{"id":2738,"date":"2026-04-11T16:35:59","date_gmt":"2026-04-11T16:35:59","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2738"},"modified":"2026-04-11T16:36:01","modified_gmt":"2026-04-11T16:36:01","slug":"christoph-raedel-evangelisch-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2738","title":{"rendered":"Christoph Raedel: Evangelisch bleiben"},"content":{"rendered":"\n<p>Christoph Raedel: <em>Evangelisch bleiben. Verantwortlich leben in einer zerkl\u00fcfteten Gesellschaft<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2025, kt., 337 S., \u20ac 35,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/evangelisch-bleiben-2\">978-3-374-07827-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Christoph Raedel, Systematiker an der FTH Gie\u00dfen, legt hier 13 zum Gro\u00dfteil andernorts bereits publizierte Vortr\u00e4ge zu ethischen Fragestellungen vor. Einleitend erl\u00e4utert er den Buchtitel \u201eEvangelisch bleiben\u201c. Diesen will er nicht als konfessionelle Zuschreibung verstanden wissen, sondern als inhaltliche Profilierung im Sinne einer Ausrichtung auf das in der Schrift bezeugte Evangelium. Evangelisch sei man dort, wo man in einer soteriologischen Grundausrichtung nicht prim\u00e4r den Erwartungshaltungen der Gesellschaft, sondern den Verhei\u00dfungen Gottes gerecht zu werden sucht. Nur so k\u00f6nne ein theologisches Profil gewonnen und der kirchlichen Selbstentm\u00fcndigung abgeholfen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Von systematisch-theologischer Natur sind die ersten drei Beitr\u00e4ge \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Scham, Schuld und Vergebung, von Rechtfertigung aus Glauben und Gericht nach den Werken sowie \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von \u201eBibel, Ethik und Gemeinde\u201c. Raedel skizziert Schritte ethischer Urteilsbildung in theologischer Verantwortung und pl\u00e4diert \u2013 in Auseinandersetzung mit der \u201etransformatorischen Ethik\u201c (Faix\/Dietz) \u2013 f\u00fcr eine Selbstbeheimatung im Wort der Schrift und damit einhergehend f\u00fcr ein Vertrautsein mit den Glaubenswahrheiten, von denen her die ethischen Fragen anzugehen sind. So sei die Entgegensetzung von Tugendethik und Gebotsethik \u00fcberwindbar. Begr\u00fc\u00dfenswert sind in den folgenden materialethischen Beitr\u00e4gen Raedels gut begr\u00fcndete Urteile zu den Themen \u201eLebensschutz\u201c am Anfang und am Ende des Lebens, \u201eArbeitswelt und Geschlechterverh\u00e4ltnisse\u201c und \u201eSexualit\u00e4t\u201c. Im letztgenannten Beitrag erfolgt zudem eine umsichtige Auseinandersetzung mit dem \u201eSelbstbestimmungsrecht\u201c aus dem Jahr 2024. Im Beitrag \u00fcber das Altern und \u00fcber die Sehnsucht nach Unsterblichkeit konfrontiert der Verfasser den Transhumanismus mit dem christlichen Menschenbild. Dieser Aufsatz kann als gute Einf\u00fchrung in diese Thematik gelesen werden, deren Bedeutung bei vielen Zeitgenossen noch nicht erkannt ist. Dass Christen Bef\u00fcrworter eines pfleglichen Umgangs mit der Sch\u00f6pfung sind, mag als Kern der Beitr\u00e4ge zur \u201eEsskultur\u201c und zur \u201eKlimakatastrophe\u201c gelten. Verf. wendet sich hier wie auch in seinen Beobachtungen \u201eZur Moralisierung gesellschaftlicher Diskurse\u201c gegen moralisierende Tendenzen und paternalistische Methoden, die mit apokalyptischen Drohszenarien begr\u00fcndet werden. Indessen fragt man sich, ob nicht die \u00dcbernahme der Rede von einer \u201eKlimakatastrophe\u201c bereits ein unn\u00f6tiges Eingehen auf gesellschaftlich dominierende Paternalismen ist, was der Verfasser an anderer Stelle zu Recht kritisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Raedel deckt auf, dass vielen ethischen Irrwegen eine konstruktivistische Weltanschauung zugrunde liegt, wonach der Mensch nicht als Gesch\u00f6pf <em>empf\u00e4<\/em><em>ngt<\/em> und \u201epflegt\u201c, was an Gutem <em>gegeben<\/em> ist, sondern wonach der Mensch das Menschsein in seinen verschiedenen Aspekten \u00fcberhaupt erst zu verwirklichen, zu optimieren hat. Dieser Ansatz ist plausibel und nicht nur gegen den Transhumanismus, sondern auch gegen die transformative Ethik zur Geltung zu bringen. Theologisch konsistenter aber w\u00e4re dies, wenn er auch in der \u2013 von Raedel zu Recht der Ethik zu Grunde gelegten \u2013 Soteriologie zur Anwendung k\u00e4me. Hier sehe ich die gr\u00f6\u00dften Schw\u00e4chen dieses Buches, was auch mit der unterschiedlichen konfessionellen Beheimatung von Autor und Rezensent zu tun hat, aber doch als ernsthafte theologische Anfrage gemeint ist. Dabei ist Raedel zuzustimmen, wenn er gegen\u00fcber