{"id":2765,"date":"2026-10-05T16:19:59","date_gmt":"2026-10-05T16:19:59","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2765"},"modified":"2026-10-05T16:20:01","modified_gmt":"2026-10-05T16:20:01","slug":"matthias-meinhardt-stefan-michel-hg-luthertum-zwischen-tradition-und-aufbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2765","title":{"rendered":"Matthias Meinhardt \/ Stefan Michel (Hg.): Luthertum zwischen Tradition und Aufbruch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Matthias Meinhardt \/ Stefan Michel (Hg.): <em>Luthertum zwischen Tradition und Aufbruch. Biographische und werkhistorische Erkundungen zu Abraham Calov (1612\u20131686)<\/em>, Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie (LStRLO) 44, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, Hb., 472\u00a0S., \u20ac\u00a098,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/luthertum-zwischen-tradition-und-aufbruch-2\">978-3-374-07806-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<em>Abrahamus Calovius, ecclesiae orthodoxae Achilles<\/em>\u201c \u2013 der streitbare, siegreiche Held der orthodoxen Kirche im 17. Jahrhundert wurde er genannt, beispielsweise noch im 19. Jahrhundert durch Eduard Preuss, den Herausgeber von Johann Gerhards <em>Loci theologici<\/em> und von J. W. Baiers <em>Compendium Theologiae Positivae<\/em> (dort in der <em>Vita Baieri<\/em>, S. VI, Berlin: Schlawitz, 1864). Das Lebenswerk des in K\u00f6nigsberg, Danzig und haupts\u00e4chlich in Wittenberg lehrenden bedeutenden Barock-Theologen zeichnete sich nicht nur durch seinen Umfang, sondern auch durch seinen dezidiert lutherisch-theologischen Standpunkt aus. Als rechtschaffener K\u00e4mpfer verteidigte er die lutherische Lehre gegen den \u201eSynkretismus\u201c der calixitinischen Theologie, gegen Reformierte, Arminianer, Sozinianer und nat\u00fcrlich auch gegen die seit der Reformationszeit abgelehnten r\u00f6misch-katholischen Irrlehren. Nicht umsonst nannte Johann Friedrich Mayer den Verstorbenen in seiner Leichenpredigt (Digitalisat: Nationalbibliothek Polen, Warschau) einen \u201ezweiten Athanasius\u201c und nach seinem alttestamentlichen Namensvorbild einen \u201ebis in seinen Tod Gottf\u00fcrchtenden Abraham unserer Zeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den einschl\u00e4gigen Kirchengeschichtskompendien wird der orthodoxe Kirchenmann, dessen Kollegien zeitweise von 500, ja sogar \u00fcber 1.000 Zuh\u00f6rern (J. Wallmann TRE 7, 564, 41f; 566, 15) besucht waren, vorwiegend als Kontroverstheologe wahrgenommen. Lang anhaltende Wirkung erzielte er jedoch auch durch seine dogmatischen Ver\u00f6ffentlichungen und vor allem durch seine exegetischen Werke. \u2013 Der vorliegende Band erschlie\u00dft sechzehn Themen, die in Calovs Lebenswerk bisher noch nicht so ausf\u00fchrlich wie die genannten erforscht worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Teil des Sammelbandes (11\u201352) fassen zwei Aufs\u00e4tze den Forschungsstand und Forschungsperspektiven zu Leben und Werk Abraham Calovs zusammen. Die beiden Herausgeber Matthias Meinhardt und Stefan Michel er\u00f6ffnen mit einleitenden Bemerkungen \u00fcber die 2018 entstandene Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg, wie es zu \u201eArbeitsgespr\u00e4chen zur Lutherischen Orthodoxie\u201c kam, deren erstes (und ein weiteres) mit Calov der \u201eausgesprochen schlecht erforschten Zentralgestalt der lutherischen Theologie des 17. Jahrhunderts\u201c gewidmet war (\u201eAbraham Calov und das Luthertum im 17. Jahrhundert. Zur Einleitung\u201c, 13\u201328). Calov war famili\u00e4r, durch Lehrer-Sch\u00fcler-Beziehungen und Gelehrtenbriefwechsel \u201eau\u00dferordentlich vielf\u00e4ltig und r\u00e4umlich weitgespannt vernetzt\u201c (25). Aufkl\u00e4rung und Pietismus verurteilten (von Gottfried Arnolds Meinung in der <em>Kirchen- und Ketzerhistorie<\/em> ausgehend) die lutherische Orthodoxie als \u201ein Dogmatismus und Streitsucht befangen\u201c, und August Tholuck sprach abwertend von \u201elutherischer Scholastik\u201c (26). Markus Matthias bewertet in seinem Essay \u201eForschungsgeschichte und Perspektiven zur Erforschung des Luthertums des 17. Jahrhunderts mit Schwerpunkt Wittenberg und Kursachsen\u201c (29\u201352) den Begriff \u201eKonfessionskultur\u201c, von dessen Verwendung er abr\u00e4t (30). Er selber spricht von \u201eLutherischer Religionskultur\u201c (33), wenn er die vielf\u00e4ltigen gesellschaftlichen Wirkungen des konfessionellen Luthertums erfasst (33\u201341).