{"id":2667,"date":"2026-04-11T15:34:33","date_gmt":"2026-04-11T15:34:33","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2667"},"modified":"2026-04-11T15:34:34","modified_gmt":"2026-04-11T15:34:34","slug":"jens-beljan-expressive-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2667","title":{"rendered":"Jens Beljan, Expressive Bildung"},"content":{"rendered":"\n<p>Jens Beljan, <em>Expressive Bildung: \u00dcber Ausdruck, Entfremdung und die F\u00e4higkeit zu lernen. Mit einem Vorwort von Charles Taylor<\/em>, Weinheim: Beltz Juventa, 2025, 171 S., Pb., \u20ac 38,\u2013 , ISBN <a href=\"https:\/\/www.beltz.de\/fachmedien\/erziehungswissenschaft\/expressive-bildung\/BEL448894\">978-3-7799-8894-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Bildung geh\u00f6rt eindeutig zu den wichtigeren Vokabeln der deutschen Sprache. Das Wort hat nicht nur eine beeindruckende kulturpr\u00e4gende Vorgeschichte, sondern auch eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Doch so selbsterkl\u00e4rend der Begriff auch scheinen mag, es gibt noch immer vernachl\u00e4ssigte Facetten. In der vorliegenden Studie pr\u00e4sentiert der habilitierte Erziehungswissenschaftler Jens Beljan eine anregende Auseinandersetzung mit der expressiven Dimension der P\u00e4dagogik.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Vorwort des kanadischen Philosophen Charles Taylor gibt Beljan in Teil 1 des Buches einen einleitenden \u00dcberblick \u00fcber sein Anliegen und seine Argumentationslinie. Indem er den Fokus auf das Lernen im Ausdrucksprozess legt, schlie\u00dft er an die ph\u00e4nomenologische Lerntheorie an, grenzt sich von essentialistischen P\u00e4dagogiken ab und erweitert die entsprechenden Perspektiven von Behaviorismus, Kognitivismus, Konstruktivismus, Neurowissenschaft und Sozialisationstheorie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der P\u00e4dagoge geht programmatisch davon aus, \u201edass die Art und Weise, <em>wie<\/em> etwas zum Ausdruck kommt, entscheidend daf\u00fcr ist, <em>was<\/em> ausgedr\u00fcckt wird. Gef\u00fchle, Gedanken, Absichten und Ideale sind nicht <em>schon<\/em> da, bevor sie ge\u00e4u\u00dfert werden, sie entstehen vielmehr <em>im<\/em> Ausdrucksakt und <em>durch<\/em> Artikulationsprozesse.\u201c (17, Hervorhebung im Original)<\/p>\n\n\n\n<p>In Teil 2 (\u201eExpressivit\u00e4t und kulturelles Lernen\u201c) arbeitet Beljan heraus, dass Expressivit\u00e4t ein Bildungsinhalt ist, den viele bildungspolitische Konzepte nur eingeschr\u00e4nkt aufgreifen. Dass sich Menschen einerseits Kultur aneignen und von ihr geformt werden, andererseits sie erschaffen und gestalten, unterstreicht f\u00fcr Beljan einen tieferen anthropologischen und sozialen Sachverhalt, der sich beobachten, gliedern und bewerten l\u00e4sst. Der P\u00e4dagoge zeichnet die sozialwissenschaftlichen Str\u00f6mungen nach, an die er anschlie\u00dft, und benennt die Grenzen etablierter Ans\u00e4tze der Erziehungswissenschaften. Positiv gesprochen m\u00f6chte er an die Leerstellen der Resonanzp\u00e4dagogik ankn\u00fcpfen und mit der Expressivit\u00e4t eine neue p\u00e4dagogische Schl\u00fcsselkategorie etablieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ausf\u00fchrlichste Abschnitt ist Teil 3 (\u201eExpression als Basiselement\u201c). Um gewisserma\u00dfen die messbare Grundeinheit seiner \u00dcberlegungen zu beschreiben, definiert Beljan <em>Expressionen<\/em> \u201eals bedeutungsvolle und sinnhafte Verk\u00f6rperungen\u201c (45) und <em>Bildung<\/em> wiederum \u201eals die Selbstexpression des Menschen in Wechselwirkung mit den Expressionen der Welt.\u201c (47) Den eigentlichen Lernprozess, in dem Verk\u00f6rperungen und Deutungsvorg\u00e4nge zusammenkommen, untersucht er detailliert anhand von sieben Strukturmerkmalen: Figuration, Pr\u00e4zisierung, Explikation, Transformation, Kreation, Exploration und Disputation.