{"id":2664,"date":"2026-04-11T15:31:32","date_gmt":"2026-04-11T15:31:32","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2664"},"modified":"2026-04-11T15:31:33","modified_gmt":"2026-04-11T15:31:33","slug":"andreas-tasche-das-rittergut-hof-in-sachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2664","title":{"rendered":"Andreas Tasche: Das Rittergut Hof in Sachsen"},"content":{"rendered":"\n<p>Andreas Tasche: <em>Das Rittergut Hof in Sachsen. Auf den Spuren der Familie Zinzendorf<\/em>, Neuendettelsau: Erlanger Verlag f\u00fcr Mission und \u00d6kumene, 2025, Pb., 196\u00a0S., \u20ac\u00a019,95, ISBN <a href=\"https:\/\/erlanger-verlag.de\/product\/das-rittergut-hof-in-sachsen\/\">978-3-87214-588-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Obwohl ich mich mittlerweile fast ein halbes Jahrhundert mit Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700\u20131760) und der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine besch\u00e4ftigte, auch wissenschaftliche und popul\u00e4re B\u00fccher und Artikel \u00fcber den Grafen und die Br\u00fcdergemeine ver\u00f6ffentlicht habe, ist mir der Name Rittergut Hof, das in der Pflege Lommatzsch in der N\u00e4he von Mei\u00dfen gelegen ist, noch nie bewusst begegnet. Dass es sich dabei um das Gut handelt, dass drei Generationen lang im Besitz der Familie Zinzendorf war und dass Georg Ludwig von Zinzendorf, der Vater des Begr\u00fcnders der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine, wesentlich zu dessen Ausbau beigetragen hat, war mir g\u00e4nzlich unbekannt. Es ist das Verdienst des fr\u00fcheren Pfarrers von Herrnhut, Andreas Tasche, mit dem vorliegenden Buch das Rittergut Hof in Sachsen der Vergessenheit entrissen zu haben und damit gleichzeitig die Verwurzelung der Zinzendorfs im Kurf\u00fcrstentum und sp\u00e4teren K\u00f6nigreich Sachsen erforscht und bekannt gemacht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wesentliche St\u00e4rke des Buches liegt in seiner interdisziplin\u00e4ren Anlage: Neben historischen und genealogischen Einsichten werden auch Aspekte kunsthistorischer, kultur- und architekturgeschichtlicher, theologischer, politikwissenschaftlicher, ja sogar touristischer Natur vermittelt. Es versteht sich daher von selbst, dass sich der Autor an vielen Stellen auf die Ergebnisse der Forschungen von Fachvertretern der genannten Disziplinen st\u00fctzen muss. Beeindruckend ist jedoch, dass er immer wieder selbst Tiefenbohrungen vorgenommen hat und uns im Buch Anteil an seinen z. T. \u00fcberraschenden Neuentdeckungen gibt. Auf diese Weise ist ein kurzweilig zu lesendes Buch entstanden, das nicht nur die Geschichte des Gutes im 18. Jh., als es sich im Besitz der Familie von Zinzendorf befand, vor den Augen der Leserinnen und Leser anschaulich werden l\u00e4sst, sondern auch dessen weiteres Schicksal bis in die Gegenwart nachzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Einleitung, in der der Autor den Zweck und das Ziel des vorliegenden Buches umrei\u00dft, wird in einem ersten Hauptkapitel zun\u00e4chst die Geschichte des Gutes Hof bis zum \u00dcbergang in den Besitz der Grafen von Zinzendorf am Ende des 17. Jh. geschildert. Das n\u00e4chste Kapitel stellt in gewisser Weise einen Exkurs dar: Tasche zeichnet darin den Weg der Grafen von Zinzendorf von \u00d6sterreich nach Sachsen nach. Die Bestimmungen des Westf\u00e4lischen Friedens am Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges erlaubten die Rekatholisierung Nieder\u00f6sterreichs, der Stammlande der Zinzendorfs, die dort jahrhundertelang \u00fcber gro\u00dfen Besitz verf\u00fcgten und wichtige Staats\u00e4mter innehatten. Nur die Herrschaft selbst durfte beim angestammten evangelischen Glauben