{"id":2689,"date":"2026-04-11T16:02:19","date_gmt":"2026-04-11T16:02:19","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2689"},"modified":"2026-04-11T16:02:20","modified_gmt":"2026-04-11T16:02:20","slug":"martin-thoms-es-ist-vollbracht-oder-doch-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2689","title":{"rendered":"Martin Thoms: Es ist vollbracht! Oder doch nicht?"},"content":{"rendered":"\n<p>Martin Thoms: <em>Es ist vollbracht! Oder doch nicht? Antwortversuche auf Einw\u00e4nde zur Fantasie der Allvers\u00f6hnung<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, Pb., 252 S., \u20ac\u00a035,\u2013, ISBN: <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/es-ist-vollbracht-oder-doch-nicht-2\">978-3-374-07869-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Mit <em>Es ist vollbracht! Oder doch nicht?<\/em> legt Martin Thoms einen aktuellen und anregenden Beitrag zur theologischen Debatte \u00fcber die Lehre der Allvers\u00f6hnung vor. Sein Buch f\u00fcgt sich in ein breiteres Korpus j\u00fcngerer universalistischer Literatur ein, in dem unter anderem Theologen wie Robin A. Parry und David Bentley Hart f\u00fcr einen theologisch begr\u00fcndeten Glauben an die endg\u00fcltige Vers\u00f6hnung aller Menschen eintreten. Was Thoms\u2019 Ansatz unterscheidet, ist die systematische Weise, in der er f\u00fcnf klassische Einw\u00e4nde gegen die Allvers\u00f6hnung untersucht: die Exklusivit\u00e4t von Jesus, die Zuverl\u00e4ssigkeit der Schrift, das Thema Gerechtigkeit, den freien Willen des Menschen sowie die Rolle von Kirche, Ethik und Mission. Thoms ist der Ansicht, dass diese klassischen Argumente gegen eine Allvers\u00f6hnung entweder entkr\u00e4ftet oder neu durchdacht werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum von Thoms\u2019 Argumentation steht die \u00dcberzeugung, dass Gott Liebe ist und dass das Erl\u00f6sungswerk von Jesus eine universale Reichweite hat und \u201ef\u00fcr alle\u201c vollbracht wurde. Thoms betont das Bewusstsein, dass alle Menschen nichts als die H\u00f6lle verdienen. Kein einziger Mensch hat Anspruch darauf, von Gott erl\u00f6st zu werden. Alle Menschen w\u00e4hlen gemeinsam den Weg des B\u00f6sen, und ohne Gottes Gnade w\u00fcrde dieser Weg sie ins Verderben st\u00fcrzen. Zugleich vertritt Thoms jedoch die Ansicht, dass es ebenso biblisch und theologisch verantwortbar sei zu glauben, dass letztlich alle Menschen mit Gott vers\u00f6hnt werden, selbst jene, die Gott jetzt verwerfen. Er pr\u00e4sentiert diese Sicht nicht als moderne Anpassung oder Utopie, sondern als eine christozentrische, biblisch fundierte und hoffnungsvolle Eschatologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf \u00fcberzeugende Weise zeigt Thoms, dass die Gegenargumente gegen eine Allvers\u00f6hnung h\u00e4ufig auf traditionellen, nicht schl\u00fcssigen Interpretationen der Schrift beruhen. Er weist zu Recht darauf hin, dass nur wenige Menschen anderen kein Heil und keine Erl\u00f6sung w\u00fcnschen. Das wirft die grundlegende Frage auf, ob im Herzen Gottes die M\u00f6glichkeit bestehen kann, Menschen nach dem Gericht auf ewig verlorengehen zu lassen. H\u00e4ufig verwendet der Autor starke Formulierungen wie: \u201eDie Erl\u00f6sung des Volkes bedeutet die Erl\u00f6sung Gottes. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Solange sein Volk nicht erl\u00f6st ist, ist es Gott auch nicht\u201c (48); \u201eWer k\u00e4me auf die Idee, angesichts des tragischen Ungl\u00fccks vom Untergang der Titanic von einem Sieg zu sprechen, nur weil einige wenige es mit dem Rettungsboot heil an Land geschafft haben?\u201c (41) und: \u201eWer die H\u00f6lle predigt, verk\u00fcndigt nicht die harte Wahrheit des Evangeliums, sondern verzerrt grundlegend die heilvoll frohe Botschaft\u201c (43).