{"id":2682,"date":"2026-04-11T15:44:41","date_gmt":"2026-04-11T15:44:41","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2682"},"modified":"2026-04-11T15:44:42","modified_gmt":"2026-04-11T15:44:42","slug":"kraemer-tobias-die-entstehung-der-christlichen-wassertaufe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2682","title":{"rendered":"Kr\u00e4mer, Tobias: Die Entstehung der christlichen Wassertaufe"},"content":{"rendered":"\n<p>Kr\u00e4mer, Tobias: <em>Die Entstehung der christlichen Wassertaufe<\/em>. <em>Johannes der T\u00e4ufer \u2013 Jesus \u2013 fr\u00fche Jesusbewegung<\/em>, WUNT II.635, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2025, geb., 401\u00a0S., \u20ac\u00a0109,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/die-entstehung-der-christlichen-wassertaufe-9783161643200\/\">978-3-16-164320-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Tobias Kr\u00e4mer (Jg. 1968) legt mit dem zu besprechenden Buch seine bei Christian Stettler verfasste und 2023 von der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel angenommene Dissertation in \u00fcberarbeiteter Fassung vor. Darin untersucht er in die Frage nach der Entstehung der christlichen Taufe und bereitet erstmals umfassend verschiedene Entw\u00fcrfe und Forschungsarbeiten zum Thema auf. Methodisch will er die Person Johannes des T\u00e4ufers, dessen Johannestaufe, die Taufe Jesu und dessen Tauft\u00e4tigkeit, sowie die zwei Tauftexte der fr\u00fchesten Zeit nach Ostern (Apg&nbsp;2,38 und Mt&nbsp;28,18\u201320) so miteinander verbunden im Auge behalten, dass \u201eam Ende eine belastbare Theorie zur Entstehung der christlichen Taufe\u201c (17) im Sinne einer historischen Wahrscheinlichkeit pr\u00e4sentiert werden kann. Eine ritualtheoretische Perspektive, insbesondere auf die Johannestaufe als Ritualinnovation und Agent Ritual (188\u2013200), auf Mt&nbsp;28,19f aus ritualtheoretischer Perspektive (286\u2013291) und auf die messianische Taufe als weitere Ritualinnovation der Johannestaufe (330\u2013338), best\u00e4tigt die in erster Linie exegetisch gewonnenen Erkenntnisse f\u00fcr die Entwicklungsstufen eines j\u00fcdischen Wasserritus hin zur christlichen Wassertaufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit ist in zwei Hauptteile gegliedert. Teil&nbsp;1 widmet sich Johannes dem T\u00e4ufer (mit den zwei Kp. zur Quellenlage und Konturen des T\u00e4ufers und zur Person des T\u00e4ufers als \u201eProphet vor der Zeitenwende\u201c) und seiner Taufe (Kp.3 zur Misson des T\u00e4ufers mit den Stichworten \u201eTaufe und Endgericht\u201c, sowie dem Ertrag in Kp.4 \u201eDas Profil der Johannestaufe\u201c). Teil&nbsp;2 f\u00fchrt weiter zur \u201eTaufe und der Messias Jesus\u201c und behandelt zuerst \u201eDie Taufe und der irdische Jesus\u201c (Kp.&nbsp;5), danach \u201eDie Taufe auf den Messias hin\u201c, inklusive nach\u00f6sterliche Entwicklungen (Kp.