{"id":2762,"date":"2026-10-05T16:17:40","date_gmt":"2026-10-05T16:17:40","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2762"},"modified":"2026-10-05T16:17:41","modified_gmt":"2026-10-05T16:17:41","slug":"frank-luedke-torsten-uhlig-hg-herz-und-hand-vereint-zusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2762","title":{"rendered":"Frank L\u00fcdke \/ Torsten Uhlig (Hg.): Herz und Hand vereint zusammen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frank L\u00fcdke \/ Torsten Uhlig (Hg.): <em>Herz und Hand vereint zusammen. Soziale Verantwortung im Neupietismus<\/em>, Pietas et Scientia 3, Freiburg: WBG Academic \/ Herder, 2026, geb., 194\u00a0S., \u20ac\u00a042,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/geschichte-wissen\/shop\/p8\/95488-herz-und-hand-vereint-zusammen-gebundene-ausgabe\/\">978-3-534-64300-4<\/a>; E-Book \u20ac\u00a032,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/geschichte-wissen\/shop\/p8\/95488-herz-und-hand-vereint-zusammen-gebundene-ausgabe\/\">978-3-534-64301-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im vorliegenden Band haben Frank L\u00fcdke und Torsten Uhlig die Vortr\u00e4ge des 8. Symposiums der Forschungsstelle Neupietismus an der Marburger Evangelischen Hochschule Tabor (Februar 2023) zusammengestellt. Der Kongress stand unter der Leitfrage: Welche Rolle spielt die soziale Veranwortung im neupietistischen Segment des Protestantismus? (Einleitung, 7). Sozialdiakonische Unternehmungen waren seit dem 19. Jahrhundert im Rahmen der Inneren Mission mit evangelistischen Bem\u00fchungen besonders um die gesellschaftliche Unterschicht verbunden. Werkzeug dieser Aufgaben war der 1897 als Sammelbecken gleichgesinnter Kr\u00e4fte gegr\u00fcndete <em>Deutsche Verband f\u00fcr Gemeinschaftspflege und Evangelisation<\/em>. Das sozialdiakonische Engagement stand allerdings nicht an erster Stelle, wie schon der Name des Verbands deutlich macht (Einl., ebd.). Das Symposium hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, den Ort diakonischer Anstrengungen in den neueren pietistischen Gruppierungen n\u00e4her zu bestimmen (Einl., 7\u20138).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Einleitung von Frank L\u00fcdke sind die folgenden elf Beitr\u00e4ge ver\u00f6ffentlicht: Bisch\u00f6fin Beate Hofmann, Kassel: \u201eDiakonische Arbeit als missionarische Gelegenheit?\u201c (11\u201320); Frieder Schaefer, Bildungscampus Malche: \u201eZum Verh\u00e4ltnis von Diakonie und Evangelisation in der Gemeinschaftsbewegung vor dem Hintergrund der Anliegen Wicherns\u201c (21\u201340); Prof. Frank L\u00fcdke, Tabor: \u201e\u201aDie Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt!\u2018 Zum Verh\u00e4ltnis von Diakonie und Evangelisation im deutschen Gemeinschaft-Diakonieverband\u201c (41\u201350); Prof. Ruth Albrecht, Hamburg: \u201eDiakonissen in der Literatur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts\u201c (51\u201389); Prof. Norbert Schmidt, Tabor: \u201eMission und soziale Verantwortung als Thema des Lausanner Kongresses 1974 und seine (Nicht-)Rezeption in der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung\u201c (91\u2013100); Prof. Bianca D\u00fcmling, Tabor: \u201eDiakonisches Handeln in und von evangelisch-charismatischen Migrationskirchen in Deutschland\u201c (101\u2013110); Dekan Prof. Johannes Zimmermann, Vaihingen\/Enz: \u201eDiakonische Herausforderungen f\u00fcr die Gemeinschaftsbewegung in der ,Gesellschaft der Singularit\u00e4ten\u2018\u201c (111\u2013122); Pr\u00e4ses Steffen Kern, Kassel: \u201e,Eine sch\u00f6ne Erinnerung an die Zukunft\u2018. Hoffnung als Leitbegriff ekklesialer Existenz zwischen Eschatologie und Ethik\u201c (123\u2013136); Kirchenrat i.