{"id":2679,"date":"2026-04-11T15:43:07","date_gmt":"2026-04-11T15:43:07","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2679"},"modified":"2026-04-11T15:43:08","modified_gmt":"2026-04-11T15:43:08","slug":"schmidt-t-c-josephus-and-jesus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2679","title":{"rendered":"Schmidt, T. C.: Josephus and Jesus"},"content":{"rendered":"\n<p>Schmidt, T. C.: <em>Josephus and Jesus. New Evidence for the One Called Christ<\/em>, Oxford: Oxford University Press, 2025, 317\u00a0S.; Hardcover, \u00a3\u00a099,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/book\/60034\">978-0192866783<\/a>. Open-Access: <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/book\/60034\">https:\/\/academic.oup.com\/book\/60034<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Wenige B\u00fccher schaffen es heute noch, aus dem Stand so gro\u00dfe Beachtung zu finden wie diese neue Monographie von T.&nbsp;C.&nbsp;Schmidt. Wenn aber eine Arbeit erscheint, die verspricht, zu einem schon so intensiv studierten Text wie dem Testimonium Flavianum (TF) etwas wirklich Neues herausgefunden zu haben, dann sind Rezensenten vor die Wahl gestellt: Handelt es sich hier wirklich um eine seltene Sensation oder sollte man das Werk eher in die lange Reihe von B\u00fcchern mit steilen Thesen, aber ohne wesentliche Substanz einordnen? Mir scheint, dass dieses Buch Potenzial dazu hat, sich in die deutlich k\u00fcrzere erste Liste einzureihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sensation des Buches liegt wohl nicht prim\u00e4r darin, dass der Autor behauptet, dass das TF, bis auf eine textliche Korruption, g\u00e4nzlich authentisch und auf Josephus zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Diese These verteidigt Schmidt im ersten Teil des Buches (13\u2013138). Er ist nicht der Erste, der diese Sicht vertritt: Alice Whealey, John Curran, \u00c9tienne Nodet, Ulrich Victor, Serge Bardet, Antonio Cernuda und Gary Goldberg stellen eine Minderheit innerhalb der Forschung zum TF dar, die sich f\u00fcr dessen Authentizit\u00e4t verb\u00fcrgt. Im deutschsprachigen Raum wird das TF jedoch mehrheitlich weiterhin mindestens f\u00fcr in weiten Teilen \u00fcberarbeitet gehalten (um die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Entwicklung zu verstehen, empfiehlt sich das Fazit von Ulrich Victor, Das Testimonium Flavianum. Ein authentischer Text des Josephus, NT 52 [2010], 72\u201382). Obwohl Schmidt also nicht der erste ist, der daf\u00fcr pl\u00e4diert, dass Josephus das TF in G\u00e4nze selbst verfasst hat, setzt seine Verteidigung dieser These dennoch neue Ma\u00dfst\u00e4be. Nicht nur ist sie deutlich ausf\u00fchrlicher als ihre Vorg\u00e4nger, sie geht auch argumentativ genuin neue Wege, durchgehend akribisch und kleinschrittig. Das hemmt zwar einen angenehmen Lesefluss, zeigt aber seine methodische Sorgfalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst analysiert Schmidt die griechische (13\u201334) sowie lateinische, syrische und arabische Rezeption (35\u201363) des TF. Er kommt, m.&nbsp;E. mit guten Gr\u00fcnden, zu dem Schluss, dass die (fr\u00fchen) Leser des TF (anders als Menschen in der Moderne) den Text als eher mehrdeutig oder sogar als kritisch gegen\u00fcber seinem Inhalt eingestellt wahrgenommen haben. Drei Anmerkungen hierzu:<\/p>\n\n\n\n<p>1. Schmidt vermutet \u2013 entgegen der konventionellen Einsch\u00e4tzung \u2013, dass Origenes das TF gekannt haben m\u00fcsse und es in seinen apologetischen Schriften nicht eingesetzt habe, weil er es als ambig oder kritisch gesehen habe (13\u201316). Diese These ist m.