{"id":2744,"date":"2026-04-11T16:40:05","date_gmt":"2026-04-11T16:40:05","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2744"},"modified":"2026-04-11T16:40:06","modified_gmt":"2026-04-11T16:40:06","slug":"werner-thiede-unsterblichkeit-der-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2744","title":{"rendered":"Werner Thiede: Unsterblichkeit der Seele?"},"content":{"rendered":"\n<p>Werner Thiede: <em>Unsterblichkeit der Seele? Interdisziplin\u00e4re Ann\u00e4herungen an eine Menschheitsfrage,<\/em> Theologische Pl\u00e4doyers 13, Berlin: Lit Verlag, 2021, 2. Aufl. 2022, kt., 265\u00a0S., \u20ac\u00a019,90, ISBN <a href=\"https:\/\/lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-14878-0\/\">978-3-643-14878-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dieses Buch des pensionierten apl. Professors f\u00fcr systematische Theologie kreist um die Frage nach der \u201eEmpirie des m\u00f6glichen Jenseitigen\u201c (2) und der Unsterblichkeit der menschlichen Seele.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter \u201eSoziologische Beobachtungen\u201c<strong> <\/strong>deutet Th. die Verdr\u00e4ngung des Todes in modernen Gesellschaften als Flucht vor dem \u201eals absolutes Ende\u201c verstandenen Tod (16), die eine Konsequenz des materialistisch-positivistischen Weltbildes mit seiner Leugnung der unsterblichen Seele sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber digitalen Unsterblichkeitsfantasien merkt er kritisch an, dass es unm\u00f6glich sei, menschliches Bewusstsein elektronisch herzustellen, weshalb Versuche, die menschliche Seele digital zu simulieren, mit Unsterblichkeit nichts zu tun h\u00e4tten (38f).<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unter \u201eGrenzwissenschaftlicheAnn\u00e4herungen\u201c fragt er zun\u00e4chst nach \u201eBeweisen f\u00fcr die Unsterblichkeit der Seele\u201c in der Parapsychologie. In einem Abriss ihrer Geschichte stellt Th. fest: \u201eDie Abneigung der Kirche gegen die okkulten Ph\u00e4nomene verband sich mit der Aufkl\u00e4rung zu gleichem Skeptizismus. Eher selten versuchte man, in der kritischen Begegnung mit dem Materialismus argumentativ die R\u00e4tselhaftigkeit paranormaler Ph\u00e4nomene zu instrumentalisieren\u201c (51), etwa in dem Sinn, dass mit den Hinweisen auf eine \u201eWirklichkeit jenseits des Sichtbaren\u201c auch \u201edie Dimension der Unsterblichkeit wieder ernster\u201c (52) genommen wurde. So verschiedene Theologen wie Karl Heim, Ernst Troeltsch und dann erst recht die dialektische Theologie wehrten sich gegen jegliche Plausibilisierung religi\u00f6ser Wahrheiten durch empirische Erkenntnisse und traten daf\u00fcr ein, \u201edie christlich geglaubte Transzendenz von der okkult angepeilten zu unterscheiden\u201c (53).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erforschung von Nahtoderfahrungen, insbesondere durch Elisabeth K\u00fcbler-Ross und Raymond Moody, lie\u00df \u201ef\u00fcr viele Menschen die M\u00f6glichkeit einer nachtodlichen Existenz wieder eher glaubhaft und vorstellbar erscheinen\u201c (65). Doch lassen sich nach Moody wie Th. aus Nahtoderfahrungen nicht \u201egen\u00fcgend schl\u00fcssige wissenschaftliche Beweise\u201c f\u00fcr \u201eeine Unsterblichkeit der Seele mit Ewigkeitsdimension\u201c eruieren (74, 87).