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besonders wichtige Einsicht laut Autor ist, dass zentrale menschliche Entwicklungsabl\u00e4ufe zwischen zwei wechselseitig, dynamisch verbundenen Expressionsebenen passieren: Gesp\u00fcrte Bedeutungen sind implizit und erfahren einen sinnlichen Ausdruck. Symbolische Deutungen sind wiederum explizit und dr\u00fccken sich in sinnhafter Artikulation aus. Beljan geht ferner auf kulturspezifische Unterschiede ein, bevor er mit Blick auf die menschliche Entwicklung anhand einiger Beispiele eine praktische Ausdrucksp\u00e4dagogik umschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl er die leibliche Ausdrucksebene betont, erl\u00e4utert der P\u00e4dagoge auch ausf\u00fchrlicher jene Artikulationsprozesse, die in der Auseinandersetzung einer Person mit sich selbst, ihren Mitmenschen und mit der Welt vorgehen. Anschlie\u00dfend diskutiert Beljan drei Spannungsfelder, die er als Daseinsl\u00fccken bezeichnet und die zugleich Ver\u00e4nderungsprozesse beg\u00fcnstigen. Dazu geh\u00f6rt die potenzielle \u00dcberschussdifferenz (eines Mehr an Sinnlichkeit oder an Sinnhaftigkeit), die Erfahrung des Entzugs (aufgrund der Begrenztheit der eigenen Expressionsm\u00f6glichkeiten) und schlie\u00dflich die immense Vielfalt und Multioptionalit\u00e4t von Expressionen \u00fcberhaupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Teil 4 (\u201eSt\u00f6rungen, Verzerrungen, Pathologien\u201c) richtet Beljan den Blick auf potenziell verfehlte, defizit\u00e4re oder problematische Bildungsprozesse. Als Ideal pl\u00e4diert der Autor jedoch weder f\u00fcr ein Maximum an Expressionen in der individuellen Lebensgestaltung, da diese auch fehlgeleitet sein k\u00f6nnen, noch m\u00f6chte er die Qualit\u00e4t von menschlichem Ausdruck und Artikulation von bestimmten Inhalten abh\u00e4ngig machen. \u00dcberhaupt ist Beljan skeptisch bis ablehnend gegen\u00fcber Entw\u00fcrfen eingestellt, die den Menschen auf eine irgendwie geartete Essenz oder \u00e4u\u00dferliche Norm festlegen k\u00f6nnten. Als Ankn\u00fcpfungspunkt und Kriterium entscheidet er sich f\u00fcr das Konzept der <em>Entfremdung<\/em>, das er allerdings von der Wechselwirkung zwischen Ich und Welt abh\u00e4ngig macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der Vieldeutigkeit des Entfremdungsbegriffs konkretisiert er diesen anhand der Entw\u00fcrfe von Rahel Jaeggi und Hartmut Rosa. W\u00e4hrend Rosa mit seinem Resonanzbegriff \u201enach den Voraussetzungen und Bedingungen einer nicht-entfremdeten Existenzweise\u201c (106) fragt, geht es Jaeggi mit ihrem Konzept der Aneignung eher um die \u201eformalen Strukturen der Bezugnahme\u201c (ebd.) im Selbst-Welt-Verh\u00e4ltnis. Zwar sind die beiden Entw\u00fcrfe \u201enormativ sparsam\u201c (ebd.) und leisten wichtige Vorarbeiten f\u00fcr Beljans Bildungstheorie, doch sind sie nicht komplett adaptierbar, sodass sie eher als zielf\u00fchrende Umwege dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Bezug auf Dewey und Vertreter der transformatorischen Bildungstheorie formuliert Beljan schlie\u00dflich drei Kriterien f\u00fcr eine gute expressive Bildung: Es geht ihm um ergebnisoffene Wachstumsprozesse, die (1.) eine <em>Anschlussf\u00e4higkeit<\/em> f\u00fcr Wechselwirkungen mit sich und der Welt erzeugen, (2.) eine <em>Beweglichkeit<\/em> im Weltverh\u00e4ltnis f\u00f6rdern, und (3.) zu einer <em>Erweiterung<\/em> eines \u201eangemesseneren Selbst- und Weltverh\u00e4ltnisses f\u00fchren\u201c (121).<\/p>\n\n\n\n<p>Dem wiederum stehen f\u00fcr Beljan zwei negative Ph\u00e4nomene expressiver Entfremdung gegen\u00fcber. Zum einen ist da die <em>Repression<\/em>, die ihrerseits Ausschluss, Verh\u00e4rtung und Verengung f\u00f6rdert und laut Autor noch heute in vielen Verhaltensweisen, Erziehungsstilen und Regierungsformen zu finden sei. Zum anderen beschreibt er das Ph\u00e4nomen der <em>Reduktion<\/em>, die durch Abl\u00f6sung, Entleerung und Verdinglichung vielerorts im Bildungssystem und im Alltag \u201edie Selbstexpression in Wechselwirkung mit den Expressionen der Welt\u201c begrenze oder unterbinde. Gleichzeitig erkennt Beljan aber auch die produktive Seite moderater Repression und Reduktion an, die unter gewissen Umst\u00e4nden gesunde Expression ansto\u00dfen. Die gleichzeitige Notwendigkeit von Fremdheit und Vertrautheit mit der Welt verweist in Beljans Theorie somit auf ein dialektisches Pendel.