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Teil des Buchs (53\u2013235) ist mit \u201eRepr\u00e4sentation und sozialer Kontext\u201c \u00fcberschrieben. Silvia Schmitt-Maa\u00df verfasste ihren Beitrag \u201ePortr\u00e4ts von Abraham Calov: Zur Traditionsbildung im 17. Jahrhundert\u201c (55\u201381) eigens f\u00fcr den vorliegenden Sammelband (Vorwort, 5). \u2013 Mitherausgeber Stefan Michel f\u00fchrt in Calovs Korrespondenz aus den Jahren 1612 bis 1686 ein und stellt seine Bedeutung heraus (83\u2013136). Zus\u00e4tzlich ediert er einen Brief (96f) und ver\u00f6ffentlicht ein erstes Verzeichnis des Abraham-Calov-Briefwechsels (CBW) aus den Jahren 1637 bis 1686 (97\u2013136). \u2013 Den liturgisch-hymnologischen Kontext von Calovs T\u00e4tigkeit beleuchtet Christine Blanken mit einem Aufsatz \u00fcber \u201eJohann Ulich (1634\u20131712) \u2013 Abraham Calovs Kantor, Organist und Musikdirektor in Wittenberg\u201c (137\u2013185, mit Notenbeispielen von Ulichs Kompositionen: 180\u2013185). \u2013 Jeremias Deutschmann (1634\u20131704) amtierte zu Calovs Zeit und dar\u00fcber hinaus als predigender Archidiakon an der Wittenberger Stadtkirche (\u201eLutherische B\u00fccherwelt: Lebensweg und Bibliothek des Jeremias Deutschmann [1634\u20131704]\u201c, 187\u2013210). Der Mitherausgeber Matthias Meinhardt skizziert dessen Curriculum Vitae und versucht erstmals, Deutschmanns bedeutende und in gro\u00dfen Teilen in Wittenberg erhaltene Bibliothek zu rekonstruieren. \u2013 Schlie\u00dflich stellt Klaus vom Orde, ausgewiesener Kenner der Spener-Korrespondenz, die inhaltlich wichtigen Auseinandersetzungen zwischen Philipp Jakob Spener und den Wittenberger Theologen dar (211\u2013235). Johann Georg Neumann profilierte sich in besonderer Weise als Spener-Kritiker. Er unterstellte Spener, dass sein <em>Chiliasmus subtilissimus<\/em> alle wichtigen Themen der Lehre vergifte (225f). Das Kollegium der Wittenberger Theologischen Fakult\u00e4t fand schlie\u00dflich 1695 (<em>Christ-lutherische Vorstellung<\/em>) in Speners Werken nicht weniger als 284 Irrlehren \u2013 offensichtlich auf einer Linie mit dem \u201egrimmigsten Gegner\u201c Speners, J. G. Neumann (229f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im dritten Teil sind neun Beitr\u00e4ge zusammengestellt, die sich Themen von Calovs Theologie und Werk widmen (239\u2013448). Der erste Aufsatz von Lars R\u00f6ser-Israel vergleicht orthodoxe theologische Lehrb\u00fccher: \u201eTradierung und Transformierung der Loci-Methodik in den Dogmatiken von Martin Chemnitz, Leonhard Hutter, Johann Gerhard und Abraham Calov\u201c (239\u2013250). \u2013 Die \u201eschlimmstm\u00f6gliche Abweichung vom Christentum\u201c, den Sozinianismus, hat Calov extensiv bek\u00e4mpft (253). Sascha Salatowsky res\u00fcmiert Calovs philosophische Kritik an dieser kirchenkritischen Bewegung und stellt ihre Folgen dar (251\u2013279). Die \u201erationale\u201c Vernunft der Sozinianer soll durch die \u201efromme\u201c Philosophie \u00fcberwunden werden, wobei beide auf der Grundlage der aristotelischen Schulphilosophie des 17. Jahrhunderts stehen (256). \u2013 In einem weiteren Beitrag behandelt Marcel Nieden \u201eAbraham Calovs ,Isagoges ad Sacrosanctam Theologiam\u2018 (1652): Zur Frage der Traditionsbildung im fr\u00fchneuzeitlichen Luthertum\u201c (281\u2013301). In der Nachfolge von (Luther und) Johann Gerhard hat die Trias <em>oratio<\/em> <em>\u2013<\/em> <em>meditatio<\/em> <em>\u2013<\/em> <em>tentatio<\/em> einen prominenten Stellenwert (93\u2013300). \u2013<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Calovs biblische Theologie fasst Volker Jung \u00fcbersichtlich und pr\u00e4gnant zusammen (303\u2013310). Bibelauslegung begleitet bei Calov die verschiedenen Arbeitsbereiche des Professors, Predigers, Seelsorgers und als Mitglied kirchenleitender Gremien. Die Bibel als g\u00f6ttliche Offenbarung ist Quelle jeder Theologie (308). \u2013 Jonathan Rehr weist in seinem Beitrag \u201eLutherische Traditionsbildung im interkonfessionellen Austausch: Die Gnadenstuhl-Motivik in Abraham Calovs Bibelwerken\u201c (311\u2013326) nach, dass Calov gegen Grotius und Sozzini <em>hilasterion<\/em> in R\u00f6mer 3,25 vom Neuen Testament her im Alten Testament typologisch und effektiv als Genugtuung, S\u00fchne und Stellvertretung versteht und in den atl. Opfern vorfindet (325). \u2013<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dresdener Kirchengeschichtsdozent und Mitherausgeber Stefan Michel ist auch in diesem Teil des Buchs, dieses Mal sogar mit zwei Aufs\u00e4tzen, vertreten. Im ersten, Calovs Exegese gewidmeten, Beitrag besch\u00e4ftigt er sich mit der \u201eLutherrezeption im fr\u00fchneuzeitlichen Luthertum: Entstehung und Programm der Bibel ,nach S. Herrn D. Martini Lutheri Deutscher Dolmetschung\u2018 (1681\/82) Abraham Calovs\u201c (327\u2013352); der zweite Essay widmet sich dem wichtigen Aspekt des predigenden Theologen, namentlich anhand seiner Trauerreden: \u201eMemoria Justorum Witebergensis: Der Leichenprediger Abraham Calov\u201c (423\u2013455, Verzeichnis von 72 Leichenpredigten 435\u2013455). Im bisher wenig erforschten und quellenm\u00e4\u00dfig schlecht belegten Bereich von Seelsorge und Predigt tritt ein anderer Calov zutage, der nicht nur Apologet und akademischer Theologe war: Die vorwiegend auf Tholucks einseitiger Deutung ausgew\u00e4hlter lutherisch-orthodoxer Quellen beruhenden Fehlurteile waren von dessen Absicht gesteuert, eine gem\u00fctvolle erweckte Herzensreligion auf dem verdunkelten Hintergrund der Orthodoxie um so heller strahlen zu lassen (434f, Anm. 48 u. 49; vgl. 86f, Anm. 14; 377, Anm. 90). \u2013<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein umfangreicher Artikel aus der Feder von Daniel Bohnert f\u00fchrt den Leser in das Disputationswesen ein (\u201eCalov und das Wittenberger Disputationswesen: Ann\u00e4herungen an ein un\u00fcbersichtliches Forschungsfeld; Mit einer Bibliographie der Dissertationen Calovs, 353\u2013409). Bohnert konnte insgesamt 162 Dissertationen aus den Jahren 1632 bis 1685, die unter dem Vorsitz Calovs stattfanden, ermitteln (394\u2013409) \u2013 Schlie\u00dflich skizziert Tilman Pfuch die theologischen Gutachten der Wittenberger Fakult\u00e4t, deren Professorenkollegium sich bewusst als Nachfolger auf der <em>cathedra Lutheri<\/em> (421) verstand (\u201e,die das Licht und Recht f\u00fchrten bis auf diesen Tag\u2018: Calov und die theologischen Consilia der Leucorea in der ersten H\u00e4lfte seiner Wittenberger Lehrt\u00e4tigkeit, 411\u2013422). \u2013 Der Aufsatzband schlie\u00dft mit dem Autorenverzeichnis (457) und vorz\u00fcglichen Registern zu Orten und Personen (459\u2013472).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die sechzehn Aufs\u00e4tze zu Calovs Biographie und Werkgeschichte tragen wesentlich dazu bei, die Tiefe und Weite seines gelehrten Lebenswerkes auszuloten. Sie machen aber auch erst richtig bewusst, wie wichtig die noch ausstehende umfassende Erschlie\u00dfung der Wittenberger Theologie von der Sp\u00e4treformation bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ist. Es bleibt zu hoffen, dass der altprotestantischen Orthodoxie durch weitere Ver\u00f6ffentlichungen historiographische Gerechtigkeit zuteil wird, so dass sie zuk\u00fcnftig nicht mehr durch die Brille ihrer rationalistischen, pietistischen und sektiererischen Gegner gesehen werden muss.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Meinhardt \/ Stefan Michel (Hg.): Luthertum zwischen Tradition und Aufbruch. 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