{"id":2735,"date":"2026-04-11T16:34:33","date_gmt":"2026-04-11T16:34:33","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2735"},"modified":"2026-04-11T16:34:34","modified_gmt":"2026-04-11T16:34:34","slug":"harald-seubert-philosophiegeschichte-des-20-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2735","title":{"rendered":"Harald Seubert: Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"\n<p>Harald Seubert: <em>Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Das Strahlen im Zeichen triumphalen Unheils,<\/em> Baden-Baden: Akademie-Verlag, 2021, geb., 499 S., \u20ac 98,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.nomos-shop.de\/de\/p\/philosophiegeschichte-des-20-jahrhunderts-gr-978-3-89665-928-6\">978-3-89665-928-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die umfangreiche Monographie des 1967 geborenen, einem Fachpublikum v. a. als Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft und durch das von ihm herausgegebene Heidegger-Lexikon bekannten, sowohl an der STH Basel (seit 2012) wie an der FTH Gie\u00dfen (seit 2017) lehrenden Philosophen ist ein Ereignis. Die sich durch eine besondere Dichte an Richtungen, Verzweigungen und Auspr\u00e4gungen \u2013 Vf. behandelt mit guten Gr\u00fcnden auch die philosophischen Leistungen au\u00dferhalb der Fachdisziplin und w\u00fcrdigt \u00c4sthetik, Kultur etc. \u2013 auszeichnende Philosophie des 20. Jahrhunderts wird hier in einer Differenziertheit und \u00dcbersichtlichkeit, mit einem Blick f\u00fcr das Detail, wo es wesentlich ist, wie einem Blick f\u00fcr das Ganze, der die einzelne Str\u00f6mung einordnet, in einer Weise pr\u00e4sentiert, wie das im protestantischen Raum selten geworden ist. Parallelen dr\u00e4ngen sich zu G\u00fcnter Rohrmoser und dem katholischen (Religions-)Philosophen Robert Spaemann auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine breit gef\u00e4cherte Bildungs- und Berufsbiographie wie weit greifende, sich in den Themen der Ver\u00f6ffentlichungen zeigende Interessen, die \u00fcber das Gebiet der Fachphilosophie hinaus v. a. Theologie, Kunst, Kulturbetrieb, Literatur und Geschichte ber\u00fchren, bilden die Voraussetzung f\u00fcr ein Werk, das mit dem Titel \u201ePhilosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts\u201c einen sehr weitgehenden Anspruch formuliert, das aber im Hinblick auf m\u00f6gliche Desiderate im Horizont dreier anderer Ver\u00f6ffentlichungen gesehen werden muss, in denen sich Seubert zu Grundlagen der Philosophie \u00e4u\u00dfert (<em>Philosophie: Was sie ist und sein kann,<\/em> Basel: Schwabe 2015; mit seinem Lehrer Manfred Riedel, <em>Einf\u00fchrung in die Philosophie<\/em>, Wien: B\u00f6hlau, 2015; vgl. die von ihm mitherausgegebene Reihe \u201eStudien zur Weltgeschichte des Denkens. Denktraditionen \u2013 neu entdeckt\u201c, M\u00fcnster: Lit, ab 2010).<\/p>\n\n\n\n<p>Seubert gelingt es in wohltuender und hervorzuhebender Weise, faire Darstellung, auch von Positionen, denen er als dezidiert konservativer Denker nicht nahe steht, mit einer Perspektive auf die Ph\u00e4nomene zu verbinden, die diese Philosophiegeschichte an keiner Stelle zu einer planen, unengagiert fl\u00e4chigen Darstellung werden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201everschlungenen Denkbewegungen\u201c der Philosophie des 20. Jhs. lassen sich \u201enicht leicht auf eine Formel bringen\u201c. Sie verlaufen \u201eeher labyrinthisch als linear\u201c (16). Seubert verschafft eine \u00dcbersicht, indem er in vier gro\u00dfen Teilen Strukturen zu rekonstruieren sucht. Der <em>erste<\/em> Teil \u201ePhilosophisches Erbe \u2013 Wiedergewinnung und Destruktion\u201c (31\u2013169) schl\u00e4gt einerseits die Br\u00fccke ins 19. Jh. und behandelt v. a. breit die Facetten des Neukantianismus; dem steht andererseits der philosophische Neuansatz der Ph\u00e4nomenologie und der ihm folgende \u201eDenkweg\u201c M. Heideggers gegen\u00fcber. Das sich in der Folge der Katastrophe des ersten Weltkriegs ausbreitende und den Menschen in den Mittelpunkt stellende Existenzdenken wird von K. Jaspers \u00fcber H. Arendt, Max Scheler bis hin zur j\u00fcdischen Stimme Fr. Rosenzweigs in seiner Breite sichtbar. Ist in diesem ersten Teil die beherrschende Figur E. Husserl, so steht im deutlich k\u00fcrzeren <em>zweiten<\/em> Teil \u201eAnalysis und die logische Form der