<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Buch spricht Thoms von einer \u201eFantasie der Allvers\u00f6hnung\u201c bzw. \u201eder H\u00f6lle\u201c. Sein Gebrauch des Begriffs \u201eFantasie\u201c kn\u00fcpft dabei eng an die Redeweise J\u00fcrgen Moltmanns an, der den Begriff neutral verwendet, um damit ein theologisches Denkkonzept zu bezeichnen. F\u00fcr diejenigen, die mit diesem Gebrauch des Begriffs nicht vertraut sind, kann der Begriff im Untertitel irritierend wirken, weil man den Eindruck gewinnt, es handle sich um ein M\u00e4rchen. Im Buch verwendet Thoms den Begriff jedoch, um theologische Denkkonzepte zur Allvers\u00f6hnung und zur H\u00f6lle zu bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anstatt die Allvers\u00f6hnung als liberale Fantasie oder subjektives Wunschdenken zur\u00fcckzuweisen, positioniert er sie als ernstzunehmende theologische Alternative, verwurzelt in der \u00dcberzeugung, dass Gottes Liebe letztlich st\u00e4rker sei als das Gericht. Er zeigt, wie das Erl\u00f6sungswerk von Jesus als Norm f\u00fcr die Interpretation der gesamten Schrift gelten m\u00fcsse. In seinem Denken ist Christus der hermeneutische Schl\u00fcssel, was im Einklang steht mit Positionen etwa von Robin A. Parry und anderen, die eine universalistische Theologie vertreten. Der Autor geht davon aus, dass alle Menschen ein Leben in der Anbetung Gottes f\u00fchren wollen und dass es in der Ewigkeit keine alternative Wahlm\u00f6glichkeit gibt. Menschen werden durch die Reflexion ihres Lebens und durch die Liebe Gottes dazu bewegt, sich letztlich f\u00fcr Gott zu entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Thoms ist sich der psychologischen und emotionalen Ablehnung bewusst, die das Thema Allvers\u00f6hnung bei Gl\u00e4ubigen hervorruft. Diese Abwehr besteht, weil die Fantasie der H\u00f6lle tief im christlichen Glauben verankert ist. Schon im Vorhinein st\u00f6\u00dft das Reden von Allvers\u00f6hnung daher oft auf tief verwurzelte Bilder eines ewigen Gerichts und einer ewigen H\u00f6lle als endg\u00fcltigem Ziel. Thoms versucht mit Empathie und Ernst, diesen Widerstand zu verstehen und zu entkr\u00e4ften.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser starken Seiten wirft das Buch wesentliche Fragen hinsichtlich der Plausibilit\u00e4t und Gr\u00fcndlichkeit von Thoms\u2019 Argumentation auf. Ein erstes Schw\u00e4chemoment ist der begrenzte R\u00fcckgriff auf akademische Literatur, die der Lehre der Allvers\u00f6hnung kritisch gegen\u00fcbersteht. Thoms konfrontiert seine Leser vor allem mit allgemeinen Gegenargumenten, vermeidet jedoch eine vertiefte Auseinandersetzung mit einflussreichen systematischen oder exegetischen Gegenstimmen. Im Literaturverzeichnis fehlen zum Beispiel englischsprachige Werke, etwa Michael J. McClymond: <em>The Devil<\/em><em>\u2019s Redemption. <\/em><em>A New History and Interpretation of Christian Universalism, <\/em>2 Bde., Grand Rapids: Baker, 2018 oder Ilaria Ramelli, <em>The Christian Doctrine of Apokatastasis. A Critical Assessment from the New Testament to Eriugena<\/em>, Leiden: Brill, 2013. Der Verfasser beschr\u00e4nkt sich auf deutschsprachige Literatur. Zudem werden keine einschl\u00e4gigen wissenschaftlichen Arbeiten herangezogen, die sich kritisch-ablehnend mit Allvers\u00f6hnung auseinandersetzen. Die Entscheidung des Autors, stattdessen vor allem das popul\u00e4r gehaltene Buch von Hans-Werner Deppe zu verwenden (kein Theologe, sondern Informatiker und Verleger), ist akademisch nicht zu verantworten. Dadurch entsteht der Eindruck, es gebe kaum noch ernstzunehmende theologische Einw\u00e4nde gegen seine Sicht, was die \u00dcberzeugungskraft des Arguments deutlich schw\u00e4cht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist problematisch, gerade weil die Allvers\u00f6hnung innerhalb der christlichen Tradition umstritten bleibt. Sowohl die kirchengeschichtliche \u00dcberlieferung als auch zahlreiche biblische Texte scheinen auf ein endg\u00fcltiges Gericht und dauerhafte Verlorenheit hinzuweisen. So fehlen in der Bibel klare Beispiele daf\u00fcr, dass Menschen nach dem Tod durch einen Heilungsprozess, wie er etwa in einem Krankenhaus stattfindet, letztlich doch noch zur Anerkennung der Wahrheit Gottes gelangen und Erl\u00f6sung finden. Auch \u00e4u\u00dfert die Bibel sich nicht explizit in diese Richtung. Wohl aber bringt sie wiederholt Gottes Wunsch zum Ausdruck, die ganze Welt mit sich zu vers\u00f6hnen. Kritiker betonen zudem, dass biblische Aussagen \u00fcber Erl\u00f6sung \u201ef\u00fcr alle\u201c h\u00e4ufig eine potenzielle Universalit\u00e4t beschreiben, zugleich jedoch klar machen, dass Glaube, Umkehr und Gehorsam unverzichtbare Bedingungen sind. Da Thoms diese Spannung kaum ausarbeitet, droht seine Sicht in eine Theologisierung der Hoffnung abzugleiten, statt in eine ausgewogene Exegese.