<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend K\u00fcbler-Ross und Moody nur von angenehmen Todeserfahrungen berichten, macht der Kardiologe Maurice Rawlings wahrscheinlich, dass es durchaus auch H\u00f6llenerfahrungen gebe, diese aber im allgemeinen von positiven Visionen verdr\u00e4ngt w\u00fcrden (78). Im \u00dcbrigen werden Nahtod-Erlebnisse je nach Weltanschauung verschieden gedeutet (85).<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl gebe es \u201eauf diesem Forschungsgebiet manch Beeindruckendes vorzuweisen\u201c, z.&nbsp;B. nachtr\u00e4glich verifizierte Angaben \u00fcber die r\u00e4umliche Umgebung w\u00e4hrend der \u00e4rztlich noch versuchten Behandlung von medizinisch bereits Toten\u201c oder die Tatsache, dass \u201edie in den Visionen anzutreffenden Verwandten oder Freunde in aller Regel tats\u00e4chlich verstorben waren\u201c (88).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gottesbild vieler Nahtoderfahrungen \u2013 n\u00e4mlich als absolut und bedingungslos liebend \u2013 passt nach Th. \u201egut zu zentralen neutestamentlichen Aussagen\u201c; doch spielt Christus als Erl\u00f6ser darin keine Rolle. \u201eWas bleibt, ist eine Art ,nat\u00fcrliche Theologie\u2018 der Liebe \u2013 schillernd in der Frage, ob Gott nun irgendwie personal oder eher als ,reine Energie\u2018 aufzufassen sei\u201c (90).<\/p>\n\n\n\n<p>Wiederholt verweist Th. auf die M\u00f6glichkeit, dass Nahtoderfahrungen durch k\u00f6rpereigenen Endorphine ausgel\u00f6st sein k\u00f6nnten (90 u. \u00f6.) und auf die Problematik, dass \u201edie mancherlei inkonsistenten Befunde\u2026, doch wohl nicht auftauchen sollten, w\u00e4ren all die Jenseitsvisionen auf eindeutig Reales gerichtet\u201c (90).<\/p>\n\n\n\n<p>Th. warnt deshalb vor vorschneller Akzeptanz erfahrungsbasierter Jenseitshoffnungen. Dennoch sei zu pr\u00fcfen, \u201eaus welchen hieb- und stichfesten Gr\u00fcnden man meint, es sich leisten zu k\u00f6nnen, mit keinerlei Jenseits des Todes zu rechnen\u201c (95).<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Jenseitsvorstellungen spiritistischer Art (einschlie\u00dflich der Anthroposophie Rudolf Steiners) verbinden diese mit der Idee der Reinkarnation. Dem stellt Th. kritisch die biblische Hoffnung gegen\u00fcber, wonach die Christen \u201ezum ewigen Leben in einer vollendeten Sch\u00f6pfung berufen\u201c sind und dieses f\u00fcr sie \u201ein der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen \u2026 inmitten der verg\u00e4nglichen Welt schon begonnen hat\u201c (105).<\/p>\n\n\n\n<p>Th. macht f\u00fcr die ungeheure Popularit\u00e4t des Reinkarnationsglaubens die sogenannte \u201eGanztod-Theologie\u201c verantwortlich, welche \u201eein spirituelles Vakuum geschaffen\u201c habe (115): \u201eDie Esoterik versteht sich \u00e4u\u00dferst selbstbewusst als Garant der nach ihren Ma\u00dfst\u00e4ben auch empirisch (z.