&nbsp;E. m\u00f6glich, aber die positive Evidenz hierf\u00fcr ist gering. Das Schweigen des Origenes \u00fcber das TF ist allerdings ein h\u00e4ufig vorgebrachtes Argument gegen dessen Authentizit\u00e4t. Hier w\u00e4re also weitere Arbeit n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Wiederholt nutzt Schmidt eine Argumentationsfigur, in der er unterstellt, dass einige Autoren in ihrer \u00dcbersetzung des TF griechische Phrasen, die sie als ambig oder kritisch wahrnahmen, durch positivere lateinische \u00c4quivalente ersetzt haben (z.&nbsp;B. 36; 38; 41). Dieses Argument steht aber in der Gefahr eines Zirkelschlusses: Hier muss vorausgesetzt werden, was gezeigt werden soll, n\u00e4mlich dass die Autoren die urspr\u00fcngliche Version des TF als einer Korrektur bed\u00fcrftig sahen. Dieser Nachweis wird m.&nbsp;E. aber nur f\u00fcr Cassiodor erfolgreich erbracht (42\u201345).<\/p>\n\n\n\n<p>3. Schmidt bereitet in diesem Abschnitt auch die einzige textliche Korrektur des TF vor. Die kurze Phrase \u1f41 \u03c7\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u1f78\u03c2 \u03bf\u1f57\u03c4\u03bf\u03c2 \u1f26\u03bd (er war der Christus) sollte laut Schmidt durch ein Partizip (er schl\u00e4gt \u03bb\u03b5\u03b3\u03cc\u03bc\u03b5\u03bd\u03bf\u03c2, \u03bd\u03bf\u03bc\u03b9\u03b6\u03cc\u03bc\u03b5\u03bd\u03bf\u03c2 oder \u03c0\u03b9\u03c3\u03c4\u03b5\u03c5\u03cc\u03bc\u03b5\u03bd\u03bf\u03c2 vor, 90) erg\u00e4nzt werden und dementsprechend besser als \u201eer wurde Christus genannt\u201c o. \u00e4. \u00fcbersetzt werden. Belege f\u00fcr diese textliche Tradition findet er in der Version des Hieronymus (38) und bei Michael dem Syrer im 12. Jahrhundert, dessen Version er auf Jacob von Edessa aus dem fr\u00fchen 8. Jahrhundert zur\u00fcckf\u00fchrt (48\u201362). Obwohl man als Neutestamentler zun\u00e4chst h\u00f6chst skeptisch auf textliche Rekonstruktionen, die sich auf so lange Zeitr\u00e4ume erstrecken, blickt, hat mich die Argumentation hier \u00fcberzeugt (Schmidts Argumentation findet sich in wesentlichen Teilen bereits bei Whealey, Alice, The Testimonium Flavianum in Syriac and Arabic, NTS 54 [2008], 573\u2013590).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Herzst\u00fcck des Buches ist wohl Schmidts Kommentar zum TF (64\u2013107). Dort argumentiert Schmidt akribisch und methodisch verantwortet, dass das TF keine positive Darstellung der Person Jesu ist, sondern durchaus an einigen Stellen mindestens ambig bis hin zu aktiv kritisch gegen\u00fcber ihr eingestellt war. So meint Schmidt bspw., dass die Phrase \u1f10\u03c6\u03ac\u03bd\u03b7 \u03b3\u1f70\u03c1 \u03b1\u1f50\u03c4\u03bf\u1fd6\u03c2 (\u2026) \u03b6\u1ff6\u03bd nicht als \u201ehe appeared to them alive\u201c \u00fcbersetzt werden sollte, sondern deutlich ambiger als \u201ehe appeared to them to be alive\u201c (96), eine in der Koine breit belegte Nutzung von \u03c6\u03b1\u03af\u03bd\u03c9. Christen hingegen nutzten \u03c6\u03b1\u03af\u03bd\u03c9 nur selten, um auf die Erscheinungen des Auferstandenen zu rekurrieren (100, wobei er hier die Nutzung des Lexems im Barnabasbrief \u00fcbersieht). \u00dcberhaupt kann er an vielen Stellen zeigen, dass das TF Worte und Phrasen nutzt, die so nicht von christlichen Autoren gebraucht wurden (77\u201378; 93\u201394; 100; 136; 198; 209\u2013211), was die Annahme eines christlichen Verfassers unwahrscheinlich macht. Au\u00dferdem kann er eine beeindruckende Menge von deutlichen sprachlichen Parallelen des TFs zum Rest des Corpus Iosephianum anf\u00fchren. Die Abfassung durch Josephus untermauert Schmidt zus\u00e4tzlich durch eine \u00fcberzeugende, ausf\u00fchrliche forensisch-stilometrische Analyse des Textes (108\u2013136). Ein sp\u00e4terer F\u00e4lscher h\u00e4tte \u00fcber enorme, ohne