{"id":2673,"date":"2026-04-11T15:39:05","date_gmt":"2026-04-11T15:39:05","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2673"},"modified":"2026-04-11T15:39:06","modified_gmt":"2026-04-11T15:39:06","slug":"michael-cox-purge-the-evil-from-among-you","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2673","title":{"rendered":"Michael Cox: Purge the Evil from among you"},"content":{"rendered":"\n<p>Michael Cox: <em>Purge the Evil from among you. Deuteronomy\u2019s Social Vision of Israel\u2019s Social Boundaries<\/em>, BZAR 28, Wiesbaden: Harrassowitz, 2024, geb., XX+374\u00a0S.,<br>\u20ac\u00a089,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.harrassowitz-verlag.de\/Purge_the_Evil_from_among_you\/titel_7474.ahtml\">978-3-447-12055-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die sogenannten \u201ePurge\u201c-Texte des Deuteronomiums \u2013 jene elf Stellen der Formel \u201edu sollst das B\u00f6se aus deiner Mitte entfernen\u201c \u2013 wurden in der alttestamentlichen Forschung bisher entweder historisch-kritisch als Elemente der Redaktionsgeschichte interpretiert oder ethisch problematisiert, jedoch selten als zusammengeh\u00f6riges Korpus untersucht. Hier setzt Michael Cox an. Seine Monografie, hervorgegangen aus einer Dissertation, die 2018 an der Trinity Evangelical Divinity School unter der Betreuung von Richard Averbeck abgeschlossen wurde, versteht die \u201epurge formula\u201c (PF) nicht als Ausdruck archaischen Strafrechts, sondern als rhetorisches Instrument zur Aufrechterhaltung sozialer Grenzen innerhalb der deuteronomischen Bundesgemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hauptthese lautet, dass im Hintergrund der PF nicht prim\u00e4r die moralische Schuld des Individuums steht, sondern der Schutz der Gemeinschaft vor identit\u00e4tsbedrohenden Verhaltensweisen. Die PF fungiert somit als \u201eboundary marker\u201c \u2013 also als Grenzmarkierung \u2013 sodass die einzelnen PF-F\u00e4lle als Variationen der Gef\u00e4hrdung der Bundesidentit\u00e4t Israels erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Cox entfaltet seine Untersuchung in zwei gro\u00dfen Bewegungen: Zun\u00e4chst entwickelt er in den Kapiteln 1\u20134 die theoretischen und methodischen Grundlagen. Daraufhin werden diese Grundlagen in den Kapiteln 6\u20139 auf die einzelnen PF-Texte im Deuteronomium angewendet. Abschlie\u00dfend weitet sich in Kapitel 10 der Blick auf die kanonische Rezeption der PF (Ps&nbsp;78; 1Kor&nbsp;5,13), bevor Kapitel 11 die Ergebnisse b\u00fcndelt und ihre Bedeutung f\u00fcr Exegese und Ekklesiologie reflektiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 1 bietet einen knappen Forschungs\u00fcberblick und entwickelt daraus die leitende These der Untersuchung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 2 verortet die Untersuchung grundlegend, indem Cox das Deuteronomium prim\u00e4r als rhetorisch gestaltetes Bundesdokument versteht, das eine \u201esocial vision\u201c der Gemeinschaft Israels als Bundesvolk entwirft. Damit schafft das Kapitel die Voraussetzung, die PF-Texte nicht prim\u00e4r als Strafrechtsbestimmungen, sondern als narrative Ein\u00fcbung gemeinschaftlicher Identit\u00e4tsbewahrung zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 3 fragt nach der Sozialgestalt, die das Deuteronomium voraussetzt, denn nur wenn klar ist, <em>wie <\/em>diese Bundesgemeinschaft strukturiert ist, l\u00e4sst sich verstehen, <em>warum <\/em>bestimmte PF-Vergehen als existenzielle Bedrohung erscheinen. Cox verortet Israel in der Sozialgestalt einer segment\u00e4ren Gesellschaft, in der Zugeh\u00f6rigkeit \u00fcber die ineinander verschachtelten Segmente von Volk, Stamm, Sippe und Haushalt vermittelt wird. Der Haushalt erscheint als grundlegende Identit\u00e4tseinheit, in der Loyalit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit einge\u00fcbt werden und die durch famili\u00e4re Vergehen besonders exponiert ist. Vor diesem Hintergrund wird verst\u00e4ndlich, warum bestimmte Delikte nicht als individuelle Normverst\u00f6\u00dfe, sondern als Gef\u00e4hrdungen der gesamten Bundesgemeinschaft erscheinen. Diese Sozialstruktur verbindet Cox mit der Bundesmetaphorik, in der das Verh\u00e4ltnis JHWH\u2013Israel als Loyalit\u00e4tsbeziehung zwischen Vater und Sohn gedacht ist, sodass Bundesbruch nicht blo\u00df Normversto\u00df, sondern Loyalit\u00e4tsbruch ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 4 erg\u00e4nzt diese sozialgeschichtliche Perspektive durch sozial- und kognitionssoziologische \u00dcberlegungen zu Grenzen, Abweichungen und Fortbestand (\u201eBoundaries, Deviance, and Persistence\u201c). Gruppen konstituieren sich demnach nicht prim\u00e4r als \u00e4u\u00dferlich greifbare Einheiten (\u201ethings-in-the-world\u201c), sondern als innerlich mentale Konstruktionen (\u201ethings-in-the-mind\u201c) in den K\u00f6pfen der Mitglieder. Damit verschiebt sich die Perspektive auf die PF entscheidend, da die PF-Texte so als Mittel erscheinen, um das Bewusstsein f\u00fcr die Grenzen der Gemeinschaft zu sch\u00e4rfen und kollektive Identit\u00e4tsvorstellungen zu festigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 5 b\u00fcndelt diese Vor\u00fcberlegungen und markiert den \u00dcbergang zur sprachlichen und exegetischen Analyse der einzelnen PF-Texte des Deuteronomiums (Kapitel 6\u20139).