&nbsp;B. auch durch vermeintliche \u201aR\u00fcckblicke\u2018 unter Hypnose) aufweisbaren Wahrheit der Seelenunsterblichkeit\u201c (115). Die Verschmelzung westlichen und \u00f6stlichen Reinkarnationsglaubens l\u00e4uft \u201eauf eine monistische Theorie von Unsterblichkeit hinaus\u201c, in der die Seele als Teil einer allumfassenden Einheit verstanden wird. Diesen Vorstellungen, die fast immer mit Elementen der Selbsterl\u00f6sung einhergehen, h\u00e4lt Th. die neutestamentliche Rechtfertigungslehre entgegen. Der Glaube an die \u201eSeelenunsterblichkeit \u2026 in der ganzheitlichen Verbindung mit universaler Auferstehungshoffnung\u201c hat mit der \u201eSeelenwanderung \u2026 als Hoffnungs- und Erl\u00f6sungsmodell\u201c nichts zu tun (131).<\/p>\n\n\n\n<p>Unter \u201eGeisteswissenschaftliche\u00dcberlegungen\u201c<strong> <\/strong>zur \u201eTheologie der Unsterblichkeit\u201c kontrastiert Th. esoterische \u201eErkenntnisse\u201c \u00fcber das Leben nach dem Tod mit dem christlichen Glauben \u201ean den Sch\u00f6pfer, der sein Werk in Herrlichkeit zu vollenden und darum an dieser Welt in Gericht und Gnade zu handeln wissen wird\u201c (138).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Luther ist durch Christus \u201eder Tod das Tor zum Leben\u201c (143), und nur f\u00fcr den, der \u201eChristus nicht im Glauben ergreift\u201c, bleibt der Tod schrecklich (142f).Luthers \u201eprogressiv-ganzheitliche Hoffnungsperspektive bildet ein Kontrastmodell zu monistischen Ausblicken auf eine mystische Aufl\u00f6sung aller kreat\u00fcrlichen Konturen im G\u00f6ttlichen\u201c (147). Indem L. vom Seelenschlaf in einem Zwischenzustand ausgeht, gelingt es ihm, \u201eden ,wachen\u2018 Zustand in der Vollendungswelt des Gottesreiches qualitativ\u201c von diesem abzuheben (144f) und deutlich zu machen, dass auf diesen Zwischenzustand erst noch \u201edie universale Auferstehung der Toten \u2026 im Kontext der Erneuerung der gesamten Sch\u00f6pfung\u201c erfolgt (146).<\/p>\n\n\n\n<p>Th. zeigt auf, wie die von ihm als \u201eFehlentwicklung\u201c (158) beurteilte Lehre vom Ganztod in der Konsequenz vielfach zum g\u00e4nzlichen Verzicht auf die neutestamentliche Auferstehungshoffnung f\u00fchrt. Denn wo \u2013 wie z.&nbsp;B. bei Paul Tillich oder Karl Barth \u2013 in einer \u201eZeit-Ewigkeits-Dialektik \u2026 Welt und Gott ineinander\u201c aufgehen, gehe das Gegen\u00fcber von Gott und seiner Sch\u00f6pfung verloren, das \u201eallein dynamische Liebe bleibend m\u00f6glich sein l\u00e4sst\u201c (159). Gott w\u00e4re \u201eam Ende mit sich wieder allein in der Betrachtung einer vor\u00fcbergehend gew\u00e4hrten Liebe\u201c (166).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Mehrheit der katholischen Theologen h\u00e4lt Th. jeglicher Ganztod-Theorie entgegen: \u201eWenn davon auszugehen ist, dass sich Gottes Relation zum Menschen aufgrund seiner Liebe auch im Tod durchh\u00e4lt \u2013 und eben dies ist dem kreuzestheologischen Wort von der Anwesenheit Gottes im Tod zu entnehmen \u2013, dann schlie\u00dft dies auch\u201c das Fortbestehen \u201eeiner Art Substanz auf Seiten der Kreatur ein\u201c und kann nicht \u201ein Gestalt einer blo\u00dfen Erinnerung Gottes\u201c gedacht werden\u201c (171f). Die Auferstehung der Toten setzt die Unsterblichkeit der Seele voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Verschiedentlich wird eine \u201eeine Auferstehung im Tod\u201c (175) vertreten: Man h\u00e4lt an der Unsterblichkeit der Seele fest, ohne dass diese zur Auferstehung der Toten und der Erneuerung der Welt in Beziehung gesetzt w\u00fcrde \u2013 etwa, indem die christliche Hoffnung nur existentiell verstanden wird, unter Verzicht auf objektivierende Aussagen (Wolfgang Trillhaas) (174f). So lassen z.