{"id":2729,"date":"2026-04-11T16:29:34","date_gmt":"2026-04-11T16:29:34","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2729"},"modified":"2026-04-11T16:29:36","modified_gmt":"2026-04-11T16:29:36","slug":"markus-stohldreier-praedestination","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2729","title":{"rendered":"Markus Stohldreier: Pr\u00e4destination"},"content":{"rendered":"\n<p>Markus Stohldreier: <em>Pr\u00e4destination. Entwicklung und Aktualit\u00e4t eines umstrittenen Begriffs, <\/em>Stuttgart: Kohlhammer, 2025, Pb., 400 S., \u20ac 59,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/pradestination-45757.html#147=19\">978-3-17-045757-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Markus Stohldreier wagt sich mit seiner systematisch-theologischen Studie in eines der weitesten und zugleich <em>coram hominibus<\/em> schwierigsten Felder der christlichen Theologie- und Dogmengeschichte. Das \u201edecretum aeternum\u201c (vgl. Calvin, Inst. 3, 21\u201324 in der Endfassung von 1559) stellt vor die unausweichliche Frage nach der Verantwortlichkeit des Menschen und der Allmacht Gottes in Fragen der Heilsbestimmung und dar\u00fcber hinaus. Wichtige Topoi, wie z. B. die Christologie, Soteriologie und Anthropologie der christlichen Theologie- und Dogmengeschichte sind entweder offensichtlich oder sublim mit dieser grundlegenden Fragestellung verbunden. Daher, vorneweg, lohnt sich die Lekt\u00fcre dieses diachronisch angelegten Studienbuches in jedem Fall. Stohldreier verfolgt die groben Linienf\u00fchrungen ganz und gar klassisch \u00fcber die biblischen Grundlagen (AT und NT), die Patristik, das Mittelalter und die Neuzeit bis zu den gro\u00dfen Entw\u00fcrfen des 20. und 21. Jahrhunderts. Es handelt sich mit anderen Worten um einen gro\u00dfen \u201eWurf\u201c, bedenkt man, wie weitl\u00e4ufig und zugleich tiefgr\u00fcndig die Thematik in der christlichen Theologiegeschichte der letzten 2000 Jahre verwurzelt ist. Bereits die antike Philosophie kannte die Frage nach menschlicher Verantwortung und g\u00f6ttlicher Allmacht in allen ihren Spielarten und entwickelte dementsprechend gedankliche Muster und Lehrmeinungen, die zu Schulbildungen f\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Stohldreier beginnt mit der Feststellung aus dem W\u00f6rterbuch der philosophischen Begriffe, dass die Pr\u00e4destination \u201ein der Theologie die Lehre [ist], dass das menschliche Wollen vollst\u00e4ndig durch Gott bewirkt und bestimmt wird\u201c (7). Diese Definition wirft Fragen auf, und leitet \u00fcber zu der fundamentalen Unterscheidung von formaler und materialer Freiheit, wie sie z. B. Wilfried Joest et al. propagiert haben, im Rahmen der Besinnung \u00fcber die menschlichen M\u00f6glichkeiten von finaler Heilsbestimmung und pers\u00f6nlicher Lebensgestaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es um diese Verh\u00e4ltnisbestimmung bestellt ist, ist von alters her umstritten. Kontroverse Diskussionen pr\u00e4gen das Sujet. Bereits das sp\u00e4tantike Christentum besch\u00e4ftigte sich intensiv mit dieser Fragestellung. Augustinus entwickelte programmatisch in der Fr\u00fchzeit der Theologie- und Dogmengeschichte eine systematische Pr\u00e4destinationslehre, deren Auswirkungen bis heute sp\u00fcrbar sind und immer noch rezipiert werden. Nach der kurzen Er\u00f6rterung biblischer Aussagen kommt daher die Patristik mit ihren unterschiedlichen Auffassungen, wie z. B. die der Apostolischen V\u00e4ter, sowie wichtiger griechischer und lateinischer Autoren zu Wort. Im fr\u00fchen Mittelalter \u2013 so Stohldreier \u2013 kam es dann im 9. Jahrhundert zu einem gro\u00dfen Pr\u00e4destinationsstreit, der von Gottschalk von Orbais ausgel\u00f6st wurde und daher behandelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach kommt die klassische mittelalterliche Tradition mit Autoren des 11. bis 13. Jahrhunderts zur Sprache (Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, Bonaventura und Duns Scotus) und daran anschlie\u00dfend Theorien des 14. und 15. Jahrhunderts, die teils noch in der scholastischen Tradition standen (Wilhelm von Ockham) und teils von den nachfolgenden Reformatoren als ihre eigenen \u201eVorl\u00e4ufer\u201c betrachtet wurden (John Wyclif, Jan Hus). Angemerkt werden muss, dass das Vorl\u00e4ufer- oder auch Wegbereiter-Konzept von der neueren reformationsgeschichtlichen Forschung mehrfach problematisiert wurde. Im Rahmen der Reformation werden die einflussreichen Theorien Luthers, Calvins und Melanchthons erw\u00e4hnt. Folgerichtig behandelt Stohldreier die katholischen gegen- sowie die innerreformatorischen Kontroversen des 16. und 17. Jahrhunderts zur Sache. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf die Philosophie des 17. bis 19. Jahrhunderts gelegt, da diese Zeit durch einen fortschreitenden Prozess der Trennung von Philosophie und Theologie gekennzeichnet war und sich nun die Frage stellte, wie zunehmend \u201es\u00e4kulare\u201c Philosophen die Pr\u00e4destinationsproblematik traktieren und bewerten sollten (betrachtet werden Baruch de Spinoza, Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant etc.). Auf theologischer Seite herrschten im 18. Jahrhundert die inzwischen fixierten konfessionellen Positionen. Die Diskussion setzte erst im 19. Jahrhundert wieder erneut ein und stellte vor \u2013 man darf sagen \u2013 innovative theologische Auswege aus den althergebrachten Alternativen. Hierbei kommt Schleiermachers bedeutendes Werk zur Sprache, aber auch Johann Adam M\u00f6hlers Theorie als gewichtiger katholischer Beitrag und die teilweise schwer zu deutenden Ausf\u00fchrungen S\u00f8ren Kierkegaards mit ihrer spezifischen Betonung des menschlichen Freiheitsbegriffs.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Entwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts hatte Karl Barths <em>praeter propter<\/em> \u201euniversalistische\u201c Pr\u00e4destinationslehre ma\u00dfgeblichen Einfluss. Henri de Lubac als katholisches Pendant nahm bereits wichtige Elemente von Barths Lehre voraus und wird deshalb \u2013 nicht streng chronologisch \u2013 vor dieser behandelt. Anschlie\u00dfend werden noch diverse Auseinandersetzungen zu Barth er\u00f6rtert, sowie die Frage nach Neuans\u00e4tzen und die f\u00fcr die neuzeitliche \u00d6kumene bedeutsame \u201eGemeinsame Erkl\u00e4rung zur Rechtfertigungslehre\u201c (GER). Im Rahmen der weiterf\u00fchrenden \u00f6kumenischen \u00dcberlegungen zu diesem Topos (345f) w\u00e4re ein Hinweis auf die grundlegenden Arbeiten von Edmund Schlink unter Umst\u00e4nden hilfreich gewesen. In <em>\u00d6kumenische Dogmatik. Grundz\u00fcge. <\/em>4. Aufl.,G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2005, 793\u2013804, ganz am Schluss bietet er unter dem Titel \u201eDer Liebesratschlu\u00df Gottes\u201c eine konzise Zusammenfassung der Problematik aus der Sicht interkonfessionell-ausbalancierter, Syllogismen \u00fcberwindender neuzeitlicher Theologie. Innerhalb einer inserierten Zusammenfassung mit der \u00dcberschrift \u201eGottes Gnadenwirken und das menschliche Tun\u201c findet sich daneben ein nach wie vor lesenswerter kurzer historischer \u00dcberblick zu den theologie- und dogmengeschichtlichen Konturen seit Augustinus und Pelagius, der die Entwicklung bis in das 17. Jahrhundert nachzeichnet (471\u2013474).<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den behandelten Themen bei Stohldreier kommen jeweils am Ende des Abschnittes \u201eAnregungen f\u00fcr die heutige und zuk\u00fcnftige Diskussion\u201c zur Sprache. Sie beenden jedes Kapitel stringent. Dies ist ein Spezifikum dieser Studie, das konsequent und vorbildlich durchgehalten wird. Hierin liegt m. E. die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke und zugleich die gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che der Studie, da sie hierdurch Gegenwartsrelevanz avanciert und voraussetzt, aber auch die Frage nach der Anschlussf\u00e4higkeit theologischer Topoi aus l\u00e4ngst vergangenen Tagen neu stellt.<\/p>\n\n\n\n<p>In allen Detailzeichnungen ist die Grundthese tragend, dass unter Zugrundelegung des biblischen Befundes die Annahme einer \u201edoppelten Pr\u00e4destination\u201c, die gerne und landl\u00e4ufig mit Johannes Calvin und der reformierten Orthodoxie verbunden wird, aufgegeben werden muss. Die Conclusio lautet: Das individuelle Schicksal der Gl\u00e4ubigen entscheidet sich erst im endzeitlichen Gericht und nicht zuvor in metaphysischen Spekulationen. Die zentralen Aussagen hierzu werden scholastisch-thesenartig \u2013 man wird unweigerlich an die konkludierenden \u201eStellingen\u201c in niederl\u00e4ndischen Dissertationen erinnert \u2013 am Ende beigegeben (348\u2013357). Die analytische Auffassungsgabe ist hierbei gefordert und hilft bei der Synthese der schwierigen Thematik und ihrer Divergenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine fundamentale Differenzierung zwischen den Begriffen \u201ePr\u00e4destination\u201c und \u201eErw\u00e4hlung\u201c aufgrund der biblischen Sprachbasis ist notwendig und erhellend, um vorhandene Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden, so Stohldreier (357f). Diese Beobachtung ist sicher richtig, entl\u00e4sst aber nicht aus der Generalaufgabe der Philosophie\/Theologie, biblische oder auch religi\u00f6se Grundbegriffe in universelle Theologumena zu \u00fcberf\u00fchren, die dem menschlichen Abstraktionsdrang und der hiermit verbundenen begrifflichen Kl\u00e4rung der Termini entgegenkommt. Calvin l\u00e4sst wiederum gr\u00fc\u00dfen, der in juristischer Manier die Eindeutigkeit und Pr\u00e4zision theologischer Termini zu bestimmen suchte (im Bewusstsein, dass menschliche Sprache immer nur vorl\u00e4ufig g\u00f6ttliche Mysterien zu verh\u00fcllen mag).