<\/p>\n\n\n\n<p>In Teil 5 (\u201eAusblick\u201c) fasst der Autor seine Hauptgedanken noch einmal zusammen, geht auf etwaige Missverst\u00e4ndnisse ein und benennt weiteres Forschungspotenzial. Besonders verweist er auf das Feld der Pers\u00f6nlichkeitsbildung und auf gesellschaftliche Ausdruckssph\u00e4ren wie z.B. Politik und Religion, in denen vertiefende Studien zur Expressivit\u00e4t lohnend w\u00e4ren. Zugleich r\u00e4umt er manche Ungenauigkeiten im Verh\u00e4ltnis zu etablierten Bildungstheorien ein und skizziert das Potenzial f\u00fcr die historische und empirische Bildungsforschung, f\u00fcr eine detaillierte gesellschaftskritische Sichtweise, wie auch f\u00fcr ein noch konkreteres Ethos des Expressiven.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Fazit: Jens Beljan legt mit <em>Expressive Bildung<\/em> eine allgemeinp\u00e4dagogische Studie vor, der es nach Empfinden des Rezensenten tats\u00e4chlich gelingt, die Expressivit\u00e4t als p\u00e4dagogische Kategorie zu festigen. Der Autor interagiert mit Klassikern der P\u00e4dagogik wie auch mit neueren Entw\u00fcrfen und integriert geschickt interdisziplin\u00e4re Einsichten. Generell legt er seine Denkvoraussetzungen offen und untermauert seine Thesen auf transparente Weise. Trotz einiger argumentativer \u00dcberlappungen zwischen den einzelnen Teilen ist das Buch logisch aufgebaut. Trotz der Komplexit\u00e4t ist es anregend und gut lesbar geschrieben, was u.a. an den griffigen Beispielen liegt, mit denen Beljan sowohl konzeptionelle als auch praktische Aspekte seiner Theorie verdeutlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits ist die Studie mit unter 160 Seiten angenehm kompakt. Andererseits w\u00e4re es interessant gewesen, wenn der Autor einige offene Punkte aus seinem Ausblick weitergedacht h\u00e4tte. Wie sollte man z.B. \u00fcber Expressivit\u00e4t nachdenken, wenn es doch durchaus kulturelle Sph\u00e4ren oder Wissenschaftsbereiche mit klaren normativen Anspr\u00fcchen gibt, denen man aber nicht pauschal totalit\u00e4re Absichten unterstellen kann? Einerseits versucht Beljan, die Expressivit\u00e4t als eine universalanthropologische Konstante und Oberkategorie zu konstituieren, die transzendierende Facetten hat und somit normativ verstanden werden kann. Andererseits bleibt vieles dann doch bei v.a. funktionalen Beschreibungen, in denen der Einzelne rein immanent in mancherlei Sinn- und Weltbeziehungen einen Mittelweg zwischen einem expressiven Objektivismus und Individualismus finden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr wen lohnt sich die Lekt\u00fcre? (1.) Christliche P\u00e4dagogen mit Vorwissen, die einen neueren, spannenden Ansatz kennenlernen m\u00f6chten, werden <em>Expressive Bildung<\/em> mit Gewinn lesen und manche Punkte daraus positiv aufgreifen k\u00f6nnen. Inhaltlich wie formal l\u00e4dt Beljans Studie zum Weiterdenken ein und gibt herausfordernde Denkimpulse f\u00fcr ein ausdr\u00fccklich christliches Verst\u00e4ndnis von Bildung sowie f\u00fcr eine reflektierte religionsp\u00e4dagogische Praxis. (2.) Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen Lehrkr\u00e4fte der Praktischen Theologie hier Anregungen f\u00fcr die eigene Forschung finden, z.B. in den Bereichen von Kulturhermeneutik und S\u00e4kularisierungstheorie, sogar in der Seelsorge, Homiletik und neueren Formen der Katechetik. (3.) Schlie\u00dflich w\u00e4ren sogar systematische Theologen gefragt, um auf Beljans Pr\u00e4missen mit Argumenten einer christlichen Ontologie, Epistemologie und Ethik zu antworten und somit dem Projekt einer christlichen P\u00e4dagogik gezielt zuzuarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Daniel Vullriede, M.A., M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jens Beljan, Expressive Bildung: \u00dcber Ausdruck, Entfremdung und die F\u00e4higkeit zu lernen. 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