computergest\u00fctzte Analyseprogramme kaum zu erhaltende, statistische lexikale und phraseologische Kenntnisse des Corpus Iosephianum verf\u00fcgen m\u00fcssen, um eine so hohe \u00dcbereinstimmung des TFs mit Josephus \u00fcbrigen Schriften zu erzielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil des Buches stellt Schmidt die historischen Konsequenzen der Authentizit\u00e4t des TF heraus (141\u2013214). Dabei identifiziert er zun\u00e4chst die m\u00f6glichen uns bekannten Quellen, aus denen Josephus Informationen \u00fcber Jesus erhalten haben k\u00f6nnte. Bereits in seiner Jugend habe Josephus Informationen von seinem Vater, der Priester war, oder seiner Mutter erhalten haben k\u00f6nnen (143). Fr\u00fch war er mit der Jerusalemer Oberschicht eng vertraut (143), obwohl er Pharis\u00e4er war, hatte er auch enge Kontakte in essenische Kreise (144\u2013145). Und als General Galil\u00e4as kannte Josephus sich auch dort hervorragend aus und hatte dementsprechend Zugriff auf Lokaltraditionen (145\u2013146). Schmidt meint aber, die Quellen des Josephus noch n\u00e4her bestimmen zu k\u00f6nnen. Hierzu konzentriert er sich vor allem auf ein Syntagma des TF: Josephus beschreibt die Anschuldigung gegen Jesus als von \u03c4\u1ff6\u03bd \u03c0\u03c1\u03ce\u03c4\u03c9\u03bd \u1f00\u03bd\u03b4\u03c1\u1ff6\u03bd \u03c0\u03b1\u03c1\u1fbd \u1f21\u03bc\u1fd6\u03bd (den obersten M\u00e4nnern unter uns) kommend. Nach eingehender Analyse von \u03c0\u03b1\u03c1\u1fbd \u1f21\u03bc\u1fd6\u03bd im Corpus Iosephianum (151\u2013158) kommt er zum Schluss, dass Josephus diese Phrase beinahe ausschlie\u00dflich nutzt, um entweder die pers\u00f6nliche Kenntnis oder zumindest eine hohe Vertrautheit mit einem Sachverhalt darzustellen. Schmidt nimmt dementsprechend an, dass Josephus eng vertraut mit Personen war, die am Prozess gegen Jesus beteiligt waren oder direkte Beziehungen zu solchen Personen hatten (159\u2013197). Er nennt 10 verschiedene Personen namentlich, die hierf\u00fcr in Frage kommen. Leider muss Schmidt an mehreren Stellen auf potentiell anachronistische Quellen in Mischna und Talmud zur\u00fcckgreifen, um den Prozessablauf zu rekonstruieren. Zudem ist die Quellenlage auch in Bezug auf die einzelnen Personen teilweise l\u00fcckenhaft, was Schmidts Argumentation zeitweise leicht positivistisch anmuten l\u00e4sst. Dennoch gelingt es ihm m.\u00a0E. zu plausibilisieren, dass Josephus vermutlich mehrere Personen, die am Prozess um Jesus beteiligt waren, n\u00e4her kannte. Die h\u00f6chste Wahrscheinlichkeit kommt dabei dem Hohepriester Ananus II zu, dem Sohn Ananus I. Dieser war Josephus milit\u00e4rischer Vorgesetzter im Jahr 67 n.\u00a0Chr. Sein Vater wird in Joh 18,13 unter dem Namen Hannas als Schwiegervater des Kaiaphas benannt. Ananus II wird zwecks des Passahmahls zur Zeit des Prozesses im Haus seines Vaters in Jerusalem gewesen und dementsprechend des Prozesses gewahr geworden sein. Bevor Schmidt noch sechs l\u00e4ngere Appendices anf\u00fcgt, in denen er nochmals ausf\u00fchrlicher auf Einzelprobleme seiner Argumentation eingeht (215\u2013266), bietet er noch einige sehr kurze \u00dcberlegungen dazu, welche Konsequenzen seine Arbeit f\u00fcr die Forschung zum historischen Jesus haben mag (205\u2013214). Hier d\u00fcrfen wir gespannt sein, welche Rezeption Schmidts Thesen langfristig erfahren und ob sie Eingang in dieses doch oft eher hermetisch abgeriegelte Forschungsfeld finden werden. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Tim Spahn, Doktorand am Theologischen Seminar der Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schmidt, T. C.: Josephus and Jesus. 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