&nbsp;R. Dr. Werner Schm\u00fcckle: \u201eElias Schrenk und die Frage nach den Wurzeln und der Pr\u00e4gung der von ihm praktizierten Evangelisation\u201c (127\u2013153); Pastor Karl Heinz Voigt, Bremen: \u201eDer w\u00fcrttembergische Pietismus und die Anf\u00e4nge Gnadaus\u201c (155\u2013173); Prof. Eduard Ferderder, Bad Liebenzell: \u201eFluch oder Segen? Die Berliner Erkl\u00e4rung von 1909 als ein \u00fcberbewertetes Dokument\u201c (175\u2013192). \u2013 Die drei am Ende des Bandes abgedruckten Beitr\u00e4ge von Schm\u00fcckle, Voigt und Ferderer beziehen sich nicht auf das Kongressthema, sondern auf vorangegangene Publikationen der Marburger Hochschulreihe (10).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die acht Aufs\u00e4tze zum Thema <em>Soziale Verantwortung im Neupietismus<\/em> k\u00f6nnen in einer einzigen These zusammengefasst werden: Gemeinschaftsarbeit und Evangelisation hatten immer Priorit\u00e4t, sowohl im Selbstverst\u00e4ndnis als auch im Handeln neupietistischer Gruppierungen. Diese \u00dcberzeugung dr\u00fcckt sich in der bekannten Formulierung aus, dass \u201edie Hauptsache die Hauptsache bleiben\u201c solle (vgl. 41) und Seelenrettung, \u201ekein Allotria\u201c (ebd.), der Auftrag sei. Im diakonischen Bereich hie\u00df das mit einem L\u00f6he-Zitat: \u201eMein Lohn ist, dass ich dienen darf\u201c (ausf\u00fchrlich 68).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch diakonisch-soziale Einrichtungen hatten eine evangelistische Komponente, die als wichtigster Teil der Arbeit empfunden wurde: Menschen f\u00fcr den Glauben an Jesus und somit f\u00fcr das ewige Heil zu gewinnen und dann der Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen zuzuf\u00fchren. Zugrunde lag dieser Handlungsweise die \u00dcberzeugung, dass durch die christologische Ausrichtung der sozialdiakonischen Arbeit alle Lebensbereiche des Menschen aus einem neuen Blickwinkel verstanden werden und Hilfe in ganzheitlicher Dimension verwirklicht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So wird das diakonische Wirken der Diakonissen in pflegerischen und Erziehungsberufen nur von der Glaubens\u00fcberzeugung der Schwestern her richtig eingeordnet. Dies wird am umfangreichsten Beitrag der Sammlung aus der Feder der Hamburger Pietismusforscherin Ruth Albrecht deutlich (51\u201389). Sie arbeitet heraus, wie vielf\u00e4ltige Aspekte der Bet\u00e4tigung von Diakonissen (historisch oft auch \u201eDiakonissinnen\u201c!) in verschiedenen literarischen Gattungen thematisiert wurden (51). Ihr Engagement durchdrang die Gesellschaft und f\u00fchrte dazu, dass die als vorbildlich erlebte Schwestern-Arbeit zu neuen Berufungen und somit zu kontinuierlicher Erneuerung des Diakonissenstandes f\u00fchrte (52). Eine tendenzi\u00f6se \u201eHeldinnengeschichtsschreibung\u201c im \u201eBild einer idealen Diakonisse\u201c konnte nat\u00fcrlich nicht ausbleiben (54) \u2013 doch welche mitf\u00fchlend-empathischen Darstellungen christlicher Lebens- und Berufsbilder kommen ohne Klischees aus? Man sollte dem m\u00fcndigen Leser durchaus zutrauen, kritisch solche Elemente zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immerhin waren im Deutschen Reich um 1912 etwa 188.000 DiakonissInnen t\u00e4tig! So musste es auf der anderen Seite auch negative Erfahrungen geben, und \u201eKritische Blicke\u201c wurden \u201eauf Diakonissen und Mutterh\u00e4user\u201c (78\u201387) geworfen. Doch findet man umgekehrt auch Kritik, die von Diakonissen ausgeht. Paula Keding, Diakonisse in der Gro\u00dfstadt Berlin, beklagte