<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man die getroffene, umfangreiche Literaturauswahl, f\u00e4llt auf, dass neben der aktuellen und international ausgewerteten wissenschaftlichen Literatur auch weniger bekannte oder \u00e4ltere Titel hin und wieder zitiert werden. Dies muss kein Manko sein, sollte aber zumindest bedacht werden. Im Fall der extensiv genutzten patristischen Literatur liegen jedoch des \u00d6fteren aktuellere wissenschaftliche Editionen vor, die \u00fcber die \u00fcberkommenen, immer noch verdienstvollen Editionen von Jacques-Paul Migne der Patrologia Graeca (PG) oder auch Patrologia Latina (PL) hinaus gehen. Insbesondere im Hinblick auf die Pr\u00e4destinationsthematik muss jedoch auf die Mignes Mammutprojekt zugrundeliegende, zuweilen tendenzi\u00f6se Mauriner-Ausgabe hingewiesen werden. Bedenkt man nur die politisch angespannte Lage der Zeit, stand doch schnell die Vermutung im Raum, die neue Edition der \u201eV\u00e4ter\u201c w\u00e4re jansenistisch angehaucht. Immerhin versuchten die gallikanisch orientierten Jansenisten, ihre verworfene Gnaden- und Erw\u00e4hlungslehre mithilfe der Lehren des Augustinus zu rehabilitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwierig zu beantworten ist die Frage, ob historische Theorien, insbesondere zur Pr\u00e4destinationssauffassung oder auch anderen Loci, immer anschlussf\u00e4hig sind oder sein m\u00fcssen. Schaut man z. B. nur genauer die scharfen, vielschichtigen Kontroversen des 9. Jahrhunderts um Gottschalk von Orbais und seiner Lehre von der \u201egemina praedestinatio\u201c an (55\u201360) \u2013 den nachhaltigen Begriff entlehnte er wohl Isidor von Sevilla \u2013 so erscheint eine m\u00f6gliche Anschlussf\u00e4higkeit hier als sehr fragw\u00fcrdig. Es bleibt stattdessen die den modernen Leser zutiefst verst\u00f6rende Fremdheit und Distanz zu Leben, Lehre und Schicksal Gottschalk des Sachsen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie bietet, wie bereits angedeutet, einen gro\u00dfen und wertvollen \u00dcberblick <em>ad locum<\/em> an. Auf Kosten einer solchen \u201eReise\u201c durch die christliche Theologie- und Dogmengeschichte bleiben Details jedoch manchmal auf der Strecke. Dies zu kritisieren ist jedoch kleinlich. Der General\u00fcberblick entfaltet die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge der christlichen Pr\u00e4destinationsauffassung und ihr kontroverstheologisches und konfessionelles Potential. Zu beachten ist noch der grundlegende Unterschied zwischen Ost- und Westkirche, hat doch die Erstere keine lehramtliche Definition entworfen, deren Fixierungen wahrscheinlich zu Spaltungen und erbitterten Auseinandersetzungen gef\u00fchrt h\u00e4tten, wie im Fall der lateinisch-westlichen Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klassische Lehrbuch gl\u00e4nzt durch seinen Lehrbuchcharakter und den Verdienst, die \u201eAktualit\u00e4t\u201c eines alten, umstrittenen Begriffes neu hervorzuheben. Die Frage bleibt dabei bestehen, ob die ideengeschichtlichen Pr\u00e4missen und die historischen Mikrokontexte immer aktualisierbar sind und sein m\u00fcssen. Nur am Rande sei angemerkt: Register zum Erschlie\u00dfen der weiten Materie w\u00e4ren hilfreich gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Summe: Letztlich bleibt der Eindruck zur\u00fcck, dass das gut und fl\u00fcssig zu lesende Lehrbuch laviert zwischen dem Fachgebiet der Systematischen Theologie und der Historischen Theologie, die hinter der Entwicklung der gro\u00dfen \u201eSysteme\u201c nach zeitgebundenen Lebenswelten und zeitgen\u00f6ssischen Denkmustern fragt, die nicht immer ohne Weiteres f\u00fcr heutige Leser nachvollziehbar, geschweige denn \u00fcbertragbar sind.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Thomas Kl\u00f6ckner, Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Kaiserslautern, Habilitationsprojekt in Arbeit an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Stohldreier: Pr\u00e4destination. 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