{"id":2768,"date":"2026-10-05T16:22:00","date_gmt":"2026-10-05T16:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2768"},"modified":"2026-10-05T16:22:01","modified_gmt":"2026-10-05T16:22:01","slug":"malte-cramer-paulus-und-die-schriften-israels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2768","title":{"rendered":"Malte Cramer: Paulus und die Schriften Israels"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Malte Cramer: <em>Paulus und die Schriften Israels. Methodologie \u2013 Analysen \u2013 Kontextualisierung<\/em>, BWANT 239, Stuttgart: Kohlhammer, 2023, kt., 387\u00a0S., \u20ac\u00a099,<em>\u2013<\/em>, ISBN <a href=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/paulus-und-die-schriften-israels-42584.html#147=19\">978-3-17-042584-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Durchsehen der Inhaltsverzeichnisse j\u00fcngerer Standardwerke und Sammelb\u00e4nde zu Paulus und paulinischer Theologie f\u00e4llt auf, dass dem Thema \u201epaulinische Schriftrezeption\u201c oftmals kein eigenst\u00e4ndiges Kapitel gewidmet wird (so beispielhaft etwa in Wischmeyer \/ Becker [2021] oder Barclay [2015]). Das ist durchaus \u00fcberraschend, wurde doch diesem Forschungsfeld trotz vieler Beachtung in den letzten Jahrzehnten noch keine abschlie\u00dfende Kl\u00e4rung zuteil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit seiner 2021 bei Peter Wick eingereichten und nun als Teil der BWANT-Reihe publizierten Dissertation leistet Malte Cramer (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl f\u00fcr Exegese und Theologie des NT und Geschichte des Urchristentums an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum) einen wichtigen Beitrag zu diesem Forschungsfeld. Das Kernanliegen seiner Arbeit ist die Entwicklung einer Methodologie zur Analyse des paulinischen Schriftgebrauchs, welche anschlie\u00dfend beispielhaft in der Analyse der Schriftauslegung in R\u00f6m 4 und Gal 3,6\u201314 angewandt wird, sowie eine Kontextualisierung der paulinischen Methodik innerhalb der fr\u00fchj\u00fcdischen Schriftauslegung (16\u201317).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Forschungs\u00fcberblick (der erste aktuelle deutschsprachige seiner Art, 19) stellt die wichtigsten Monografien seit den Anf\u00e4ngen der Forschung zum paulinischen Schriftgebrauch im 19. Jhdt. und besonders der vergangenen drei\u00dfig Jahre (23\u201358) chronologisch vor und situiert die Arbeit innerhalb der Erforschung der eigentlichen Methodik mit Schwerpunkt auf der historischen und literaturwissenschaftlichen Ebene (58\u201362), wobei aus den Desideraten des \u00dcberblicks die Anliegen der Arbeit formuliert werden (66\u201369). Der zweite gro\u00dfe Teil enth\u00e4lt zum einen die methodologischen Vor\u00fcberlegungen, bei denen nach einer gr\u00fcndlichen Reflexion der Intertextualit\u00e4tstheorie eine Auswahl der eigenen Analyseperspektiven besprochen und schematisch dargestellt wird (71\u2013128); zum anderen eine Verortung des paulinischen Schriftgebrauchs in den soziokulturellen und biografischen Vorbedingungen (129\u2013152), in deren Res\u00fcmee vor allem \u201edie j\u00fcdische Identit\u00e4t des Paulus als <em>conditio sine qua non<\/em>\u201c (152) betont wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte Hauptteil der Arbeit bildet die Analyse der beiden Beispieltexte (begr\u00fcndet wird die Textauswahl mit der hohen Konzentration von Schriftbez\u00fcgen, 154), wobei nach der jeweiligen exegetischen Untersuchung die Analysen der Methodik des jeweiligen Schriftgebrauchs erfolgen (156\u2013249). In der Zusammenfassung (250\u2013262) wird unter anderem hervorgehoben, dass Paulus\u2019 Argumentation tief in den Schriften verankert ist, er dabei auf eine Bandbreite von Pr\u00e4texten zur\u00fcckgreift (die mehrheitlich unter Ber\u00fccksichtigung des urspr\u00fcnglichen Kontexts gebraucht werden) und dass die Schriftbez\u00fcge literarische und theologische Funktionen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im letzten gro\u00dfen Teil bringt Cramer die Ergebnisse der Analyse ins Gespr\u00e4ch mit g\u00e4ngigen Verfahren fr\u00fchj\u00fcdischer Schriftrezeption (263\u2013323), woraus die Schlussfolgerung gezogen wird: Paulus \u201e\u00fcberschreitet [\u2026] in keinster Weise die Grenzen des exegetischen <em>Diskursrahmens<\/em> [\u2026] des Fr\u00fchjudentums auf formal-hermeneutischer oder exegetisch-methodischer Ebene\u201c (322, Hervorhebung im Original). Der Schlussteil enth\u00e4lt neben einer Zusammenfassung der Ergebnisse (325\u2013337) einen abrundenden Epilog (338\u2013347).