{"id":2747,"date":"2026-04-11T16:42:21","date_gmt":"2026-04-11T16:42:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2747"},"modified":"2026-04-11T16:42:23","modified_gmt":"2026-04-11T16:42:23","slug":"maria-hinsenkamp-visionen-eines-neuen-christentums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2747","title":{"rendered":"Maria Hinsenkamp: Visionen eines neuen Christentums"},"content":{"rendered":"\n<p>Maria Hinsenkamp: <em>Visionen eines neuen Christentums. Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke<\/em>, Religion in Bewegung 4, Bielefeld: Transcript, 2024, Pb., 510 S., \u20ac 64,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-7252-7\/visionen-eines-neuen-christentums\/?number=978-3-8376-7252-7\">978-3-8376-7252-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Maria Hinsenkamp stellt in ihrer Studie, die an der Georg-August-Universit\u00e4t-G\u00f6ttingen 2024 als Dissertation verteidigt wurde, die Frage nach der \u00f6kumenischen Bedeutung der Pfingstbewegung, mit besonderem Fokus auf den deutschsprachigen Raum. Ihre prim\u00e4re Forschungsfrage untersucht, ob bestimmte den Pfingstkirchen zugeschriebene Diskursr\u00e4ume und -netzwerke diesen tats\u00e4chlich empirisch und theoretisch zugeordnet werden k\u00f6nnen. Diese Absicht ist bedeutsam, nicht nur weil die Pfingstkirchen die christlich-religi\u00f6se Landschaft seit einiger Zeit gepr\u00e4gt haben, sondern auch weil sich in ihnen neue Ph\u00e4nomene erkennen lassen, \u201edie au\u00dferhalb des Gewohnten liegen\u201c (17). Die initiale Marginalisierung der pfingstlich-charismatischen Ph\u00e4nomene im Bereich des Kirchlich-Theologischen ist heute mit einer weitgehenden Sensibilisierung konfrontiert, die sich auch in der detaillierten Reflexion und konstruktiven Kritik pfingstlich-charismatischer Theologen widerspiegelt. Um einer Eingliederung dieser Dynamik gerecht zu werden, entwickelt Hinsenkamp den Begriff der \u201e<em>Kingdom-minded Network Christianity<\/em>\u201c (KiNC). Es geht in dieser Studie sowohl um die Erfassung spiritueller Welt- und Gesellschaftsvorstellungen, die theologisch der eschatologischen K\u00f6nigsherrschaft Gottes zugeordneten werden, als auch deren Erfahrbarkeit und Verwirklichung innerhalb von vielf\u00e4ltigen synchronen und diachronen Bez\u00fcgen der Pfingstkirchen miteinander und mit der \u00d6kumene. Diese Kombination einer spirituellen und transkonfessionellen Einordnung soll es erlauben, sowohl die historischen und gegenw\u00e4rtigen Bez\u00fcge der Pfingstbewegung darzustellen, als auch die grunds\u00e4tzliche Aufrechterhaltung und Erneuerung dieser Bez\u00fcge durch die Bewegung selbst zu kategorisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Resultat dieser komplexen und eingehenden Studie ist eine beeindruckende Vielfalt von Verkn\u00fcpfungspunkten der Genese und Ph\u00e4nomenologie der KiNC in ihrem globalen Kontext (109\u2013238) und auch im deutschsprachigen Raum (269\u2013413). Hinsenkamp verbindet bekannte Formen von Spiritual Mapping mit neueren und bisher wenig verbreiteten Formen von Netzwerkverbindungen. Obwohl diese Teilph\u00e4nomene nicht unbekannt sind, erlaubt deren Kategorisierung als KiNC eine gewisse Erkenntlichmachung der Erscheinungsweisen und Zusammenh\u00e4nge der Pfingstbewegung, wenn auch anf\u00e4nglich in ihrer Komplexit\u00e4t, welche zumeist nur durch ihr Ver\u00e4nderungspotential erfasst werden kann. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse (419\u2013427) bezeugt die weitergehenden analytischen Schwierigkeiten, den unterschiedlichen Netzwerken konsistente gesellschaftliche, kirchliche, organisatorische, \u00f6kumenische und theologische Perspektiven zuzuordnen. Hinsenkamp wirft in diesem Zusammenhang wichtige Fragen auf, die sowohl Raum schaffen f\u00fcr intra- und interkonfessionelle Begegnungsr\u00e4ume aber auch die Problematik versch\u00e4rfen, die Gestaltung dieser R\u00e4ume auf bestimmte prozessual-millennialistische Visionsausrichtungen zu begrenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ein theologisches Motiv der Motivierung organisatorischer und struktureller Netzwerke dient, ist eine Bereicherung (und Best\u00e4tigung) des pfingstkirchlich-charismatischen Selbstverst\u00e4ndnisses. Allerdings wird dieser Zusammenhang nicht grunds\u00e4tzlich in Verbindung mit der gegenw\u00e4rtigen Literatur herausgearbeitet. Ein problematisches Merkmal dieser Studie ist die Auswahl der Quellensammlung. So finden sich in der Literatur weder Prim\u00e4rquellen historischer pfingstlich-charismatischer Ver\u00f6ffentlichungen noch wichtige neuere akademische Sekund\u00e4rliteratur pfingstlich-charismatischer Theologen, die sich eingehend mit den grunds\u00e4tzlichen Ph\u00e4nomenen und internen Rechtfertigungen der Pfingstbewegung auseinandergesetzt haben. In der ersten Gruppe vermisst man v. a. Zeitungen oder Zeitschriften der ersten Jahrzehnte, welche oft als formativ-wichtige Zeugnisse des internen Selbstverst\u00e4ndnisses der Pfingstkirchen angesehen werden, und deren Zugang durch das Konsortium Pfingstlicher Archive (pentecostalarchives.org) erleichtert worden ist. Hier schaut man auch vergebens nach Prim\u00e4rliteratur von Leitern und Pionieren der Bewegung, vor allem \u00f6kumenischen Vermittlern (z. B. David du Plessis) oder Gr\u00fcndern verschiedener internationaler Netzwerke (z. B. Thomas B. Barratt oder Lewi Pethrus). In der zweiten Gruppe lassen sich einige Autoren von zentraler Bedeutung zwar im Literaturverzeichnis finden (z. B. John Wimber), aber ihre wesentlichen Werke sind nicht aufgef\u00fchrt, und mehrere bedeutsame Autoren (z. B. Amos Yong, William Kay) und deren Abhandlungen wurden anscheinend vernachl\u00e4ssigt. Bemerkenswert ist hier auch die Abwesenheit von Sekund\u00e4rliteratur, die sich direkt mit der Identifizierung der Pfingstkirchen als Netzwerke auseinandergesetzt hat (z. B. Andy Lord, Karen Brison, Joel Robbins), und die vor allem einer globalen Korrektur der Genese und Ph\u00e4nomenologie der KiNC und ihrer interdisziplin\u00e4ren Einordnung h\u00e4tte behilflich sein k\u00f6nnen. Auch die Ber\u00fccksichtigung der Potentiale und Herausforderungen f\u00fcr die klassische \u00d6kumene w\u00e4re durch eine eingehende Auseinandersetzung mit der Literatur bereichert worden, doch auch hier wurden vorausgehende Studien nicht aufgerufen, weder von pfingstlich-charismatischen Autoren (z. B. Cecil M. Robeck, Veli-Matti K\u00e4rkk\u00e4inen) noch gewichtigen Stimmen der \u00d6kumene (z. B. J\u00fcrgen Moltmann und Karl-Josef Kuschel) hinsichtlich einer Einordnung der KiNC.