (a.a.O., 382).<\/p>\n\n\n\n<p>Steiger selbst ist nicht unt\u00e4tig geblieben, hat er doch schon seit 1997 mit der Reihe <em>Doctrina et Pietas<\/em> (DeP) eine Neuedition der Werke von Johann Gerhard eingeleitet. In dieser Reihe erschienen 2001 elf Leichenpredigten und Trostschriften des bedeutendsten altprotestantischen Dogmatikers. 2006 erschien in dieser Reihe die kritisch kommentierte Ausgabe von Leonhard H\u00fctters (1563\u20131616) in vielen Ausgaben verbreiteten dogmatisches Lehrbuch <em>Compendium Locorum Theologicorum ex Scripturis Sacris et Libro Concordiae<\/em> (DeP Abt. II: Varia, Bd. 3,1\u20132). Mit zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen von Studien und Quellen in den Verlagen de Gruyter, Schnell &amp; Steiner sowie Freimund und weiteren belegt Steiger, dass Fr\u00f6mmigkeit und Lehrbildung in der evangelischen Theologie der Barockzeit nicht zu trennen sind. \u2013 Erw\u00e4hnt werden muss an dieser Stelle auch das von Andreas Stegmann herausgegebene und \u00fcbersetzte Kompendium <em>Theologia positiva acroamatica<\/em> (1664; T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2006) des damaligen Rostocker Theologieprofessors Johann Friedrich K\u00f6nig (1619\u20131664).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Texte der neun von Arndt selbst ver\u00f6ffentlichten Leichenpredigten und Trostschriften bilden den Hauptteil von Steigers kritischer Edition (7\u2013279). Als erste Schrift im <em>Anhang <\/em>des Bandes wird die deutsche \u00dcbersetzung der lateinischen Trostschrift zum Tod von Barbara Gerhard, der fr\u00fch verstorbenen Frau des mit Arndt befreundeten Theologen Johann Gerhard, abgedruckt (283\u2013285). Die Konstituierung und Darbietung der neun von 1603 bis 1617 publizierten Schriften folgt den Richtlinien der schon erschienenen B\u00e4nde in der vorliegenden Reihe <em>Johann Arndt-Archiv<\/em> (355, 357).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verzeichnis der zugrundegelegten Drucke (287\u2013304), Abbildungen der Anfangs- bzw. Titelseiten von Arndts Predigten (305\u2013314), ein Verzeichnis der Emendationen (315\u2013324), das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis zur Edition (325\u2013353) und ein knapper Editorischer Bericht (355) sind dem inhaltlich aufschlussreichen <em>Nachwort <\/em>vorangestellt (357\u2013376). Hier informiert der Herausgeber \u00fcber die Vorarbeiten von Inge Mager, die eine Leseausgabe von Arndts Trauerschriften veranstalten wollte (357, 359).<\/p>\n\n\n\n<p>Die in den Nachrufschriften gew\u00fcrdigten Verstorbenen waren prim\u00e4r gro\u00dfb\u00fcrgerlicher Herkunft. Drei geh\u00f6rten dem Adel an, die anderen zu den st\u00e4dtischen Eliten. Arndt verfasste seine Ansprachen und Trostschriften, als er in Braunschweig, Eisleben und Celle seelsorgerisch t\u00e4tig war. Die neun Texte zeigen, dass er das in seiner Zeit verwendete klassische Schema Klage \u2013 Lob \u2013 Trost aus der <em>Ars rhetorica<\/em> des Ps.-Dionysious von Halikarnassos kennt, aber in gro\u00dfer Freiheit des jeweiligen Aufbaus einer Traueransprache <em>die <\/em>Themen zur Sprache bringt, die Angeh\u00f6rige in dieser kr\u00e4ftezehrenden Situation bewegen: Leiden, Sterben, Tod und Trost.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ausf\u00fchrliche Leichenpredigt auf Ernst II. von Braunschweig-L\u00fcneburg (1564\u20131611), die Arndt in Celle gehalten hat, akzentuiert Klage und Trauer, weil das ganze Land des verstorbenen F\u00fcrsten durch seinen Tod \u201ehochbetr\u00fcbt\u201c hinterlassen wurde (95, 97). Sie trauern in gleicher Weise wie die Sterne am Himmel, wenn eine Sonnen- oder Mondfinsternis eintritt (97). Die Worte von Psalm 85,10\u201314 geben in dieser Situation den Hinterbliebenen einen angemessenen Trost (96). In den folgenden drei Teilen verschr\u00e4nkt Arndt Auslegung des Bibelwortes und Anwendung auf die Trauergemeinde. Im dritten Teil erkl\u00e4rt Arndt den dreifachen hohen Nutzen, den das Land durch die praktizierten Tugenden des Regenten erfahren hat und unter seinem Nachfolger bewahren soll: geistlicher Segen, Fruchtbarkeit der Erde und best\u00e4ndige Gerechtigkeit (124). Den Segen illustriert Arndt mit einem zweitsprachig wiedergegebenen Bernhard-Zitat aus der <em>Vita prima<\/em> des Gottfried von Auxerre: \u201eDer Tod ist ein sanfter Ausgang (<em>Mors piorum est beata emigratio<\/em>): Von der Arbeit zur Ruhe \/ Von der Hoffnung zur Belohnung \/ Von Streit zur Kr\u00f6nung \/ Vom Glauben zum Anschauen \/ Von der Pilgerschaft zum Vaterland \/ Aus der Welt zum Vater \/ Aus dem Tode zum Leben.