&nbsp;6). Ein ausf\u00fchrlicher Abschnitt \u201eErtrag: Die Entstehung der fr\u00fchchristlichen Taufe\u201c schlie\u00dft das Buch ab, dem wie in der Reihe \u00fcblich ein Literaturverzeichnis und Stellen-, Autoren- und Sachregister beigef\u00fcgt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Kr\u00e4mer traut den Evangelien und der Apostelgeschichte eine hohe historische Zuverl\u00e4ssigkeit zu und orientiert sich dabei unter anderem an Vorarbeiten von Friedrich Avemarie und Richard Bauckham. F\u00fcr die ritualgeschichtliche Einordnung der christlichen Taufe greift er auf Claudia Matthes zur\u00fcck. Neben den T\u00e4ufertexten bei Josephus werden auch die Erw\u00e4hnungen des T\u00e4ufers Johannes in verschiedenen Evangelien des 2.&nbsp;Jhdts. thematisiert. F\u00fcr die \u201eTaufe des Johannes\u201c wird zuerst darauf hingewiesen, dass das Taufen (als Ritual der Umkehr zur S\u00fcndenvergebung) offenbar ein so herausragendes Charakteristikum der Person Johannes war, dass dieser den Beinamen \u201eder T\u00e4ufer\u201c erhielt. Als \u201eProphet vor der Zeitenwende\u201c l\u00e4sst er sich, sein Handeln und seine Botschaft nicht in ein bestehendes Schema einordnen. Auch die Aussagen Jesu \u00fcber den T\u00e4ufer und seine eigene Taufe durch Johannes machen deutlich, dass mit Johannes und seiner Taufe ein bedeutsamer Wendepunkt f\u00fcr Israels Geschichte und im Leben von Jesus eingetreten ist. Die Berichte \u00fcber die Taufe von Jesus (209\u2013242) geben keinen Anlass zu Zweifel, dass sich Jesus tats\u00e4chlich von Johannes taufen lie\u00df. Jesu eigene Begr\u00fcndung, mit der Taufe \u201ealle Gerechtigkeit zu erf\u00fcllen\u201c (Mt&nbsp;3,14f), wird schlicht als Ausdruck der Bereitschaft seines Gehorsams gegen\u00fcber dem Willen Gottes zu deuten sein. Die begleitenden Himmelserscheinungen und darin verwobenen Bibeltexte (Ps&nbsp;2; Jes&nbsp;42) sind als akklamatorische Installation und Wendepunkt f\u00fcr Jesus zu verstehen. Allerdings bleibt die allgemeine Johannestaufe \u2013 und nicht etwa die Taufe von Jesus \u2013 Ursprung f\u00fcr die sp\u00e4tere messianische Taufe. Bei der Taufe Jesu ist aber bereits zu beobachten, dass der Geistempfang auf die Taufe folgt (s. dazu unten).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dialog mit der aktuellen Forschungslage und Meinungsvielfalt (z.&nbsp;B. den Ansichten von Joel Marcus oder Rivka Nir) arbeitet Kr\u00e4mer heraus, dass Johannes sich selbst als W\u00fcstenrufer (Jes&nbsp;40,3) verstand und er von den Menschen und von Jesus als <em>Elia redivivus<\/em> gesehen wurde, wobei beide Bezeichnungen auf dieselbe Funktion hinweisen: Israel soll auf die Ankunft des Herrn vorbereitet werden. Um allerdings an dieser kommenden Heilszeit teilhaben zu k\u00f6nnen, muss das drohende Endgericht durch Umkehr und S\u00fcndenvergebung abgewendet werden, wozu Johannes in seiner Taufe aufrief. Gleichzeitig machte Johannes mit dem Hinweis auf den kommenden Geist- und Feuert\u00e4ufer deutlich, dass er selbst nicht der Messias sei, wobei mit \u201eGeist\u201c die eschatologische Heilsgabe (nicht Gericht oder Reinigung) und mit \u201eFeuer\u201c das Vernichtungsgericht Gottes (nicht blo\u00df reinigend) gemeint sei. \u2013 Die von Johannes vollzogene Taufe \u201eder Umkehr zur Vergebung der S\u00fcnden\u201c erweist sich \u2013 auf dem Hintergrund j\u00fcd. Wasserrituale und auch in Auseinandersetzung