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kritische Auseinandersetzung mit der KiNC innerhalb der pfingstlich-charismatischen Bewegung selbst ist deshalb nur bedingt erreicht worden. Verantwortlich ist hier v. a. die mangelnde Hilfestellung theologischer Literatur, die sich eingehend und kritisch mit der Entwicklung der Pfingstbewegung als ein eschatologisch eingeordnetes Ph\u00e4nomen auseinandergesetzt hat. Anzumerken ist nicht nur die Schwierigkeit, dieselbe eschatologische Visionsausrichtung sowohl den etablierten und unabh\u00e4ngigen charismatischen Kirchen zuzuordnen als auch die zunehmende Entsensibilisierung eschatologischer Leidenschaft zu ber\u00fccksichtigen, die seit mehreren Jahrzenten unter den klassischen Pfingstkirchen dokumentiert worden ist. So ist die Legitimierung der Netzwerkstrukturen theologisch nicht immer einsichtig. Selbst wenn eine pneumatologische Legitimierung erkannt wird, erscheint diese prim\u00e4r aus organisatorischen Strukturelementen erwachsen zu sein. Theologisch wichtig ist hier die Besonderheit einer dominant christologischen Ausrichtung der KiNC, welche der pneumatologischen Vorstellungskraft eine grundlegende (nicht nur theologische) Struktur verleiht. Dass historisch dominante Formen dieser Struktur (z. B. das vier- oder f\u00fcnffache Evangelium) die Kingdom-mindedness als nur einen theologischen Bestandteil einer breiteren pneumatologischen Vorstellung beinhalten, muss eine eschatologische Gesamtvision nat\u00fcrlich nicht grunds\u00e4tzlich diskreditieren. Jedoch zeigt die Verankerung der globalen Ph\u00e4nomene im Pietismus, der Heiligungsbewegung, und den vielf\u00e4ltigen Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen, dass eine rein agonistische \u201eHerrschaftstheologie\u201c zumindest in Frage gestellt werden sollte. Die gesellschaftstheoretische und theologische Unsch\u00e4rfe des Begriffs \u201eReich Gottes\u201c wird auch durch die KiNC nicht aufgehoben. Vielmehr kann eine alleinige eschatologische Grundlage dem Ziel einer gesellschaftlichen Umformung sowohl durch gezieltes praktisches Engagement und spirituelle Strategien geistlicher Kampff\u00fchrung entsprechen, diesem aber auch durch Desinteresse und Antagonismus entgegenstehen, oder auf andere theologisch motivierte Wege, z. B. der Heiligung und Heilung, ausweichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielversprechend f\u00fcr eine weitere Entwicklung der Netzwerkterminologie ist Hinsenkamps richtungsweisende Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen der Reich-Gottes-Vision in der Praxis (191\u2013207), der J\u00fcngerschaft und Missionst\u00e4tigkeit (211\u2013233), und der Entstehung \u00f6kumenischer Profile (237\u2013268). Hier zeigt sich, dass die religi\u00f6sen Erscheinungsformen gesellschaftlich in Politik, Wirtschaft, und Kultur prim\u00e4ren Ausdruck finden, und eschatologische \u00dcberzeugungen gesellschaftsrelevant uminterpretiert werden. Die Problematik dieser Neuinterpretationen, v. a. in den dadurch entstandenen prophetischen Bewegungen und politischen Extremverbindungen, deutet auch auf die Unbest\u00e4ndigkeit der pfingstlich-charismatischen Netzwerke hin. Hinsenkamps wesentlicher Beitrag einer gewichtigen komplement\u00e4r-methodologischen Studie l\u00e4dt dazu ein, die volatile Vielfalt der pfingstlich-charismatischen Netzwerkstruktur weiterhin theologisch und \u00f6kumenisch kritisch zu untersuchen und auszubauen. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Wolfgang Vondey, Lehrstuhlinhaber Christliche Theologie und Pentekostale Studien, University of Birmingham<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maria Hinsenkamp: Visionen eines neuen Christentums. 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