{"id":2695,"date":"2026-04-11T16:05:30","date_gmt":"2026-04-11T16:05:30","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2695"},"modified":"2026-04-11T16:05:31","modified_gmt":"2026-04-11T16:05:31","slug":"jos-de-kock-mirella-klomp-doing-research-in-practical-theology","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2695","title":{"rendered":"Jos de Kock\/Mirella Klomp: Doing Research in Practical Theology"},"content":{"rendered":"\n<p>Jos de Kock\/Mirella Klomp:<em> Doing Research in Practical Theology<\/em>, Abingdon\/Oxford\/New York: Routledge, 2026, Pb., 216 S., \u20ac 52,35, ISBN <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/Doing-Research-in-Practical-Theology\/deKock-Klomp\/p\/book\/9781032120010\">9781032120010<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Das vorliegende Forschungshandbuch versteht sich als Leitfaden zur praktisch-theologischen Forschungslogik. Es entfaltet weder eine neue Theorie noch bietet es prim\u00e4r eine Methodensammlung, sondern macht den Forschungsprozess als Abfolge begr\u00fcndeter Entscheidungen transparent (38\u201341). Forschung wird als lernbare, selbstreflexive Praxis verstanden. Adressiert sind vor allem Master- und Promotionsstudierende, dar\u00fcber hinaus auch Lehrende, Supervisoren, Gutachter sowie Forschende, die empirische oder theologisch reflektierende Projekte verantworten. Der Ertrag zeigt sich in der Verbindung von Prozesslogik, methodischer Konkretion und hermeneutischer Selbstreflexion. Datenerhebung und Auswertung werden nicht als linearer Ablauf, sondern als iterativer Prozess beschrieben, der zu fr\u00fcheren Festlegungen zur\u00fcckkehrt und sie im Licht neuer Einsichten nachsch\u00e4rft (145\u2013147). Zugleich orientiert der Band sachlich \u00fcber quantitative, qualitative und kombinierte Ans\u00e4tze und bindet Fragen von Forschungsqualit\u00e4t, Ethik und Transparenz konsequent in die Designarbeit ein (115\u2013139). Beispiele und knappe Hinweise zur Weiterlekt\u00fcre erh\u00f6hen die Anschaulichkeit; Reflexionsfragen am Kapitelende machen das Buch unmittelbar f\u00fcr den Einsatz in Seminaren und Kolloquien nutzbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Erkenntnistheoretisch ist der Band konstruktivistisch ausgerichtet. Erkenntnis gilt als perspektivisch und situiert, Positionalit\u00e4t geh\u00f6rt zur praktisch-theologischen Wissenschaftlichkeit und soll offengelegt und reflektiert werden (23; 30\u201332). Damit wird die Illusion neutraler Beobachtung zur\u00fcckgewiesen und Forschung als verantwortete, reflexive Praxis profiliert. R\u00fcckfragen k\u00f6nnen dort entstehen, wo konfessionell gepr\u00e4gte Erwartungshorizonte eine st\u00e4rker hierarchisierte Kriterienbindung und normativ dichter gefasste Wahrheitsanspr\u00fcche voraussetzen, als es die konstruktivistische Rahmung nahelegt. Inhaltlich wird Praktische Theologie als Hermeneutik gelebter Religion und als eigenst\u00e4ndiges theologisches Erkenntnisfeld profiliert, das religi\u00f6se Praxis in ihren konkreten Vollz\u00fcgen analysiert (24\u201328). Gelebte Religion erscheint dabei nicht als blo\u00dfes Rohmaterial nachgeordneter Bewertung, sondern als Ort theologischer Deutungen und Praktiken, die wissenschaftlich zu erschlie\u00dfen sind. Entsprechend wird Interdisziplinarit\u00e4t, besonders im Gespr\u00e4ch mit den Sozialwissenschaften, als notwendiger Zugang zur empirischen, kulturellen und institutionellen Dimension religi\u00f6ser Praxis herausgestellt. Zugleich reflektieren die Autoren die Rolle der Forschenden als Beteiligte am Prozess, einschlie\u00dflich epistemischer Vorannahmen und forschungsbezogener Machtwirkungen (30\u201332; 60\u201361).<\/p>\n\n\n\n<p>Teil I kl\u00e4rt die disziplin\u00e4ren und erkenntnistheoretischen Grundlagen und f\u00fchrt in das Forschungsdesign ein; darauf aufbauend entfaltet Teil II die Schritte 1\u20134 und Teil III die Schritte 5\u20138. In Teil II (\u201eGetting focus\u201c) stellen die Autoren die Schritte 1\u20134 dar: Begr\u00fcndung des Projekts einschlie\u00dflich impliziter Normativit\u00e4t und Machtverh\u00e4ltnisse (51\u201364), Problemformulierung samt Literaturarbeit (68\u201381), Entwicklung tragf\u00e4higer Forschungsfragen mit Kriterien, Materialobjekt und Dimensionen (84\u2013100) sowie Bestimmung theoretischer und praktischer Relevanz (104\u2013109). Didaktisch \u00fcberzeugt diese Sequenz durch ihre pr\u00e4zise Diagnose typischer Schw\u00e4chen praktisch-theologischer Forschungsarbeiten, etwa das Fehlen einer Problemstellung, und durch die klare F\u00fchrung von der Themenbeschreibung zur Forschungsl\u00fccke und zur belastbaren Frage. Teil III (\u201eGetting insight\u201c) arbeitet die Schritte 5\u20138 aus. Kapitel 8 (Schritt 5) b\u00fcndelt Datenerhebung, Forschungsparadigma, Datenanalyse, Reflexion der Datenqualit\u00e4t, ethische Evaluation und Positionalit\u00e4t als koh\u00e4rente Designaufgabe (115\u2013139). Methodik erscheint dabei nicht als neutraler Werkzeugkasten, sondern als theologisch und epistemologisch mitgepr\u00e4gte