mit der Sicht des Josephus \u2013 als einzigartige Ritualhandlung (-innovation), in dessen Zentrum die Umkehr und S\u00fcndenvergebung stand. Sie war aber auch netzwerkartig eingebunden in Bez\u00fcge, die es nach\u00f6sterlichen Messiasgl\u00e4ubigen erm\u00f6glichte, die Johannestaufe aufzugreifen und mit dem Glauben an den erh\u00f6hten Messias zu verbinden (318). Diese Verbindungen finden sich bereits in der Antwort des Petrus auf die Anfrage der Zuh\u00f6rer seiner Pfingstpredigt in Apg&nbsp;2. Konkreter: Die von der Person Johannes gepr\u00e4gten zentralen Aspekte seiner Taufe werden in Apg&nbsp;2,38 aufgegriffen, nun aber auf eine andere Person, \u201eauf den Namen Jesu Christi\u201c praktiziert. Der Ruf zur Umkehr wird im Kontext der messianischen Taufe zur Umkehr und Neuausrichtung des Lebens unter der Herrschaft Jesu. Der Aspekt der S\u00fcndenvergebung verbindet sich seit Ostern mit Jesus aufgrund seines S\u00fchnetodes. W\u00e4hrend Johannes seine Taufe als Vorbereitung auf die Geist- und Feuertaufe durch den endzeitlichen Gottgesandten verstand, kann die nach\u00f6sterliche Jesusbewegung die Taufe auf den Messias vollziehen der den Heiligen Geist gesandt hat und das Endgericht vollziehen wird. Auch der Aspekt der J\u00fcngerschaft war in der Johannestaufe angelegt (Sch\u00fcler\/J\u00fcnger des Johannes) und wird gem\u00e4\u00df Mt&nbsp;28,19f in der christlichen Taufe mit aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kr\u00e4mer zeichnet einerseits die weitere Entwicklung der T\u00e4uferbewegung nach (115\u2013127) und sieht andererseits in der Taufe von Jesus, dessen Gespr\u00e4ch mit Nikodemus (Joh&nbsp;3), seiner Tauft\u00e4tigkeit (Joh&nbsp;3,22ff) und dem Taufauftrag (Mt&nbsp;28; Historizit\u00e4t l\u00e4sst K. ein St\u00fcck weit offen) Zwischenstationen hin zur sp\u00e4teren christlichen Taufe. Allerdings seien diese \u201ef\u00fcr die Rekonstruktion des Entstehungsprozesses der messianischen Taufe zwar von gro\u00dfer Bedeutung, doch sind sie letztlich nicht zwingend erforderlich, um die These zu vertreten zu k\u00f6nnen, dass es die Johannestaufe war, aus der die messianische Taufe entstand\u201c (322). Diese Grundthese macht Kr\u00e4mer insgesamt \u00fcberzeugend einsichtig. Auffallend fair und durchdacht sind seine umsichtigen, kritischen Auseinandersetzungen mit alternativen Ansichten. Er kennt und verarbeitet die aktuelle Literatur (McGraths zwei Arbeiten zum T\u00e4ufer erschienen zu sp\u00e4t (48 Anm.&nbsp;10); f\u00fcr das Motiv der Wiedergeburt (165) fehlt Kenntnis der Arbeit von Ursula Ulrike Kaiser aus dem Jahr 2018). Wohltuend reif sind auch seine exegetischen Urteile, der differenzierte Umgang mit den unterschiedlichen Perspektiven der Evangelien und seine zur\u00fcckhaltenden historischen Erw\u00e4gungen. Selbstverst\u00e4ndlich kann man im Detail Anfragen stellen und anderer Meinung sein: Warum wird f\u00fcr die Biografie des T\u00e4ufers Lk&nbsp;1 nicht erw\u00e4hnt (49; s. aber 64f)? Weshalb wurde Johannes auch als \u201eder Prophet\u201c (wie Mose, Dt&nbsp;18,15) angesehen? Ist in Joh&nbsp;1,31 (Kr\u00e4mer spricht der Aussage ab, historisch zu