{"id":2732,"date":"2026-04-11T16:31:32","date_gmt":"2026-04-11T16:31:32","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2732"},"modified":"2026-04-11T16:31:33","modified_gmt":"2026-04-11T16:31:33","slug":"oswald-bayer-vernunft-und-vertrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2732","title":{"rendered":"Oswald Bayer: Vernunft und Vertrauen"},"content":{"rendered":"\n<p>Oswald Bayer: <em>Vernunft und Vertrauen. Zur Grundorientierung lutherischer Theologie<\/em>, Theologische Bibliothek T\u00f6pelmann 200, Berlin: De Gruyter, 2022, geb., 628\u00a0S., \u20ac\u00a0139,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110768428\/html\">978-3-11-076823-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Beim Lesen von Oswald Bayers <em>Vernunft und Vertrauen<\/em> h\u00e4lt reformatorische Frischluft Einzug. Der 38 Aufs\u00e4tze umfassende Sammelband des emeritierten T\u00fcbinger Systematikers enth\u00e4lt ein breites Spektrum an dogmatischen, ethischen und religionsphilosophischen \u00dcberlegungen. Geeint werden die Texte durch die im Untertitel des Werkes angesprochene lutherische Grundorientierung: Immer geht es \u201eum das, worauf es in der Theologie ankommt: um den Vorlauf dessen, der mich samt allen Kreaturen so anredet, da\u00df ich ihm vertrauen, mich auf ihn hin verlassen kann\u201c (VI). Spezifisch lutherisch ist diese Orientierung in dem Sinne, dass sie sich mit Luther konsequent an der Selbstzusage Gottes, \u201eIch bin der Herr, dein Gott!\u201c (Ex 20,2) als \u201eInbegriff allen Versprechens\u201c (VII) orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Werk gliedert sich in 5 Teile, von denen die Aufs\u00e4tze in Teil I: Aufmerken und Nachdenken (3\u201354) dem ausgangspunktgebenden Verst\u00e4ndnis des Gesamttitels <em>Vernunft und Vertrauen<\/em> gewidmet sind (V). Vernunft ist f\u00fcr Bayer sprachlich verfasste, \u201emitgeteilte Gabe\u201c (V). Sie verdankt sich einer vorausgehenden Anrede, die dem Menschen von au\u00dfen her zukommt. Diese Anrede ist in ihrer \u00e4u\u00dfersten Weite die \u201edurch Gottes allm\u00e4chtiges Wort geschaffene Wirklichkeit\u201c (22). Sch\u00f6pfung ist \u201eRede <em>an <\/em>die Kreatur <em>durch<\/em> die Kreatur\u201c (22), in welcher der Sch\u00f6pfer sich selbst dem Gesch\u00f6pf mitteilt, ja sich selbst verschenkt. Die naturgem\u00e4\u00dfe Antwort auf diese Gemeinschaft stiftende Anrede ist das Gottvertrauen: \u201eWenn die S\u00fcnde nicht w\u00e4re, best\u00fcnde kein Unterschied zwischen Glaube und Vernunft\u201c (23). Diese Einheit erstirbt jedoch durch die S\u00fcnde, in der die Vernunft ihre \u201ebleibend aufs H\u00f6ren angewiesene Endlichkeit verleugnend\u201c (24) zur Unvernunft wird. Doch schafft Gott dem Menschen einen Ausweg, indem er ihn erneut anspricht, ja sich ihm selbst verspricht, wie in der eingangs aufgegriffenen Selbstzusage aus Ex 20,2, die uns im Leben und Sterben von Jesus \u2013 dem \u201eGott mit uns\u201c (5) \u2013 ein f\u00fcr alle Mal nahegekommen ist, um uns zur\u00fcck in die vertrauensvolle Beziehung mit ihm zu rufen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Teil II: Wahrnehmungen des Wortes (77\u2013173) finden sich daran anschlie\u00dfend Aufs\u00e4tze zur Reflexion \u00fcber den Umgang mit dem Wort Gottes, in denen Bayer vor allem Luthers Theologie des sch\u00f6pferischen Gotteswortes, gepr\u00e4gt von seinem Umgang mit Johann Georg Hamann, aufnimmt und kontempor\u00e4r verantwortet (V). Immer wieder pl\u00e4diert Bayer f\u00fcr eine Wiedergewinnung der lutherischen Trias des Theologie Treibens \u2013 oratio, meditatio und tentatio \u2013 wobei er den theologischen Studienbetrieb bewusst innerhalb der meditatio, der Textmeditation der Schrift verortet (98). Er stellt sich damit entschieden gegen die Tradition des Neuprotestantismus, deren beim Menschen statt beim geschriebenen Text ansetzende Hermeneutik er als eine \u201eHermeneutik des R\u00fcckgangs\u201c (101) kritisiert. Dagegen sei unbedingt die \u201eSubjektstellung der Heiligen Schrift\u201c (103) wieder zu beachten. Die besagte Trias hat dabei f\u00fcr Bayer ausdr\u00fccklich Potenzial, als \u201eBr\u00fccke\u201c (111) zwischen lutherischer Orthodoxie und lutherischem Pietismus zu fungieren, worin wiederum ein erfreuliches Verst\u00e4ndigungsmoment f\u00fcr die evangelikale Theologie liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Teil III: \u00d6ffentliches Geheimnis (177\u2013299) konzentriert sich auf christologische und soteriologische Schwerpunkte (V). Namensgebend