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cramers Arbeit bildet eine \u00e4u\u00dferst detaillierte Gesamtdarstellung der Methoden des paulinischen Schriftgebrauchs. Der l\u00fcckenlose Forschungs\u00fcberblick bietet eine gute Einf\u00fchrung in das Themenfeld. Das methodologische Kapitel zeugt von einer gr\u00fcndlichen Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema Intertextualit\u00e4t. Das darin erarbeitete Instrumentarium erweitert die in der Exegese bereits bekannten Ans\u00e4tze, b\u00fcndelt diese \u00fcbersichtlich (126\u2013127) und wendet sie in der Analyse der beiden Beispieltexte konsequent und im ausgewogenen Dialog mit der Fachliteratur an. Dabei f\u00fchrt Cramers Integration von literaturwissenschaftlichen Perspektiven zu neuen Ergebnissen \u2013 etwa, dass auch ohne formelhafte Einleitungen eine explizite Markierung eines Textbezugs vorliegen kann (214). Aufgrund der methodischen Beschr\u00e4nkung der Arbeit auf das \u201eWie\u201c der paulinischen Schriftrezeption und dem damit verbundenen Ausblenden von Fragen nach dem \u201eWas\u201c und \u201eWarum\u201c (15) decken sich die Ergebnisse der Analyse weitgehend mit dem Konsens von Tiwald (2008) und \u00e4hnlichen aktuellen Studien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgrund der hohen Genauigkeit der Studie erhofft man stellenweise etwas mehr. Der umfangreiche Forschungs\u00fcberblick expliziert zwar die wesentlichen Beitr\u00e4ge der rezipierten Arbeiten \u2013 dass \u201enach wie vor viele Fragestellungen umstritten sind, kontrovers bewertet werden, Neuans\u00e4tze fordern\u201c etc. (63) geht jedoch m.&nbsp;E. nicht in dieser Sch\u00e4rfe daraus hervor. In der exemplarischen Analyse findet eine kritische Auseinandersetzung mit anderen Positionen statt (z.&nbsp;B. mit Christopher Stanley oder Dietrich-Alex Koch, 217), dennoch f\u00e4llt in der Untersuchung des alttestamentlichen Kontextes der Schriftbez\u00fcge auf \u2013 besonders von Gal 3,6\u201314 (228\u2013233) \u2013, dass es (zumindest f\u00fcr eine Studie des Themas Schriftrezeption) relativ wenig Ber\u00fccksichtigung von AT-Forschern gibt. M\u00f6glicherweise w\u00fcrde z.&nbsp;B. die Bewertung, Dtn 21,23 sei eher losgel\u00f6st vom urspr\u00fcnglichen Kontext rezipiert worden (233), bei einer gr\u00fcndlicheren Ber\u00fccksichtigung von Dtn-Experten anders ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein kleines Manko ist die Fehlerh\u00e4ufigkeit, etwa Fu\u00dfnoten in Fu\u00dfnoten (28\u201329), Fu\u00dfnoten, die dasselbe zitieren wie im Flie\u00dftext (35, 46) sowie Rechtschreibfehler in (insbesondere fremdsprachigen) Zitaten (\u201eIsianic\u201c, 180; \u201edesicion\u201c, 184; \u201eim Lochte\u201c, 203; \u201eisrealitischen\u201c, 244). Unklarheiten gibt es zudem, wenn die Arbeit sich entgegen der eigentlichen Zielsetzung st\u00e4rker mit dem \u201eWas\u201c der paulinischen Schriftrezeption besch\u00e4ftigt, etwa bei den intertextuellen Funktionen im methodologischen Kapitel \u2013 so wird z.&nbsp;B. nicht n\u00e4her definiert, was der \u201etransformative Funktionstypus\u201c (119) ist, w\u00e4hrend die \u201etheologischen Perspektiven\u201c (120\u2013122) lediglich eine eher knappe und unkritische Auseinandersetzung mit Beale (2014) bilden. Das Desiderat einer \u00e4hnlich gr\u00fcndlichen Studie zur paulinischen Schrifthermeneutik dr\u00e4ngt sich f\u00f6rmlich auf (wird jedoch bei den Desideraten der Arbeit nicht explizit erw\u00e4hnt).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201ePaulus und die Schriften Israels\u201c leistet einen methodologischen Beitrag im Bereich der Intertextualit\u00e4tsforschung im Neuen Testament und wird aufgrund der akkurat erreichten eigenen Zielsetzung auch im Bereich der paulinischen Schriftrezeption und Theologie sicherlich als Referenz f\u00fcr zuk\u00fcnftige Studien dienen \u2013 auch wenn darin keine neuen Standards gesetzt werden. F\u00fcr die evangelikale Theologie ist unter anderem der Beitrag der Arbeit (nomen est omen) zur W\u00fcrdigung des Alten Testaments von Bedeutung. Cramer demonstriert \u00fcberzeugend, dass der paulinische Schriftgebrauch, der \u201eim Einzelfall der Explikation oder dem tieferen Verst\u00e4ndnis eines Pr\u00e4textes an sich\u201c dient (262), sich methodisch und formal-hermeneutisch innerhalb der j\u00fcdischen Schriftrezeption bewegt (315\u2013323) und weitgehend den urspr\u00fcnglichen Kontext ber\u00fccksichtigt (z.\u00a0B. 280). Explizit wird das im Epilog der Arbeit betont: \u201eDie intertextuelle, im Gespr\u00e4ch mit den biblischen Schriften vollzogene Interpretation, wie sie auch Paulus in seinen Briefen vornimmt, erweist sich als ad\u00e4quate Form der Schriftauslegung\u201c (340) \u2013 und damit potenziell als ein Paradigma f\u00fcr die christliche Schriftauslegung \u00fcberhaupt. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Alexander Dalinger, Doktorand an der TU Utrecht \/ FTH Gie\u00dfen, Dozent an der Bibelschule Brake und Gastdozent an diversen theologischen Ausbildungsst\u00e4tten in der ehemaligen UdSSR.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Malte Cramer: Paulus und die Schriften Israels. 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