Welt\u201c (165\u2013217) die v\u00f6llig Neubegr\u00fcndung der Logik durch G. Frege im Mittelpunkt. Der sich hier manifestierende, nicht hermeneutische, sondern analytische Denkstil, der die Philosophie formalisieren und auf eine Mathematik und Naturwissenschaft vergleichbare wissenschaftliche Basis stellen will, wird bei wichtigen Hauptvertretern (B. Russell, L. Wittgenstein und A.N. Whitehead) weiter verfolgt. Der <em>dritte<\/em> Teil \u201eZwischenwelten Max Weber und Sigmund Freud, oder: Ob Philosophie an ihr Ende gekommen ist\u201c (219\u2013243), nimmt zwar den geringsten Raum ein, markiert aber als eigenst\u00e4ndige Reflexion zweier bis heute mit ihrem Neuansatz nicht \u00fcberholter moderner Denker exemplarisch den erweiterten Philosophiebegriff von Seubert. Denn die hier behandelten \u201eRandg\u00e4nge der akademischen Philosophie werden mitunter wichtiger als der akademische Diskurs\u201c (16) \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das Vf. in seinem \u201eAusblick\u201c (477\u2013487) zu sehr kritischen Reflexionen \u00fcber die Lehrstuhlphilosophie, ihre Fruchtlosigkeit und mangelnde gesellschaftliche, kulturelle und politische Relevanz veranlasst. Am vielf\u00e4ltigsten, ja buntesten stellt sich die im <em>vierten<\/em> Teil behandelte \u201ePhilosophie nach 1945 \u2013 Abbr\u00fcche und Kontinuit\u00e4ten \u2013 Br\u00fcckenschlagen \u00fcber Str\u00f6me, die vergehen\u201c (245\u2013475) dar. Dieser Teil nimmt den bei weitem gr\u00f6\u00dften Raum ein. In acht Unterteilen kommen v\u00f6llig unterschiedliche Str\u00f6mungen nebeneinander zu stehen. Es f\u00e4llt zun\u00e4chst (IV\/I) auf, dass unter der \u00dcberschrift \u201eMessianit\u00e4t und Neomarxismus\u201c E. Bloch, G. Luk\u00e1cs, W. Benjamin wie Th.W. Adorno v\u00f6llig zutreffend, aber selten anzutreffen unter das Pr\u00e4dikat \u201ej\u00fcdisches Denken\u201c ger\u00fcckt werden. Daneben steht (IV\/II) K.R. Poppers Kritischer Rationalismus in seinen drei Hauptbereichen (Wissenschaftstheorie, politische Philosophie und metaphysische 3-Welten-Theorie). In IV\/III fasst Seubert das neuere franz\u00f6sische Denken zusammen, vom Existentialismus J.P. Sartres und A. Camus\u2019 \u00fcber die Ph\u00e4nomenologie M. Merleau-Pontys bis hin zu postmodernen Denkern wie F. Lyotard, J. Derrida und M. Foucault. Dass hier ebenfalls der das abendl\u00e4ndische Denken seit Aristoteles in toto in Frage stellende Ansatz des j\u00fcdischen Religionsphilosophen E. Levin\u00e1s zur Sprache kommt, setzt einen ungew\u00f6hnlichen, aber in der Sache nachvollziehbaren Akzent.<\/p>\n\n\n\n<p>In weiteren Unterteilen werden sowohl der eigenst\u00e4ndige Ansatz des philosophischen \u201eArchivars\u201c H. Blumenberg wie auch die Theorie kommunikativen Handelns des Diskurstheoretikers J. Habermas gew\u00fcrdigt. In IV\/VIII wirft Vf. noch einmal einen Blick \u00fcber den gro\u00dfen Teich. Amerikanischer Pragmatismus und analytische Philosophie werden in verschiedenen Weiterentwicklungen behandelt (u. a. W.v.O. Quine, D.&nbsp;Davidson, H. Putnam, N. Goodman).<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts eines solch zerfurchten Gegenstandsfeldes muss jeder Hinweis auf nicht behandelte Positionen, Personen und Str\u00f6mungen als wohlfeile billige Beckmesserei erscheinen. Und zun\u00e4chst ist noch einmal die faszinierende Breite der Darstellung der Philosophie des 20. Jhs., oder doch besser: der Philosophie <em>im <\/em>20. Jh. zu w\u00fcrdigen. Es bleiben da, was die Hauptfiguren anbetrifft, kaum W\u00fcnsche offen. Dennoch sei es erlaubt, einige Fragen zu formulieren: (1) Gerade wenn es um die gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Relevanz von philosophischen Konzepten geht, die Seubert mit Recht einfordert, bleibt es unverst\u00e4ndlich, warum er an den Leitfiguren feministischer und Gender-Diskurse vorbeigeht und etwa S. de Beauvoir und Judith Butler keiner Er\u00f6rterung w\u00fcrdigt. Aus demselben Grund w\u00e4re es wichtig gewesen, herausragende Repr\u00e4sentanten eines naturalistischen Reduktionismus, der Erkenntnis auf das wissenschaftlich Erhebbare beschr\u00e4nken will, zu besprechen, beispielsweise R. Dawkins oder St. Hawking, die sich als weltweit bekannte Wissenschaftler ausdr\u00fccklich zu philosophischen Ausk\u00fcnften in der Lage sehen. \u2013 (2)\u00a0Dass zwar die