f\u00fcr den Abschnitt ist die vor allem in den ersten drei Aufs\u00e4tzen durchgef\u00fchrte Reflexion \u00fcber das Ineinander von bereits \u00f6ffentlich gewordener Offenbarung und (noch) bestehenbleibendem Geheimnis Gottes im Heilswerk von Jesus. In kritischer Auseinandersetzung mit dem mystischen Schweigen vor Gott betont Bayer die freie, kondeszendente Selbstmitteilung Gottes, der seinem eigenen Bilderverbot zum Trotz \u201esich selbst ein definitives Bild gemacht hat\u201c (184). Diese Selbstoffenbarung Gottes darf aber im Anschluss an Luther und Hamann nicht einseitig, triumphalistisch falsch verstanden werden. Noch ist der Glaube eben nicht \u201ejedermanns Ding\u201c (210) und auch die Glaubenden leben im Glauben, nicht im Schauen. So bleibt das Geheimnis der Verstockung, des B\u00f6sen und der Verborgenheit Gottes bis zu ihrer Aufhebung im Eschaton bestehen (209). W\u00e4hrend diese, uns anfechtenden, Geheimnisse jedoch aufgehoben werden, gibt es ein Geheimnis, das ewig bestehen und zu bestaunen bleiben wird: das Geheimnis der Liebe Gottes (213).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufs\u00e4tze in Teil IV: Glaube und Vernunftkritik (303\u2013369) widmen sich dann explizit dem Denker, der bereits in den vorangegangenen Aufs\u00e4tzen ein steter Gespr\u00e4chspartner gewesen ist: Johann Georg Hamann. In vier Aufs\u00e4tzen rezipiert Bayer Hamanns zeitgen\u00f6ssische Metakritik an Kants Kritik der reinen Vernunft. Im Kern steht dabei die, uns bereits von Bayer bekannte, Sprachlichkeit des Denkens: \u201ealle Begriffe sind [\u2026] sprachlich, beruhen daher auf Erfahrung\u201c (306). Bayer gibt nicht nur einen pointierten \u00dcberblick \u00fcber die Hauptmomente von Hamanns Denken, sondern legt auch immer wieder die lutherischen Denkvoraussetzungen Hamanns offen, der ausdr\u00fccklich die Idiomenkommunikation als hermeneutischen Schl\u00fcssel f\u00fcr sein Denken in Anspruch nahm (331). Wer sich selbst einmal an den nur m\u00fchsam zu lesenden Texten Hamanns versucht hat, wird diesen Dienst Bayers zu sch\u00e4tzen wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Teil V: Gott und Gabe. Theologie in der Schule Luthers (373\u2013521) legt den Fokus auf die Gotteslehre und \u201eden Gabecharakter dessen, worauf es ankommt\u201c (VI). Bayer wirbt um eine pr\u00e4zise, zeitgen\u00f6ssische Aufnahme lutherischer Theologie, die von der gegenw\u00e4rtigen Kirche \u201ekeineswegs eingeholt\u201c (518) sei, ja vielmehr wiedergewonnen werden m\u00fcsse. Das zeitgen\u00f6ssische Schweigen der Kirche von Gottes Gericht \u201everharmlost\u201c (514) seine Liebe. Nur durch eine Wiedergewinnung der klaren Unterscheidung (und des gegenseitigen Bezugs) von Gesetz und Evangelium wird der Mensch frei von der Gesetzlichkeit der Neuzeit, die in ihrer \u201eVerallgemeinerung des Evangeliums\u201c (459) zun\u00e4chst antinomistisch sei, dem Menschen aber in der Konsequenz aufb\u00fcrdet, nun aus sich heraus eben auch \u201efrei, gut und spontan\u201c (460) zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bayer kostet die Anst\u00f6\u00dfigkeit lutherischer Theologie im vorliegenden Band voll aus; schreckt auch vor unliebsamen Themen wie dem Zorn als notwendiger Kehrseite der Liebe Gottes (246) oder der Unfreiheit des Willens als Konsequenz der geschenkten Existenz des Menschen (238) nicht zur\u00fcck. Beliebte Sparringspartner wie Schleiermacher und der ihm folgende Neuprotestantismus werden immer wieder scharf, aber sachlich kritisiert.\u00a0 Gleichzeitig demonstriert Bayer selbst die Fruchtbarkeit seines eigenen Ansatzes. Seine entschiedene Treue zur lutherischen Textmeditation h\u00e4lt ihn auch bei schwierigen Fragen \u2013 etwa der nach der Hoffnung auf Allvers\u00f6hnung (255f) \u2013 davon ab, die erw\u00fcnschte Aussage gegen den Text zu postulieren. Angesichts dessen kann man seinen ausdr\u00fccklichen Wunsch, die Theologie m\u00f6ge durch oratio, meditatio und tentatio ihre \u201egenuine Pr\u00e4gung\u201c (VII) wiedererlangen, nur begr\u00fc\u00dfen. Gerade Studenten und Pastoren sei der Blick in die inzwischen erschienene Paperback Ausgabe (2024, \u20ac\u00a029,95, ISBN 978-3-11-153093-2) ans Herz gelegt. Man wird mit gewinnbringendem Material f\u00fcr Theologie, pastorale Praxis und Apologetik belohnt. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Timo Lueg ist Pastor in Freiburg im Breisgau<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oswald Bayer: Vernunft und Vertrauen. 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