{"id":2723,"date":"2026-04-11T16:26:21","date_gmt":"2026-04-11T16:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2723"},"modified":"2026-04-11T16:26:22","modified_gmt":"2026-04-11T16:26:22","slug":"zekirija-sejdini-jonas-kolb-wissenschaftliches-forschen-und-arbeiten-in-der-islamischen-theologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2723","title":{"rendered":"Zekirija Sejdini \/ Jonas Kolb: Wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in der Islamischen Theologie"},"content":{"rendered":"\n<p>Zekirija Sejdini \/ Jonas Kolb: <em>Wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in der Islamischen Theologie. Eine Einf\u00fchrung,<\/em> Paderborn: Brill Sch\u00f6ningh, 2023, Pb., 308 S., \u20ac 28,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.utb.de\/doi\/book\/10.36198\/9783838559001\">978-3-8252-5900-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Was kann und was muss eine Einf\u00fchrung in wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in einem geisteswissenschaftlichen Fachgebiet leisten? Das muss sicherlich auf dem Hintergrund der Entwicklungsgeschichte des Faches und seines institutionellen Umfelds beantwortet werden. Im Falle der islamischen Theologie muss wohl auch noch die Frage bedacht werden, wie sich das Verh\u00e4ltnis einer solchen Theologie zu der Glaubensgemeinschaft gestaltet. Die damit verbundene Gemengelage im deutschsprachigen Raum f\u00fchrt zu herausfordernden Startbedingungen f\u00fcr eine wissenschaftliche Einf\u00fchrung in dieses Fachgebiet. Die islamische Theologie hat erst vor wenigen Jahren einen Platz an deutschsprachigen Universit\u00e4ten erhalten und wurde selten und wenig von islamischen Glaubensgemeinschaften \u00f6ffentlich unterst\u00fctzt. Wenn das Verh\u00e4ltnis Thema wurde, zeigte sich h\u00e4ufig eine kritische Distanz zu dem, was an der Universit\u00e4t gesagt und getan wurde. Dieses Spannungsfeld wirkt sich vielf\u00e4ltig auf die Lehr- und Lernsituation im Studium aus, und es ist nicht \u00fcberraschend, dass die Autoren aus pers\u00f6nlicher Erfahrung feststellen, \u201edass in puncto wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in dieser Disziplin noch Verbesserungsbedarf besteht.\u201c (9) Die Autoren wollen mit dieser Einf\u00fchrung einen Beitrag zu dem noch laufenden Etablierungsprozess dieser Disziplin an den Universit\u00e4ten leisten. Dabei besteht i.&nbsp;E. eine besondere Herausforderung darin, \u201ezwischen den Prinzipien der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit und heutigen akademischen Herangehensweisen zu vermitteln\u201c (9). Die<em> Einf\u00fchrung in das wissenschaftliche Arbeiten, <\/em>Freiburg: Kalam, 2019 von Dina el Omari und Daniel Roters begreifen sie als \u201ewichtige Vorarbeit\u201c und wollen grundlegende Fragen f\u00fcr das wissenschaftliche Arbeiten thematisieren sowie insbesondere \u201eden Ablauf des Forschungsprozesses, die Methoden des Forschens und die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens\u201c (10). Zurecht vermerken die beiden auch, dass Forschungserfahrungen und Methodenkenntnisse am besten \u201edurch das aktive Forschen und die schrittweise Anwendung von Forschungsmethoden\u201c erlernt werden (11). Diese Anmerkung scheint die Bedeutung des vorliegenden Buches auf treffende Weise auf den Punkt zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufbau des Buches und die einzelnen Abschnitte erheben den Anspruch, umfassend in das Feld Islamischer Theologie einzuf\u00fchren. In Teil I wird das Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Theologie (19\u201343) bedacht, die Diskussion um den Begriff Islamische Theologie angerissen und in die derzeitige Entwicklung im deutschsprachigen Kontext eingezeichnet (45\u201354). Die Phasen eines Forschungsprozesses mit Vorbereitung (55\u201371), Planung (73\u201376), Analyse (77\u201380) und Pr\u00e4sentation (81f) finden ihren Platz in Teil II. Teil III stellt Methoden des Forschens vor, wobei textanalytische Methoden gut 35 Seiten erhalten (85\u2013120) und empirische Verfahren fast 60 Seiten (121\u2013179), bevor diese verglichen werden (181\u2013190). Die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens, also Recherchieren (191\u2013205), Lesen (207\u2013225), Schreiben (225\u2013245), Argumentieren (247\u2013257) und Zitieren (259\u2013280), werden in Teil IV behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sejdini und Kolb wollen mit ihrer Darstellung au\u00dferdem noch \u201eeinen Grundstein zur Etablierung einer empirischen Theologie [\u2026] legen. Die Tradition der empirischen Theologie (Dinter \/ Heimbrock \/ S\u00f6derblom 2007) verfolgt grunds\u00e4tzlich das Anliegen, dass theologische Reflexionen im engen Dialog mit empirischen Befunden und den alltagspraktischen Bed\u00fcrfnissen der Gl\u00e4ubigen