{"id":2698,"date":"2026-04-11T16:07:35","date_gmt":"2026-04-11T16:07:35","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2698"},"modified":"2026-04-11T16:07:37","modified_gmt":"2026-04-11T16:07:37","slug":"andrew-root-evangelism-in-an-age-of-despair","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2698","title":{"rendered":"Andrew Root: Evangelism in an age of despair"},"content":{"rendered":"\n<p>Andrew Root: <em>Evangelism in an age of despair. Hope beyond the failed promise of happiness<\/em>, Grand Rapids: Baker Academic, 2025, Pb., 304\u00a0S., $\u00a029,99, ISBN <a href=\"https:\/\/bakeracademic.com\/products\/9781540968715_evangelism-in-an-age-of-despair\">9781540968715<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Andrew Root beschreibt die Zeit des dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert als eine traurige Zeit, weil die Menschen paradoxerweise damit besch\u00e4ftigt sind, sich selbst zu verwirklichen und ihr Gl\u00fcck (<em>happiness<\/em>) in der diesseitigen Welt zu finden. Den Ursprung dieses Lebensstils sieht Root bei dem Philosophen Michel de Montaigne (1533\u20131592), der sich in seinen Abhandlungen nur auf das Diesseitige konzentriert und meint, in der Selbstverwirklichung das Gl\u00fcck zu finden. Jedoch zeigt Root auf, dass ein \u201eSelbst\u201c (<em>self<\/em>), welches das \u00dcbersinnliche (<em>the beyond<\/em>) verneint, nie ans Ziel kommen wird, weil das Gl\u00fcck uners\u00e4ttlich ist: Es gibt immer mehr, das man erreichen kann. Wenn das \u201eSelbst\u201c alles Entscheidende selbst tragen und hervorbringen (wie Bedeutung, Ziel, Sinn und Endg\u00fcltigkeit) muss, f\u00fchrt dies zu M\u00fcdigkeit, Verzweiflung und Depression. Alles Zeichen einer traurigen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kritiker dieser Weltanschauung f\u00fchrt Root den Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal (1623\u20131662) ins Feld, der den Menschen nicht auf ein diesseitiges \u201eSelbst\u201c reduzieren will, sondern ihn auch als eine \u201eSeele\u201c (<em>soul\/spirit<\/em>) begreift. Seiner Meinung nach kann das irdische Gl\u00fcck&nbsp;nie das Eigentliche der Seele finden, denn ihre Tiefe und Resonanz ist nicht an Vergn\u00fcgen und Gl\u00fcck gebunden, sondern an das Verlangen nach etwas, was \u00fcber dem Diesseitigen steht <em>(something beyond)<\/em>. Dieses Dar\u00fcberstehende kann als Leid identifiziert werden. Somit wird die Seele nur durch Leid sichtbar; darin wird aber echtes Gl\u00fcck gefunden, weil das \u201eSelbst\u201c seine Bed\u00fcrftigkeit erkennt, bekennt und dem \u00dcbersinnlichen begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Root nimmt diese Gedanken von Pascal auf und hebt hervor, dass gerade im Evangelisationsgeschehen Traurigkeit und Leid angesprochen werden sollen. Menschen brauchen Trost (<em>consolation<\/em>) durch andere, welche sich um sie k\u00fcmmern. In der Auseinandersetzung mit ihrer Trauer finden sie die wahre Pr\u00e4senz von Jesus Christus, der ihnen darin begegnet und sie rettet. Rettung wird als das Ereignis gesehen, bei welchem der Mensch sein Leid und seinen Schmerz auf Jesus wirft und durch ihn Trost und Leben findet.&nbsp; Root sieht in der Evangelisation kein instrumentales, sondern ein sakramentales Geschehen, weil darin das Endliche dem Unendlichen begegnet. In dieser Begegnung wird man evangelisiert und zu einem J\u00fcnger von Jesus Christus gemacht. Als J\u00fcnger geht man wieder in die Welt, um anderen Trost zu schenken. Dadurch wird der Kreislauf von Evangelisation und J\u00fcngerschaft in Gang gesetzt und weitergef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diesem zentralen Punkt seiner \u00dcberlegungen Nachdruck zu verleihen, pr\u00e4sentiert Root im zweiten Teil des Buches f\u00fcnf Theologen, welche in ihrer Theologie einen gro\u00dfen Schwerpunkt auf das Leid und den Trost gesetzt haben. Als erstes erw\u00e4hnt er Gregor von Nyssa (335\/340\u2013394) und seine Schwester Makrina die J\u00fcngere (330&nbsp;(327)\u2013379), welche den K\u00f6rper und die Seele als Einheit sehen und dadurch den Tod als gro\u00dfen Feind und die Auferstehung als einzige Hoffnung verstehen. Bei ihnen ist die Transformation durch Leid die <em>Gute Nachricht<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter besch\u00e4ftigt Root sich mit Jean Gerson (ca. 1363\u20131429), welcher den Weg des Menschen als eine Pilgerreise hin zu Gott (<em>ad Deum<\/em>) begreift. Auf dieser Pilgerreise wird der Mensch immer wieder endg\u00fcltig Abschied nehmen m\u00fcssen und dadurch Leid erfahren. Jedoch ist gerade dieses Leiden der Ort, an welchem Gott wirkt und der Mensch Gl\u00fcck findet, weil Gott dem Menschen im Leiden nahekommt und Leben bringt. Evangelisation ist f\u00fcr ihn die Einladung, sich auf diese Pilgerreise zu begeben. Rund hundert Jahre sp\u00e4ter setzt sich Johan von Staupitz (1465\u20131524) mit der Dialektik zwischen Elend und Gnade auseinander. F\u00fcr ihn wird in der Anfechtung und in dem darauffolgenden Leiden die Pr\u00e4senz von Jesus Christus erfahren, welcher dieser Traurigkeit begegnet und Trost spendet. Staupitz schlussfolgert, dass eine Theologie des Trostes einen Gott der Liebe, der Gnade und der Barmherzigkeit braucht, der nur in Jesus Christus erkannt werden kann. In diesem Begegnungsgeschehen ist die Beichte (<em>penance<\/em>) entscheidend, in welcher das \u201eSelbst\u201c das Leiden seiner Seele bekennt und dadurch Gottes Gnade erh\u00e4lt. Die Ansichten von Staupitz pr\u00e4gen Martin Luther (1483\u20131546) ma\u00dfgeblich, indem er ihn ermutigt, sich nicht vor dem Leiden zu verstecken, sondern sich darauf einzulassen, da Gott, der durch Jesus Christus bekannt gemacht wird, darin zu finden ist. Leiden ist nie ein Zeichen der Abwesenheit Gottes, sondern ein Zeichen seiner Erw\u00e4hlung. So kommt Luther zum Schluss, dass die Theologie des Kreuzes (<em>theologia crucis<\/em>) immer auch eine Theologie des Trostes ist. Menschen sind Gesch\u00f6pfe, die sterben und der Versuchung ausgesetzt sind, ihr Leiden abzulehnen. Aber gerade innerhalb dieses Leidens und in der Auseinandersetzung mit der Anfechtung findet sich der Mensch in der echten Pr\u00e4senz Jesus Christi.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Buches schlussfolgert Root f\u00fcr die Evangelisation in der heutigen Zeit, dass die&nbsp;Kirche dann evangelisiert, wenn&nbsp;sie in das Leid des N\u00e4chsten eintritt und denen dient, welche in Traurigkeit gefangen sind. Dadurch gibt sie Zeugnis von Jesus Christus, der im Leiden aktiv ist und Gottes Werk ausf\u00fchrt, indem er Trost schenkt und Leben aus dem Tod hervorbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist leicht und fl\u00fcssig zu lesen. Root versteht es auf eine eindr\u00fcckliche Art und Weise, die wesentlichen Weltanschauungen zu beschreiben, sie zusammenzuf\u00fchren und daraus ein konkretes und hilfreiches Bild der Grund\u00fcberzeugungen der Menschen im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu zeichnen. Dieses Bild ergibt eine fundierte Grundlage, um Evangelisation darin einzuzeichnen. Seinen Fokus auf das Leiden und den Trost kann ich nachvollziehen und finde es berechtigt, Evangelisation in diesem Sinne (neu) zu \u00fcberdenken und Menschen gerade in der heutigen Zeit in ihrem Leiden zu begegnen und dadurch auf Jesus Christus hinzuweisen, der ihnen Trost schenkt und sie rettet. Jedoch sehe ich eine Gefahr der Verengung, wenn nur dieser Wesenszug als alleing\u00fcltige Auffassung von Evangelisation gelten soll, denn das Evangelisationsgeschehen ist umfassender als die Dialektik zwischen Leid und Trost. Dies sollte beim Lesen dieses Buches ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. theol. Simon Gisin, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der STH Basel im Bereich Praktische Theologie und freischaffender Pfarrer und Theologe<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrew Root: Evangelism in an age of despair. 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