<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 6 bildet das methodische Zentrum der Studie mit einer kognitiv-semantischen Analyse der PF. Cox deutet die Bildsprache der PF als Containment-Schema, in dem die Gemeinschaft als abgegrenzter \u201eInnenraum\u201c erscheint, dessen Integrit\u00e4t durch bestimmte Vergehen bedroht wird. Bestimmte Verfehlungen (Offense), die von Insidern begangen werden, m\u00fcssen vom Kollektiv mitgetragen werden und bedrohen dadurch die Existenz der Gruppe. Dies erfordere, den betreffenden Insider (Offender) aus der Gemeinschaft auszuschlie\u00dfen. In den folgenden Kapiteln wird bei der Analyse der einzelnen Vorkommen der PF jeweils untersucht, wer als \u201eOffender\u201c auftritt, worin die \u201eOffense\u201c besteht und wer als \u201eOffended\u201c davon betroffen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Kapitel 7 beginnt die eigentliche exegetische Durchf\u00fchrung, die die grundlegendste \u201eOffense\u201c untersucht, die in Apostasie besteht (Dtn 13). Da Israel als Bundesvolk durch die exklusive JHWH-Verehrung konstituiert ist, gilt die Hinwendung zu anderen G\u00f6ttern als grundlegendste Grenzverletzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 8 behandelt die mit der PF sanktionierten F\u00e4lle aus dem Bereich von Recht, Gerechtigkeit und Blutschuld (17,2\u20137.8\u201313; 19,1\u201313.15\u201321; 21,1\u20139) unter dem Leitsatz aus Dtn 16,20 (\u201eDer Gerechtigkeit, nur der Gerechtigkeit sollst zu nachjagen\u201c) und zeigt, dass hier die Gef\u00e4hrdung der gemeinschaftlichen Rechtsordnung im Zentrum steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 9 behandelt F\u00e4lle aus dem Bereich von Familie und Haushalt (Dtn&nbsp;21.&nbsp;22.&nbsp;24) und kn\u00fcpft damit an die Bestimmung des Haushalts als grundlegender Identit\u00e4tseinheit aus Kapitel 3 an. Vergehen wie der widerspenstige Sohn, sexuelle Delikte oder Menschenraub erscheinen als Angriffe auf diese Identit\u00e4tszelle und damit mittelbar auf die gesamte Bundesgemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 10 zeigt an Ps&nbsp;78 und 1Kor&nbsp;5,13 die kanonische Weiterwirkung dieser sozialen Logik, bevor Kapitel 11 die Ergebnisse b\u00fcndelt und ihre Bedeutung f\u00fcr die Deuteronomiumsforschung und f\u00fcr ekklesiologische Fragestellungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt wird die in der Einleitung formulierte These konsistent und plausibel begr\u00fcndet und entfaltet. Ob die PF jedoch tats\u00e4chlich prim\u00e4r als rhetorisches Instrument zur Formung kollektiver Identit\u00e4t zu verstehen ist, wird aus Sicht des Rezensenten dadurch in Frage gestellt, dass ein Vergleich der mit der PF sanktionierten Delikte mit den im \u00fcbrigen Pentateuch anderweitig mit Todesstrafen belegten Vergehen erhebliche sachliche \u00dcberschneidungen erkennen l\u00e4sst (siehe hierzu Artur Reiswich, <em>Grenzen der S\u00fchne. Eine exegetische Analyse nicht-s\u00fchnbarer Vergehen im alttestamentlichen Gesetz hinsichtlich ihrer Schwere und Kategorisierung <\/em>(BZAR 34), Wiesbaden: Harrassowitz, 2026, 127\u2013132; 213\u2013215). Diese Parallelen sprechen daf\u00fcr, dass auch f\u00fcr die PF-Texte eine reale Ausf\u00fchrbarkeit der Sanktion mitzudenken ist, wie sie f\u00fcr vergleichbare F\u00e4lle \u00fcblicherweise angenommen wird. Zwar bestreitet Cox an keiner Stelle ausdr\u00fccklich eine solche reale Sanktionsdimension, akzentuiert jedoch die rhetorisch-identit\u00e4tsbildende Funktion der PF so stark, dass dieser Aspekt deutlich in den Hintergrund tritt. Bemerkenswerterweise tritt diese Spannung selbst in Cox eigenem Vergleich mit der k\u0101r\u0113t-Formel im Exkurs (8.7) zutage: W\u00e4hrend die PF zuvor vor allem als rhetorisches Mittel profiliert wird, legt die von Cox selbst herausgearbeitete N\u00e4he zur k\u0101r\u0113t-Formel eine deutlich st\u00e4rker real-sanktionierende Funktion nahe. Diese Verschiebung der Akzentsetzung wird nicht ausdr\u00fccklich reflektiert und h\u00e4tte der Argumentation zus\u00e4tzliche Klarheit verleihen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie verlangt dem Leser aufgrund ihrer L\u00e4nge und Detailf\u00fclle Geduld ab und setzt eine Vertrautheit mit linguistischen Modellen voraus. Der Ertrag der Studie besteht insbesondere darin, den Blick f\u00fcr die soziale Dimension der deuteronomischen Gesetzgebung und Sanktionierung zu sch\u00e4rfen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Artur Reiswich, Pastor der EfG Haiger-Allendorf und Gastdozent f\u00fcr Altes Testament an verschiedenen Ausbildungsst\u00e4tten<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Cox: Purge the Evil from among you. 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