&nbsp;B. Edmund Schlink, Paul Althaus, Wilfried Joest und Ulrich K\u00f6rtner Todesstunde und J\u00fcngsten Tag in eins fallen und vertreten eine Auferstehung im Tod \u201eals gemeinschaftliches Ankommen in der universalen Vollendung der Sch\u00f6pfung unter anderen, neuen Bedingungen von Wirklichkeit\u201c (177).<\/p>\n\n\n\n<p>Die katholischen Theologen Gisbert Greshake und Gerhard Lohfink verstehen unter Auferstehung \u201evor allem das Offenbarwerden einer ganzheitlich gemeinten Seelenunsterblichkeit im Todesmoment\u201c (181), \u201eindividuelle Auferstehung im Tod und allgemeine endzeitliche Auferstehung\u201c seien \u201ekongruent\u201c (182). Gegen diese \u201eAuferstehung im Tod\u201c hat Joseph Ratzinger eingewendet, dass sie \u201eweder logisch noch biblisch begr\u00fcndbar\u201c sei und dass ihre Vertreter \u201eder Auferstehung ausweichen, die der wahre Skandal des Denkens geblieben\u201c sei (182, zitiert Joseph Ratzinger, <em>Eschatologie \u2013 Tod und ewiges Leben, <\/em>Regensburg: Friedrich Pustet, 1977, 134, 140).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Th. kann offen bleiben, ob die \u201eend-g\u00fcltige Begegnung mit Gott ,im\u2018 Tod oder in uns noch unbekannten Zeit-R\u00e4umen stattfinden wird\u201c. Festzuhalten sei eine \u201edialogische Unsterblichkeit\u201c, d.&nbsp;h., eine \u201eauch im Tod bleibende Verbundenheit mit dem Sch\u00f6pfer und Erl\u00f6ser\u201c \u2013 im Unterschied zu einer \u201eirgendwann nach dem Tod erfolgende[n] Neusch\u00f6pfung\u201c (192).<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ein Grundtenor ziehen sich durch das ganze Werk Th.\u2019s Hinweise auf die Allvers\u00f6hnung, ohne dass er diese wirklich exegetisch begr\u00fcndet. Schon bei Luther h\u00e4lt er sie f\u00fcr die folgerichtige, von Luther aber \u201eleider nicht wahrgenommen[e]\u201c Konsequenz seiner Lehre (155). Erst recht vertritt Th. im Kapitel \u00fcber die Auferstehung im Tod eine universalistische Position.<\/p>\n\n\n\n<p>Es liegt auf derselben Linie, wenn Th. in seinem Epilog fragt, ob die h\u00e4ufige Erfahrung, dass auf dem Gesicht eben Verstorbener ein unerkl\u00e4rliches L\u00e4cheln bzw. ein Ausdruck von \u201egel\u00f6ster Heiterkeit\u201c (194) auftritt, wom\u00f6glich durch die Begegnung mit der g\u00f6ttlichen Gnade ausgel\u00f6st werde. Hat Th. bis zu diesem Punkt in seinen Ausf\u00fchrungen der Versuchung widerstanden, aus irdischen Ph\u00e4nomenen (wie der Erscheinung von Totengeistern etc.) Schl\u00fcsse auf das Leben nach dem Tod zu ziehen, so l\u00e4sst er an dieser Stelle einen solchen Schluss nun zu und sieht darin ein Indiz f\u00fcr die Annahme aller S\u00fcnder im Tod durch Gott (195).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Hanna Stettler, apl. Prof. in T\u00fcbingen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Thiede: Unsterblichkeit der Seele? Interdisziplin\u00e4re Ann\u00e4herungen an eine Menschheitsfrage, Theologische Pl\u00e4doyers 13, Berlin: Lit Verlag, 2021, 2. 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