Entscheidungspraxis. Kapitel 9 (Schritt 6) beschreibt die Durchf\u00fchrung realistisch als \u201euntidy, complex, and spiral process\u201c (145\u2013147) und integriert \u201ediscernment\u201c als strukturierte Bewegung von Beschreibung \u00fcber Interpretation und Evaluation hin zu pragmatischem Beitrag (147\u2013148). \u00dcberzeugend ist, dass die Autoren die Schritte nicht als blo\u00dfe Checkliste pr\u00e4sentieren. Sie zeigen, wie sich die Schritte gegenseitig korrigieren. Relevanz muss zur Begr\u00fcndung passen, die Forschungsfrage zur Problemformulierung, das Design zur Frage, und in der Durchf\u00fchrung kann sich zeigen, dass Setzungen nachgesch\u00e4rft werden m\u00fcssen. Ein m\u00f6glicher Kritikpunkt w\u00e4re, ob der Handlungsbezug als zentrale Zielperspektive Praktischer Theologie hinreichend profiliert wird, sodass klarer hervortritt, nach welcher verbindlicheren Logik Evaluation in verantwortete Praxis \u00fcbergeht, insbesondere dort, wo praktische Relevanz benannt, aber nicht normativ gerahmt wird. Zwar ist der pragmatische Beitrag als Dimension praktisch-theologischer Forschung pr\u00e4sent, wird jedoch nicht als obligatorisches Ergebnis jeder Studie eingefordert (108\u2013109). In st\u00e4rker handlungsorientierten Erwartungshorizonten kann diese Zur\u00fcckhaltung als zu vorsichtig erscheinen, weil die pragmatische Dimension eher als Option denn als Leitkriterium akzentuiert wird. Der knappe Schluss b\u00fcndelt Ertrag und Grenzen und markiert als Forschungsleistung, auch das \u201eUngesagte\u201c sichtbar zu machen (180\u2013181). Zus\u00e4tzlichen Praxiswert besitzen die drei Anh\u00e4nge, die den Aufbau von Forschungsberichten anhand von Beispielen konkretisieren (183\u2013188).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beitrag liegt au\u00dferdem in der Thematisierung von Normativit\u00e4t. Sie erscheint nicht als peinliche Voreingenommenheit, sondern als unvermeidliche Realit\u00e4t religi\u00f6ser Praxis und theologischer Forschung. Die Autoren zeigen, dass akademische Theorien nicht neutral sind, sondern von institutionellen Interessen mitgepr\u00e4gt werden, und dass Forschende selbst entscheiden, wie sie empirische Beobachtungen, theoretische Begriffe sowie pers\u00f6nliche oder theologische \u00dcberzeugungen gewichten (58\u201360; 148\u2013151). Aus konfessionell evangelischer Sicht lassen sich jedoch drei kritische Aspekte benennen. Erstens erscheint biblische Normierung eher als benannte Ressource denn als methodisch leitender Ma\u00dfstab. Zweitens dominiert ein sozialwissenschaftlich gepr\u00e4gter Zugriff, der materialtheologische Tiefensch\u00e4rfe stellenweise zur\u00fccktreten l\u00e4sst. Drittens bleibt die Hierarchie der Normativit\u00e4ten offen: Unterschiedliche normative Stimmen werden sichtbar, doch wird weniger entfaltet, nach welchen Kriterien eine Evaluation verbindlich entscheidet, wenn Praxis, Tradition, kirchliche Ordnung und theologische Reflexion konkurrieren. Schrift, Tradition und Bekenntnisse werden als Gespr\u00e4chspartner genannt, ohne dass eine biblisch-theologische Normierungslogik dort methodisch ausbuchstabiert w\u00fcrde, wo empirische Befunde und theologische Ma\u00dfst\u00e4be kollidieren. Wer eine st\u00e4rker kanonisch oder bekenntnisbezogen formulierte Bewertungsinstanz erwartet, wird daher weniger direkt bedient, auch wenn die normative Frage ausdr\u00fccklich pr\u00e4sent bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist der Band ein n\u00fctzliches Arbeitsinstrument f\u00fcr empirisch-theologische Forschung und f\u00fcr die Ausbildung wissenschaftlicher Urteilskraft in der Praktischen Theologie. Seine St\u00e4rken liegen in Strukturklarheit, didaktischer Lehrbarkeit und methodischer Redlichkeit. Erg\u00e4nzungsbed\u00fcrftig bleibt vor allem die Ausarbeitung einer verbindlichen Normativit\u00e4t, insbesondere im Blick auf biblische Normierung und die Hierarchie der Normativit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Dejan A\u017edaji\u0107, Dozent f\u00fcr Praktische Theologie, FTH Gie\u00dfen, Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jos de Kock\/Mirella Klomp: Doing Research in Practical Theology, Abingdon\/Oxford\/New York: Routledge, 2026, Pb., 216 S., \u20ac 52,35, ISBN 9781032120010<\/p>\n","protected":false},"author":79,"featured_media":2696,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-2695","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2695","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/79"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2695"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2695\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2697,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2695\/revisions\/2697"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2696"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2695"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2695"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2695"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}