sein) \u03c6\u03b1\u03bd\u03b5\u03c1\u03cc\u03c9 wirklich richtig verstanden als \u201ejmd. zu Gesicht bekommen\u201c (164)? Insgesamt aber vermag die Arbeit zu \u00fcberzeugen und sie wird die Diskussion um die Taufe mitpr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diskussionsstoff werden zwei Ergebnisse dieser Studie liefern, welche sachlich zusammenh\u00e4ngen: Kr\u00e4mer arbeitet auf der exegetischen Ebene heraus, dass die christliche Wassertaufe nicht etwa der Ort des Christwerdens, sondern eines von mehreren Elementen des Christwerdens darstellt. So weist er darauf hin, dass in der Bezeichnung der Johannestaufe als \u201eTaufe der Umkehr zur Vergebung der S\u00fcnden\u201c der Akt der Umkehr von der S\u00fcndenvergebung unterschieden bleibt, auch wenn beides in der Taufe in gewisser Weise verbunden ist. Er beobachtet bei der Taufe von Jesus durch Johannes: \u201eEs ist der <em>getaufte<\/em> Jesus, der von Gott den Geist empf\u00e4ngt.\u201c (211). Beim Gespr\u00e4ch mit Nikodemus versteht er dessen Aussage \u00fcber eine \u201eNeugeburt aus Wasser und Geist\u201c \u2013 m.E. zu Recht \u2013 von Joh 1,33 her, mit Hes\u00a036 im Hintergrund. \u201eDas hei\u00dft: Zur Wassertaufe muss die Geisttaufe <em>hinzukommen<\/em>.\u201c (169). Die Satzkonstruktion von Apg\u00a02,38 ergibt, dass Umkehr und die Taufe Voraussetzungen f\u00fcr den Geistempfang sind und dieser nicht etwa in der Taufe erfolgt (295\u2013298). Zudem will die Taufe \u201eauf den Namen des Messias\u201c nicht nur die Verbindung zum Heilsgeber ausdr\u00fccken, sondern zugleich das Eingehen einer Verpflichtung zur Nachfolge und J\u00fcngerschaft. Damit zusammenh\u00e4ngend l\u00e4sst Kr\u00e4mer sowohl bei der Johannestaufe als auch bei der sp\u00e4teren christlichen Taufe die Verschr\u00e4nktheit menschlicher (Umkehr; Glaube) und g\u00f6ttlicher (S\u00fcndenvergebung; Gabe des Geistes) \u201eAktivit\u00e4t\u201c unbeschwert stehen. Wir lesen S\u00e4tze wie: \u201eIn der Taufe <em>ergreift<\/em> der T\u00e4ufling das Heil, das ihm Gott durch die Taufe <em>schenkt<\/em>.\u201c (327). Der Taufe geht der Umkehrruf voraus, auf den der Mensch antworten muss. Auch die christliche Taufe ist in erster Linie ein Ritus der Umkehr. Sie geschieht auf den Namen des Messias Jesus, womit der T\u00e4ufling in das durch Christus bewirkte Heil einbezogen (s. R\u00f6m\u00a06) und mit ihm verbunden wird (Nachfolge). Die Taufe f\u00fchrt zur S\u00fcndenvergebung (und Rechtfertigung 1Kor\u00a06,10f) und ist Vorbereitung zum Geistempfang (323). Dem Buch ist zu w\u00fcnschen, dass Bibelwissenschaftler die Ergebnisse wohlwollend diskutieren und Systematiker mit der Offenheit an die Lekt\u00fcre gehen, ihre Tauftheologie wo notwendig \u201evon der Bibel her erneuern zu lassen\u201c. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>J\u00fcrg Buchegger, Pfr. (Dr. theol.) der Freien evangelischen Gemeinde Wetzikon (Schweiz) und Gastdozent an verschiedenen Theologischen Ausbildungsst\u00e4tten<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kr\u00e4mer, Tobias: Die Entstehung der christlichen Wassertaufe. 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