stehen sollen\u201c (11). Mit diesem Ziel wird ein Anliegen der Einf\u00fchrung sichtbar, das sich in der Vorstellung verschiedener Methodenschritte, der Beschreibung der Vorbereitung und dem Umfang einzelner Abschnitte niederschl\u00e4gt. Mit dem Stichwort \u201eempirische Theologie\u201c verorten sie sich an der Schnittstelle zwischen empirischer Sozialforschung, also einer qualitativer und \/ oder quantitativen Erhebung, Analyse und Beschreibung sozialer Wirklichkeiten, und einer textbezogenen Wissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es um eine (christliche) Theologie in westlicher Tradition geht, ist dies in der Geschichte der Theologie fast ausschlie\u00dflich bis in die (Post-) Moderne ein Umgang mit Quellen, die in gro\u00dfer Mehrheit schriftlich vorliegen. In der islamischen Tradition dominieren ebenso schriftliche Quellen, wenn es um philosophische oder rechtswissenschaftliche Fragen geht. Die Verortung an der Schnittstelle ist gut nachvollziehbar \u2013 \u201eEvidenzbasierte Analysen sind demnach als wichtige Impulse zu sehen, um theologische Auseinandersetzungen zu veranschaulichen, sie lebensnah zu f\u00fchren sowie sie zu befruchten und zu bereichern\u201c (11) \u2013 und leistet einen wertvollen Beitrag in dem Etablierungsprozess der Fachdisziplin, weil nicht zuletzt das Verh\u00e4ltnis von universit\u00e4rem theologischen Forschen und Arbeiten zu den Glaubensgemeinschaften von gro\u00dfer Bedeutung ist. Die Einf\u00fchrung in evidenzbasierte Analysen ist gut nachvollziehbar und dank der Beispiele anschaulich. Die Verortung an der Schnittstelle ist mutig und mag zumindest f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zu den Glaubensgemeinschaften wegweisend sein. F\u00fcr eine Einf\u00fchrung in das Arbeiten in der Islamischen Theologie, die nicht nur vom Titel, sondern auch von den einzelnen Abschnitten her einen umfassenden Anspruch erhebt, w\u00e4re es hilfreich, diese Verortung vertiefend zu reflektieren und die damit verbundenen M\u00f6glichkeiten und Grenzen (selbst-) kritisch zu beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Beschreibung der Vorbereitung gewinnt man beispielsweise immer wieder den Eindruck, dass vor allem empirische Verfahren vor Augen stehen. Mit dem Gedanken, dass \u201eMa\u00dfst\u00e4be, die f\u00fcr standardisierte empirische Methoden vorgesehen sind, nicht ohne Weiteres an qualitative oder textanalytische Verfahren angelegt werden\u201c (29), wird deutlich, dass sich Sejdini und Kolb einschl\u00e4giger Unterschiede bewusst sind. Es ist aber bedauerlich, dass eine vertiefende Reflexion, wie sich beispielsweise Forschungsfrage und -ziel im Zuge einer Untersuchung vor allem bei textbasierten Zug\u00e4ngen auch grundlegend \u00e4ndern k\u00f6nnen oder manche Forschungsfrage \/ &#8211; ziel erst unterwegs entsteht, leider nicht zu finden sind. Manche Betreuer von textbasierten Dissertation raten dazu, die Einleitung als letztes zu schreiben, um sicher zu stellen, dass man passenderweise erl\u00e4utert, was schlie\u00dflich \u2013 bei aller Planung, Festlegung einer oder mehrerer Forschungsfragen oder vorl\u00e4ufigen Gliederung \u2013 entdeckt und verschriftlicht wurde. Ich lese die folgenden S\u00e4tze auf S.&nbsp;22 und ahne, was sie damit sagen wollen und vor allem, wovor sie junge Studierende bewahren bzw. wie sie ihnen helfen wollen: \u201eKann wissenschaftliches Arbeiten richtungslos und ohne festes Ziel erfolgen? Diese Frage ist klar zu verneinen. Ein erstes Merkmal von wissenschaftlichen Formaten ist also, dass Erkenntnisinteressen beschrieben und offengelegt werden m\u00fcssen.\u201c Aber irgendwie scheint mir das nicht ganz zu ergebnisoffener, textbasierter Forschung zu passen, bei der Texte nicht nur die Forschungsfrage ver\u00e4ndern, sondern auch verwerfen k\u00f6nnen, wenn man sich von den Texten etwas sagen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese kritischen Anmerkungen sollen nicht den Beitrag der Autoren, den sie zu einem Etablierungsprozess ihrer Disziplin leisten wollen, grunds\u00e4tzlich infrage stellen. Nach der \u201eVorarbeit\u201c von el Omari und Roters ist hier wieder eine Wegstrecke zur\u00fcckgelegt worden. Sejdini und Kolb ist es gelungen, Wichtiges gut darzustellen und insbesondere solides Handwerkszeug f\u00fcr empirische Fragestellungen anzubieten, grundlegende Fragen anzurei\u00dfen und viele weitere Wege anzudeuten, die noch gegangen werden m\u00fcssen. Es wird nicht die letzte Einf\u00fchrung dieser Art sein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Heiko Wenzel, Research Fellow University of Pretoria<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zekirija Sejdini \/ Jonas Kolb: Wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in der Islamischen Theologie. 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