verbleiben, w\u00e4hrend bis zu den Hausangestellten alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner wieder katholisch werden mussten. Aus diesem Grund hat der Gro\u00dfvater Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs seine Heimat verlassen und ist \u201eins Reich\u201c, wie man damals sagte, ins evangelische Franken in die N\u00e4he von N\u00fcrnberg, gezogen. Erstaunlich ist, dass die Ausgewanderten ihren nieder\u00f6sterreichischen Besitz behalten durften, also durch die Emigration nicht in Armut gerieten. Sehr schnell gelang es den Zinzendorfs zudem, in den einheimischen Adel in Franken und sp\u00e4ter in Sachsen einzuheiraten. Daran wird deutlich, dass der alteurop\u00e4ische Adel, der die politische Herrschaft in Europa bis zur Franz\u00f6sischen Revolution ungebrochen aus\u00fcbte, zusammenhielt. Schon der Vater Zinzendorfs, Georg Ludwig, stieg durch Heirat und T\u00fcchtigkeit in die f\u00fchrende Adelsschicht Sachsens auf. Als Kabinettsminister August des Starken war er in vielf\u00e4ltigen diplomatischen Missionen unterwegs, gelangte zu Wohlstand, so dass er nicht nur das Rittergut Hof erwerben konnte, sondern auch ein reiches Stadthaus in Dresden in der N\u00e4he des Altmarkts besa\u00df. Als erster Besitzer von Gut Hof aus der Familie Zinzendorf hat er ma\u00dfgeblich zu dessen Instandsetzung und weiteren Ausbau beigetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies wird im folgenden Kapitel unter der \u00dcberschrift \u201eZwischen Pflicht und Neigung. Das Rittergut Hof unter Georg Ludwig von Zinzendorf\u201c n\u00e4her beschrieben. Zinzendorfs Vater hat das Gut Hof von seinem ersten Schwiegervater erworben. Er war bereits drei\u00dfig Jahre nach der Emigration seines eigenen Vaters aus den Habsburgischen Landen im Kurf\u00fcrstentum Sachsen zu einer Pers\u00f6nlichkeit arriviert, die hohes politisches Ansehen genoss und verm\u00f6gend war. Seine Fr\u00f6mmigkeit war pietistisch gepr\u00e4gt. Ungef\u00e4hr zeitgleich war Philipp Jakob Spener, der Vater des \u00e4lteren Pietismus, in Dresden als Oberhofprediger t\u00e4tig und hatte damit das h\u00f6chste Amt inne, das der deutsche Protestantismus damals zu vergeben hatte. Es war jahrhundertelang nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches, dass ein Adliger im Staatsdienst neben seinem Stadthaus Besitzungen auf dem Lande besa\u00df, die gleichzeitig finanzielle Sicherheit und einen R\u00fcckzugsort boten. Die pietistische Gesinnung von Zinzendorfs Vater zeigte sich daran, dass er auf dem Gebiet des Rittergutes Hof zun\u00e4chst eine neue Kirche errichten lie\u00df und erst danach an den Neubau eines Schlosses ging. Als Gutsherr hatte er nicht nur die niedere bzw. mittlere Gerichtsbarkeit inne, sondern auch die Pflicht zum Unterhalt des Kirchgeb\u00e4udes und das Recht zur Berufung des Pfarrers.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tod Georg Ludwig von Zinzendorfs erbte der \u00e4ltere Stiefbruder Zinzendorfs, Friedrich Christian von Zinzendorf (1697\u20131756) aus dessen vorangegangener Ehe, das Gut Hof. Sein dortiges Wirken wird im n\u00e4chsten Kapitel des Buches ausf\u00fchrlich beschrieben: \u201eAuf der Suche nach Heimat und Halt: Das Rittergut Hof unter Friedrich Christian von Zinzendorf\u201c. Dass die Familie Zinzendorf trotz Konfessionsverschiedenheit zusammenhielt, wird daran sichtbar, dass mit Friedrich Christian erstmals ein evangelisches Mitglied der Familie 1722 bis zu seinem Tode im Jahr 1756 als \u201esenior familiae\u201c amtierte. Obwohl das Verh\u00e4ltnis zwischen den Halbbr\u00fcdern in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter zun\u00e4chst gut und vertrauensvoll war \u2013 beide vertraten einen pietistisch gepr\u00e4gten