{"id":2759,"date":"2026-10-05T16:13:30","date_gmt":"2026-10-05T16:13:30","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2759"},"modified":"2026-10-05T16:13:31","modified_gmt":"2026-10-05T16:13:31","slug":"justus-samuel-scharschmid-eine-autobiographie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2759","title":{"rendered":"Justus Samuel Scharschmid: Eine Autobiographie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Justus Samuel Scharschmid. Eine Autobiographie<\/em>, hrsg. von Sebastian W. Stork in Zusammenarbeit mit Thomas H\u00fcbner, Hallesche Quellenpublikationen und Repertorien 16, Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen; Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2025, geb., 285\u00a0S., \u20ac\u00a068,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.harrassowitz-verlag.de\/Justus_Samuel_Scharschmid%3A_Eine_Autobiographie\/titel_5729.ahtml\">978-3-447-11082-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer das hier zu besprechende Buch in die H\u00e4nde bekommt und nur einige Seiten liest, wird gewiss an eine Jugendlekt\u00fcre erinnert: Jules Vernes \u201eDer Kurier des Zaren\u201c \u2013 mit dem Unterschied, dass es sich hierbei nicht um einen Roman, sondern um ein Tagebuch \u2013 oder besser: einen Reisebericht bzw. eine Autobiographie handelt, die erst nach den beschriebenen Ereignissen zusammengestellt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um den Autor und die beschriebenen Ereignisse historisch einzuordnen: Justus Samuel Scharschmid (1664\u20131724) geh\u00f6rte zu den Vertretern der ersten pietistischen Bewegung in Leipzig, die im Jahr 1689 f\u00fcr Aufsehen gesorgt hatte, und war seit dieser Zeit mit August Hermann Francke verbunden. Im Jahr 1694 wurde er auf Empfehlung Philipp Jakob Speners zun\u00e4chst Hauslehrer in K\u00f6nigsberg, wo der fromme Holzk\u00fcmmerer Theodor Gehr lebte, der mit Spener in engem Briefkontakt stand. Bald folgten weitere Hauslehrert\u00e4tigkeiten und Besuche u.&nbsp;a. in Dorpat, Riga, Narva, bevor Scharschmid nach Moskau kam (1697). Die einzelnen Stationen k\u00f6nnen hier nicht aufgez\u00e4hlt werden. Eine R\u00fcckreise nach Deutschland mit dem Ziel, sich ordinieren zu lassen, entwickelte sich als m\u00fchsam, so dass er erst im Jahr 1700 in Berlin seine Ordination erhalten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck in Moskau w\u00e4hrte sein Aufenthalt nicht allzu lange, denn weitere Reisen f\u00fchrten ihn weiter nach Osten, u.&nbsp;a. nach Kasan und Astrachan, um nur die bekanntesten Orte zu nennen. In den Jahren 1703 bis 1716 wechselte er im russischen Reich h\u00e4ufig die Dienstorte als Pastor. Dabei kehrte er mehrfach nach Kasan und Astrachan zur\u00fcck und hielt sich immer wieder in Moskau auf. Zeitweise war er Feldprediger (in Smolensk und Kiew) und Pastor in den Eisenwerken Ugodka. Im Jahr 1716 kehrte Scharschmid \u00fcber K\u00f6nigsberg, Danzig und Berlin zun\u00e4chst in seine Heimatstadt Quedlinburg zur\u00fcck, bevor er Ende 1718 Pastor in Halle wurde. 1724 verstarb er ebenda.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Reisebericht bietet dem Leser neben den teilweise abenteuerlichen Erfahrungen (zu Land und zu Wasser) vor allem zwei wichtige Einblicke: Der erste ist kirchenhistorischer Art. Die Verbindungen August Hermann Franckes und des Franckeschen Waisenhauses nach Russland sind ein fester Bestandteil der Darstellungen des Hallischen Pietismus. Eine wesentliche Quelle daf\u00fcr ist jeweils der Bericht Scharschmids. Nun liegt die Quelle als eigene Edition vor. Damit wird ein Blick hinter das Bild einer kirchenhistorischen Beschreibung gew\u00e4hrt. Freilich handelt es sich hierbei auch nicht um ein Tagebuch, das gewisserma\u00dfen in der beschriebenen Situation selbst verfasst ist, sondern um einen nachtr\u00e4glich zusammengestellten Reisebericht (Autobiographie), der zudem aus zwei unterschiedlich langen \u00dcberlieferungen besteht (dazu unten mehr). Es l\u00e4sst sich nicht erkennen, dass der Bericht urspr\u00fcnglich f\u00fcr eine Ver\u00f6ffentlichung gedacht war. Dies macht ihn recht authentisch. Auf jeden Fall wird deutlich, dass die \u201eRusslandarbeit\u201c des Franckeschen Waisenhauses (zumindest in der Zeit Scharschmids) keine feste strukturierte \u201eOrganisation\u201c war, die f\u00fcr Menschen, die dorthin kamen, verantwortlich gewesen w\u00e4re. Nichtsdestotrotz verstand sich Scharschmid als Vertreter des Pietismus, wie er ihn in Leipzig, Erfurt und Halle erlebt hatte. Ebenso wurde er auch von den lutherischen Pastoren in den St\u00e4dten, in die er kam, als solcher wahrgenommen \u2013 und beargw\u00f6hnt. Seine