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt, dass die hermeneutische Spannung zwischen Gottes Liebe und anderen g\u00f6ttlichen Eigenschaften unterbelichtet bleibt. Thoms hebt zu Recht Gottes Liebe als Motor des Heilshandelns hervor, geht aber kaum ein auf Attribute wie Heiligkeit, Gerechtigkeit oder Zorn \u00fcber das B\u00f6se. In der klassischen Theologie wird Gottes Liebe nie losgel\u00f6st von seiner Gerechtigkeit und Wahrheit verstanden. Es ist ein typisch menschlicher Gedanke, dass Zorn und \u00c4rger nicht liebevoll und bei Gott sogar b\u00f6sartig seien. F\u00fcr Menschen l\u00e4sst sich das vom Evangelium her reflektieren, doch das Evangelium erlaubt nicht, dieselbe Reflexion ohne Weiteres auf Gott zu \u00fcbertragen. Es gibt keine Liebe, die unabh\u00e4ngig von Gottes anderen Wesensz\u00fcgen steht. So spricht die christliche Theologie seit jeher von einer liebevollen Gerechtigkeit, liebevollen Heiligkeit, liebevollen Wahrheit und liebevollen Gnade Gottes. Diese lassen sich in der Verk\u00fcndigung nicht beiseiteschieben, nur weil sie nicht zum vorherrschenden Gottesbild der westlichen Kultur passen. Eine grenzenlose Liebe Gottes muss nicht bedeuten, dass keine liebevollen Grenzen bestehen. Eine wirklich biblische Betrachtung der Allvers\u00f6hnung erfordert daher eine gr\u00fcndliche Reflexion dar\u00fcber, wie Gottes Liebe mit seinem Gericht zusammenf\u00e4llt und wie sich seine Barmherzigkeit zu seiner Abkehr von B\u00f6sem und Unrecht verh\u00e4lt. Aus kritischer Perspektive kann eine grenzenlose Liebe nicht automatisch bedeuten, dass es f\u00fcr Gottes Gericht keine Grenzen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Vergleich mit Theologen wie Hans Urs von Balthasar macht den Unterschied deutlich: W\u00e4hrend Balthasar von einer \u201ebegr\u00fcndeten Hoffnung\u201c auf Allvers\u00f6hnung spricht, vertritt Thoms die feste \u00dcberzeugung, dass alle gerettet werden. Das ist theologisch kein Detail, sondern ber\u00fchrt den Kern der eschatologischen Hoffnung. Hoffnung l\u00e4sst Raum f\u00fcr Ungewissheit und Verantwortung, Gewissheit hingegen birgt das Risiko des Dogmatismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem erweckt die Art, wie Thoms seine Gegner charakterisiert \u2013 als Menschen, die in einer \u201eH\u00f6llenpsychose\u201c oder \u201eH\u00f6llenfantasie\u201c gefangen seien \u2013 den Eindruck, dass Einw\u00e4nde vor allem psychologisch motiviert seien. Damit verkennt er, dass viele Gegenargumente ein tiefes theologisches und exegetisches Gewicht haben und nicht blo\u00df gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig sind. Sein Ansatz l\u00e4uft Gefahr, die Debatte zu vereinfachen und legitime Fragen zu minimieren oder beiseitezuschieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin Thoms <em>Es ist vollbracht! Oder doch nicht?<\/em> ist ein theologisch motiviertes, pastoral durchdachtes und im Ton empathisches Buch. Er bietet eine konsistente und hoffnungsvolle Perspektive auf Gottes Erl\u00f6sungswerk, die im Licht der Schrift und des Wirkens von Jesus ernst genommen werden sollte. Sein Pl\u00e4doyer kann gewiss zu einem fruchtbaren Gespr\u00e4ch innerhalb von Kirche und Theologie beitragen \u00fcber die Reichweite von Gottes Liebe und das Ziel des Heils.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch \u00fcberzeugt das Buch nicht vollst\u00e4ndig als systematisch theologisches Antwortwerk auf die Einw\u00e4nde, die es selbst zu entkr\u00e4ften versucht. Die einseitige Betonung der Liebe, die unzureichende Ber\u00fccksichtigung kritischer Literatur abweichender Positionen und das Fehlen einer Reflexion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Gottes Liebe zu seinen anderen gleichwertigen Eigenschaften machen die Argumentation theologisch angreifbar. Das Buch bleibt eine eindringliche Einladung zum Weiterdenken, bildet aber noch keine schl\u00fcssige Apologie f\u00fcr eine endg\u00fcltige Vers\u00f6hnung aller.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Rezensent sch\u00e4tze ich Thoms\u2019 Mut und Engagement. Sein Werk ist wertvoll, nicht als Endpunkt, sondern als Ansto\u00df zu einer vertieften theologischen Reflexion \u00fcber Gottes Liebe, Gericht und die eschatologische Perspektive des Evangeliums.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Raymond R. Hausoul, Lehrbeauftragter f\u00fcr Systematische Theologie und Hermeneutik an der ETF Leuven und Pastor einer evangelischen Freikirche in Kortrijk<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Thoms: Es ist vollbracht! Oder doch nicht? 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