Glauben \u2013 haben sie sich sp\u00e4ter auseinandergelebt. Friedrich Christian scheint sich zun\u00e4chst zu einem \u201eWeltmann\u201c entwickelt zu haben, w\u00e4hrend Nikolaus Ludwig \u2013 nicht zuletzt durch die Entstehung Herrnhuts \u2013 immer mehr in eine geistliche Lebensberufung hineinwuchs. Gleichzeitig vertrat die zweite Ehefrau von Zinzendorfs Bruder einen sehr engen Pietismus, dem dieser sich angeschlossen zu haben scheint. Zudem lebte der Halbbruder Zinzendorfs anders als dieser \u00e4u\u00dferst zur\u00fcckgezogen auf seinen unterschiedlichen l\u00e4ndlichen Besitzungen, zu denen auch Schloss Gauernitz an der Elbe geh\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tod Friedrich Christians erbte Maximilian Erasmus von Zinzendorf d. J., der Neffe Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs, das Rittergut Hof. Sein Wirken dort wird im Kapitel unter der \u00dcberschrift \u201eIn Zeiten des Umbruchs. Das Rittergut Hof unter Maximilian Erasmus von Zinzendorf d. J.\u201c beschrieben. Maximilian Erasmus besa\u00df das Gut von 1756 bis kurz vor seinem Tod 1775. Er musste bereits 1774 Konkurs anmelden, was im Folgejahr zur Versteigerung des Guts f\u00fchrte. Die damaligen Zeitl\u00e4ufte waren alles andere als einfach: Im Siebenj\u00e4hrigen Krieg, in dem Maximilian Erasmus als Oberst mitgek\u00e4mpft hatte, war Sachsen Preu\u00dfen unterlegen, wenn auch nicht von der Landkarte verschwunden. Dazu kamen Hungersn\u00f6te durch Missernten. Als Offizier kann Maximilian Erasmus nur selten auf seinem Gut gewesen sein. Sein Verh\u00e4ltnis zu seinem Onkel Nikolaus Ludwig und zu Herrnhut war ein viel besseres als das seines Vaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Kapitel des Buches tr\u00e4gt den Titel \u201eIch war ein Zinzendorf\u201c. In ihm vergleicht der Autor abschlie\u00dfend die drei Generationen von Zinzendorf, die das Gut Hof besa\u00dfen mit dem Weg Zinzendorfs und der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine. Rein \u00e4u\u00dferlich bestand ein wesentlicher Unterschied darin, dass das Rittergut von Land-, Feld- und Viehwirtschaft lebte, w\u00e4hrend Herrnhut und die neu gegr\u00fcndeten anderen Br\u00fcdergemeinen von Handwerk, Handel und Gewerbe lebten. Ein weiterer Unterschied besteht f\u00fcr Tasche darin, dass Vater, Bruder und Neffe Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs letztlich von einem adligen Elitebewusstsein durchdrungen waren, w\u00e4hrend es in der Br\u00fcdergemeine zu einem \u00dcberspielen der Standesschranken im t\u00e4glichen Miteinander kam. Nikolaus Ludwig verstand den Adel prim\u00e4r als Verpflichtung zu verantwortlichem Leben in Kirche und Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch stellt auch insofern ein Lesevergn\u00fcgen dar, dass es nicht nur verst\u00e4ndlich geschrieben, sondern auch reich, z. T. farbig, bebildert ist, eine Reihe von Karten enth\u00e4lt und statistisches Material zur besseren Orientierung aufweist. Ein Quellen- und Literaturverzeichnis l\u00e4dt zur vertieften Besch\u00e4ftigung \u2013 nicht nur mit der Familie Zinzendorf \u2013 ein. Das beigegebene Orts- und Personenregister verleiht dem Buch dar\u00fcber hinaus den Charakter eines Nachschlagewerkes. Vor allem aber l\u00e4sst es sich dadurch beim Besuch der beschriebenen Orte auch als Fremdenf\u00fchrer gebrauchen. Allen, die sich auf Spurensuche nach den unterschiedlichen Mitgliedern der Familie Zinzendorf in Hof, ja in Sachsen insgesamt (und sogar dar\u00fcber hinaus), begeben wollen, sei die Lekt\u00fcre des Buches von Tasche w\u00e4rmstens empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Tasche: Das Rittergut Hof in Sachsen. 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