analytische Philosophie v. a. amerikanischer Provenienz mit ihren Debatten ber\u00fccksichtigt wird, aber die die philosophische Szene ebenda stark bestimmende analytische Religionsphilosophie mit ihren Debatten unbearbeitet bleibt (vgl. v. a. A. Plantinga, R. Swinburne) ist nicht nur erstaunlich; es verweist auf ein wom\u00f6glich noch gr\u00f6\u00dferes Desiderat dieser Darstellung aus der Feder eines \u00fcberzeugten Christen und streitf\u00e4higen Protestanten. (3) Es h\u00e4tte bei vielen, wenn nicht nahezu allen besprochenen Positionen nahe gelegen zu fragen, was diese f\u00fcr Glaube, Kirche, Christentum als kulturelle Gr\u00f6\u00dfe bedeuten und wie sie das Bild des Christentums ver\u00e4ndert haben, noch weitergehend: wie auf die im 20. Jh. ja besonders klar greifbaren religionskritischen Positionen und Christentum destruierenden \u00dcberzeugungen <em>philosophisch<\/em> zu reagieren ist oder reagiert wurde. Vorbild w\u00e4re hier der z. Zt. weltweit wohl einflussreichste Philosoph Charles Taylor, der sich zu seinem Katholizismus offen bekennt (der freilich von Seubert noch nicht einmal erw\u00e4hnt wird). \u2013 (4) Auch der Aufbau des Buches wirft Fragen auf. Der quantitativ bei weitem st\u00e4rkste und im Vergleich etwa zu Teil III unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige vierte Teil wirkt in der Addition nebeneinander stehender Richtungen \u2013 bei allen klugen und interessanten Verkn\u00fcpfungen, die das Buch durchziehen \u2013 wie eine Art \u201eResterampe\u201c. Dieser Eindruck w\u00e4re vermeidbar gewesen, wenn die Kontinuit\u00e4ten an anderer Stelle durch einen anderen Aufbau sichtbar gemacht worden w\u00e4ren. Zwei Beispiele von mehreren m\u00f6glichen: Der Kritische Rationalismus ist wirksam geworden ja v. a. als Wissenschaftstheorie. Karl Poppers <em>Logik der Forschung<\/em>. <em>Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft, <\/em>Wien: Springer, 1935 und die Vorarbeiten zu ihr (vgl. <em>Die<\/em> <em>beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930\u20131933,<\/em> Hg. Troels Eggers Hansen, 3. Aufl., Gesammelte Werke 2, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2010) sind lange vor dem mentalen Bruch von 1945 verfasst worden, unter dem sie Seubert f\u00e4lschlicherweise subsumiert. In der Sache geh\u00f6ren sie in den Kontext des Neuaufbruchs des \u201eWiener Kreises\u201c, mit dem sich die von Seubert behandelten Frege und Wittgenstein kritisch befassen. Ebenso gibt es eine nicht gebrochene, sondern kontinuierliche Entwicklung der analytischen Philosophie, die Seubert in IV\/VIII neu aufgreift, statt sie in Teil II an \u201eAnalysis und logische Form der Welt\u201c anzuschlie\u00dfen. \u2013 (5) Greifbar ist im \u201eAusblick in die Sinnlinien in die Philosophie im 21. Jahrhundert\u201c (477\u2013487) und in dem sehr pers\u00f6nlich gehaltenen \u201eEpilog\u201c (489\u2013491) der Wunsch, ja die Forderung nach einem wieder erstarkenden philosophischen Denken, das die Sache der Philosophie wiedergewinnt und neu fokussiert. Dabei bleibt seltsam unber\u00fccksichtigt, was denn die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Verfall eines solch starken Denkens sind, dessen Konsequenz ja gerade der Verlust der dominierenden Systeme und die Pluralisierung von Vernunft und offenbar nicht mehr einzuhegender Heterogenit\u00e4t des Denkens sind, wie sie sich im bunten Blumenstrau\u00df des Teiles IV zeigt und wie sie von postmodernen Denkern wie Lyotard und Derrida notiert werden. Seubert referiert sie fair, w\u00fcrdigt sie aber nicht systematisch in ihrer Relevanz f\u00fcr die Haltbarkeit eines starken Begriffs <em>der<\/em> Vernunft. \u2013 (6) Zum Schluss bleibt der Wunsch, dass f\u00fcr eine hoffentlich bald n\u00f6tige zweite Auflage dieses wichtigen Buches die zahlreichen Druckfehler getilgt, die Register \u00fcberpr\u00fcft werden und der Preis des Buches herabgesetzt wird, damit es auch f\u00fcr Studenten erschwinglich ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Heinzpeter Hempelmann MA, Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg (EHT), Honorarprofessor f\u00fcr Systematische Theologie und Kulturhermeneutik an der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald Seubert: Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts. 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