R\u00fcckreise nach Berlin, die sich durch unterschiedliche Vorkommnisse sehr in die L\u00e4nge zog, war unter anderem dadurch veranlasst, dass Schar sich als ordinierter lutherischer Geistlicher beauftragen und berufen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Einblick, der durch die Beschreibung gew\u00e4hrt wird, ist theologischer Natur. Dass Scharschmid nach gut Hallischem Muster recht rigorose ethische Einstellungen vertrat, sei nur am Rande vermerkt. Auffallend ist vor allem aber die Art und Weise, wie sich das Thema \u201eBerufung\u201c bei seinen Reisen und Aufenthalten zeigt. Immer wieder wusste er sich \u2013 auch nach nur kurzem Aufenthalt an einem Ort, an dem er sich gerade befand \u2013 in eine andere geistliche Aufgabe berufen, die er glaubte, nach dem Willen Gottes annehmen zu m\u00fcssen. Dabei kam es mehrfach vor, dass er noch auf dem Weg an den Ort, an den er berufen worden war, eine neue \u201eBerufung\u201c erfuhr, die er \u2013 als \u201eZwischenstopp\u201c \u2013 annehmen zu m\u00fcssen glaubte. Ob dies am Charakter Scharschmids oder an der Fr\u00f6mmigkeit, durch die er gepr\u00e4gt war, lag, mag dahingestellt sein. Auch wenn damit die Aufgabe einer Rezension \u00fcberschritten wird, l\u00e4sst sich am Leben Scharschmids die volatile Frage nach der G\u00f6ttlichkeit von Berufungserfahrungen erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bietet der Band? Der Text der Autobiographie Scharschmids wird nach der \u201eBerliner Version\u201c dargeboten (1\u2013178). Es handelt sich hierbei um eine Handschrift aus der Berliner Staatsbibliothek (Quelle B), die mehr als doppelt so lang ist wie eine weitere Handschrift, die im Archiv der Franckeschen \u00fcberliefert ist. Die L\u00e4nge der ersten Version, die auf Grund umfassenderer Darstellungen und ausf\u00fchrlicherer Zitate aus anderen Dokumenten resultiert (XVI), kann als Argument angesehen werden, diese Version als Grundlage f\u00fcr die Edition zu nehmen, obwohl im Vorwort mit Gr\u00fcnden dargelegt ist, dass die Version in Halle (Quelle H) von Scharschmid selbst zusammengestellt wurde (XVI). Der Vergleich beider Quellen zeigt, dass es nur wenige und kurze identische Textpassagen gibt, die deutlich werden lassen, dass sie unabh\u00e4ngig voneinander entstanden sind (XV). Der Text selbst enth\u00e4lt zahlreiche Texte, unter anderem Briefe aus der Korrespondenz mit Spener, und andere Dokumente. Als Anhang sind sechs \u201eerg\u00e4nzende Dokumente\u201c ver\u00f6ffentlicht (179\u2013194), auch die deutsche \u00dcbersetzung eines Briefes und eines Rechtsgutachtens, die in der Autobiographie im lateinischen Original aufgenommen sind. Ein chronologischer Lebenslauf Scharschmids (195\u2013196) ist eine weitere hilfreiche Erg\u00e4nzung. Eine Skizze der Reiseroute(n) Scharschmids, die dem Leser zur besseren Einordnung geholfen h\u00e4tte, fehlt leider. Neben den notwendigen Quellen- und Literaturverzeichnissen und den Personen- und Ortsregistern sind schlie\u00dflich noch ein \u201eVerzeichnis der von Scharschmid zitierten Dokumente\u201c und ein Glossar in den Band aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kommentierung ist recht knapp gehalten. Es ist nachvollziehbar, dass nicht alle erw\u00e4hnten Personen identifiziert werden konnten. Verweise auf Dokumente, die im Archiv der Franckeschen Stiftungen \u00fcberliefert sind, werden, wenn sie sich anbieten, vorgenommen. Eventuell h\u00e4tte man hier jedoch nicht nur die Archivsignatur angeben k\u00f6nnen, sondern auch eine knappe inhaltliche Zusammenfassung des f\u00fcr die kommentierte Aussage relevanten Abschnittes. Am Anmerkungsapparat war \u201ein starkem Ma\u00dfe und in verschiedener Hinsicht\u201c Thomas H\u00fcbner beteiligt, der vor allem die theologischen und philologischen Fragestellungen bearbeitete, zudem weitere St\u00fccke (Glossar, Verzeichnis der zitierten Dokumente) beisteuerte und die Transkription durchsah (IX). Druckfehler u.&nbsp;\u00e4. k\u00f6nnen hier nicht umfassend angemerkt werden (Beispiele: fehlendes \u201eder\u201c vor \u201eGr\u00fcndung\u201c in Anm. 32 und \u201eBadeborn\u201c statt \u201eBadborn\u201c in Anm. 49).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Band ist sowohl wegen seiner kirchenhistorischen Einsichten als auch als Autobiographie eines Pioniers der pietistischen Fr\u00f6mmigkeit im weiteren Russland anregend zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. theol. Klaus vom Orde, Halle (Saale)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Justus Samuel Scharschmid. Eine Autobiographie, hrsg. von Sebastian W. 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