\u201c (126) Der Lebenslauf mit dem Bericht vom seligen Sterben des F\u00fcrsten beschlie\u00dft den Text (128\u2013144).<\/p>\n\n\n\n<p>Anders geht Arndt beim Abschiedsgottesdienst f\u00fcr die Mutter von Herzog Ernst II., Dorothea von Braunschweig-L\u00fcneburg geb. Prinzessin von D\u00e4nemark (1546\u20131617) vor. Aus Jes. 26,19 formt er einen \u201eTrostspiegel\u201c, den er in sechs \u201eTrostbildern\u201c der Trauergemeinde vor Augen stellt (233\u2013279): \u201eDie seligen Toten 1. sind in Gottes Verwahrung. \/ 2. erwarten die Lebendigmachung \/ 3. ihrer eigenen Leiber Auferstehung. \/ 4. Sie schlafen bis zur Auferweckung. \/ 5. wachen auf mit fr\u00f6hlicher Jubilierung. \/ 6. Empfinden des g\u00f6ttlichen Taus Erquickung\u201c. Im anschlie\u00dfenden Lebenslauf (272\u2013279) erw\u00e4hnt Arndt lobend unter anderem den Gottesdienstbesuch und das ausf\u00fchrliche Morgen- und Abendgebet der Verstorbenen sowie ihre Lekt\u00fcre tr\u00f6stender Literatur (275).<\/p>\n\n\n\n<p>Arndts Traueransprache f\u00fcr Maria von Sch\u00f6ppenstedt (7\u201340) ist in gleicher Weise gegliedert: Psalm 73,25f (\u201edas ist ihr Spruch gewesen\u201c) wird in f\u00fcnf Punkten und Schlussabschnitt ausgelegt; die Conclusio betont die Fr\u00f6mmigkeit der Verstorbenen auch in Krankheit, Schw\u00e4che und im Sterben, immer wieder \u201eKreuz\u201c genannt (Leiden, 33, 36, 38f).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Trostschrift f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen des Braunschweiger Arztes Anton Machold (41\u201354) l\u00e4sst Arndt einen Holzschnitt des Gekreuzigten auf die Versoseite des Titelblattes drucken und betrachtet \u2013 in Nachfolge von Bernhard von Clairvaux (ihm folgend: Paul Gerhardt) \u2013 die sieben Wunden des Gekreuzigten als Ruheort des Gl\u00e4ubigen (362). Einen ausf\u00fchrlichen Lebenslauf Macholds druckt Arndt nicht ab, weil sein K\u00f6nnen allgemein bekannt sei und ger\u00fchmt werde (46). \u2013 Die Predigt auf der Abdankung des Eislebener Amtsschreibers Christoph K\u00f6rner (55\u201384) legt dagegen die konkrete Bibelstelle aus Psalm 16,5 aus (65\u201380), nachdem Arndt vorher alle elf Verse des \u201eG\u00fcldenen Kleinods Davids\u201c \u201esummarisch\u201c-paraphrasierend in Erinnerung gerufen hat (58\u201365). In dieser Predigt steht der Lebenslauf am Ende des Textes (81\u201384).<\/p>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcnf hier genannten Trauertexte zeigen, wie vielf\u00e4ltig Arndt Trost zuspricht und bei Klage sowie Eloge zu Person und Lebenswerk in angemessenem Umfang Akzente setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf das Nachwort folgen die Register der Bibelstellen (377-384), Personen (385\u2013395) und Abk\u00fcrzungen (397f), Hinweise des Herausgebers und Danksagungen (gerichtet an Inge Mager, sowie die Mitarbeiter des Teams Marita Gruner, Ralf Schuster, Anika Zimmer sowie Thomas Illg und Stefan von der Lieth) (399).<\/p>\n\n\n\n<p>Der vorliegende Band best\u00e4tigt die Wichtigkeit der Entscheidung, das Lebenswerk eines Autors nicht nur anhand seiner erbaulichen oder gar dogmatisch-theologischen Hauptschrift darzustellen und zu beurteilen. So k\u00f6nnen Fehlurteile von einer sp\u00e4teren, vermeintlich h\u00f6heren Warte aus vermieden werden. Johann Anselm Steiger geb\u00fchrt gro\u00dfes Lob und herzlicher Dank f\u00fcr die vorz\u00fcgliche kritische Ausgabe von Arndts Trauerschriften. Sie richtet sich vor allem an fachwissenschaftliche Leser \u2013 warum sollte sie nicht Ausgangspunkt der von Inge Mager anvisierten Leseausgabe barocker Trauerschriften werden?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Arndt: S\u00e4mtliche Leichenpredigten und Trostschriften. Philipp Jakob Spener: Schriften, Sonderreihe VIII = Johann Arndt-Archiv Bd. V, hg. Johann Anselm<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2662,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2661","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2661","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2661"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2661\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2663,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2661\/revisions\/2663"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2661"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2661"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2661"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}