neueren evangelischen Ans\u00e4tzen, die gegen den doppelten Ausgang des Endgerichts f\u00fcr die Allvers\u00f6hnung votieren, bem\u00e4ngelt, dass hier der Glaube \u201eals Kriterium erster Ordnung\u201c im Gericht ausfalle (62). Richtig ist es auch, wenn er darauf hinweist, dass in diesen Ans\u00e4tzen \u201edie Verwandlung des Menschen die Neukonstituierung als Kind Gottes und Erbe des Gottesreiches zum <em>Ziel<\/em>, nicht zum <em>Grund<\/em> bzw. zur Voraussetzung\u201c hat (63). Darin, dass diese Verwandlung bereits im Diesseits geschehen muss, wenn sie im Gericht wirksam sein soll, ist Raedel zuzustimmen. Der Dissens muss aber dort markiert werden, wo er auf den Glauben zu sprechen kommt. Raedel spricht vom Glauben durchweg aktivisch oder reflexiv (z.&nbsp;B. 52; 69\u201371; 73f; 206) und schlie\u00dft ein Verst\u00e4ndnis des Glaubens als \u201eWiderfahrnis\u201c explizit aus (71, Anm. 120). Dass die Rechtfertigung des S\u00fcnders nach reformatorischer Auffassung als umst\u00fcrzende, Glauben schaffende Verwandlung desselben <em>in der Taufe<\/em> in lebenspr\u00e4gender Weise geschieht, ist ausgeblendet. Damit aber wird der ethisch berechtigte Kampf gegen den (nicht erst) modernen Konstruktivismus durch eine konstruktivistische Soteriologie unterlaufen. Und es \u00fcberrascht nicht, dass eine \u201ef\u00fcr Methodisten und Katholiken tragf\u00e4hige[] Begr\u00fcndung der Willensfreiheit\u201c positiv Erw\u00e4hnung findet (65, Anm. 98). Bei Reinhard Slenczka hei\u00dft es dagegen mit Blick auf Luther, auf den Raedel sich immer wieder beruft, wenn es um die Rolle des Glaubens geht: \u201eF\u00fcr Luther ist die Vermittlung vom Wort zum Glauben [\u2026] ein pneumatisches Faktum\u201c [R\u00f6m 10,17]. \u201eDa das Wort der Verk\u00fcndigung aber nicht blo\u00df Inhalt ist, sondern eine Wirkung hat, w\u00e4re es ein Irrtum, diesen Glauben aus dem H\u00f6ren des Wortes als <em>fides acquisita<\/em> aufzufassen (WA 6,85,10). Vielmehr ist der Glaube an das Wort gebunden, weil er durch das Wort der Predigt entsteht und davon lebt.\u201c Und weiter schreibt Slenczka: \u201eDie richtige theologische Antwort auf die zu immer neuer Selbstrechtfertigung dr\u00e4ngende falsche Frage nach dem gn\u00e4digen Gott war der Hinweis auf die Taufe [\u2026]. Darin liegt die Abwendung vom Werk des Menschen und die Hinwendung zum Werk Gottes, das Glauben wirkt und fordert. [\u2026] Gerade hier zeigt sich, da\u00df es Luther beim Glauben nicht um die Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt, sondern um das Heilsgeschehen durch Wort und Sakrament im Menschen geht, bei dem Gott handelndes Subjekt ist\u201c, in Art. \u201eGlaube VI. Reformation\/Neuzeit\/Systematisch-theologisch\u201c, in: <em>Theologische Realenzyklop\u00e4<\/em><em>die. Bd. 13<\/em>, Hg. Gerhard M\u00fcller, Berlin: De Gruyter, 1984, 318-365, hier 321f. Ist aber das glaubensstiftende Wirken des Geistes in dieser Weise nicht anthropologisch-reflexiv, sondern pneumatologisch-sakramental verankert, so erweist sich auch die durch Raedel vorgenommene Bestimmung von \u201eWahrheit im Sinne der Bibel\u201c als \u201eExistenzverh\u00e4ltnis\u201c <em>im Gegensatz<\/em> zu einem \u201eKorrespondenzverh\u00e4ltnis\u201c (298) als Scheinalternative (vgl. Johannes Wirsching, <em>Glaube im Widerstreit. Ausgew\u00e4hlte Aufs\u00e4tze und Vortr\u00e4<\/em><em>ge,<\/em> Frankfurt am Main: Lang, 1988, 128f). Es ist der durch Wort und Sakrament auf Christus geworfene und von seiner Selbstbez\u00fcglichkeit <em>in jeder Hinsicht<\/em> befreite, \u201eexzentrische\u201c (Gal 2,20) Mensch, der nach biblisch-reformatorischem Zeugnis im Gericht vorbehaltlos von Gott freigesprochen, anerkannt und angenommen wird, nicht weil er sich selbst \u00fcberwunden und auf das Evangelium eingelassen h\u00e4tte, sondern weil Christus sich durch seinen wort- und gnadenmittelgebundenen Geist tats\u00e4chlich schon hier und jetzt \u2013 angefangen beim Taufwunder \u2013 einen neuen Menschen schafft, der in Gerechtigkeit vor Gott ewiglich lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Das in ethischen Fragen anregende Buch Raedels fordert auf dem Feld der Soteriologie und der Pneumatologie zum Widerspruch heraus. Was \u201eEvangelisch bleiben\u201c meint, ist unter \u201eden Evangelischen\u201c selbst umstritten und ber\u00fchrt Kernfragen des reformatorischen Anfangs und des kirchlichen Auftrags.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Armin Wenz, Lutherische Theologische Hochschule Oberursel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Raedel: Evangelisch bleiben. 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