au\u00dfergew\u00f6hnlich und unverhohlen sozialkritisch die Tendenz von Standespersonen, sich \u2013 noch vor Erfindung der <em>social media<\/em> \u2013 im Kontext der Armenhilfe \u00f6ffentlich als reiche G\u00f6nner zu inszenieren, ohne selbst je auch nur eine Hand anzulegen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIhr t\u00f6richten Mitbr\u00fcder und Mitschwestern alle, ihr, die ihr aus einer Scheinfreude zur anderen jagt, h\u00f6rt und glaubet mir, da\u00df keine Freude so gro\u00df, so beseligend und so rein und dauernd ist, wie die, welche selbstlose Taten der N\u00e4chstenliebe uns bereiten. Ihr schw\u00e4rmt in allen T\u00f6nen von unvergleichlichen Sonnenunterg\u00e4ngen im Gebirge, am Meer, oder gar am Nordkap, ach, ihr Armen, die ihr w\u00e4hnt, da\u00df es nichts Sch\u00f6neres gebe! Ich sage Euch, ein einziger Blick aus einem gequ\u00e4lten Menschenantlitz ist mehr wert als alles andere.\u201c (Gro\u00dfstadtkind, 22)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wahrscheinlich wusste die Verfasserin nicht, dass sie mit dieser Feststellung der Sch\u00f6nheit von Gott erw\u00e4hlter Menschen am Rande der Gesellschaft das Zentrum christlicher Kreuzestheologie in augustinisch-lutherischer Tradition markiert, das Martin Luther in der 28. <em>These aus der Theologie<\/em> seiner <em>Heidelberger Disputation<\/em> von 1518 beschrieben hat (WA 1, 365, 1\u201320).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Zusammenhang kann man darauf hinweisen, dass mit der Diakonissenberufung eigentlich nur eine Variante des in der Alten Kirche hoch gesch\u00e4tzten \u201eStandes\u201c der Jungfrauschaft geschaffen wurde. In einer gewissen evangelischen Betriebsblindheit werden die im Katholizismus als grundlegend verstandenen Aussagen bei Paulus (1Kor 7,25\u201340) ebenso gerne ausgeblendet wie die Tatsache, dass es mit der Einsegnung unverheirateter Missionarinnen seit etwa 150 Jahren eine modernisierte evangelische Variante des \u201eStandes\u201c r\u00f6misch-katholischer Missionsschwestern gibt: Kontinuit\u00e4ten durch die Jahrhunderte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So er\u00f6ffnet der Aufsatzband viele neue Ein- und Durchblicke bei einem ganzen B\u00fcndel von Diakonie-Themen, die keineswegs ersch\u00f6pfend, aber ansprechend und mit Erkenntnisgewinn zu lesen sind. Leider wird auf das Verh\u00e4ltnis neupietistischer institutioneller Diakonie zur informellen oder gemeindlichen nicht-institutionellen Diakonie \u2013 die oft von der Seelsorge nicht zu trennen ist \u2013, nur im Essay \u00fcber die Migrationskirchen eingegangen (101\u2013110). Die reformatorische Erkenntnis, dass jeder Christ die evangelistischen Liebeswerke nicht erst nach einer speziellen Beauftragung und Einsegnung, sondern zuallererst schon in seinem \u201eStand\u201c am Arbeitsplatz oder in Haus und Hof aus\u00fcbt und aus\u00fcben soll, \u2013 diese wichtige Dimension des Themas h\u00e4tte ausf\u00fchrlicher in ihrem Verh\u00e4ltnis zur institutionellen Diakonie behandelt werden sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuletzt ist noch anzumerken: Der gew\u00e4hlte Schriftgrad und das Gro\u00dfoktav-Format der in <em>Pietas et Scientia<\/em> publizierten B\u00e4nde ist anfangs gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Doch sp\u00e4testens beim n\u00e4chsten (interessanten!) Band \u00fcber Judenmission (Kongressthema 2025) wird sich der Leser daran gew\u00f6hnt haben. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank L\u00fcdke \/ Torsten Uhlig (Hg.): Herz und Hand vereint zusammen. 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